VIII. Capitul.
Er kommt zu einem Kurzweiligen vom Adel. Der Totschläger wird wunderlich offenbar.

[460] »Ich könnt euch leichtlich zu Gemüte führen, in was vor einem elenden Zustande meine Sachen dazumal gestanden und wie mit einer großen Furcht in dieser abscheulichen Spelunken mein mühsames Leben zubringen müssen.

Meine Nahrung war dahin, mein bester Freund erschlagen, und was ich am meisten bedauret, ist gewesen, daß ich ihn so schlecht und ohne großem Gepränge, dessen er wohl wert gewesen, habe begraben und unter einen Haufen Kalk und Ziegel scharren müssen. So entstund über dieses in mir eine ziemliche Furcht, daß, wenn man es an umliegenden Orten erführe, mich ohne allen Zweifel eine unrechtmäßige Anklage betreffen möchte, darum waren meine häufigen Sorgen solche Begleiter, die ich auf keinem Ort noch Wege von mir abweisen konnte.

Endlich gab ich mich geduldig darein und achtete es für ein geringes, ob ich gleich wie mein Mitbruder stürbe und erschlagen würde, wenn ich nur eben an dem Ort, da er lag, ruhen könnte, weil er in mir gegen sich eine solche Liebesflamme angezündet, die keiner Verlöschung unterworfen war. Und es ist gewiß, daß ich annoch ein sehnliches Verlangen nach seiner Person trage, vielleicht würde er mir in allem Vornehmen einen solchen Rat erteilen, der zu meinem Besten gereichen würde. Aber ich mußte solches mehr beseufzen als hoffen, gleichwie ich auch dazumal getan, als ich mich zwar unterweilen an ebendiesem ruinierten Ort aufgehalten, aber doch die meiste Zeit mit meinem Bettelsack hin und wider in dem Lande zugebracht habe.

Einsmals nahm ich, wie man zu sagen pfleget, meinen saccum per pakum & nakum, damit wanderte ich zum Tempel hinaus und in der Welt so lange herum, bis ich endlich über dem Gebirg zu einem Edelhof geriet, darinnen ein überaus Kurzweiliger vom Adel sich aufgehalten. Man wies mir den Weg bis vors Tor, weil er den Einwohnern des Dorfes öfters befohlen, alle Fremde, die etwan diese Straße vorbeireisen, hineinzuweisen, indem er aus fremder Leute Conversation[461] eine sonderliche Ergötzlichkeit geschöpfet. Als ich an das Tor kam, mußte ich wider meine sonst angeborne Gewohnheit heftig lachen und mich über allerlei lächerliche Sachen höchst verwundern, die er allda an dem Tor hatte annageln und an der Schloßmauer abmalen lassen. Nebenst einem Schweinskopf waren zwei große rote Strümpfe angeheftet, und auf der Seite hing ein Katzenkopf mit einer Tabakspfeife, samt noch viel andern ungereimten Dingen.

Ober dem Tor stunden nächst einem Turm etliche von Holz geschnitzte Fechter, und wenn sich nur das geringste Lüftlein erhebte, so schlugen sie mit ihren Dusacken einander auf die Köpfe, daß es klatschte. Die Gemälde, weil sie in großer Anzahl allhier anzutreffen waren, konnte ich unmöglich alle im Vorbeigehen betrachten, und mir als einem Geistlichen stund nicht wohl an, mich in Ansehung solcher Narrenpossen lange zu verweilen.

Kam also in den Schloßhof, allwo mich der Edelmann [empfing], so gleich etliche Spielleute dingte, auf künftigen Sonntage in seinem Garten bei einer Comœdia, die er wollte spielen lassen, aufzuwarten. ›Siehe da,‹ sprach er zu sich selbst, als er mich erblickte, ›wieder ein angenehmer Gast. Aber was ist dieses vor ein wunderlicher Habit? Ihr seid kein Capuziner, denn sie gehen nicht allein, so seid Ihr auch kein Jesuit, denn sie gehen schwarz, und ob Ihr gleich zwei Füße habt, so seid Ihr doch kein Barfüßer, darum sagt mir, vor was soll ich Euch halten?‹ – ›Mein Herr,‹ sagte ich, ›ich bin zwar derer keines, wie Ihr selbst zweifelt, aber ich führe ein härteres Leben als mancher unter diesen benannten Ordensbrüdern, denn ich bin ein von aller menschlichen Gesellschaft entäußerter Mensch und lebe als ein Einsiedler in einer einsamen Wüstenei, allwo ich meiner Andacht abwarte.‹

›Ha, ha,‹ sagte er, ›seid Ihr ein Einsiedler? Sehet da, das ist mir lieb, mit Euch in Bekanntschaft zu geraten, mein, wo seid Ihr her?‹ – ›Ich bin‹, sagte ich, ›über dem Gebirg herüber, allwo ich in einem tiefen Tal meine Klausen besitze und mich mit Bettelgehen behelfe.‹ – ›Wie ich sehe,‹ sprach er, ›so ists nicht anders, denn Ihr tut, was Ihr saget, aber wäre Euchs wohl lieb, wenn ich Euch einen Sack voll geräuchertes[462] Fleisch und noch zehen Taler darzu schenkte?‹ Ich sagte, daß mir dadurch kein geringer Dienst geschähe, und also versprach er mirs bei der Hand und führte mich mit sich in seine Stube, weil er gleich zu dem Abendessen gehen wollte. Er hieß mich daselbst an den Tisch sitzen und erst wacker füttern, alsdann sollte ich unbeschwert meinen Lebenslauf erzählen, und wie ich meine Zeit in der Einsiedelei zu verbringen pflegte. Darum schoppte ich meinen ausgehungerten Magen tapfer voll und aß mich einmal recht satt, weil alles auf das wohlgeschmackichste zugerichtet war.

Seine Frau und Kinder sahen mich und meinen Habit mit Verwunderung an, und wenn der Edelmann zu seinem kleinen Söhnlein sprach, daß ich der Knecht Ruprecht wäre, der ihn in den Sack stecken wollte, so fing der Knab abscheulich an zu weinen und zu heulen.

So hat sich auch der Schloßschreiber so sehr in meinen Aufzug vernarret, daß er mich ohn allen Zweifel vor ein neues Tier aus Ethiopien gehalten. Damit fing ich an zu erzählen, wie und auf was Weis ich in diesen Stand geraten, ich meldete aber nichts von meinem Adel, hintansetzend all diejenigen Geschichten, die mir ehedessen unter unser Gesellschaft begegnet sind, sondern ich tat vielmehr eine zugelassene Lüge und fand weit einen andern Umschweif, meiner Sache eine gute und taugliche Farb anzustreichen.

Als ich nun solche Erzählung fast in einer guten Stunde continuieret, fiel mir bei der große Schmerzen, welchen ich über dem unschuldigen Mord meines alten Einsiedlers trug. In diesem Vortrag seufzete ich öfters von Herzen, und der Edelmann merkte wohl, daß mich ein heftiges Übel quälete. Weil er aber, wie er hernach bekennet, geglaubet, als geschehe mein heftiges Seufzen und Wehklagen wegen eines angezogenen Bußkleides oder Filicium, hat er, um die Ursach dessen zu forschen, vor diesmal innengehalten.

Endlich kam ich damit hervor, und als ich ihm umständliche Erklärung getan, wie und auf was Weise ich meinen Mitbruder gefunden und daß ich, meiner Mutmaßung nach, entweder etliche Räuber oder den Bauren, so uns die Victualien gebracht, vor den Täter hielte, fragte er mich, ob ich[463] nicht wüßte, wo der Bauer wäre haussätzig gewesen. Ich verneinte es, weil ich in meinem Kloster so still und eingezogen war, daß ich es vor eine über die Maßen große Sünde gehalten, um solche Sachen zu fragen, an welchen mir nichts gelegen, und dannenhero konnte ich nicht wissen, wo oder in welchem Dorf der Bauer gewohnet hatte.

›Es ist wahr,‹ sprach der Edelmann, ›dieser Casus, wenn man ihn umständlich betrachtet, läßt sich nicht anders urteilen, als daß er von dem Bauren, so euch verproviantieret, begangen worden. Denn mutmaßlich hat er gewußt oder vielleicht ein- und andersmal gesehen, wo der alte Einsiedel das Geld hernimmt.

Dadurch ist er hernach bewogen worden, seinen Vorteil in Eurem Absein zu ergreifen und ihm seine Axt zwischen die Ohren zu schmeißen. Aber holla! würdet Ihr den Bauren wohl kennen, so er Euch unter Augen käme?‹ – ›Warum das nicht,‹ sagte ich, ›er hat sich oft bei uns eingefunden und ist mir mehr denn wohl von Gesicht bekannt.‹

Hiermit stund er von dem Tische auf, rufte mich hinter den Ofen und sprach heimlich in mein Ohr: ›Der Bauer, auf welchen Ihr und ich den Argwohn geworfen, ist allem Ansehen nach mein Wirt in diesem Dorf.‹ Damit klopfte er mich auf die Achsel und sprach weiter: ›Er ist neulich eben über das Gebirg herübergekommen. Weil er einen ziemlichen Schatz von allerhand alten Sorten mit sich brachte, pachtete er meine Schenke, die hier nächst bei dem Schlosse liegt. Er ist in allen Sachen so verzagt, und sooft ich ihn vor mir habe rufen lassen, ist er als ein blasses Tuch erschienen.

Ich kann kaum ein Wort mit ihm reden, so zittert er an Händ und Füßen und siehet sich allenthalben um, gleich als hätte er mehr denn zehen Feinde, die ihm nach dem Leben trachteten, zu fürchten.‹ – ›Ihr werdet‹, sprach ich hierauf zu dem Edelmann, ›ein großes Stück Eurer belobten Tugend sehen lassen, so Ihr diesen Missetäter, wenn es anders ist, mit einer vorsichtigen Klugheit in das Garn krieget.‹

Der Edelmann hieß darauf alsobald in dem Dorfe einen Tanz ausrufen, und weil ich ein wenig geigen kann, so mußte ich auch dazumal zum bessern Behuf unsers vorgenommenen[464] Werkes eine Fiedel ergreifen, weil mich der Edelmann in einen großen Mantel verdecken und also nach dem äußerlichen Ansehen vor dem Wirt verbergen wollte. Nach diesem satzten wir uns wieder an den Tisch, allwo ich voll Verlangen, den Täter zu sehen, der Edelmann aber voll Wunder wegen meiner getanen Relation so lange verharret, bis der Kerl, so zum Tanz allbereit angesagt hatte, wiederum zurücke gekommen.

Diese Gewohnheit, einen Tanz auszurufen, war, wie er mir erzählete, seine gemeineste Kurzweil, absonderlich aber, wenn er im rechten Laun war, weswegen dann die Bauren häufig zugelaufen kamen, weil da jeder nach seiner eigenen Freiheit und Gutdünken leben dorfte.

Es kam eine große Anzahl in die Hofstube, daselbst ihrer Freude einen Anfang zu machen, und ich sah mit Schrecken und Erstaunen in der Person des Wirts ebendenjenigen Bauren, so uns ehedessen in der Klausen das Essen gebracht und unsere Notdurft eingekauft hatte. ›Er ists‹, sprach ich in verstellter Kleidung zu dem Edelmann ins Ohr. Damit ließ er ihn greifen, und also zerfloß die Freude so bald, als schnell sie sich zuvor angesponnen hatte.

Dem armen Tropfen erwachte das Gewissen um so viel desto eher, weil es noch niemalen geruhet hatte, ihm seine frevle Schand- und Mordtat vorzuwerfen. Er bekannte noch vorhero, ehe man ihn gefraget hatte, und als er mich unter Augen kriegte, rufte er schon um Gnad und Barmherzigkeit. Er wollte zu seiner Erledigung das meiste Geld, welches er unter dem Steinhaufen genommen, wieder herschaffen, aber hie half kein Flehen noch Bitten, sondern er wurde an allen vieren geschlossen und dem Landgericht als ein Mörder zu dero scharfen Justiz eingehändiget und übergeben. Kurz darauf ist er mit glühenden Zangen gezwicket und von unten auf gerädert worden, welchen Lohn er mehr als wohl verdienet hat.

Das Geld, welches man noch in großer Quantität bei ihm gefunden, ist den Capitalien eines Armenhauses einverleibet worden. Und kurz darauf bin ich wieder in meine vorige Wohnung mit des Edelmanns großer und reicher Beschenkung[465] angelanget, allwo ich auch meist unter Betrachtung himmlischer Sachen meine Zeit bis dahero zugebracht habe. Wir haben daroben versprochen, unser Leben mit kurzen Umständen zu entwerfen, darumen will ich mit diesem Exempel euch allen vorgegangen, nicht aber vorgeschrieben, sondern nur das gesetzte Ziel hiermit erfüllet und also meine ganze Histori geschlossen haben.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 460-466.
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