IV

[50] Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist, die Blätter[50] entfielen seiner Hand, und die Erzählung des General Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht.

Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine Gemahlin im Gedränge des Volks; er sah sie die weißen Arme erheben, sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er hörte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhüllte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend, sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemüth, in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele, sich seine Gemahlin so tief erniedrigt, vermischt mit dem Volke, als die Wittwe eines Hingerichteten zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel Fassung gewann, daß er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche Geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten würde, gab ihm endlich den Muth dazu, und er kehrte zu dem Inhalte der verhängnißvollen Blätter zurück und las, wie die Gräfin den Fortgang ihrer Geschichte folgendermaßen berichtete:

Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die Nothwendigkeit zu zeigen, seinen Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen, sondern, sobald es sich thun ließe, selbst nach[51] Frankreich zurückzukehren, um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen, und er glaubte, er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können, wenn Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit, alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters, also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen.

Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen, aber seit meiner Verheirathung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden zärtlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mündigkeit sie sehnsüchtig herbeiwünschte, denn sie zweifelte nicht, daß er dann sein Versprechen erfüllen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen würde. Mich kränkte diese unverdiente Kälte, und dieß war der einzige Kummer, der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes verdunkelte.

Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glücklich der Mensch sein kann, um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äußerte oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne, so[52] würde er sich hier, umgeben von unserer Liebe, vollkommen glücklich fühlen, besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann, der Himmel gewährt kein reines Glück, wir sind doch immer aus unserm Vaterlande verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der Rückkehr zu trösten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiederte er dann wohl, Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben.

Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Großtante getrübt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und, wie sie es versprochen hatte, ihr Testament diesem Zwecke gemäß eingerichtet. Später, als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu meinem Vortheile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und so geschah es, daß der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte, als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn,[53] gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zärtlichkeit, das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe zuneigte.

Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf, zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen. Wie wir es erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um für meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als dieß Geschäft nach einigen Wochen beendigt war, den Nachlaß ihrer Tante so gering zu finden, daß sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.

Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte, verließ er uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Rückkehr wollte er sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter hoffte, den lang genährten Vorsatz ausführen, sich in den Schooß der katholischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach dem Lande seiner Sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt, das Ziel seiner glühenden Wünsche, und er hatte es bis jetzt nicht erreichen können, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.[54]

Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück erhöht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Großvater mit dankbaren Thränen gen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen drückte. Gewiß begleitet die Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit dem vorrückenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmüthige Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber, den rührenden Stolz, die ahnungsvolle Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne, diese Gefühle kann nur dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.

Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich, der unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte, erklärte, das Kind sei so schwach, daß es sogleich getauft werden müsse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte, der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph genannt.

Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte, für dessen Leben er gezittert hatte,[55] und der gutmüthige Mann ließ sich lächelnd den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott für seinen Irrthum.

Glück und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine zagende Seele sträubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu versenken.

Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genährt, denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte. Eine Aufwärterin, die meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheirathung in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu leiden, die zwar für ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu verkürzen drohten, und wir hielten es für unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und brachte die Kunde, daß die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte habe entfernen müssen, weil[56] ihre Beschützer selbst, um wieder sie verhängten Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen wären, ohne für ihre Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese Zeit an fühlbar zu werden, das Volk fing an seinen Haß gegen den Adel thätlich zu zeigen, schon schien seine Wuth Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den Muth hatte, alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben, suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst um ein geliebtes Wesen nur, daß eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in Verzweiflung, daß seine Krankheit eine Reise unmöglich machte, und es wurde nach langem Kampfe beschlossen, daß mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach Frankreich zurückkehren sollte. Ich erklärte, mich nicht von ihm trennen zu wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die Sorge für meinen Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen Rückkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen, und Evremont reiste, von schmerzlichen Thränen und heißen Segenswünschen begleitet, ab.

Ach! wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager[57] meines Schwiegervaters, dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewährte mir das Lächeln der süßen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob, einigen Trost! Die große Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in Gefahr wußte, erpreßte mir Thränen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller Angst wurde erhöht, als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris mit allen seinen Freuden so entzückt, daß er den Vorsatz aussprach, dahin zurück zu kehren, sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe. Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten waren, und er erwiederte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verändern, und sie sollte von ihm hören, sobald er wieder dort sein würde. Er beklagte es, daß er seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwürfe, daß ich zurückgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.

Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verließ uns mein Bruder, dem die trübe Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir hörten nun nichts aus[58] Frankreich, als was uns öffentliche Blätter meldeten, denn ein Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen, und in vielen verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen, und ich sah, daß dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war erstürmt worden, und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück. Das Kind, welches er auf den Armen der Wärterin zurück gelassen hatte, fing an seine Kräfte zu entwickeln und lernte den Namen Vater lallen, indeß wir fürchteten, der Vater sei ihm schon verloren.

In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt. Dazu gesellten sich andere Sorgen; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschöpfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewißheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen.

Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal. Wir hatten einen kummer vollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und überlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen müssen, als die Thür sich öffnete, und der, für dessen Schicksal wir noch eben fürchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermöchte die rührende Freude[59] zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloß. Wer vermöchte mein Entzücken nachzufühlen, als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küßte, um den süßen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören. Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Thränen meines Entzückens vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Rührung aus den Augen des geliebten Mannes preßten.

Als wir uns so weit gesammelt hatten, daß wir seine Mittheilung vernehmen konnten, berichtete mein Gemahl, daß er Alles in Paris viel besser gefunden habe, als wir hätten hoffen dürfen. Er habe dem Gerüchte, daß sein Vater gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser aller Wohl sorgen zu können, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei, um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel mächtiger geworden, die sich einbilden könnte, sie wolle in seiner Person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte überall die beste Aufnahme gefunden, und er durfte hoffen, daß, wenn er schleunig zurückkehrte, man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen würde. Das gesammte Vermögen[60] wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräußert habe und die Summen, die er nicht gleich baar hätte erhalten können, durch die Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher gestellt hätte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhöhten noch die allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater über die zurückgebliebene Tochter, für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.

Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen, daß er bald wieder nach Paris zurückkehren müsse, und auch mein Schwiegervater sah dieß als nothwendig an. Der Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich. Die Erinnerung an alle Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, daß ich nicht den Muth hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschloß im Stillen, mich nicht wie der von Evremont zu trennen.

Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser Zeit oft den Zustand äußerster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand, und Beide gaben zu, daß inmitten aller Ausschweifungen, zu denen[61] das Volk sich verleiten ließ, große Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen, und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, daß sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich ungestört zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.

So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch niemals diese Seite berühren, wie behutsam er es auch that, ohne den alten Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu heftigen Vorwürfen hinreißen ließ und meinen Gemahl beschuldigte, daß auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe, und aus Verkehrtheit des Herzens sich mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.

Wenige Gespräche reichten hin, um meinen Gemahl zu überzeugen, daß dieß ein Punkt sei, über den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen würde, und daß es daher besser sei, Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu thun, um der Neigung des Vaters zu entsprechen.

So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, daß er seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse, wenn er es vermeiden wolle, daß seine Abwesenheit nicht bemerkt würde. Mein Schwiegervater gab die[62] Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser Blick gab mir den Muth, sogleich bestimmt zu erklären, daß ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen würde.

Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie Viel ich während Evremonts Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschluß, der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfüllte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die größte Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der Dinge geändert hätte, daß wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten.

Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Pässe, worin wir als eine Schweizerfamilie, Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam, bestand der alte Graf Evremont darauf, daß sein alter erprobter Diener, der mehr sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte, da seine Kenntniß von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem Nutzen sein könne. Der gute Dübois trennte sich mit Thränen von seinem geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden überlassen mußte, aber er erkannte es als Pflicht, bei dem gefährlichen Unternehmen des[63] jungen Grafen seinen Beistand nicht zu versagen, um wo möglich das Vermögen retten zu helfen und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu führen.

Meiner Mutter mußte die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche, die ihn, wie sie glaubte, bestimmt hätte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Höchste, als sie bemerkte, daß auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie sagte mir mit Härte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott nicht habe erfüllen wollen, daß ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein würde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen entlassen.

Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere[64] Pässe wurden überall als gültig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die Zügellosigkeit des Volkes war auf's Höchste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt, und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger Verräther betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden. Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden, und sein Leben wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie Blainville durch Dübois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt miethen und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen, so daß ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verließ das Haus nur in der Dämmerung, von Dübois begleitet, um die nöthigen Geschäfte zu besorgen. Diese strenge Eingezogenheit wirkte nachtheilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und der herbei gerufene Arzt rieth uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie so viele Eltern in Paris es thäten, die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt wären. Er rühmte uns zu diesem[65] Zweck eine Wittwe an, deren Gewissenhaftigkeit er aus Erfahrung kannte.

Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Thränen auf meinen bleichen Knaben. Der Arzt verließ uns, und Dübois stellte mir vor, daß ich der Gesundheit meines Sohnes dieß Opfer schuldig sei und in Gefahr geriethe, wenn ich es nicht bringen wollte, dieß liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage meines Gemahls so gefährlich, daß man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne, ohne Unvorsichtigkeit und Verrath fürchten zu müssen.

Ich fügte mich allen diesen Gründen, die Evremont lebhaft unterstützte, und gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dübois versicherte uns, daß er in Paris viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles menschliche Gefühl verloren, daß nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter einigen Schutz hätte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so weit, daß er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.

Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dübois Arme legte, es war, als ahnete ich das[66] entsetzliche Unglück, von dem ich betroffen werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung, daß er kaum vermochte, den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen; doch siegte die Sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind hinweg.

Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher. Wir wagten es nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, daß es der Wittwe auffallend erscheinen mußte, daß wir jedes Mal so spät Abends das Dorf erreichten, daß wir uns begnügen mußten, das schlummernde Kind zu betrachten, um uns von seinem Wohlsein zu überzeugen. Dübois warnte mich ernstlich vor der Gefahr, die hieraus für Evremont entspringen mußte, und auch diese Besuche durften nicht oft wiederholt werden.

Es wäre gefährlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als Fräulein Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, daß sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und theilte unsere strenge Zurückgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, daß der kleine Adolph ihrer Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Aeußerste[67] dadurch beleidigt, daß die neue Kammerjungfer Vorzüge genoß, die ihr nie zu Theil geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch tadelte sie mich laut darüber, daß ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe, da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte, und sie doch sehr gut mit allen Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wüßten, wie wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie ließ über diesen Gegenstand ihrer übeln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmüthigkeit Dübois, um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er beruhigte sie zuletzt damit, daß er ihr vorstellte, ich habe die junge Person zu mir genommen, um die französische Sprache zu üben, und so ließ sich endlich die treue, aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten über die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden möglichen Verdacht deßhalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfniß, gegen Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so unnützen Ausgabe lächerlich zu machen.

Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder[68] sehnte sich darnach, die Rückreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten, und selbst die Fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts verrathen, weil sie uns selbst für das hielt, wofür wir in Paris galten.

So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren. Mein Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen, um auch einen großen Theil des Vermögens mit sich nehmen zu können, den ein treuer Freund seines Vaters ihm überliefern sollte, und schon traf Dübois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Paß für die so genannte Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden sollte, und ach! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen.

Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit, daß selbst er meinen Gemahl dringend[69] bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines theuern Freundes anvertrauen möge, Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte. Deßhalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.

So standen die Sachen, als ein unglückliches Geschick es wollte, daß mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der Straße begegnete; es ließ sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen, daß wir noch in Paris wären, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgetheilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen Bruder zu uns zu führen, wie er verlangte. Er that es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung, daß der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte.

Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte, wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn außer der Sorge für uns selbst, erfüllte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwäche des alten Evremont schilderte, und er that dieß ohne Schonung, weil er glaubte, daß uns diese Nachrichten keinen[70] Kummer verursachen würden, denn da wir, nach seiner und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergnügens Willen leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine große Liebe für ihn bei uns voraus, und wir mußten seufzend schweigen, um uns durch unsere Vertheidigung nicht zu verrathen. Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit; meine schöne Schwägerin, die reizende Adele, die mein Bruder für meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu. Bei seinen häufigen Besuchen mußte es ihm auffallen, uns immer zu Hause zu treffen, und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte, so bildete er sich ein, daß diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte, und daß ich meine Zimmer kaum verließe, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen. Dieses eingebildete Verhältniß gab ihm Gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu sein, und wir mußten es geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten.

Endlich schien es, daß wir von dieser Qual erlöst werden sollten. Mein Bruder kündigte uns an, daß er feine Abreise beschlossen habe, weil seine Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden,[71] dem er sich anschließen wollte, und alle Umstände schienen uns günstig; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.

Wir saßen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander, ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder blaß und verstört bei uns eintrat. Er mußte nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen, daß er die Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles verloren habe, was er besaß, sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinthe des Unglücks zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die sein Verderben herbeiführen konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen Händen befindlichen Paß zu seiner Abreise benutzen könnte.

Evremont übersah nicht nur die Größe der Gefahr, in der mein Bruder schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachtheilig für uns die Verbindung mit ihm werden könne. Alle diese Gründe bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser würde die angewiesene Summe sogleich auszahlen.[72] Unglücklicher Weise war das Bedürfniß meines Bruders so bedeutend, daß aus bester Absicht der wohlwollende Freund die Auszahlung zu verzögern beschloß, um meinen Gemahl vielleicht von einem leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die große Eile und die verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Güte meines Gemahls möchte gemißbraucht werden, und er erwiederte daher auf die dringende Forderung der Zahlung, er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen, dann sei er bereit Zahlung zu leisten.

Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Gläubiger begleitet, zurück und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und die verlangte Berechnung abzuschließen, damit er noch diesen Tag reisen könne, denn seiner erhitzten Einbildung schwebte Gefängniß und Guillotine unaufhörlich vor.

Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Gläubiger bei uns einzuführen, so sah Evremont, daß die Gefahr eben so groß sei, wenn er entschieden darauf bestände, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen, als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu zeigen, denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders leicht Verdacht daraus schöpfen, daß mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen wolle.[73] Er beschloß also den unglücklichen Gang. Der wohlwollende Banquier richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien. Hätten Sie mir geschrieben, sagte er verdrüßlich, daß die Sache so dringend sei, so würde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschäfte drängen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser that es stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.

Wir athmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wußten, den Dübois hatte abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben Tages, um eine andere entlegene Wohnung für uns zu suchen, da er glaubte, daß es besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte entfernten Theil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder völlig unbekannt wären. Es war ein schöner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuß ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und wir bildeten Pläne, wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm Glück und unserer Liebe[74] leben wollten; da auf einmal wurde ein Geräusch von vielen Tritten auf den Treppen laut, wir hörten mit Entsetzen das Getöse von Waffen; die Thür wurde aufgestoßen und Polizeibeamte drängten sich, von Wachen begleitet, in unsere friedliche Wohnung.

Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck; ich hörte nur dumpf, daß der Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im Traume sah ich, daß unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war innerlich erstarrt, ich fühlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der Polizei-Beamte auch mich berührte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, daß ich leblos niederfiel.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen. Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu verstehen, daß man mich zu Evremont führen, daß ich sein Gefängniß mit ihm theilen würde, und dieser Gedanke machte, daß ich ruhig wie ein Lamm folgte und mich führen ließ, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als unvermeidlich vor, aber es[75] lag in diesem gräßlichen Augenblicke ein Trost in dem Gedanken, daß wir zusammen sterben würden. Auf der Straße vor unserer Wohnung hielt ein Wagen; ich stieg ohne Weigerung hinein und, diese Erinnerung ist mir noch jetzt beinah die fürchterlichste, ohne an mein Kind zu denken. Mich belehrte jetzt die Erfahrung, daß es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann, der selbst die heiligsten Gefühle zu vernichten vermag, denn auf dem Wege nach dem Gefängnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein, daß ich Mutter sei, nur die Angst um Evremont erfüllte meine ganze Seele.

Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewußtsein in ein großes, schwach erleuchtetes Gemach geführt, und dumpf hörte ich mit Schlössern und Riegeln die Thüre des traurigen Aufenthalts befestigen. Meine Augen schweiften irr umher, ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur Weiber, die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten. Eine weinende Stimme erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone: Ach meine armen Kinder! Dieses Wort gab mir Leben, um mein Unglück zu fühlen, und Bewußtsein, um seine gräßliche Tiefe zu erkennen. Mein Kind! rief ich in schmerzlicher Klage, mein Sohn! mein Gemahl! und Thränen bedeckten mein Gesicht.[76]

Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit Verbrechern angefüllt. Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige Trieb nach Freiheit erwacht, dieser wurde oft mißleitet und die edelsten Opfer bluteten dem neuen Götzen. Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige Frauen, die mit wahrhafter Seelengröße ihr eignes Unglück und ihren wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten, und das Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten. Man machte in einem Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht; Jede trug von dem ihrigen dazu bei; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten, man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab, und ohne diesen menschenfreundlichen Beistand, den ich, von Tod und Grausen umgeben, fand, wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen, und eine ewige Nacht des Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen.

Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte, weiß ich nicht. Ich hatte nicht Besonnenheit genug, die Tage des Jammers zu zählen; die Gefährtinnen meines Elends verminderten sich, ob sie die Freiheit erlangten, ob sie dem Tode hingegeben wurden, erfuhr ich nicht, ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst verloren und wünschte den Tag herbei, an dem Frankreichs Boden auch mein unschuldiges[77] Blut trinken würde, und fürchtete doch zugleich seine Schrecken.

Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert, mich vor meine Richter zu stellen. Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines Körpers erschöpft, ich begriff kaum mehr, was man von mir wollte; ich fühlte nur noch dunkel, daß jetzt der Todestag gekommen sei, und schwankte einer Leiche ähnlich dahin, wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte. Man that verschiedene Fragen, deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen. Ich gab vermuthlich Antworten, doch weiß ich nichts von ihrem Inhalte. Ich hatte nur noch so viel Besinnung, daß ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt, die voran gehen mußte, ehe man mein Todesurtheil ausspräche, und ich erwartete mit einer Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen, als man mich für unschuldig und frei erklärte. Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine Richter und blieb vor den Schranken stehen; man machte mir bemerklich, ich könne den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dieß zu thun, und ich blickte trostlos umher, denn ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da trafen meine Augen auf das treue Antlitz Dübois, der sich zu mir drängte, meine Hand faßte und mich hinaus führte. Ich ließ es geschehen, und als die Luft des Himmels[78] mich wieder anwehte, wollte ich reden, fragen; nur hier nicht, nur um Gottes Willen jetzt nicht, sagte der redliche Mann, und ich bemerkte nun, wie elend und abgemagert er aussah.

Er zog mich fort, er wollte einen Platz erreichen, um einen Wagen zu finden, da geriethen wir in ein Gedränge von Menschen, das uns gewaltsam mit sich fortschob. Dübois war nur mit mir beschäftigt, er suchte mir Platz zu machen, und ich, ermattet und geängstigt, hatte ein schwaches Verlangen, die Ursache des Gedränges zu erfahren. Ich blickte umher, mich blendete im hellen Sonnenscheine der Glanz von Waffen, ich bemerkte, daß durch diese Bewaffneten ein Raum von Menschen frei erhalten wurde, meine Augen trafen auf eine Maschine, die auf einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete. Menschen standen auf dieser Erhöhung, und Gott im Himmel! ich erkannte meinen Gemahl. Einen Schrei der Angst stieß ich aus, vor dem ich selber erbebte, alle Kräfte strebten hin nach dem unglücklichen Opfer, dieß ist das letzte, was ich von meinem damaligen Zustande weiß.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 2, Breslau 1836, S. 50-79.
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