VIII

[158] Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager, um noch vor dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen, den er in seinem Kabinet mit der Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand. Der junge Mann eilte, seinem väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten, wie er die[158] Angelegenheiten seines Vaters habe ordnen wollen, als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht habe. Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern, daß er sich zu zeigen bemühte, wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung geführt hätten. Wir thun gewiß immer gut, erwiederte ihm der Oheim, wenn wir alle Erscheinungen im äußeren Leben als unsichere Zeichen des wahren Innern betrachten und unser Urtheil über die Menschen mild sein lassen, wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen.

Dieß würde uns aber zum völlig unthätigen Dulden führen, versetzte sein junger Freund.

Gewiß nicht, erwiederte der Graf; denn die Milde, mit welcher ich den Menschen betrachte, der mir Unrecht zufügen will, braucht mich noch nicht zu bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Haß dagegen vertheidige; ja, ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich erzürnen, ohne darum den, der sie ausübt, geradezu zu hassen.

Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, daß es Verhältnisse gibt, in denen der Haß eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Gründe ganz nahe, die[159] alle besseren Gemüther bestimmen sollten, sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen.

Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und unsern edeln König? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah, daß sein Verwandter schwieg, daß der Haß kräftiger wirkt, als die Liebe?

Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, daß er sich jetzt lauter ausspricht.

Wenn dieß ist, erwiederte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit für edle Zwecke benutzen, ohne ihn zu theilen.

Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf; ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran setzen, sie zu vernichten.

Hassen Sie auch St. Julien und Dübois? fragte der Graf, und sein Verwandter blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme; sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit so empörender Anmaßung empfinden lassen.

So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Uebermuth, die Anmassung hassen und alle Kräfte anwenden, um von dem unwürdigen Druck, unter dem wir leiden, uns zu befreien. Daß dieß nicht ohne gerechten Zorn gegen die[160] Unterdrücker geschehen kann, ist natürlich; aber warum wollen Sie deßhalb der unedeln Empfindung des Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der Haß wird ihn immer ungerecht machen und deßhalb erniedrigen.

Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fühle nur, wie glühend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht abläugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich fürchten muß, daß sie mich in Ihren Augen erniedrigt.

Der Haß, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust des Menschen, wie die Liebe; ja Sie können mit dieser Gluth des Herzens gar nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehaßten Gegenstand.

Wie! rief der junge Graf überrascht, ich sollte Napoleon lieben?

Mißverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel viele Vorzüge des Geistes in Napoleon, Sie müssen ihn als Feldherrn oft bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Haß, daß er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen mißbraucht, um die Welt mit Krieg zu verheeren, die Völker zu unterdrücken und im Uebermuthe seines Glückes[161] den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Würden Sie in dem allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswerthes finden, so würden Sie Ihr Gefühl nicht selbst glühend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begründeter Haß würde Ihre Brust erfüllen, und dieser würde alles Andere eher, als eine Begeisterung gegen den gemeinsamen Feind hervorrufen.

Unser Gespräch hat uns weit von dem Gegenstande abgeführt, sagte der junge Graf, den ich zu berühren wünschte.

Ich glaube nicht, erwiederte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein lieber Vetter, daß Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören, der sich vorzüglich auf Tugend gründen will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm Gegenstande entfernt, wenn wir gemeinschaftlich überlegen, welche Art von Zorn oder Haß mit der Tugend im Bunde sein kann.

Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich will Ihnen kein Geheimniß entreißen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt, als ich, um jedes Mißverständniß zu vermeiden, zugleich erklären muß, daß ich nach meinen Grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann.

Sie würden sich also ausschließen, fragte sein Verwandter[162] mit Bestürzung, wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der uns alle erniedrigt?

Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo ich es beweisen kann, daß mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines Blutes meinem Könige und meinem Vaterlande gehören; aber ich bin nicht für geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, daß Verhältnisse eintreten können, in welchen sie beinah nothwendig werden, und ich nicht so blind bin, nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches Zusammentreten der Guten sein würde; das traurige Ende des unglücklichen Palm hat uns gezeigt, wie weit die Machthaber im Stande sind zu gehen. Aber auch im gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein nothwendiges Uebel betrachten.

Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als ich die Ueberzeugung habe, daß die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an dieser Verbindung Theil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen.

Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich, erwiederte der Graf.

Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen[163] von den einsichtsvollsten Staatsmännern gekannt und gebilligt wird.

Eben darum, erwiederte sein Oheim, wird sie, geleitet von diesen Männern, in der nächsten Zeit unendlich viel Gutes leisten. Aber wenn die Drangsale der Gegenwart vielleicht besiegt sein werden, wird sie sich dann ruhig auflösen, wenn der angegebene Zweck erfüllt ist, oder wird sie fortbestehen wollen, um andere Zwecke, die ihr jetzt fremd sind, zu verfolgen? Dieß ist eine Frage, die Sie mir nicht beantworten können, und dieß ist die Ursache, weßhalb ich mich unmittelbar nicht anschließen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft verbinden kann; auch bin ich nicht mehr jung genug, um unbedingt fremden, unbekannten Obern folgen zu können, da ich seit lange gewohnt bin, nach eigener Einsicht zu handeln.

So wäre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand vergeblich? sagte der junge Graf.

Das nicht, erwiederte sein Oheim, wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer Verbindung gehöre, so bin ich doch von ganzem Herzen bereit, jeden einzelnen guten Zweck, den Sie zu erreichen streben und mir mittheilen wollen, damit ich beurtheilen kann, ob auch ich ihn für gut halte, aus allen Kräften zu unterstützen, besonders wenn Sie mir versprechen[164] wollen, sich sogleich von dieser Verbindung zu trennen, so bald der jetzt angegebene Zweck, die Befreiung des Vaterlandes von den Franzosen, erreicht ist.

Wenn das erreicht ist, sagte der junge Graf mit glühenden Wangen, wofür wir alle bereit sind, unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, wenn wir unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen, wenn unser König wieder in der Mitte seiner Unterthanen mit Ruhe und Sicherheit für das Wohl Aller wachen, und Milde und Gerechtigkeit üben kann, dann bedarf es keiner Verbrüderung mehr, und gewiß kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurück.

Habe ich Ihr Wort, daß wenigstens Sie so handeln werden? fragte der Graf. Gewiß, erwiederte sein Verwandter, indem er die dargebotene Hand des Oheims ergriff. Unter solchen Bedingungen, sagte dieser, können Sie mich gewissermaßen als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten, deren von mir gekannte und gebilligte Absichten ich aus allen Kräften unterstützen werde, und deren jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne.

Es wurde über diesen in der damaligen Zeit höchst wichtigen Gegenstand noch Vieles gesprochen und erörtert, und der Graf sagte endlich: Nachdem wir nun so viel über öffentliche Angelegenheiten gesprochen haben, sollten Sie mir[165] denn nichts über Ihr eigenes Glück zu vertrauen haben? Der junge Graf bekannte seinem Oheim die lang genährte zärtliche Neigung für die schöne Therese und den Vorsatz, ihr seine Hand anzubieten, obgleich er ihr kein glänzendes Loos versprechen könne. Der Oheim billigte sein Gefühl für ein zärtliches, edles Wesen, dessen Neigung für seinen Verwandten er lange errathen hatte. Er freute sich über eine Verbindung, die, wie er glaubte, Beide beglücken müsse, und schloß endlich, indem er lächelnd sagte: Und nun lassen Sie auch mich Ihnen einen Plan mittheilen, den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnügen innerlich ausbilde, und der Ihr häusliches Glück und Ihr öffentliches Wirken vereinigt fördern könnte. Der junge Graf erwartete mit Spannung, was sein Oheim ihm mittheilen wolle, und dieser fuhr fort: Sie haben, mein lieber Vetter, so vieles Trübe im Leben erduldet, daß dieß einigermaßen in Ihren Charakter überzugehen droht; deßhalb wäre es mein Rath, daß Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten, diesen Trübsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu lernen, als den engen Raum, auf dem Sie sich bis jetzt unter ungünstigen Umständen bewegt haben. Dabei könnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit Behutsamkeit zu erforschen streben, vielleicht auch Verbindungen knüpfen, die in der Zukunft für Ihre Pläne dienlich wären; zugleich[166] könnten Sie sich die nöthigen Kenntnisse von der Landwirthschaft verschaffen, einen tüchtigen Mann in diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden, und wenn Sie mit einem solchen nach einem Jahre zurückkämen, dann würde ich Ihnen meine Güter zur Verwaltung übergeben und die Bedingungen natürlich so einrichten, daß Ihnen bedeutende Mittel bleiben, Ihre Pläne zu verfolgen; dann könnten Sie Neuerungen einführen, ohne aufzufallen; Sie könnten die Schulen verbessern und die Jugend in den Waffen üben, und käme die Zeit, so könnten Sie die jungen Landleute von meinen und Ihren Gütern wohl bewaffnet und wohl geübt dem Könige zuführen, und an deren Spitze selbst für unser aller Wohl fechten.

Der junge Graf war entzückt über diesen Plan, nur betrübte es ihn, daß er sich von Neuem von seiner schönen Freundin trennen sollte. Auch für diese, sagte sein Oheim, ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam. Das arme Kind hat so vielen Druck des Lebens erduldet, daß ihre Gesundheit darunter gelitten hat; lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gönnen Sie ihr die Zeit, unter Anleitung der Gräfin ihre Bildung zu vollenden, die sie, durch ungünstige Umstände verhindert, früher hat versäumen müssen, und die sie um so weniger entbehren kann, da sie die Leitung eines[167] Hauses, die Sorge für eine entstehende Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter übernehmen muß.

Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzücken seinen gütigen Oheim und ging freudig in dessen wohlwollende Pläne ein. Es wurde nun noch beschlossen, die Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen, damit die Erziehung der letzteren dort vollendet werden könne, und der junge Graf sowohl, als sein Oheim faßten den ernsten Entschluß, jede unnütze Ausgabe zu meiden, um den Ueberschuß ihrer Einkünfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu können. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Nothwendigkeit, die stattgefundene Unterredung dem Obristen Thalheim in so weit zu verschweigen, in wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe für den König und daraus entspringendem heftigem Haß gegen dessen Feinde nicht Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen, in freudiger Hoffnung Dinge verrathen könne, die durchaus verschwiegen bleiben mußten.

Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem Oheime zum Frühstück im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht Theil nehmen an heiteren Gesprächen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und verließ deßhalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen[168] einsamen Spaziergange die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die Sehnsucht seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte, sollte nun auf's Schönste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland thätig zu beweisen, und er fühlte in dem Maße den persönlichen Haß in seiner Brust sich mildern, als sich ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu thun; so daß er sich leise im Inneren gestehen mußte, daß sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner Andeutung, daß Liebe und Zorn vereinigt zu Thaten begeistern können, der Haß aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen unglücklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie auch dessen Haß aus dem Gefühle entsprungen sei, daß er sich nicht aus den ihn bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge. Ach, armer Vater! seufzte er, wenigstens darin hattest Du Recht, daß sich mein Loos glücklicher gestaltet, und daß es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt, als das Deine, von Allen mißhandelte. Mit Beschämung dachte er daran zurück, in welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten hatte, dem er nun Alles[169] verdanken sollte, die beglückende Befriedigung seiner innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und schwellte, so oft sie in seinem Geiste Raum gewann, daß er einst an der Spitze von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des Vaterlandes beitragen würde.

Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom Schlosse entfernt, ohne es zu bemerken, und suchte nun den Rückweg durch anmuthige, enge Schluchten, indem er dem Laufe der Bäche folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder, bemerkte aber, daß er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten Seite des Schlosses her näherte. Ein Diener, der den kürzeren Weg zu einer nahe gelegenen Mühle gehen wollte, öffnete eben die Hinterthüre, die auf eine mit Bäumen bewachsene Wiese führte, und der junge Graf benutzte die Gelegenheit, den Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gänge hinging, hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen, und als er sich eilig der Gegend näherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, mäßigte er bald seine Schritte, denn er hörte St. Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt war, und die St. Julien zum Platze für Waffenübungen bestimmt zu haben schien, denn er und[170] der junge Gustav waren eben damit beschäftigt, nach dem Ziele zu schießen, und St. Juliens Gelächter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, daß St. Julien meisterhaft schoß, mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte, daß aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Theil wurde. Jetzt ist genug Pulver verdorben, hörte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schüler selbst von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit Theilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken ließ. Er betrachtete mit einem sonderbaren Gefühle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete, seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich nicht enthalten, schaudernd an die Möglichkeit zu denken, daß dieser die erlernten Vortheile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran, daß er selbst, wenn seine Sehnsucht erfüllt werden sollte, dann auch dem Freunde feindlich gegenüber stehen müsse, und betete innerlich, daß nie eine Nothwendigkeit eintreten möge, die ihn zwänge, sein Schwert gegen dessen Brust zu richten.

Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte[171] er seine Gegenwart bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung; nun! rief er dem Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre edeln Gedanken beschäftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man Sie anredet?

Zunächst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, daß Sie sich für die Ausbildung meines jungen Freundes bemühen.

Ach, das thun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und ich suche ihm das Aeußerliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelänge es mit mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat; aber auch ich mache ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich eingeübt.

So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf überrascht.

Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiederte der junge Mensch mit Bescheidenheit, daß er Kantor an der Hauptkirche der größten Stadt hätte sein können, und er hat[172] mich früh angehalten, Generalbaß und Kontrapunkt zu studiren; ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu üben und habe darum die Fertigkeit im Spielen verloren.

Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein Instrument auf meinem Zimmer und weiß darum, wie gut er spielt.

Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig von Musik, als daß Sie es recht beurtheilen könnten, ob ich gut spiele.

Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus; nein, mein Lieber, rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen, wenn Sie nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen Fechterkünste zur Vertheidigung Ihrer Worte anzuwenden.

Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.

Ich bin auch nicht beleidigt, erwiederte St. Julien, denn ich habe zu viel Selbsterkenntniß, als daß ich nicht einsehen sollte, daß Sie Recht haben; aber man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mängel des Nächsten so offenherzig rügen zu hören; übrigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet, fort, bin ich schon selbst so ehrlich[173] gewesen, meine geringe Kenntniß und sein großes Verdienst öffentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine Lob, wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgeführt habe, ganz allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, daß der junge würdige Mann die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen übernehmen soll; aber er weigert sich hartnäckig, wie ich auch auf ihn einrede, und er muß doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.

Weßhalb willst Du denn diese Gefälligkeit nicht haben, fragte der junge Graf den Jüngling. Weil der alte gutmüthige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.

Ich werde Dübois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht mitzutheilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so können wir weiter nichts thun; wenn sie aber Deine Theilnahme an der Musik wünschen sollte, so wirst Du Dich gewiß nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewiß nicht, rief der Jüngling, sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen hat.

In der That, sagte St. Julien lächelnd, wenn ich nicht von Natur bescheiden bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu werden. Er zeigt[174] ganz unverhohlen, daß meine Bitten nichts wiegen in der Schale, auf der er seine Handlungen abmißt.

Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St. Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen war.

Von meiner Mutter! rief dieser freudig überrascht und verließ die Freunde, um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zärtliche Mutter an ihn richtete.

Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon, daß er mit seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Für's Erste sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universität, die er selbst wählen könne. Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche Summe, die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf. Ich werde selbst nur noch einige Wochen hier bleiben, schloß der junge Graf, und dann eine Reise antreten; deßhalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben, denn es würde mir wehe thun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.

Bin ich denn nicht Ihr Eigenthum, rief der Jüngling, indem er sich seinem edeln Beschützer in die Arme warf; wäre ich nicht ohne Sie verloren, wahrscheinlich im Elend umgekommen?[175] Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch wissen, daß jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?

Vergiß nicht, sagte der Graf bewegt, daß ich Deiner Liebe und Pflege ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander haben, sind einander gleich, und Du mußt Dich nicht wie einen Untergebenen, sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhängt, weil ich älter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.

Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rückkunft unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden näherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schöne Leben hier ist bald geendigt, und Gott weiß, wohin mich mein Schicksal führt. Der junge Graf nahm den Brief, und indeß er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange auf und ab.

Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, daß sie die persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er gehöre, und daß dieser die Gefälligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, daß aus seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachtheil[176] für ihn erwachsen solle, indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung würde den Befehl erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen Kriegsgefangenen von der preußischen Regierung zurück zu fordern, und ihm dann noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermuthlich nach Italien gehen werde.

Vor Ablauf dieser Zeit, schloß die Mutter, würde sie unfehlbar auf Schloß Hohenthal erscheinen, um seinen edeln Freunden zu danken, und in der Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen.

Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zurück zu nehmen. Nicht wahr, fragte er seinen Freund, es kränkt Sie auch, daß wir sobald uns trennen sollen? Ja wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott weiß, wie wir uns noch einmal gegenüber stehen müssen.

Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten? fragte St. Julien überrascht. Gewiß nicht, versetzte sein Freund mit bitterem Lächeln.[177]

Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, daß wir uns gegenseitig erschlagen müßten, denn Preußen kann nicht mehr wider uns, sondern muß mit uns sein, und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und Waffenbrüder.

Junger Mann, erwiederte sein Freund, indem er beide Hände auf die Schultern des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie hätten etwas deutsches Blut in den Adern, dann würden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schooße der Zukunft ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrübend genug ist.

Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier scheiden. Indem er dieß sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Gräfin, die durch einen langen Baumgang sich dem Platze näherten, auf welchem die jungen Männer versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jüngling Gustav wollte sich zurückziehen, aber St. Jülien bemerkte selbst in seinem Schmerze dessen Absicht. Er faßte deßhalb seinen Arm und zwang ihn so, sich ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen St. Juliens, und ihr ängstlich fragender, theilnehmender Blick[178] wirkte zauberhaft auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken leuchtete aus seinen Augen. Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten Begrüßungen lächelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die ersten Proben zu Ihrem großen Koncert heut Nachmittag zu leiten?

Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab, erwiederte St. Julien, wenn ihm Dübois nicht die Erlaubniß dazu ertheilt.

Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen, sagte die Gräfin gütig; er sieht es ein, daß es eine Thorheit wäre, wenn man um kläglicher Rücksichten Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte.

Nun, sagte St. Julien mit einem gutmüthig schadenfrohen Blick auf Gustav, der Sieg wäre also mein, und heut Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste Probe.

Wenn Sie auch über mich spotten, erwiederte der Jüngling empfindlich, so bleibe ich doch dabei, daß ich nichts gegen Herrn Dübois Rath unternehmen werde. Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen, als daß ich ohne Undankbarkeit anders handeln könnte. Sie haben Recht, sagte die Gräfin, indem sie ihm gütig die Hand reichte, die der Jüngling mit großer Ehrerbietigkeit küßte. Ich achte selbst Herrn Dübois so hoch, daß ich nichts thun möchte, was ihn kränken[179] könnte, und ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer verursachen, und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so, wie ich.

Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er lächelnd hinzu, daß er ihm erlaubt, die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen, denn sonst, sehe ich, hätten wir doch wohl darauf Verzicht thun müssen.

St. Julien konnte sich nicht entschließen, die schöne Heiterkeit auf Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben, daß er bald würde scheiden müssen; auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte, so daß er selbst sich den Genuß nicht trüben wollte. Er beschloß aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter mitzutheilen, weil nun doch bald auf die Forderung des französischen Kommandanten der Festung *** von der preußischen Regierung demselben die Weisung zukommen müßte, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.

So war also nun der Jüngling Gustav, der als ein armer Knabe auf Schloß Hohenthal angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer[180] Herrschaft eingeführt worden, und er nahm Theil an deren Gesellschaft und an ihren Vergnügungen. Die große Kenntniß der Musik, die er vor Allen voraus hatte, wurde nicht bloß St. Julien nützlich, sondern auch den Damen, deren Singübungen er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schönen Therese gelang es sogar, daß der junge Graf sich entschloß, die fehlende Baßstimme zu übernehmen; aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer Kenntniß dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre darin suchte, daß sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte.

So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen, Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jüngling Gustav fehlte nie in dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen und als Grund offen die Nothwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das Vaterland so vieler Opfer bedürfe, und er bemerkte oft, daß es ein peinliches Gefühl sei, sich unnütze Ausgaben zu erlauben, indeß, sagte er, unser erhabenes Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens giebt. Es war dieß gewiß die innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die Gelegenheit auch gern, sich von dem Umgange mit dem benachbarten[181] Adel zurück zu ziehen, denn es war ihm nicht unbekannt geblieben, wie viele Gespräche über seine Gemahlin der unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem Friedensfeste des Baron Löbau veranlaßt hatte.

St. Julien theilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Männer sahen seufzend ein, daß die Trennung nothwendig und nah sei. Der Graf gestand sich trauernd, daß er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte, die durch des jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde, aber er verschwieg diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu genießen.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 2, Breslau 1836, S. 158-182.
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