VI. Capitul.
Die Gassensänger singen ein artig Lied vom Gespenst zu Steinbruch.

[712] Aber es war dazumal ganz vergebens, solche Gesetze wünschen, die dem christlichen Wandel widerstreben. Meine Sophia lag mir zwar abends in den Armen, aber diese den ganzen Tag in dem Kopfe, und wie ich eigentlich hinter ihre Erkenntnis und von dar zu ihrer Liebe geraten, braucht[712] keine weitschichtige Chronik. Der Leser weiß selbst wohl, wie einen der Narr oft sticht, und wer will diese Wege alle beschreiben, auf welchen man pfleget verliebt zu werden? Und es ist um einen kurzen Augenblick zu tun, so ist mancher all sein Leben lang gebunden und gefangen. Zwar, wenn ich sagen will, wie es an sich selbst ist, so liebte ich diese Liesel in allen Ehren und auf eine ganz zulässige Weis, denn sie kam mir in allem ihrem Tun so freundlich und holdselig vor, als mir immer ein Weibsbild vorkommen konnte. Dannenhero besuchte ich ihren Vater fast wochentlich einmal und suchte oft eine Ursach vom Zaun herunter, dadurch ich wäre veranlasset worden, ihm zuzusprechen. Aber im Werke selbsten geschah es nur darum, daß ich die schöne Liesel desto öfter sehen und mit ihr nach meinem Gebrauch tapfer scherzen konnte. Ja, ich stellete noch zum Überfluß auf meinem Schlößlein dann und wann eine Gasterei an, dabei sie insgemein die vornehmsten Gäste waren, und also kostete mich das Hin- und Widerreiten wie auch die öftern Gastereien ein merkliches Geld, ob ich schon vor meine Unkosten und andere Ungelegenheit mit einem bloßen Kuß mich mußte bezahlen und vergnügen lassen.

Das beste war, daß meine Frau durchaus der Eifersucht nicht ergeben gewesen, denn sie saß lieber über einem Gebetbuch als den ›Hercules‹ und verwunderte sich oft, daß ich mit dem Frauenzimmer so närrisch tun konnte. Widerigenfalls, wo sie ein scheeles Aug auf mich gemacht hätte, dörfte es gar leicht einen Scharmützel abgesetzet haben; wie leider oft zu geschehen pfleget, daß der Teufel zubläset und man um bloßes Argwohnes willen ein Spiel in dem Hause anfänget, darüber alles zu Trümmern und Scheitern gehet. Aber wiederum auf die schönste Liesel zu kommen, so satzte mir Gottfrid durch seine Post einen ziemlichen Floh in die Ohren, ob er schon nicht gewußt noch gemerkt hat, daß ich dieselbe so sehr liebte und ihr heimlich mit Affection zugetan war. Dennoch ließ ichs vorüberrauschen und gönnete ihr von Herzen, daß sie bei seinem Vetter, welchen ich etlichermaßen kennete und vor diesem mit ihm in die Schul gegangen war, wohl versorget würde. Ich behielt ihn zu Mittag[713] bei meinem Salat und Kalbsbraten zu Tische, allwo er mir erzählet, wie es Sempronio, Philippen, Dieterichen und den andern Herren Gesellschaftern ginge und wie die meisten entschlossen wären, in fremde Länder zu reisen. Er aber wollte mit mir zu Hause bleiben, weil wir nunmehr auch die Jüngsten nicht waren und uns selbst gern etwas zugut tun wollten.

Weiter redete er wegen des Gespenstes auf dem alten Schlosse mit mir und sagte, daß er zu Ollingen, als er durchgeritten, von einem Marktsinger abscheuliche Lügen hätte absingen hören, welche ihm die Leute reißend abgekaufet hätten. Brachte mir auch zu besserem Glauben einen solchen Zettul mit, auf welchem folgendes Lied gedrucket stund. Und zwar erstlich, so hieß der Titul also: ›Erschreckliche Zeitung von einem Gespenst auf dem alten Schlosse zu Steinbruch, wie es sich sehen und hören lässet, jedermänniglich zum Grauen und Schrecken vorgebildet, in dem Ton: »Einsmals ging ich spazieren in einen grünen Wald« oder: »Es singen die Waldvögelein« etc.


Hört, lieben Christenleute,

Was ich euch Traurigs sing.

Es geschieht von hier nicht weite

Ein wunderseltsams Ding.

Ein Geist tut grob rumoren

Zu Steinbruch in den Toren

Auf einem alten Schloß.


Ein Edelmann daselbst saße,

Herr Wolffgang ist sein Nam,

Gern etwas Guts er aße;

Und wenn ein Wildbret kam

Aus einem Wald gegangen,

So hat ers bald gefangen,

Zu Tisch ers bringen ließ.


So hat er stets gelebet

In großer Herrlichkeit,[714]

Der Musik nachgestrebet

In aller Lust und Freud.

Endlich ists ihm vergangen;

Ein Geist hat angefangen,

Zu poltern früh und spat.


Nun tut fleißig achtgeben,

Was ich euch jetzo sag:

Der Geist verführt ein Leben,

Daß mans kaum sagen mag.

Herr Wolffgang mußt entweichen,

Sein Frau, die tät erbleichen,

Sie forchte sich gar sehr.


Man siehet Feu'r und Flammen

Bei Tag und auch bei Nacht.

Die schlagen stets zusammen

Am Schloß; wer es betracht,

Derselb bekommt den Grausen.

Es tut gar schröcklich hausen

Auf diesem alten Schloß.


Man sieht auch einen Reiter

Wohl sprengen hin und her;

Wenn man hingehet weiter,

So droht er mit dem Speer.

Er will die Leut erstechen,

Die Laute will er brechen.

Ach, bleibet weit hinweg!


Solch Straf, die pflegt zu kommen,

O du, mein frommer Christ,

Wenns Herze angeklommen

Von lauter Freuden ist.

Herr Wolffgang wird es wissen,

Wie es steh im Gewissen.

Ach, denke stets daran!‹
[715]

Mich wunderte, daß der Verfasser in diesem engen Raum dennoch so weitschichtige Landlügen eingebracht hatte. »Es sind gleich sieben Strophen,« sagte ich zu Gottfriden, »und also sind sie auch gleich alle erlogen. Der Mauskopf, der das Ding gemacht hat, weiß gewiß, daß ich gern Wildbret fresse. Ja, ja, du Narr, du wirst wenig Hasen von mir bekommen. Wenn ich eine Refutation tun sollte, so müßte das Gesang dem Marktsinger solchergestalten zurückgeschickt werden:


Hört, liebe Christenleute,

Was ich euch jetzo sing.

Es wär gleich rechte Zeite,

Daß man den Kerle fing,

Der also pflegt zu lügen

Und euch so zu betrügen,

Er lose Lumpending.


Von einem Geist im Lande,

Wie ich gehöret hab,

Lügt er, ist Sünd und Schande,

Man soll ihn prügeln ab.

Er führt ein großes Messer,

Glaubts nicht, ich weiß es besser

Als dieser Gassenknab.


So solle man die Refutation anstimmen. Aber die Narren mögen von mir und meinem Schlosse singen und sagen, was sie wollen. Mich wundert, daß das gemeine Volk so gerne will betrogen und belogen sein.« Hiermit reisete Herr Gottfrid seine Straße, und ich wünschte ihm samt meiner Frauen eine glückliche Verrichtung in seinen Ehehaften.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 712-716.
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