Capitul XIII
Lorenz gibt auf alle Fragen Bescheid und informiert das Frauenzimmer

[37] Es ist eine alte Gewohnheit, bei Hochzeiten lustig zu sein, aber gar eine junge Gewohnheit ist es, bei Hochzeiten hoffärtig zu sein. Die Lust entspringet teils aus der angenehmen Conversation der gegenwärtigen Freunde und anderer Bekannten, aber die Hoffart führt einen weit anderen Grund, und woher sie entspringet, brauchet keiner großen Auslegung, weil genugsam bekannt, daß bei solchen Zusammenkünften jeder der Vornehmste sein will. »Ha«, sagte Lorenz von der Wiesen, als er vermerkte, daß etliche nur darum hohe Reden führten, auf daß sie von andern für gelehrt angesehen würden, »ihr seid und werdet sein die allernärrischsten Affen. Warum und aus was für einer Ursach machet ihr solche fremde und unbräuchliche Mienen über- und gegeneinander? Man weiß gar wohl, wer ihr seid und wer eure Väter gewesen, und dennoch bildet ihr euch mehr ein als sich dieselben eingebildet haben und seid doch nicht so klug, wie dieselben gewesen sind. Sie ließen es bei der alten deutschen Mode verbleiben, aber ihr suchet statt der alten deutschen Wörter lauter französische Terminos auf, dadurch man das Krauen in den Ohren krieget. Ach, ihr guten Freunde, ich rede es euch zum Besten, und ihr habet keine Ursach, deswegen auf mich böse zu werden oder mich bei dem krummfüßichten Hufschmied Vulcano zu verklagen. Es ist beim Rasperment wahr und gewiß, daß, nachdem wir die alte deutsche Treue von uns gelassen, ist auch die alte Glückseligkeit von uns gerücket. Ihr saget gegeneinander: ›Bruder, hole mich der und der, ich bin ein teutsches, aufrichtiges Gemüt, das weder durch Wasser noch Feuer, durch Regen noch Schnee kann anders werden.‹ Seid ihr dann nach eurem Vorgeben teutsch, warum redet ihr französische Fratzen in eurem Gespräche? Ein Teutscher ist ein Teutscher, und ein Franzos ist ein Franzos. Redet ihr wie die Franzosen, was seid ihr dann für Teutsche? Ach, ihr guten Bürschlein, ihr tut es nicht allein, sondern es kommet jetziger Zeit auch sogar das Frauenzimmer angestochen und fänget an, französische Terminos in ihre Reden einzumengen. Saprament, ihr Bürgersmägdchen, die Rute stünde euch viel besser auf dem Hintern als die französische Sprache im Maul! Wer die Franzosen im Mund liebet, der bekommt sie endlich noch an den Leib. Ihr bildet euch ein, durch eure Narrenpossen große Bäume umzuhaun, aber wenn man's bei dem Grund und an der Wurzel ansiehet, so habt ihr einen Floh totgeknacket, welcher euch durch den Tag im Hemde herumgehüpfet. Meinet ihr, ihr alberne Knopflöcher, daß euer Maulmachen respectiert werde? Nein, bei meiner Treue, nicht ein Haar hält ein kluger Kopf auf euer Parlieren. Denn ihr habt in allen Sachen kein rechtes Fundament, und darum[38] hofiere ich auf euer französisches Einmengen. ›Ja‹, sagt ihr bei euch selbst, ›der und der hält viel von meinen Discursen. Der und der hat beteuert, daß er all sein Leben lang niemand so klug von der Sache als eben mich reden gehöret.‹ Aber wisset, o ihr törichten Seich-Taschen, solche Gesellen grüßen den Zaun wegen des Gartens. Sie sagen: ›Ach, was ist das für ein herrlicher Zaun! Wie schön ist er geflochten!‹ Was meinen denn solche Gesellen durch den Zaun? Nichts anderes als den Garten, schlagen also auf den Sack und meinen den Esel. Darum so wisset ihr selbst besser, warum sie euch loben, nicht wegen eurer Geschicklichkeit, denn die habt ihr nicht, sondern wegen der Quintern, die wollen sie euch gerne visitieren und ihren Stilum applicieren. Saprament, ihr Jungfern oder wer ihr seid, diesen Endzweck hat das Lob eurer Galanen und Liebhaber. Sie geben euch große Titel und suchen das Mittel, loben eure Krausen und wollen euch lausen. Ha, ich muß euch auslachen, ihr Narren. Betet dafür ein paar Paternoster, das nützet euch mehr als ein figermentisches Compliment! Ihr saget: ›Ich will patientia halten‹, und wenn man euch fraget, wie patientia im genitivo pluralis hat, so wisset ihr's nicht. Was ist denn euer Latein? Ach, lasset solche Sachen bleiben, denen ihr nicht gewachsen seid! Der etwas ohne Grund redet, den hält man für einen Lügner, was seid dann ihr, wenn ihr solche Sachen redet, deren Grund euch ganz verborgen ist? Wahrhaftig, dieses haben die Huren am allergemeinsten, daß sie jederzeit etwas suchen, dadurch sie von andern Weibsbildern mögen verschieden sein. Was suchet ihr aber euch selbst in den höchsten Verdacht eurer Ehre zu stürzen, wenn ihr mit Hintansetzung der euch zustehenden Einfalt euch hoch heraus brüstet und statt der jungfräulichen Demut lauter hurische Hoffart ausspeiet? Ha, dadurch habt ihr mir einen Ekel gemachet, euch zu lieben, und ich halte viel mehr auf einen Furz als auf all euer Dicentes, so sehr auch dasselbe mit ausländischen Wörtern gespickt ist. Teutsche Einfalt [ist] die beste Klugheit, hätten wir diese, kein Philosophus von Athen soll unser Meister werden! Aber nachdem alle Narren den Ausländern mehr als sich selbst geglaubt, sind sie durch ihre eigene Meinung bis auf den Grund und das äußerste Verderben betrogen worden.«

Diese Rede, ob sie gleich dem anwesenden Frauenzimmer trefflich in die Ohren gegangen, wurde doch zum Besten ausgeleget, weil man nach dem gemeinen Ruf des Pöbels allenthalben dafür gehalten, daß Lorenz hinter der Wiesen nicht wohl bei Sinnen und seine Klugheit mit dem abwechselnden Monde veränderte. Aus dieser Ursach wurden seine Reden vielmehr belachet als bezürnet, und was noch das meiste dabei war, so bejahten ihrer viele die Meinung meines Herrn mit unterschiedlichen Umständen, dadurch sie die allenthalben eingeschlichenen Complimenten des Frauenzimmers verachteten. Andere aber vermeineten, daß, unerachtet Herr Lorenz solches aus einer unbedachten Gurgel herausgestoßen, müßte man ihm doch solchen[39] Fehler, welcher das edelste Geschlecht dieser Erde, nämlich das Frauenzimmer beträfe, nicht für gut, sondern für Unhöflichkeit halten, mit welcher ein Cavalier seinesgleichen nichts sollte zu tun haben. Also gab es leichtlich widersinnige Meinungen, weil jeder für das Frauenzimmer das Beste tun wollte. In Ansehung aber, daß Lorenz hinter der Wiesen ein durchtriebenes Ingenium hatte, welches auch die Allerklügsten abzuwürzen gewohnt war, unterließen sie ihre Defension aus Furcht, daß ihnen von demselben nicht ein Gleiches begegnen möchte. Denn sie wußten am besten, wo sie der Schuh drückte, und wie eine häufige Materia mein Herr, der ehrliche Lorenz, finden würde, sie durch alle Praedicamenta hindurchzuziehen. Dies alles ungeachtet, fing doch ein auf dem andern Tische sitzender Edelmann an, und weil er wußte, wie Lorenz hinter der Wiesen neulich von einem Capuciner wäre examiniert worden, fragte er ihn und sprach: »Monsieur Lorenz, was machen die Capuciner?« »Ha«, antwortete er, »sie fressen gebratene Hühner.« Jener fragte wiederum: »Was machen denn die Jesuiter?« Lorenz antwortete: »Sie küssen die Nonnen durchs eiserne Gitter.« Der Erste fragte weiter: »Was machen denn die Karthäuser?« Lorenz replicierte: »Sie fressen die Schnecken und scheißen in die Häuser. Darauf möchtet Ihr zu Gast geladen sein.« Auf diese Antwort Herrn Lorenzens entstand in dem Hochzeitzimmer ein großes Gelächter, und den Spielleuten wurde geboten, Lärmen aufzugeigen, weil man befürchtete, die Wortwechselung möchte zu weit in die Schrift geraten.

Die vorige Antwort Herrn Lorenzens erweckte in vielen eine Begierde, fernere Unterredung mit ihm zu halten, und weil etliche zugegen waren, die gar nichts oder wenigstens nicht viel vom katholischen Glauben hielten, vermeinten sie nach seinen Discursen, einen guten Fisch in ihre Küche zu fangen. Fragte ihn deswegen einer aufs neue und sprach: »Herr Lorenz, was machen die Canonici regulorum?« »Ha«, antwortete er, »teils sind Doctores, teils sind Narren.« Über diese Antwort wurde noch mehr gelacht als über die vorige, und weil der Tumult bei den Zuhörern zu groß war, überhörte ich viel, welches hier wohl statthaben könnte, aufgezeichnet zu werden. Denn ein kurzweiliger Mensch findet in dergleichen Zusammenkünften mehr als tausendfältigen Anspruch und muß wohl beschlagen sein, einem jeden unter dem Pöbel Bescheid zu tun.

Etliche unter den Anwesenden hielten viel, andere hingegen wenig von ihm, die meisten aber hielten [ihn] für einen großen Atheisten und allgemeinen Leutespotter, welcher seine Ruh in den zeitlichen Gütern suchte, dadurch er seine Seele der ewigen Unruhe übergeben würde. »Ja«, sagte ein anderer Edelmann seinem Nachbarn heimlich ins Ohr, »dergleichen Vögel gibt es anjetzo hin und wieder heim- und öffentlich, die auf nichts mehr studieren, als ihren Nächsten durchzuziehen. Sie züchtigen andere mit einer Rute und wissen nicht, daß sie durch ihre eigenen Laster einen großen Staupbesen verdienet[40] haben, strafen also in der Zeit, welche ihnen zu ihrer eigenen Strafe dienen sollte. Was hilft es und was ist es nutz, seinem Nächsten seine Fehler auf eine so verdrüßliche Art vorzulegen, und ein solcher Hechler wird billig einem toten Spiegel verglichen, welcher andern ihre Flecken vorstellet, aber seine eigenen Makel niemals sehen kann.«

Quelle:
Johann Beer: Das Narrenspital sowie Jucundi Jusundissimi Wunderliche Lebens-Beschreibung. Hamburg 1957, S. 37-41.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Narrenspital
Sämtliche Werke - Band 5. Weiber-Hächel, Jungfern-Hobel, Bestia Civitatis, Narren-Spital. Herausgegeben von Ferdinand van Ingen und Hans-Gert Roloff
Das Narrenspital

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon