Sechster Auftritt.

[135] Vorige, Gustchen. Dann Backes und Hahnenbein.


GUSTCHEN von rechts mit einem großen Theebret, worauf alles, was zum Thee gehört. Sie werden bald hier sein, die obern Stockwerke sind schon durchsucht.

CONSTANZE ängstlich. Wo bleiben denn Ihre Gefährten?

MORITZ. Erlauben Sie! Geht nach links und öffnet. He seid ihr fertig?

BACKES kommt heraus, er ist in ganz moderner Kleidung, die ihm nirgends recht paßt. Statt seine runden vollen Bartes hat er einen Backenbart, wie ihn die Engländer tragen. Ich bin fertig, der Seifensieder kommt auch gleich!

CONSTANZE. Geschwind den Theetisch geordnet!

GUSTCHEN ordnet den runden Tisch vor dem Sopha.

MORITZ lachend. Würdiger Proletarier, Sie sehen prächtig aus! Bald wird die Zeit kommen, wo Sie in diesem Anzuge an Ihre Arbeit gehen werden.

BACKES steht in der Mitte. Na in der Jacke könnte ich die Arme nicht bewegen – mein Kittel ist doch bequemer.

MORITZ. Und wie fein Sie Ihren Bart gestutzt haben!

BACKES. Hm ich fand da ein Rasirmesser, und da ich dachte mein Bart könnte mich verrathen, habe ich mir ein Stück abgeschnitten.

MORITZ. Das war gescheidt.

BACKES. Aber wen stelle ich denn nun vor? Wenn wir gefragt werden, was soll ich denn sagen?

MORITZ. Blitz daran habe ich noch nicht gedacht. Man wird zwar nicht viel fragen, aber Sie werden doch einige Antwort geben müssen.

CONSTANZE immer ängstlicher. Und die – die – die etwas breite Aussprache dieses Herrn wird ihn verrathen.

MORITZ. Edles, souveränes Volksmitglied, vermögen Sie nicht etwas hochdeutsch zu sprechen?[136]

BACKES. Ne, anders kann ich nicht reden, so habe ich es von meiner Mutter gelernt.

CONSTANZE. Das verräth alles!! Dieser Anzug –

MORITZ. Und diese Mundart, das paßt nicht zusammen. Halt, ich hab's! Sie müssen gar nicht reden, unterdrücktes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, wir geben Sie für einen Engländer aus, der nicht deutsch versteht!

BACKES. Gar nicht reden? Das werde ich schon können, das ist mir recht.

MORITZ. Setzen Sie sich an den Tisch, trinken Sie Thee und essen Sie Kuchen.

BACKES. Kuchen essen? Das werde ich auch leisten können, das ist mir noch mehr recht. Setzt sich dem Sopha gegenüber.

MORITZ. Wenn Sie jemand fragt, so antworten Sie no oder yes, nein oder ja.

BACKES. Wie?

MORITZ. No oder yes.

BACKES. Gut, yo und nes!

MORITZ. Nicht doch, no und yes!

BACKES. Aha, no und yes.

MORITZ. Der Hauptmann wird hoffentlich nicht englisch verstehen, wir müssen es darauf wagen. Was mich betrifft, ich bin erst seit sechs Wochen hier, bin wenig ausgegangen – Zärtlich. Sie wissen was mich zu Hause hielt – mich kennt niemand.

CONSTANZE. Ach Gott, mir wird ganz ängstlich zu Muthe.

MORITZ. Sie ängstigen sich? Rasch, noch können wir durch das Fenster in den Garten!

CONSTANZE. Nein nein, auf keinen Fall!

MORITZ zärtlich. So fassen Sie Muth!

HAHNENBEIN kommt von links; er ist in moderner Livrée, mit hohen Vatermördern sucht er sein Gesicht zu verbergen. So, da bin ich auch. Aber die Kleider drücken mich in allen Näthen.

GUSTCHEN. Gut, kommen Sie, Herr – wie heißen Sie denn? –

HAHNENBEIN. Hahnenbein. Ich bin der Bürger und Seifensieder Hahnenbein. Familienvater. –[137]

GUSTCHEN. Von sieben Kindern, ich weiß es schon. Also Herr Hahnenbein, helfen Sie mir die Herrschaften beim Thee bedienen.

HAHNENBEIN beleidigt. Bedienen? Ne, das ist gegen meine Würde als Seifensieder. Und der Kaspar Backes soll am Tische sitzen und Herrschaft spielen, während ich die Tassen ausspüle? Ne das ist offenbare Ungerechtigkeit.

MORITZ. Na wollen Sie lieber eingesteckt sein?

HAHNENBEIN. Ne Herr, Sie wissen ja am besten daß ich ganz unschuldig bin, daß sie mich gezwungen haben.

BACKES aufstehend, drohend. Donnerwetter, Hahnenbein, macht nicht so viel Fisematenten, oder ich komme über Euch!

HAHNENBEIN erschrocken. Na still nur, Backes, still nur!

MORITZ. So thun Sie was Ihnen gesagt wird.

HAHNENBEIN. Ich will alles thun. Hilft Gustchen während der folgenden Auftritte.

CONSTANZE. Allein wir sind ja noch gar nicht einig was wir sagen wollen; wir müssen doch übereinstimmen, müssen uns doch verabreden.

GUSTCHEN. Still, sie kommen!

MORITZ. Es ist zu spät. Fassen Sie Muth, es wird nicht viel gefragt werden. Wir sagen was der Augenblick uns eingibt. Führt sie zum Sopha und setzt sich neben sie hinter den Tisch.

CONSTANZE setzt sich aufs Sopha. Ich vergehe vor Angst.

MORITZ. Nur Muth.


Es wird geklopft.


CONSTANZE. Herein.


Quelle:
Roderich Benedix: Haustheater. Leipzig 21865, S. 135-138.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Lügnerin
Die Lügnerin

Buchempfehlung

Spitteler, Carl

Conrad der Leutnant

Conrad der Leutnant

Seine naturalistische Darstellung eines Vater-Sohn Konfliktes leitet Spitteler 1898 mit einem Programm zum »Inneren Monolog« ein. Zwei Jahre später erscheint Schnitzlers »Leutnant Gustl" der als Schlüsseltext und Einführung des inneren Monologes in die deutsche Literatur gilt.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon