XIII

[263] Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen geendigt. An die Stelle der quälenden, alle Lebenskräfte verzehrenden Angst trat die wohlthätige Sehnsucht der Liebe, die zwar innig die Vereinigung mit dem Geliebten herbei wünscht, aber, wenn das Schicksal zögert diese zu gewähren, die Stunden des Erwartens dadurch versüßt, daß sie alle dem Streben gewidmet werden, den schönen Augenblick, wenn er endlich eintritt, auf alle Weise zu verherrlichen. Der Graf hatte leicht Mittel gefunden, da er Evremonts Aufenthalt kannte, ihm solche Summen zu übersenden, daß von einer abhängigen Lage nun bei ihm nicht die Rede mehr sein konnte, und da das ganze Land von Feinden gereinigt war, so konnte ein regelmäßiger Briefwechsel eintreten, der ein großer Trost für Alle wurde. Emilie hatte nun Gemüthsruhe genug den wohlgemeinten Rath ihrer Tante zu befolgen, und sie theilte ihre Zeit zwischen der Sorge für ihren Sohn, den sie schon zu unterrichten anfing, und eigenen Studien und Musik. Die wohlwollende Adele rief oft triumphirend: Hatte ich nicht Recht, daß ihn[263] der Himmel zu unserm Troste erhalten würde und war nun nicht all die furchtbare Angst unnöthig? Sie liebte Evremont mit der Zärtlichkeit einer Mutter; sie hatte oft verzweiflungsvoll für ihn gezagt, aber sie war nun herzlich froh, mit gutem Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit überlassen zu dürfen. Der Graf gewann den Gleichmuth der Seele wieder, denn er durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befürchten, den er sich bewußt war nicht ertragen zu können, und die Gräfin, die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt hatte, kehrte, gestärkt durch die innere Ruhe, noch ein Mal auf den Weg des Lebens zurück. Selbst die Kräfte des alten Dübois schienen sich zu verjüngen, da er den jungen Grafen, wie er Evremont nannte, in Sicherheit wußte; es entzückte ihn, daß der gütige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte, und er widmete nun dem kleinen Grafen, wie er den kleinen Adalbert nannte, doppelte Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran, als er in Evremont dadurch zu erregen hoffte, daß der Kleine so reines Französisch sprach, daß kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben würde, ein Verdienst, welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb.

Jeder Fortschritt, den die verbündeten Truppen in Frankreich machten, erhöhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen,[264] denn jeder führte die Hoffnung des endlichen Friedens näher. Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte auf das Gemüth des General Clairmont. Er hatte gehofft, Frankreich würde der gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne verlornen Ruhm wiedergewinnen. Ihn entzückte daher jeder Vortheil, den die Franzosen erkämpften, und er erklärte es für eine Verwegenheit der Verbündeten, daß sie sich nach Paris wendeten, denn er sagte ihren gewissen Untergang vor dieser Stadt voraus, deren gesammte Bevölkerung, wie er behauptete, die Waffen gegen den eindringenden Feind ergreifen würde. Als nun der entscheidende Schlag gefallen war, Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm, gränzte seine Stimmung an Verzweiflung, und als bald darauf Napoleons Abdankung und die Zurückberufung der Bourbons erfolgte, schloß er sich zwei Tage in sein Zimmer ein, ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten, der so gern den Freund beruhigt hätte.

Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien, war er bleicher und ernster als gewöhnlich. Ich werde Dich nun bald verlassen, sagte er dem Grafen, indem er ihm die Hand reichte. Die Erinnerung an Deine Freundschaft, an den langen Aufenthalt in Deinem Hause wird mir um[265] so wohlthätiger sein, da ich Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Güter zurückziehen werde.

Wie kommen Sie zu dem Entschluß? rief Adele unbedachtsam. Wie oft haben Sie behauptet, in Frank reich könne man nur in Paris leben, wenn man das Leben mit allen seinen Vorzügen genießen wolle.

Paris ist nichts mehr für mich, rief der General mir aufflammendem Unwillen. Welchen Reiz könnte Paris für mich noch haben, wo Alles danach strebt, ein ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln, wo selbst jedes Zeichen vertilgt werden soll, das an eine so nahe Vergangenheit erinnert, daß sie beinah noch Gegenwart ist. Nein! rief er, indem er die dreifarbige Kokarde vom Hute nahm, nie werde ich dieses Zeichen gegen das weiße Band vertauschen; und darf ich es nicht mehr öffentlich erheben, so soll es auf meinem Herzen ruhen, so mag es mit mir begraben werden. Er wendete sich ab, um das Gesicht, auf dem Zorn und Rührung mit einander kämpften, zu verbergen.

Wie ist es möglich, sagte der Graf in besänftigendem Tone, daß die Farbe eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann? Du sprichst nicht, wie Du denkst, sagte der General nach kurzem Schweigen, während dessen er den Freund zürnend angesehen hatte. Bleibt das ein bloßes Band, woran[266] sich tausend Erinnerungen der Ehre, der Begeisterung, des Entzückens nach überstandenen fast unglaublichen Gefahren knüpfen? Hätte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen, unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde? Nein, nimmermehr wird der, der dem kühnen Adler unter Egyptens heißen Himmel und nach Rußlands Wüsteneien folgte – – doch, ich vergesse, unterbrach er sich selbst mit Bitterkeit, ich vergesse, daß ich mit Dir rede, dessen Seele an alten eingesogenen Vorurtheilen hängt; der in Ereignissen, die außer aller menschlichen Berechnung lagen, mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung seiner Weisheit erkennen, und der triumphirend mich daran erinnern wird, daß ja nun Alles so gekommen ist, wie er es vorhergesagt, der nun selbstgefällig in tiefe Einsicht verwandeln wird, was damals nur ein eigensinniges Festhalten veralteter Meinungen war.

Und fühlst Du nicht, sagte der Graf mit Milde, wie sehr Du mir unrecht thust, indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst? Ich habe nichts vorhergesagt, ja ich gestehe, daß ich nicht erwartet habe, Ereignisse zu erleben, wie sie jetzt eingetreten sind, und wenn ich in früheren Zeiten glaubte, daß sie nicht außer dem Kreis der Möglichkeit lägen, so hatte mich die Geschichte anderer Länder bewogen dieß anzunehmen und keineswegs eigensinniger Dünkel. Und[267] wenn ich dem Himmel von Herzen dafür danke, mein Vaterland von dem Drucke der französischen Uebermacht befreit zu sehen, so richte ich deßhalb den Blick nicht feindlich nach Frankreich hinüber, und sollte der Traum, den ich jetzt hege, denn nicht eben so wohl wie der frühere in Erfüllung gehen können? Sollten nicht beide Nationen, statt einander feindlich zu vertilgen, ihre gegenseitigen Vorzüge anerkennen? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer eintreten können in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des Lebens? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben, nun lieber durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen? Der Haß, der sich jetzt noch durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht, wird sich bald verlieren. Die Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen, als daß sie nicht bald wieder auch das französische gehörig würdigen sollten, und den Franzosen, erlaube es mir zu sagen, wird das erlebte Unglück eben so heilsam sein, wie einem in Reichthum, Glück und Gesundheit übermüthigen jungen Manne ein Schlag des Schicksals zuweilen wohlthut. Es wird Euch bescheidener machen und die Idee wird bei Euch Zugang finden, daß es auch außerhalb Frankreich noch etwas Bedeutendes und Wissenswerthes geben kann, daß auch die Bestrebungen anderer Nationen Achtung verdienen, und eine engere und edlere Verbindung wird sich so zwischen Euch und Euern[268] Nachbaren bilden, als wenn Ihr sie durch die Gewalt der Waffen unterdrücktet.

Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, als daß er die Worte des Freundes hätte genau beachten können. Er hörte nur im Allgemeinen die wohlwollende Gesinnung heraus, und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend, als dem Grafen antwortend, sagte er: Es ist wahr, im Gefolge der Revolution waren empörende Gräuel. Das edelste Blut vergoß man, der Menschlichkeit Hohn sprechend, in Strömen, aber gestehe es, viele große Gedanken wurden auch ausgesprochen und faßten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust, und wenn Du zurückblickst, wie weit alle Staaten sowohl, als einzelnen Menschen von der Stelle aus weiter geschritten sind, wo sie vor dieser Revolution standen, so wirst Du zugeben müssen, daß sie, wenn sie auch wie ein furchtbar zerstörendes Gewitter über die Länder schritt, doch auch wie dieses Spuren des Segens zurückgelassen hat. Napoleon bändigte dieses Ungeheuer, aber mit ungemessenem Ehrgeiz opferte er den kühnsten Plänen wieder das edelste Blut in Strömen, und doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme, der seinen Namen unter den fernsten Himmelsstrichen verherrlichte. Jetzt hat nun wieder das strömende Blut vieler Tausende den Boden der Länder geröthet, um die Vergangenheit[269] zurückzuführen, und welcher Segen wird uns für diese Opfer?

Die Segnungen des Friedens, sagte der Graf, den Euer schönes Frankreich sowohl bedarf, wie alle europäischen Länder. Wir müssen erst erwarten, erwiederte der General, was dieser Frieden für Folgen haben wird, ehe wir seine Segnungen preisen. Ich werde mich auf jeden Fall zurückziehen und in ruhiger Muße für die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen. Armer Bertrand! fuhr er seufzend fort, unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem verherrlichen, wie Du hofftest, denn Gott weiß, ob man ihnen nicht die Namen selbst als Verbrechen anrechnen wird.

Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde, und Beide trennten sich nicht ohne Rührung, denn wie verschieden auch oft ihre Ansichten waren, so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzüge anzuerkennen, daß die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknüpfte Band der Freundschaft nur dauernder und fester machte, und schon den folgenden Tag, als der General französischen Boden berührte, dachte er: Sollte es denn nicht möglich sein, daß, wie ich Hohenthal liebe und achte, obgleich er ein Deutscher und von den Grillen dieser Nation nicht frei ist, und wie er mich liebt, obgleich er meine[270] besten Eigenschaften für Thorheiten eines Franzosen hält, eben so einst beide Völker in aufrichtiger Freundschaft einander gegenüberständen? Diese friedlichen Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des französischen Kriegers verscheucht, indem er den feindlichen Truppen begegnete, die so gleichgültig auf französischem Boden wandelten, als wäre es gar nichts Besonderes für sie, sich hier als Sieger zu bewegen, und es gereichte ihm nur dieß zu einigem Troste, daß alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen.

Unter den rückkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde, und wenige Tage, nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte, wurde dieser auf's Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters überrascht, der dieß Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam, denn auch Wertheim und der Baron Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurück, und natürlich mit ihnen der Arzt und Gustav Thorfeld.

Die Freude Aller wurde erhöht, als sie erfuhren, daß Evremont lebe, und daß man nun, da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden, seine baldige Rückkehr erwarten dürfe. Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen, daß das scheue, finstere Wesen Wertheims sich verloren hatte, und daß seine Sitten milder, als sonst erschienen. Der Graf Robert löste[271] dem Oheim dieß Räthsel, indem er ihm die glückliche Veränderung mittheilte, die in der ganzen Lage des jungen Mannes eingetreten sei. Durch eine weitläuftige Verwandte war ihm eine Erbschaft zugefallen, und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die entlaufene Schwester gänzlich ausgeschlossen. Dieß Vermögen setzte ihn in den Stand, das kleine Gut kaufen zu können, welches der Graf früher dem Obristen Thalheim eingeräumt hatte; und wenn er sich nun dazu entschließen wolle, dieß dem jungen Manne zu überlassen, so könne er, bemerkte der Graf Robert, dessen Lebensglück begründen, denn alsdann sei er entschlossen, sich dort niederzulassen und sich mit der ältesten Schwester des Grafen zu verbinden, indem Beide, von gegenseitiger Neigung bestimmt, dieß sehnlichst wünschten.

Da Sie, mein lieber Vetter, erwiederte der Graf, Hohenthal als Ihr künftiges Eigenthum betrachten müssen, so ist es mehr Ihre, als meine Sache, und ich gebe im Voraus zu jeder Einrichtung, die Sie dort treffen, meine Einwilligung.

Der Graf gab es nicht zu, daß sein Vetter sich in Danksagungen ergoß, indem er scherzend bemerkte, daß er noch zu lange zu leben hoffe, als daß er jetzt schon Dank für ein Erbe verdiene, das er erst so spät zu überlassen gedenke, und er führte bald seinen Vetter auf das Schicksal[272] seines Freundes zurück. Wodurch er völlig zur Milde gestimmt wurde, fuhr der Graf Robert in Beziehung auf Wertheim fort, war, daß, als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus einquartirt wurden, er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte, die hier mit ihrem Gatten, der, in Spanien schwer verwundet, zum Dienst untauglich wurde, in glücklicher Ehe lebte. Drei schöne, in Gesundheit blühende Kinder umgaben dieß Paar, und die Versöhnung war bald gemacht, da Wertheim seine Schwester als Gattin dessen fand, der sie entführt hatte, und da man ihn versicherte, daß der französische Offizier sie in Deutschland schon förmlich geheirathet haben würde, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, der Bruder werde dieß nicht zugeben und im Gegentheil darauf bestehen, daß die Schwester dem Baron Lehndorf ihr übereilt, bloß um seinen Wunsch zu erfüllen, gegebenes Wort halten solle, wodurch sie sich für ihr ganzes Leben höchst unglücklich gefühlt haben würde. Da Wertheim sich gestehen mußte, daß er allerdings so gehandelt haben würde, und da Lehndorf über den Verlust der früheren Braut längst durch die Hoffnung getröstet war, sich mit meiner jüngeren Schwester zu verbinden, so war die Versöhnung von allen Seiten leicht, und Wertheim, der es früher für die Aufgabe seines Lebens hielt, diesen Franzosen von der Oberfläche der Erde zu vertilgen,[273] schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm. Er hatte nämlich die Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht, ohne ihr zu sagen, wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermögens ausgeschlossen habe, deren Geiz ihr und der Mutter, als sie noch lebte, auch in der dringendsten Noth selbst die kärglichste Unterstützung versagt hatte. Mein Freund wollte also, fuhr der Graf Robert fort, sein Erbe mit der Schwester theilen, doch deren Gemahl gab dieß nicht zu, indem er dem Bruder seiner Gattin bewies, wie sein Vermögen bedeutend genug sei, daß er leicht diesen Zuwachs entbehren könne, und nach einem gegenseitigen Kampfe der Großmuth blieb mein Freund der einzige Besitzer des Vermögens, indem er gern als Gabe des Wohlwollens den Vortheil annahm, den ursprünglich nur der Haß ihm hatte zuwenden wollen. Der Baron Lehndorf, berichtete der Graf Robert weiter, hat bei unserer Rückkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen, wodurch er ebenfalls in die Lage kommt, einen Hausstand begründen zu können, was er in Vereinigung mit meiner jüngeren Schwester zu thun beabsichtigt.

So haben Sie ja bei Ihrer Rückkehr, bemerkte der Graf lächelnd, die Aussicht auf eine Reihe von Festen, auf viele fröhliche Hochzeiten.[274]

Gewiß, gewiß, rief der Arzt, der mit seinen großen Sporen im Saale umherklirrte. Sobald ich zurückkehre, wird das große, das heilige Fest begangen. Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat; das Bild meiner geliebten Braut folgte mir überall, und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand für sie eingekauft, um sie damit zu schmücken, und auch für meine Schwiegermutter, die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet, als es sich, wie mich bedünken will, für ihr Alter ziemt. Aber unschädlichen Thorheiten giebt der Weise nach, und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause, als daß die Grazien darin fehlen sollten.

Man gab dem Arzte, der diese Rede mit großer Selbstzufriedenheit gehalten hatte, von allen Seiten Recht, und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen, die er für die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte, um, wie sie sagten, seinen Geschmack zu bewundern. Der gutmüthige Arzt, der auf Alles eitel war, wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstände zum Vorschein, die er, wie er sagte, in Frankreich rechtlich eingehandelt und nicht, wie ihm dieß von Manchem bekannt sei, ohne weitere Zahlung an sich gebracht habe; und die Frauen rühmten scherzend jedes Stück und lobten den zarten Sinn des glücklichen Arztes, der, die Vorliebe seiner Schwiegermutter[275] für alles Bunte kennend, ihren Geschmack beinah auf eine übertriebene Weise zu befriedigen gesucht hatte. –

Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen, der sich ernstlich für den jungen Thorfeld zu verwenden versprach, um ihm eine Stelle als Justizamtmann in der Nähe von Hohenthal zu verschaffen, deren Besitz er so heftig wünschte, wie der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte, um in der Nähe zu bleiben und sich gegen Eingriffe in seine Eigenthumsrechte auf das Herz der Tochter des Predigers zu bewahren. Der junge Mann schwieg erröthend, und es ließ sich also annehmen, daß der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war.

Die Gräfin bemerkte während dieser Zeit gegen den Grafen Robert, daß es wunderbar sei, wie verschieden Glück und Unglück auf verschiedene Charaktere wirke. Viele Menschen, sagte sie, werden durch Unglück erzogen. Es macht sie ernster, milder, theilnehmender gegen Andere, wenn sie selbst die Schmerzen kennen gelernt haben, mit denen dieß Leben uns verfolgt. Andere macht dagegen das Unglück hart, störrisch und roh, wie wir dieß an Ihrem Freunde Wertheim bemerken mußten, und nur das Glück vermag diese zu erziehen, ihren Charakter edler, ihre Sitten milder zu machen. Graf Robert erröthete, denn er erinnerte sich daran, daß auch er zu denen gehörte, die das Glück edler gebildet[276] hatte, und daß sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vortheilhaften Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte. Er sagte endlich verlegen: Auffallender ist es noch, wie sehr der unaussprechliche Haß gegen Frankreich und gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist, seitdem er in dem Entführer seiner Schwester deren rechtmäßigen Gemahl und einen braven, achtungswerthen Mann kennen gelernt hat.

Es ist überhaupt schwer, bemerkte der Graf, genau zu bestimmen, in wie weit sich Persönlichkeit in unsere Gefühle mischt, wenn wir das Vaterland lieben oder dessen Feinde hassen, und ich glaube, wenn wir recht scharf sondern wollten, würde nicht immer so viel Tugend übrig bleiben, wie man in neuester Zeit in diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist.

Während des Aufenthaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den kleinen Adalbert so lieb, daß er im Scherze behauptete, er müsse noch einst durch eine Verbindung mit seinem jüngst gebornen Töchterchen sein Sohn werden, und er wiederholte diesen Scherz so oft, daß man leicht bemerken konnte, wie der Wunsch sich ganz ernsthaft in seiner Seele ausbildete.

Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke getrübt, wenn sie daran dachten, daß[277] Evremont in ihrem Kreise fehle, und jedes Mal, indem sie über seine Abwesenheit seufzten, stieg zugleich ein Dankgebet zum Himmel empor dafür, daß er ihnen erhalten war.

Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen, und wenn auch ein Gefühl der Wehmuth Alle beim Abschiede ergriff, so eilten doch der Graf Robert und seine Freunde mit freudigem, hochklopfendem Herzen ihren heimathlichen Bergen zu, denn Jeder wußte, daß ihn dort ein sehnsüchtiges Herz erwartete und zärtliche Blicke ihn begrüßen würden. Der alte Dübois wollte seinen Sohn, wie er den jungen Thorfeld nannte, nicht entlassen, ohne ihm ein Geschenk aufzudringen, worin der junge Mann mit Rührung von Neuem die väterliche Liebe des Greises erkannte. Der Arzt verhehlte sein Gefühl höchster Glückseligkeit beim Abschiede nicht. Ich werde, rief er, indem er sich die Thränen der Rührung abtrocknete, die ihn zugleich bewältigte, den Lohn aller der Opfer empfangen, die ich dem Vaterlande gebracht habe. Die erhöhte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine Anstrengungen belohnen, und die Lorbeern werden mich ehren, die ich im Kriege gewann, nicht indem ich Menschen tödtete, sondern indem ich manchen braven Mann erhielt.

Es ist wahr, sagte der Graf Robert, mit wahrer Tollkühnheit wagte sich der Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld,[278] wenn kaum der Feind sich zurückzog, und die Kugeln noch herüber und hinüber flogen; wie ein Geier auf seine Beute stürzte er sich auf die Verwundeten, und Viele danken ihr Leben und die Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hülfe, die er ihnen durch diesen Muth gewährte, und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist, so glaube ich, daß diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung belohnt werden wird.

Das eiserne Kreuz, sagte der Arzt, indem er sich sehr in die Brust warf und dadurch einige Aehnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann, das eiserne Kreuz kann mir nicht entgehen, wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein will.

Endlich trennte man sich, und der kleine Adalbert vermißte noch einige Tage den Grafen Robert und Thorfeld schmerzlich, die sich so viel mit ihm beschäftigt, daß sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 3, Breslau 1836, S. 263-279.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Evremont
Evremont (1 ); Ein Roman
Evremont; Ein Roman
Evremont

Buchempfehlung

Jean Paul

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Als »Komischer Anhang« 1801 seinem Roman »Titan« beigegeben, beschreibt Jean Paul die vierzehn Fahrten seines Luftschiffers Giannozzos, die er mit folgenden Worten einleitet: »Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ›Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‹ heraus.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon