Neunte Scene.

[19] Nr. 7. Scene.


KUNIGUNDE aus der Seitenthüre, tritt aus Fenster.

Die stille Nacht entweicht, mit ihr der Träume Gaukelbilder.

Im Wechsel immerdar, gleich Finsterniß und Licht,

Mit Qualen bald und bald mit Lust

Umlagern sie allnächtlich mir

Die angstbewegte Seele.


Vortretend.


Ha, welch ein Traum hat diese Nacht vom Schlummer mich aufgeschreckt!

Den Geliebten sah' ich, meinen theuren Hugo!

Er stand vor mir, ausgebreitet die Arme,

Liebend mich zu fassen;


Mit leisem Beben.


doch ach! sein Antlitz war blaß und kalt,

Im starren Auge erloschen der Liebe Sehnsucht!

Und, wehe mir! aus seinem treuen Herzen

Quoll ein blutig dunkler Strom!

Doch nein! Es war nur eines Traumes leer' Gebild,

Der heißen Phantasie trugvolles Spiel,

Das mich aufgeschreckt im unruhvollen Schlafe!


Froh.


Noch lebt er ja, mein Hugo,

Mich zu rächen an dem Verworfenen,

Der hier mich hält gefangen,[19]

Bald mit Drohen, und bald mit Schmeicheln

Mich zur Liebe will bewegen.

O, der Qual!

Aber größer nur und stärker wird mein Haß

Und nur fester meine Treue,

Die ich, Hugo, dir geschworen!


Arie.


Ja, ich fühl' es, treue Liebe

Giebt dem Herzen Muth und Kraft!

An ihr scheitert das Getriebe,

Welches List und Bosheit schafft;

Selbst Gewalt muß vor ihr weichen

Und der Tod in Schanden steh'n!

Keine Macht kann sie erreichen,

Sie entstammt aus Himmelshöh'n.

Ja, ich fühl' es, treue Liebe

Giebt dem Herzen Muth und Kraft.


Wohlan! wohlan, Tyrann!

Versuche deine Waffen!

Eh' wird dein Grimm erschlaffen,

Eh' Treue wanken kann.

Ja dir, nur dir allein

Bin, Hugo, ich ergeben;

Dir einzig will ich leben,

Und dein im Tode sein.


Will gehen, Gulf ihr entgegen.


Quelle:
Louis Spohr: Faust. Leipzig [o. J.], S. 19-20.
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