VI

[99] Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen und er blieb an dem Tische sitzen, auf welchen er die Ellenbogen stützte, das Gesicht in beide Hände senkend. Es stürmten so viele verworrene Empfindungen durch sein Herz, daß sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte, um sich darüber zu erheben. Das schreckliche, unverschuldete Unglück seiner Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele; aber diesem Gefühle war dennoch eine mißmüthige Beschämung beigesellt, wenn er sie sich im Gefängnisse unter dem Volke oder wahnsinnig dachte. Das Schicksal des hingerichteten Gemahls, seines eigenen Freundes, erpreßte ihm Thränen, und dennoch wendete sich seine Seele mit Widerwillen ab, wenn er die Wittwe[99] dieses Unglücklichen als seine Gattin denken wollte. Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die wehmüthige Betrachtung in ihm erweckt, daß er in der That nie glücklich gewesen sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen, aber immer betäubt habe, durch Reisen, durch Studien, durch Gesellschaften. So drängt sich mir denn auf einmal die vernichtende Klarheit auf, dachte er innerlich, daß ich mein ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe; eine krankhafte Leidenschaft bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben, die ich niemals wahrhaft besessen habe, die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte, dessen Bild noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt. Sie wurde nicht Mutter, um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren, und ihre mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes, mir fremdes Wesen, das, wenn es noch lebt, vielleicht in niedrigen Verhältnissen erwachsen, die Mutter beschimpft, die es geboren, und mich zugleich, der ich mit dieser Frau verbunden bin. Ja ich bin sehr, sehr unglücklich, sagte er endlich laut, und seine Thränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder. In dieser kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen, bis er endlich sich mit männlicher Kraft[100] erhob und edlere, großmüthigere Empfindungen Raum in seiner Brust gewannen. So zahle ich denn, wie jeder Andere, sagte er mit Bitterkeit zu sich selbst, den Tribut der menschlichen Schwäche; ich denke mit Selbstsucht nur an mich; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden, die ich in dieser Verbindung durchlebte, und den Schmerz der unglücklichen Frau, die mir endlich ihren Kummer vertraut, wie die Angst, mit welcher sie erwartet, welchen Ein druck dieß Bekenntniß auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht, Du Arme, die Du meine Schwäche kennst, zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten, das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und könnte ich denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstörenden Schmerz, die Verbindung mit dieser Frau aufgeben; würde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine Eigenthümlichkeit so verstanden, mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt hätte, als sie? Kann ich dieß Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das Leben von allem Reize für mich zu entblößen? Und was ist es denn nun eigentlich, was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines unglücklichen Freundes, und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewußt nur dadurch erzeugt, daß die Seele[101] beschimpfende Verbrechen und öffentliche Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten, wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt, alle Dämme, die Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmuth hinzu, und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Werth zu verlieren? Blieb nicht in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum für jede edle Empfindung, und bin ich klein genug, diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen? Und ist es denn nicht möglich, daß noch Alles besser wird? Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen, an meiner Brust wird ihr lange gepreßtes Herz nun freier schlagen, ich kann kräftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen, dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschönern kann. Nein, ich bin nicht unglücklich, schloß der Graf sein langes Selbstgespräch, und neuen Muth und neue Hoffnung drückten seine edeln Züge aus, und mild leuchteten die noch von Schmerzensthränen feuchten Augen.

Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es[102] äußerlich ruhig zu erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde, nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die Hände, sie krampfhaft fest in einander schließend, und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie, im Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei, aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem Kabinet und kein Laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück. Der Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender; Fiebergluth und Leichenblässe wechselten auf ihrem Gesichte, und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum fünften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu sprechen, um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen, und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Thüre, als er sein Kabinet öffnete. Der Graf trat heraus und[103] fragte mit Heftigkeit: Was macht meine Gemahlin? Sie lebt, erwiederte die weinende Emilie, aber ihr Zustand – – Er hörte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit höchster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück, und die flehenden Augen der Gräfin, ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der schmerzlichsten Wehmuth. Mein theures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem er sie in seine Arme schloß. So hast Du mir vergeben? sagte die Gräfin mit kaum hörbarer Stimme. Es war das erste Mal, daß sie ihren Gemahl mit Du anredete, und diese einzige Sylbe, die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu vernehmen, rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens auf's Innigste. Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende Gespräche zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergüsse des Herzens, die zärtlichste Selbstanklage, die großmüthigste Vergebung wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab, und der Arzt würde befürchtet haben, daß der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreißen müßte. Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte[104] sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glücklichen, genußreichen Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemüths Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, daß der verlorne Sohn noch gefunden werden könnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfüllen könnte.

Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen, und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte, wirkte höchst vortheilhaft auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich für ihn, zu dessen Glück sie nothwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten.

Getröstet, indem er Trost ertheilte, verließ der Graf, mit sich zufrieden, das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte. Im Vorzimmer traf er Dübois, der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort über den Zustand der Kranken[105] vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell, wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er gethan und gelitten, vor den Augen des Geistes vorüber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung ängstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen: Mein guter alter Dübois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann faßte, um sie zu küssen; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt. Der Haushofmeister wußte nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte.

Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besänftigt waren, ließ der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit höchster Güte: Ich weiß es jetzt erst, mein guter Dübois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Gräfin hat es mir vertraut, was Sie für sie gethan und gelitten, und daß ich außer der Erhaltung ihres mir so theuern Lebens Ihnen vielleicht noch große Summen schuldig bin, die Sie ausgelegt und nicht zurückerhalten haben; lassen Sie uns also darüber nun aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren, wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können. Der alte[106] Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an, und Thränen traten in die gutmüthigen Augen und flossen über die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden, rief er aus, daß die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat, und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen. Ja, gnädiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, daß Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur deßhalb erhalten hat, damit ich der unglücklichen Frau nützlich sein konnte; dieß ist mir gelungen, und dafür danke ich dem Himmel täglich. Was ich damals an Geld ausgegeben, ach gnädiger Herr Graf! Welches Herz hätte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken, oder die armseligen Summen zählen können; doch bin ich überzeugt, daß die Frau Gräfin mir Alles längst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rücksicht nichts zu fordern.

Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf gerührt, so geben Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns, dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.

Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der Haushofmeister lächelnd.[107]

Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf, indem er die Hand des alten Mannes drückte.

So hoch mich dieß Wort auch ehrt, versetzte Dübois mit großer Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, daß ich nicht einzusehen vermag, worin meine Erniedrigung bestände, wenn ich bei meiner gewohnten Beschäftigung bleibe. Ich glaube, es hängt von der Art ab, wie ein Geschäft betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten Aemter im Staate mit knechtischer Seele, bloß des eigenen Gewinns wegen, verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung für den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausübt, mag er äußerlich so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme, und wenn mein treues Auge darüber wacht, daß bei Ihrem großen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu thun, so habe ich Antheil an allem Guten und Großen, was auf diesem Wege erreicht werden kann, und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt.

Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit[108] in den einfachen Worten des alten Mannes überrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen Sie mir, keine Anstrengung zu übernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig sein könnte. Der alte Mann versprach dieß willig und sagte dann: die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden. Er wird gewiß einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran läßt sich bei seinem großen Fleiß gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein edler Beschützer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge genommen, daß er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste leistete, die dieser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders einzurichten, und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten, der solcher Liebe fähig war?

Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen Menschen in der Bibliothek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung, die er früher gehabt, und sobald mein Vetter zurückkommt, wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen. Der Haushofmeister fühlte sich für alles, was er jemals gethan, durch dieß Wort des Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs[109] in dem Maße, wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm eröffnend, daß er entschlossen sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dübois gab alles an, was nur irgend auf eine Spur führen konnte, um den Verlorenen zu entdecken, und zerfloß beinah in Thränen, weil er dadurch gezwungen war, alles erlittene Unglück der Familie Evremont sich in's Gedächtniß zurückzurufen. Der Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Rührung, zu trösten, und Beide kamen darin überein, daß vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müßten, damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe, durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so tiefer verwundet werden müßte.

Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung. Die Gräfin hatte in dieser ernsthaften Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmäßig, und der Graf war so zärtlich besorgt, daß er den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt für ihre Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nächsten[110] Abend hatte St. Julien den Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und ihrer Freundin Therese zubringen zu dürfen, und die Kranke war zwar sehr ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam, daß früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.

Die unermüdete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der größeren Ruhe des Herzens, welche die Kranke jetzt genoß, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden außer dem Bette verweilen; ihre Kräfte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen. Dieß war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen, und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Thalheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im Stolz über die Genesung der Gräfin, die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn über die Kranke angemaßt, welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen ließ, und so begleitete er sie nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung, als dem Leben wiedergegeben, begrüßt wurde.[111] Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre Nähe, nicht, wie er versicherte, aus thörichtem Hochmuth, sondern seiner Pflicht gemäß, damit er ihr die Speisen widerrathen könne, die ihm schädlich dünken würden; er übte aber eine so strenge Kritik, daß er der Gräfin beinah nichts erlaubte zu berühren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber Herr Doktor, Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren, wie der Arzt mit dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich, als ihm.

Niemand konnte begreifen, weßhalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte, daß er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen, die im Zorn feurig blinkten, rief: Ich weiß, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die von müßigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten zu mischen, aber niemals hätte ich geglaubt, daß ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte. Vergeblich bemühte sich St. Julien ihm deutlich zu machen, daß ihn Niemand mit dem edeln Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm[112] ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schönen Tage versöhnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, daß er immer noch Verdruß im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer Sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrußes von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Gräfin zu ihm und sagte: Sie müssen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle, einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken nicht verschmähen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an, der die Brillanten, die nun an seinem Finger glänzten, mit demselben Gefühl betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose, weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte. Emilie näherte sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche, Therese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien überreichte ihm, trotz seines, beinah zu großen Abscheus[113] gegen alles Tabackrauchen, eine so außerordentlich verzierte, schöne Tabackspfeife, daß dieß Geschenk des Werthes wegen zwar ernsthaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz über seine anerkannten Verdienste, dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude über den Werth der Geschenke bestürmten sein Herz dermaßen, daß ihm Thränen in die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich dünkten, seine Gefühle auszudrücken. Er küßte rasch hinter einander die Hände aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküßt haben, wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt hätte, wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.

Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, daß die frühere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte, völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, daß die Krankheit der Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch dieß Zusammentreffen so erschütternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen[114] öffentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine größere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden. Er konnte sich ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken, denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Therese und St. Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten.

Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar, faßte sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zärtlichste Anhänglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, daß das Leben noch Reiz für sie haben könne, und daß selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr theilte, und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wußte.

Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so daß Allen unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrüßte den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemäßigt, als man die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet[115] wurde. Mit sichtbarem Gefühl bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung; ein Strahl wehmüthigen Entzückens leuchtete in seinen Augen, als er Theresens Hand küßte, welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte, mit gleichem Feuer erwiederte er St. Juliens stürmische Umarmung, und mit kindlichem Gefühl die väterliche Begrüßung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater, theurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben, sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme; ich glaubte, Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiederte der Graf mit Bestürzung, mir ist Ihr Unglück völlig fremd, und es erschüttert mich um so mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den schmerzlichsten Verlust zu erdulden.

Jedermann fühlte, daß es unschicklich sein würde, in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die Gesellschaft trennte sich früher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen wäre. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte, kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte, bis er sich laut weinend in seine Arme warf. Freudig überrascht, drängte ihn der junge Graf von seiner Brust zurück, um[116] ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich aus, nimmermehr hätte ich geglaubt, daß wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vortheile verändern können; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, daß Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast.

Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, daß mir Herr Dübois so außerordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Gräfin hat mir die feinste Wäsche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmäßig einrichten könne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche Haltung.

Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lächelnd, von dem lustigen Herrn St. Julien, zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat, und der mich nun, seit das Leben der Gräfin außer Gefahr ist, täglich vexirt und mich dabei tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, plötzlich in Rührung übergehend, fort, hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen, die Bedienten abgerechnet; aber Herr Dübois meint, die wären beinah nirgends so gut, wie sie oft in Büchern geschildert werden,[117] und verzeihen Sie mir, wenn auch Herr Dübois nicht so vornehm ist, als sie Alle, so ist er gewiß einer der Besten hier im Schlosse.

Ich glaube es Dir, erwiederte der junge Graf, und es schmerzt mich, daß ich ihm früher Unrecht gethan habe; ich sehe, er handelt wahrhaft väterlich gegen Dich.

Sie haben das rechte Wort ausgesprochen, erwiederte der Jüngling; wie ein Vater sorgt er für mich, und der Rath, den er mir giebt, ist jedes Mal so weise, daß ich blind vor Undankbarkeit sein müßte, wenn ich ihn nicht befolgen wollte. Es war hier eine trübe Zeit im Hause, so lange die Gräfin so gefährlich krank war. Der Graf sprach mit Niemandem; Herr Dübois zehrte sich ganz ab vor Kummer; Herr St. Julien und Fräulein Emilie weinten mit einander, so oft sie sich sahen, Herr Dübois ermahnte mich, mit ihm für das Leben der Gräfin zu beten, und ich that es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide, obgleich er katholisch und ich protestantisch betete; endlich erholte sich zu unserer aller Freude die Frau Gräfin. Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dübois: Der Graf will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich vorgenommen, Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu nehmen, ich habe ihm dieß für jetzt widerrathen, und ich will Dir, mein lieber[118] Sohn, die Gründe sagen, weßhalb ich dieß that, damit Du siehst, daß ich es wohl mit Dir meine. Kein Mensch ist Herr seines Geschickes, wir können nichts thun, als, was uns auferlegt wird, mit Anstand tragen und, indem wir verständig unsere Verhältnisse ordnen, die schlimmen nach und nach besiegen. Du, mein liebes Kind, hast dieß Haus unter ungünstigen Umständen betreten, die ganze Dienerschaft beleidigte Dich, indem sie Dich für ihres Gleichen hielt; wenn Du jetzt auf ein Mal an der Tafel ihres Herrn speisest, so müssen sie Dich zwar bedienen, aber Du kannst denken, mit welchem Neide und innerem Grimm, und es läßt sich nicht berechnen, welche Kränkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen können. Wenn Du uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student besuchst, dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrückten Lage und der neuen Erscheinung; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Theil verändert, Du hast schon mehr Ansprüche in der Welt; dann speise an des Grafen Tafel und ich will Dich gern selbst bedienen. Ich erschrak vor diesem Worte, denn wäre es nicht eine wahre Gottlosigkeit, wenn ich die Unverschämtheit hätte, mich von diesem ehrwürdigen Manne bedienen zu lassen? Ich sagte ihm dieß auch und versicherte ihn, daß ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende leisten würde. Er umarmte mich ordentlich[119] gerührt, als ob mein Gefühl etwas Besonderes wäre, und so wurde beschlossen, daß, so lange ich jetzt noch hier bleibe, ich fortfahre, bei ihm zu speisen und zu wohnen.

Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rührung vernommen und beschloß, dem alten Manne seinen Dank für dessen freundliche Güte zu bezeigen. Mit großem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persönliche Dienstleistung, und dieser mußte es halb mit Kränkung, halb mit Stolz betrachten, wie ein fremder Bedienter, der mit ihm gekommen war, den jungen Grafen entkleidete, und er verließ, durch eine herzliche Umarmung beglückt, seinen edeln Beschützer, um ihn der Ruhe, die er bedurfte, zu überlassen.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 2, Breslau 1836, S. 99-120.
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