Vierte Scene.

[486] Ranzau. Struensee schlafend.


RANZAU.

Er schläft, – kann schlafen, – seine Ketten drücken

Ihm nicht die Seele, – seine Träume zeigen

Ihm sein vergang'nes Glück, und sein Erwachen

Klagt seine Mörder an. Es ist entsetzlich,

Ein Mörder sein – mich tödtet der Gedanke. –

Was zögr' ich – auf! Unglücklicher, erwacht!

STRUENSEE aufschreckend.

Wer ruft? Ist das nicht Ranzau? War mir's doch

Als säh' ich dich, Mathilde!

RANZAU.

Unglücksel'ger!

STRUENSEE.

Ich bin erwacht und träume nicht. – Ihr seid es.

Was führt euch her in meinen Kerker? Wollt ihr

Euch weiden an dem Anblick meiner Schmach?

Das hab' ich selbst in bitt'ren Stunden nie

Euch zugetraut, und dachte würd'ger stets

Von euch und eurem stolzen Sinne.

RANZAU nach einigem Kampf auf die Thür in der Mauer deutend.

Flieht![487]

STRUENSEE erstaunt.

Bin ich in meinem Kerker? Monden lang

Hielt ich den Blick auf jene Wand geheftet,

Und diese Thür entdeckt' ich nie.

RANZAU.

Sie ist

Dem Kerkermeister nur bekannt; und heute

Ward sie für euch geöffnet, zögert nicht

Und flieht. Ein englisch Schiff liegt segelfertig,

Zum Ufer leitet euch ein treuer Diener,

Der an der Pforte eurer harrt, und euch

Die Ketten lösen wird. Flieht! euer Hüter

Weiß Alles, ist bestochen. – Eilt und flieht,

Uns drängt die Zeit.

STRUENSEE.

Mich drängt das Herz, zu hören,

Was euch bewegt, euch antreibt, mich zu retten?

RANZAU.

O wechselt keine Worte! Flieht und denkt nur,

Dem sichern Tode zu entrinnen. Wähnt ihr,

Die Rache zögre? Ihr geschäftig Beil

Ist schon bereitet, trifft euch, eh' ihr's denkt.

Wie, oder kennt ihr euer Urtheil nicht?

STRUENSEE.

Und kennt' ich's nicht, ich kenne meine Feinde.[488]

RANZAU.

Sie zaudern nicht, heut Nacht entscheidet sich's.

STRUENSEE.

Ich weiß, das Urtheil liegt vor meinem König.

RANZAU.

Er wird's bestätigen! Hofft nicht auf Gnade.

STRUENSEE.

Der König wird's bestätigen, weil er muß;

Und Gnade hoff' ich von dem Himmel nur.

RANZAU.

Sie offenbart sich euch, zeigt euch den Ausweg.

STRUENSEE.

Der Schritt ins Grab ist aller Leiden Ausweg.

Die Nacht bringt mir des Daseins letzte Stunden,

Und morgen bricht die Kette meines Lebens.

Die Sonne steigt empor und röthet mir

Den letzten Gang. Der Mittag findet schon

Auf blut'gem Schandpfahl meine bleichen Glieder,

Und kommt der Abend, werden diese Augen

Vielleicht der Raben nächt'ge Speise ...

RANZAU.

Weh',

Das könnt ihr denken, und ihr zögert? Seht ihr

Die Rettungspforte nicht geöffnet? Flieht

Und säumt nicht länger, flieht![489]

STRUENSEE.

Ich sehe staunend

Den Mann, der erst mit Zorneseifer mich

In diesen Abgrund stürzte, nun das Seil

Der Rettung bieten; nicht so unbedacht,

Wie ihr's begehrt, gedenk' ich's zu ergreifen.

Ihr wähnt doch nicht, es schrecke mich der Tod?

Ich kenn' ihn wie der Krieger in der Schlacht,

Und minder schön; denn zu dem Krankenlager

Sah ich in wechselnder Gestalt ihn schleichen,

Und hab' ihn oft geprüft. Ich bin vertraut

Mit ihm wie mit Genossen meiner Jugend.

Von allen Seufzern, die er aus der Brust

Des Menschen lockt, kenn' ich den Ton, – ich werd' ihm

Nicht bebend in das bleiche Antlitz schauen,

Und flieh' ihn nicht so eilig, als ihr denkt.

Nach Dem, was ich erfahren und gelitten,

Wähl' ich bedächtig zwischen Tod und Leben.

Was mir das Dasein werth ist, muß ich wissen,

Eh' ich so schnell, vielleicht für lange Qualen,

Die kurze Marter meines Todes tausche.

RANZAU.

Ihr könntet wählen, thöricht euch bedenken,

Der Schmach des Hochgerichtes zu enteilen?

STRUENSEE.

Erleichtert mir das Herz! Laßt mich zuvor

Das Loos der Freunde wissen, die mein Schicksal

Getheilt, und in des Grabes düsterm Vorhof,[490]

In dunkler Haft, wie ich geschmachtet, – redet

Von Brandt mir ...

RANZAU.

Was begehrt ihr, Mann des Unglücks!

STRUENSEE.

Ist er verurtheilt?

RANZAU.

Euch voranzugeh'n.

STRUENSEE.

So mord' ich auch den Freund! O blut'ger Jammer.

Und sein Verbrechen?

RANZAU.

War er euer Freund nicht?

Er hütete den König. Leicht verwandelt

Ein williges Gericht in solcher Nähe

Das Wort zur That, Vergeh'n zu Hochverrath.

STRUENSEE.

Und meine andern Freunde?

RANZAU.

Falkenschiold,

Und Viele sind zu langer Haft verdammt.

STRUENSEE.

Die Last wird immer schwerer, wälzt sich näher[491]

Und näher mir aufs Herz. Nur Eines noch

Bleibt mir zu wissen, dann entscheid' ich mich.

Weh'! mir erstarrt das Wort. Euch soll ich's fragen,

Der das Entsetzliche gethan! O rauher Mann,

Wie konntet ihr zu jenem Schergenamt

Die Hand leih'n? – Eure holde Königin

Aus ihrem Schlummer wecken, die Erhab'ne

Mit rohen Händen zu berühren wagen?

RANZAU wendet sich ab. – Nach einer Pause.

STRUENSEE.

Vergebt mir, wenn ich euch gekränkt. Ich fühle es,

Die Stunde naht, – die keinen Groll mehr duldet,

Euch aber drängt die Zeit, so laßt uns enden.

Was wird aus ihr, – der ewig Theuern, redet,

Was ist das Schicksal meiner Königin?

RANZAU.

Verbannt aus Dänmark, von dem Könige

Durch Richterspruch geschieden, wird man ihr

Vergönnen, sich den Aufenthalt zu wählen

In ihres Bruders deutschen Staaten. Dort

In stiller Einsamkeit ...

STRUENSEE.

Es ist genug,

Mein Leben endet, ich entfliehe nicht.

RANZAU.

Unmöglich![492]

STRUENSEE.

Seht! Wie's euch unmöglich scheint,

Nicht vor dem Tod der Schmach sich zu entsetzen,

So ganz unmöglich scheint das Leben mir.

Was nennt ihr Leben? Das alltägliche

Geschäft des Daseins; Sommer, Herbst und Winter,

Und wieder Frühling kommen seh'n, und wieder

Die Blumen morgen welken seh'n, die gestern

In bunter Frische glühten? – Wenn die Jugend

Hinweggeschäumt ist, mit gelieh'ner Gluth

Den trägen Lauf des greisen Bluts zu spornen? –

Das wär's allein, was uns die süße Mühe

Des Athmens werth macht? Nein, mein Freund, ist

Ein Anderes, es ist der stille Blick,

Den wir zurück ins Herz thun – wenn wir dort

Ein trauliches Gebäude uns erbaut

Von Wünschen, Hoffnung und Erinnerungen,

Wenn wir zurück in dieses liebe Haus

Uns flüchten können bei der Zeiten Wetter,

Dann ruht sich's sanft im Schooß des Daseins aus. –

Mir aber liegt der ganze Bau in Trümmer.

Von roher Faust zerschlagen, würd' ich nun

Die öde Stätte meines Herzens flieh'n.

Verwüstet Alles, keine Hoffnung mehr,

Und die Erinn'rung nagend wie Verbrechen!

Ich sollte leben, das Gefühl ertragen,

Daß ich die Freunde in den Abgrund stieß,

Und mich gerettet? Ich, – ich könnte leben

Und sehen, wie die Einzige, der ich

Jedwede Freude gern geopfert, einsam,[493]

Verbannt, – hinweggerissen von der Kinder Herzen –

Freudlose Tage hinweint? Auf dem Thron

Geboren, Dänmarks Königin, ein Spott

Der Menge, hülflos seufzt und ihr Verderben

Zurückwälzt auf mein Haupt? Das sollt' ich tragen?

Der Henkerblock ist eine Friedensstätte;

Das Leben wäre mir ein ew'ger Kampf,

Aus dem kein Sieg zu hoffen ist. O eilt,

Eh' meine Henker hier euch finden, – flieht,

Ich fliehe nicht.

RANZAU.

O güt'ger Gott!

STRUENSEE.

Nur sagt mir

Das Eine noch. Was hat in eurem Herzen

Den Haß so plötzlich umgewandelt, treibt

Zur Rettung eures Feindes euch?

RANZAU.

Das fragst du,

Bejammernswerther Mann? Dein grauenvolles,

Entsetzliches Geschick. – Ich sagt' euch einst,

Ihr könnt, der Fremde, nicht in Dänmark herrschen.

Könnt nicht mit fremdem Geist und fernerzeugten,

Verhaßten Lehren dieses Volkes Schicksal

Nach Willkür lenken. Meine Warnungsstimme

Verhallte in der Wüste; immer kühner

Zum Ziele strebtet ihr, – ihr mußtet fallen.[494]

Ich ward das Werkzeug fremder Macht, – die Zügel

Entschlüpften meiner Hand, und das Verhängniß

Bestimmte euch zum Opfer nied'rer Rache.

Das hab' ich nie gewollt, ich dürstete

Nach eurem Blute nicht. Nun wird das Land

Entehrt durch diesen Richterspruch, der euch

Den Weg gemeiner Missethäter sendet.

O flieht, flieht – gebt mir meinen Schlummer wieder,

Die Ruhe meiner Nächte. Dreimal sah ich

Euch blutig vor mir steh'n in stiller Nacht.

Der Schlaf ist ewig fort, – das greise Haupt

Des alten Kriegers schließt die müden Augen

Vergeblich zu, – die blutige Gestalt

Ist immer wieder da, – die Nacht ist endlos,

Und all mein Schlummer ruht in eurem Grabe.

STRUENSEE.

Eilt, eilt hinweg! Besänftigt euer Herz!

Nach dieser Stunde wird euch kein Gefühl

Ruhloser Reue schrecken. Ich erwarte

Erquickend stillen Schlaf in meiner Gruft,

Wenn mein zerstreut Gebein gesammelt wird

Und ruhen darf im dunklen Schooß der Mutter.

Denn ruhen will ich ohne Traum, und will

Vergessen, wenn ich's kann. Und darf ich's nicht,

Und schlagen eures Himmels kühle Tropfen

Wie ird'sche Boten an die grüne Decke

Der Todten, dann erwachen wir gewiß

Zu blutigen Gedanken nicht, – dann fliegt

Vielleicht die Sehnsucht heimlich auf und senkt[495]

Noch süß'ren Schlummer auf die süße Stätte,

Wo ein geliebtes Herz mit leisen Schlägen

Für seine Träume den Geschied'nen ruft.

RANZAU.

Laßt euch erfleh'n und flieht!

STRUENSEE.

Ich hörte

Geräusch am Thor. Das sind die Todesboten!

Eilt, eilt und geht mit dem Gefühl hinweg,

Daß ich euch nie gehaßt, daß ich zum Abschied

Die Hand des kühnen Mannes herzlich drücke,

Der einst mein Feind im Glück, nun wie ein Freund

Mir eine Freude, die ich nie gehofft,

Bereitet, in dem letzten Augenblick

Des Lebens ein versöhntes Herz mir zeigt,

Mir Rettung bietet in der schweren Stunde.

Lebt wohl! Seid stark. Juliane muß euch hassen,

Wie sie mich haßte. Endet glücklicher

Als ich.


Sie umarmen sich; Ranzau eilt durch die verborgene Thür ab, die sich hinter ihm schließt.


Quelle:
Michael Beer: Sämmtliche Werke. Leipzig 1835, S. 486-496.
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