XVI

[338] Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg, kam ihm St. Julien entgegen, in dessen Augen noch leichte Spuren von Thränen waren, obgleich der lächelnde Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien, welches diese Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte. Er hielt einen Brief in der Hand und sagte: In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein, um Ihnen ihren Dank darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen. Die Lippen des jungen Mannes zitterten, indem er diese Worte sprach. Er kämpfte mit der Wehmuth, doch plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl, er ließ den Thränen freien Lauf und rief, indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte: Werde ich Sie und Alle jemals wiedersehen? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können? Der Graf drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam beherrschtem Schmerz: So nah ist also die unglückliche Stunde? Er faßte darauf den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen, wo er, wie[338] es St. Julien wollte, den Brief las, den dieser von seiner Mutter erhalten hatte. Wir müssen uns die Trennung noch nicht so denken, sagte er endlich. Ihre Mutter wird sich bewegen lassen, so lange bei uns zu verweilen, bis die Zeit Ihres Urlaubs geendigt ist.

Gewiß, sagte St. Julien, wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch erfüllen; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick doch, der den Schmerz der Trennung herbeiführt.

Endlich, sagte der Graf, ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung, und trennt uns nichts anders, so naht doch endlich der Tod und zerreißt auch die festesten Bande. Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen, kurzen Leben ein unendlicher Gewinn.

Beide Männer betraten in wehmüthiger Stimmung den Saal, wo sie die Frauen und den Grafen Robert beisammen fanden, denen die baldige Ankunft der Mutter St. Juliens mitgetheilt wurde. Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu verkennen, und Emilie verließ den Saal, weil sie die Thränen nicht zurückhalten konnte, die an den langen, goldenen Wimpern zitterten. Stumm reichte der Graf Robert seinem Freunde die Hand, die dieser mit Innigkeit drückte.[339]

Der Graf verließ seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors, wo er den Haushofmeister Dübois fand. Dieser gutmüthige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung seiner Freundin Herrschaft über sich gewinnen lassen, und glaubte beinah mit Gewißheit mit ihr, daß St. Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei. Der Graf hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt, und er mußte wenigstens zugeben, daß die Sache möglich sei. Er hatte die Möglichkeit so oft erwogen, daß sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde. Er hatte sich längst gestanden, daß es eben die große Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde, dem Grafen Evremont, gewesen sei, die ihn zu dem jungen Manne, so wie er ihn erblickte, wunderbar hingezogen hatte. Er theilte auch dieß der Professorin mit; aber, schloß er, diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein, wie wir öfter Gelegenheit haben es zu bemerken.

Ich weiß nicht, rief die Wittwe des Professors, ob die Natur ein so dummes Spiel macht, daß nicht bloß die Aehnlichkeit da ist, sondern auch das kleine braune Maal unter dem linken Auge, das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn betrachtet habe. Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen, aber die Frau Gräfin war zu ängstlich und gab es nicht zu. Ich kann es gar nicht begreifen, wie die vornehmen[340] Leute so blind aus lauter Klugheit sind. Wie ist es möglich, daß die Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt.

Sie bezeichnen Herrn St. Julien, sagte der Graf, mit so großer Bestimmtheit als den Sohn meiner Gemahlin, und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen Mannes hier sein, und alle Täuschungen werden schwinden.

Laßt sie nur kommen, rief die Professorin, indem sie die Hände zusammenschlug, laßt sie nur kommen, ich will ihr schon Fragen vorlegen. Die Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen; sie wäre im Stande und ließe sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen. Aber mir soll sie Antwort geben, die französische Madam, ich werde sie nicht so ziehen lassen, und wenn sie auch ihren großen Buonaparte mitbrächte, so ließe ich mich doch nicht einschüchtern.

So ernsthaft dem Grafen die Sache erschien, so konnte er doch ein Lächeln über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken. Er theilte nun ihr und Dübois mit, daß er gezwungen sei, auf einige Tage zu verreisen, und bat Beide, wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte, Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner Rückkunft zuzugeben, unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht[341] verlangen sollte, aber auch mit allen entscheidenden Schritten, die zu Entdeckungen führen könnten, bis zu seiner Rückkunft zu warten, damit Alles mit so viel Schonung für die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne. Beide versprachen ihm pünktlich zu gehorchen, und die Wittwe des Professors sagte: Sie sehen, daß ich schweigen kann, das ist nur ein einfältiges Gerede, wenn die Männer immer darauf sticheln, daß die Weiber nicht schweigen können. Ist es mir der Mühe werth, so weiß ich meine Zunge wohl zu bändigen. Sie sehen, ich lebe hier Wochenlang und es brennt mir täglich auf dem Herzen, wenn ich sehe, wie kummervoll die Frau Gräfin den jungen Mann betrachtet. Ich möchte ihr gerne sagen: So öffnen Sie doch die Augen, wischen Sie die Thränen daraus hinweg, damit sie hell werden, und umarmen Sie das beweinte Kind, damit der nutzlose Jammer endlich endigt. Aber Sie haben mir so viel vernünftige Gründe angeführt, daß ich immer schweige und das Elend ruhig ansehe.

Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte, daß er überhaupt nicht so nachtheilige Meinungen in Betreff der Klugheit und Zurückhaltung der Frauen hege, und daß ihr Beispiel auch jeden andern eines Besseren belehren müsse, und verließ mit Dübois die durch so freundliche Worte hochbeglückte Frau, um mit diesem noch nähere[342] Verabredungen zu treffen für den Fall, daß St. Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte. Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten, die gegen eine Frau getroffen wurden, die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte. Er sehnte sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke, in welchem sie ihn in die Arme schließen würde, und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung, daß diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich geliebten Wesen folgen müßte.

Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen Tag früher ein, als er den Baron erwarten durfte. Er wollte diese Zeit dazu benutzen, um den Rath eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher zu nehmen, ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte. Doch war seine Vorsicht in sofern vergeblich, weil der Baron ebenfalls den Entschluß gefaßt hatte, einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein, um den Rath eines Rechtsgelehrten zu benutzen, und das Schicksal wollte, daß Beide sich an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft zusammentrafen. Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf, nachdem er sich genau über Alles unterrichtet hatte, einsah, daß er wenigstens keinen großen Verlust[343] zu befürchten habe, so war der Handel bald abgeschlossen. Der Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden, und der Baron empfing noch eine Summe baar, die er, wie er lächelnd bemerkte, mit Weisheit anlegen wollte, und theilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit, daß er in drei Tagen sein Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke.

Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende Herrschaft vermehrt worden, und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloß Hohenthal zurück. Denn wenn es ihm auch erfreulich war, nun auf die Entfernung eines Verwandten rechnen zu dürfen, dessen Gegenwart seiner Gemahlin so schmerzlich werden konnte, so fühlte er doch, wie sehr seine Sorgen in der verhängnißvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt würden. Es war ihm nicht entgangen, daß die Gräfin sich zum Theil eben deßhalb von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte, um der Gefahr eines zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen, der nur unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte, und er hoffte mit Recht, daß ihr die Nachricht, die er mitzutheilen hatte, erfreulich sein würde. Er hatte den kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt, für den jungen Gustav zu sorgen. Auch sein Vetter sollte reisen, und er[344] sah ein, daß die Einsamkeit drückend werden müßte, wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte.

In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt und erreichte ziemlich ermüdet Schloß Hohenthal, denn der Spätherbst des Jahres achtzehn hundert und sieben war eingetreten. Die feuchte, kalte Luft durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des Kamins. Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen. Gottlob, daß Sie, gnädiger Herr, kommen, rief er ihm zu, ich bin in einer tödtlichen Verlegenheit.

Was ist vorgefallen? fragte der Graf ängstlich.

Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien, erwiederte der alte Mann, ist angekommen, und sie verlangt, er soll ihr bis zum nächsten Städtchen entgegen kommen. Wie kann man dieß verhindern?

Es ist besser, wir machen keinen Versuch dieß zu hindern, sagte der Graf nach einem Augenblicke des Nachdenkens. St. Julien kann nicht so von uns scheiden, auch wenn es von ihm gefordert würde, und auch sonst ist dieß, selbst wenn Ihre Vermuthung gegründet wäre, nicht wahrscheinlich; denn unmöglich kann seine Mutter den Verdacht ahnen, den wir hegen. Mir scheint es, daß sie den Sohn nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will, und dieser[345] Wunsch ist natürlich. Deßhalb befehlen Sie, daß Pferde und Wagen bereit gehalten werden, damit der junge Mann morgen fahren kann, sobald er es wünscht, und lassen Sie uns das Uebrige geduldig erwarten.

Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen zu fügen, aber dieß Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen, und als der Graf die Treppe hinauf stieg, eilte er zu seiner Freundin, der Professorin, um ihr die Gefahr mitzutheilen, in der sie schwebten, den auf's Neue zu verlieren, den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken. Die ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu ängstlichem Zartsinn die Worte, um diesen Zorn auszudrücken. Doch beruhigte sie sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung, daß der Graf wenigstens darin Recht habe, wenn er meinte, die Kinderräuberin, wie sie ohne Umstände St. Juliens Mutter nannte, könne doch nicht wissen, daß jemand im Schlosse sei, der ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen, und sie rieth dem Haushofmeister, mit guter Manier darauf zu sehen, daß der junge Mann nicht seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme, auf die er sich einen Paß verschaffen könnte. Dübois versprach, so viel es die Bescheidenheit erlaubte, darauf zu achten.

Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die[346] Nachricht der nahen Ankunft einer Frau, in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern mußte. Der schwermüthige Blick der Gräfin haftete auf St. Julien. Es wurde ihr heute zum ersten Male recht klar, wie schwer es ihr werden würde, die Rechte einer Andern anzuerkennen, denn sie fühlte, wie innige mütterliche Gefühle sie selbst für den jungen Mann im Herzen hegte. Emilie und St. Julien suchten sich zu nähern und wagten doch einander nichts zu sagen. Der Obrist ging im Saale auf und ab, und wiederholte von Zeit zu Zeit, ein braver Soldat müsse seiner Fahne treu bleiben unter allen Umständen, und die Festigkeit eines Mannes zeige sich nicht bloß in der Schlacht, sondern vorzüglich dann, wenn es darauf ankäme, Gefühle des Herzens zu besiegen. Graf Robert und Therese waren in das Vorgefühl der eigenen Trennung verloren, und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen nur auf kurze Zeit.

So war der Abend ziemlich traurig verstrichen. Am andern Morgen zeigte sich Dübois bei St. Julien geschäftig, um den Rath seiner erfahrnen Freundin zu befolgen, aber zu seiner großen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen haben, wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte.

Heute Abend bin ich zurück, sagte er, indem er dem[347] alten Manne freundlich die Hand reichte. Dann verließ er das Zimmer, eilte mit leichtem Schritte die Treppe hinunter, warf sich hastig in den Wagen, der schnell dahin rollte und, wie es Dübois in diesem Augenblicke schien, das Glück des Hauses entführte.

Der Tag verstrich den Schloßbewohnern langsam, in peinvoller Stimmung des Gemüths. Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen, die darin lag, daß eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde, der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte. Doch konnte er eben so wenig, als die Andern dieß Gefühl besiegen, und er empfand jetzt, daß er viel fester daran glaubte, als er sich früher hatte gestehen wollen, daß der von Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig geliebte Sohn sei. Die Gräfin, deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen verbarg, hatte ihm längst bekannt, daß die große Aehnlichkeit St. Juliens mit dem Grafen Evremont, an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwährend erinnere, ihr Herz in die süße Täuschung eingewiegt habe, dieß könne ihr Sohn sein, daß sie deßhalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise ihr lebhaften Schmerz erregen würde. Emilie sagte nichts, aber der kummervolle Blick und die blassen Wangen verriethen ohne Worte ihr Gefühl.[348]

In solcher Stimmung war es natürlich, daß jeder von den Hausgenossen die Einsamkeit suchte, und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Thalheim, wo, wie er es sich bewußt war, seine schöne Braut ihn mit reiner, unschuldvoller Zärtlichkeit erwartete.

Der Arzt bemerkte kaum, daß etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging. Alle Gedanken und Empfindungen, die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren, richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf seine junge Verwandte, die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner großen Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete, daß Jemand in ihrer Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte, denn ihr schien diese Seltsamkeit von großer Gelehrsamkeit unzertrennlich, und sie sprach für ihr Alter mit großem Ernst und tiefem Gefühl über den edeln Beruf eines Arztes, der sich großmüthig ganz der leidenden Menschheit weiht, keine Stunde eigentlich für sich lebt, sondern jeden Augenblick bereit sein muß, sein Dasein für Andere zu benutzen, und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf, seinen Beruf zu erfüllen. Der Arzt war viel zu eitel, als daß er in solchen Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte, und sein Herz entzündete sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe. Die Wittwe des Professors freute sich stillschweigend darüber, daß Alles[349] sich nach ihren Wünschen zu fügen schien, und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich, obgleich sie stündlich schalt und belehrte, und diese Anmaßung, die ihm früher im Hause seines Oheims so unerträglich schien, daß er sich, um ihr zu entgehen, einem ungewissen Schicksale Preis gab, dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher Sorgfalt, und er gewöhnte sich daran, nichts ohne den Rath und die Einwilligung einer Frau zu thun, deren Einfluß er früher mit bitterem Hasse entflohen war. Auch an diesem Tage ließ sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und sagte: Mein lieber Vetter, es wäre vernünftig, wenn Sie zu dem Prediger ritten und diesen Abend bei ihm blieben; denn erfährt er, daß heute eine fremde Frau hier ankommt, so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns, um nur gleich im ersten Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen.

Was kann es schaden, erwiederte gleichmüthig der Arzt, wenn man ihm diese Unterhaltung gönnt?

Ich will das nicht haben, rief die Professorin heftig. Es schickt sich nicht, daß einer, der nicht zur Familie gehört, im ersten Augenblicke gegenwärtig ist, wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird.

Freilich, sagte der Arzt, ich habe es längst bemerkt, unser[350] guter Prediger wird leicht zu großer Wißbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht immer delikat.

Was geht mich seine Delikatesse an, erwiederte die Professorin, das ist die Sache seiner Frau, die hat für seinen Tisch zu sorgen. Ich will nur nicht, daß er heute die Familie stören soll, und haben Sie nicht gesehen, wie vernünftig der Graf Robert ist, der schon lange davon geritten ist. So klug, denke ich, kann mein Vetter auch sein.

Sie haben Recht, wertheste Frau Base, sagte der Arzt, und ob ich gleich heute ein besonderes Studium vorhatte, so will ich es doch bis morgen aufschieben, und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston spielen, und Falls wir ganz allein sind, auch Schach, denn man muß sich seinen Freunden aufopfern.

So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet, um die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten, und sie und Dübois horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch. Aber die Dämmerung war längst eingebrochen, die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man keinen Wagen rollen, und die Furcht fing sich allmälig an zu regen, daß man St. Julien nicht mehr wiedersehen würde. Nicht bloß der Haushofmeister und seine Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine Mutter; auch der Graf und seine[351] Angehörigen theilten die peinliche Unruhe, die in dem Maße sich steigerte, wie die Finsterniß zunahm.

St. Julien hatte die kleine Reise, die ihn seiner Mutter entgegen führte, mit getheilter Empfindung angetreten, und er machte sich selbst bittere Vorwürfe darüber, daß sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war. Je näher er aber dem Orte kam, wo, wie er wußte, ihn die erwartete, deren mütterliche Liebe ihn so treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte, je mehr traten alle andern Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück, und mit inniger, lebhafter Zärtlichkeit schloß er die geliebte Mutter in seine Arme.

Nach einer so langen Trennung war es natürlich, daß der Tag unbemerkt entfloh, und es war schon völlig dunkel geworden, als der Wagen mit den beiden Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohenthal rollte und die Spannung aller Erwartenden löste.

Die Gräfin erbleichte. Sie faßte den Arm der nicht minder bewegten Emilie und verließ mit dieser den Saal, um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige Fassung zu gewinnen, die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüßen. Der Graf eilte den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen. St. Julien hatte so eben seine Mutter aus dem Wagen gehoben, und der Graf bot ihr den Arm, indem er sich ihr als den Herrn des Hauses nannte und das Glück pries, sie bei sich[352] zu begrüßen. Sie wollte, indem der Graf sie die Treppe hinauf führte, von ihrer Dankbarkeit reden, aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur einzelne Töne. Endlich in den Saal angelangt, schlug sie den Schleier zurück, der ihr Gesicht bedeckte, und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen, die von Thränen funkelten. Der rothe Mund lächelte halb schalkhaft, halb wehmüthig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen. Die durch die Reise und durch ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück, und den Grafen überraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine andere, die ihn verwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte.

Die Fremde sagte endlich mit noch immer fließenden Thränen: So hat mir die Zeit denn in der That so übel mitgespielt, daß kein Zug der Erinnerung zu Hülfe kommen will, und ich muß mich Ihnen, Graf Hohenthal, nennen.

Der Ton der Stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust, die längst nicht mehr geklungen hatte. Er wollte antworten, als die Gräfin eintrat, und mit Ruhe und Anstand sich der Fremden näherte, um sie zu begrüßen. Beide Frauen[353] standen sich einen Augenblick gegenüber, beide wollten reden, aber beide verstummten und starrten sich zweifelnd in die Augen. Adele! rief endlich die Gräfin mit sterbendem Tone und bebenden Lippen – Cäcilie! erwiederte die Fremde mit dem lauten Rufe der Freude, und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen sich so fest, als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lösen sollten.

Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück. Ihm hatte dieser eine Laut die Bewegung seines eigenen Herzens erklärt, und mit Blitzesschnelle durchflog ihn der Gedanke, daß nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont erklärt sei, und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben mußte, senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele.

O! rede, rede, geliebte Freundin, sagte endlich die Gräfin mit zitternder Stimme. Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen, und sehe ich Dich nach so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich? Ohne Grund sind um Dich so viele Thränen geflossen. Heiter, gesund, eine glückliche Mutter, so sehe ich Dich wieder. Darum, fuhr die Gräfin fort, indem sie mit mattem Lächeln auf St. Julien deutete, zog mich mein Herz zu diesem Menschen; ohne es zu wissen, liebte ich Deinen Sohn.

Meinen Sohn? fragte die Freundin lachend, indem ihre[354] Thränen heftiger strömten. Besinne Dich doch, gedenke der Zeit, in der wir zusammen lebten. Berechne die Jahre seit unserer Trennung, kann er wohl mein Sohn sein?

Und Wessen ist er denn? fragte die Gräfin kaum hörbar, mit glühenden Wangen und strahlenden Augen, indem sie beide Hände der Freundin krampfhaft drückte. Und hast Du denn, erwiederte diese laut weinend, Deinen armen Adolph gänzlich vergessen?

Meinen – wiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewußtsein – meinen, meinen Sohn! rief sie laut, wie zu neuem Leben erwachend, und streckte dem jungen Manne beide Arme entgegen. Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkührlich, während des kurzen Gesprächs, den beiden Frauen genähert, und ob der Letztere gleich den Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff, so zog ihn doch sein Gefühl vor der Gräfin nieder, die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft, die auf einen Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt, von ihren Knieen emporriß, und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren Thränen. Doch plötzlich ließ sie den Sohn, fiel mit rascher Bewegung vor der Freundin nieder und küßte deren Hände, ohne daß diese der stürmischen Gewalt der Liebe zu wehren vermochte. Du hast ihn mir erhalten! rief sie aus, Du gibst ihn mir zurück, so, ganz so, wie ich ihn in meinen[355] Träumen sah. Er kann meine Liebe fühlen und verdienen, er ist, ja er ist mein Sohn. Erschöpft senkte sich das Haupt der Gräfin. Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem Lehnsessel, in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau senkte, indem sie mit matter Stimme, doch mit seligem Lächeln die Freundin, die noch ihre Hände hielt, fragte: Und nun sage mir, wie ist er mein?

Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung? sagte mit liebevollem Blicke und zärtlicher Stimme die treue Freundin. Sollen denn in diesem Augenblicke seliger Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden, und willst Du an diesen Gefühlen untergehen, jetzt, da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt? Ich will Dir morgen alle Auskunft geben, die Du verlangen kannst, nur schone Dich heute.

Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte: Ich habe Dich immer geliebt, wie mein eigenes Kind. Jetzt mache ich meine Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend. Mein theurer Vater, rief der junge Mann, indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf. Meine geliebte Mutter, sagte er mit zärtlicher Stimme, indem er sich eilig aus den ihn umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte, ihre Hände mit zitternden Lippen küßte und mit überströmenden Thränen benetzte. So hat mein Herz mich nicht betrogen, es[356] ließ mich die heiligen Bande ahnen, die hier mich fesseln. Er blickte auf und sah in die feuchten, glänzenden Augen der Frau, die er bis jetzt für seine Mutter gehalten hatte, und die sich nun wehmüthig lächelnd über ihn beugte. Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr? fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe. Tilgt ein Augenblick mein Bild aus Deinem Herzen?

Welch ein Ungeheuer müßte ich sein, wäre dieß möglich! rief St. Julien, indem er aufsprang und mit ehrerbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte. Aber, fuhr er fort, vollenden Sie Ihre Wohlthat und sagen Sie mir, durch welches Band ich Ihnen angehöre.

Der unglückliche Graf Evremont, Dein Vater und der erste Gemahl Deiner Mutter, war mein Bruder, sagte die zärtliche Adele, und ihre Thränen flossen dem schmerzlichen Andenken.

Der Graf wollte eben bitten, den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum zu geben, als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog. Dübois hatte sich, von lebhafter Theilnahme angetrieben, in der Nähe des Saales gehalten; eben so seine Freundin, die Professorin. Beide hatten sehr verständig beschlossen, nur in der Nähe zu bleiben, um so bald als möglich das Ergebniß einer Zusammenkunft zu erfahren, die ihnen für das Glück einer Familie[357] so wichtig schien, der sie so innig ergeben waren. Aber Beide hatten nicht die Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben. Sie näherten sich unmerklich den geöffneten Thüren des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts, der ihr eignes Herz in seinen Tiefen bewegte. Der bescheidene Dübois erhielt sich in ehrerbietigem Schweigen, obgleich seine alten Augen überflossen und die Thränen ihm unbewußt die gefurchten Wangen überströmten. Die ehemalige Dienerin aber schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite, und indem ihre Thränen auf den glühenden Wangen funkelten, rief sie: Nun, Gott sei gepriesen, daß sich Alles aufklärt! Ich habe es ja immer gesagt, daß der junge Herr unser kleiner Adolph ist. Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben, da ich ihn gewartet habe und er mir so lieb war, als wäre es mein eignes Kind! Na, fuhr sie fort, indem sie dem überraschten jungen Manne die Hand reichte, Sie haben mich rein vergessen, Sie wissen nichts mehr davon, daß ich Ihnen, Vater und Mutter zum Trotz, allen Willen erfüllte, aber das vergebe ich Ihnen, denn Sie waren noch zu klein, als man Sie auf das Dorf brachte. Sie können von mir nichts wissen.

Träume ich, fragte Adele die Gräfin, oder ist diese Frau die deutsche Dienerin, die mit uns in Paris war?

Die Gräfin wollte antworten, aber die Wittwe des[358] Professors kam ihr zuvor, indem sie sagte: Freilich bin ich es, und wären Sie damals so vernünftig gewesen, mir zu sagen, Wer Sie waren, so hätte ich Ihnen alle die Drangsale nicht angethan, die Sie mir gewiß noch nicht vergeben haben.

Ach! schon längst von ganzem Herzen, meine liebe Freundin, sagte mit liebreichem Lächeln die Frau, die nun St. Juliens Tante genannt werden muß. Ich wußte ja, daß der Widerwille gegen mich nur aus Liebe für meine theure Schwester entstand, und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versöhnung die Hand. Die Professorin trat befriedigt zurück, und die schönen Augen der freundlichen Adele begegneten Dübois verklärten Blicken. Mit Heftigkeit faßte sie die Hand der Gräfin und sagte: Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen. Dieß ehrwürdige graue Haupt, dieses treue Auge, das gutmüthige Lächeln ruft auf das Lebhafteste in mir das Andenken an den guten väterlichen Freund Dübois hervor.

Und wer als er, erwiederte die Gräfin, indem sie den Alten herbei winkte, könnte denn so selig befriedigt zu uns hinüber blicken.

So wird es mir so wohl, sagte Adele und faßte die Hand des beschämten Greises, diesem väterlichen Freunde noch danken zu können, dessen Liebe und Treue unermüdet wachte,[359] um jede Gefahr von uns zu wenden, und dessen alte Augen gewiß unzählige Thränen über unser Geschick vergossen haben.

Es ist zu viel, sagte der alte Mann, von Rührung überwältigt. Die Seligkeit ist zu groß für meine Kräfte. Der Graf und St. Julien eilten, den Wankenden zu unterstützen, doch das tief in ihm wohnende Gefühl der Ehrfurcht gab ihm bald wieder die Kraft sich zu erholen. Er entzog sich den ihn stützenden Armen und sagte, indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge blickte: Ich habe die höchste Freude erlebt, deren der unvollkommene Mensch fähig ist. Jetzt mag der Herr über mich gebieten. Er zog sich nach diesen Worten aus dem Saale zurück, und seine Freundin, die Professorin, die ihn erwartet hatte, faßte seinen Arm und führte ihn auf sein Zimmer.

Die im Saale versammelte Familie vergaß noch oft den Vorsatz, diesen Abend an nichts Trauriges zu denken. Hundert Fragen berührten kummervolle Gegenstände und wurden nur halb beantwortet. Zärtliche Liebkosungen hemmten die hervorbrechenden Thränen, und man trennte sich endlich, ohne das liebevolle Verlangen befriedigt zu haben, das Jeder empfand, das Schicksal des Andern zu erfahren, weil es zu deutlich war, daß die Gräfin durchaus der Ruhe und Erholung bedurfte.

St. Julien schlich nach Dübois Gemach. Sein klopfendes[360] Herz fand keine Ruhe. Der alte Mann mußte ihm noch alles Unglück eines Vaters mittheilen, den er nie gekannt, und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgültig hatte erwähnen hören. Dübois entlastete sein eigenes Herz, indem er einem Andern die Schmerzen zeigte, die er so lange einsam getragen, und fühlte sich beglückt in der Liebe, die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies.

Schon dämmerte der Morgen, als sich Beide trennten, und auch St. Julien fühlte, daß er der Erholung bedürfe. Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den stürmenden Empfindungen des Tages und flößte ihm neue Kraft ein für ein bewegtes Leben.

Quelle:
Sophie Bernhardi: Evremont. Theil 3, Breslau 1836, S. 1.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Evremont
Evremont (1 ); Ein Roman
Evremont; Ein Roman
Evremont

Buchempfehlung

Raabe, Wilhelm

Der Hungerpastor

Der Hungerpastor

In der Nachfolge Jean Pauls schreibt Wilhelm Raabe 1862 seinen bildungskritisch moralisierenden Roman »Der Hungerpastor«. »Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag.«

340 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon