Siebenter Gesang

[140] Wie ist die Liebe doch ein tiefer Bronnen,

Und ungesehn sind ihre inn'ren Quellen,

Die bald mit Leid und bald mit Himmels Wonnen

Die Herzen in dem Busen sehnend schwellen;

Wie Regen fällt im milden Schein der Sonnen,

So fließen Thränen in gelinden Wellen

Und wollen labend unsre Herzen kühlen,

Worin dann wieder glüh'nde Flammen wühlen.

So sprach der Ritter: willst du es gewähren,

Wird uns, o holde Frau, dein schöner Mund

Von diesem Wunder die Bedeutung lehren.

Sie antwort't ihm: thut mir der Quell denn kund,

Wenn ich auch fragend will zu ihm mich kehren,

Warum er sich verbirgt im tiefen Grund?

Womit er dort sich stärkend labt und tränkt,

Der hier den Strom aufwärts zum Himmel lenkt.[140]

Tief ruht das Wasser in der Erde Schooß,

Und hat im Himmel Ursprung doch genommen,

Oft macht es sich von seinen Banden los,

Und hofft, die alte Heimath wird erklommen.

Doch ist die Macht der Erde noch zu groß,

Im kühnsten Lauf wird ihm die Kraft benommen,

Dann fällt der Strom in Thränen schluchzend nieder,

Und grüßt mit Liehe doch die Erde wieder.

Sanft klagend fließt er ruhig durch die Auen

Und blickt die Wiesenblumen milde an,

Die in den Bach mit kind'schem Lachen schauen,

Von ihm jedwed' ihr Leben nur gewann.

In seinen Kindern möcht' er Lust erbauen,

Hegt drum die Blumen liebend wie er kann,

Bis sie ihn selbst mit Lebenslust durchdringen,

Daß man ihn scherzend über Kies sieht springen.

Wie Blumen sind dem Wasser wir verbunden,

Bezeugen es mit unsrer Augen Thränen;

Und weil am Quell dies Bündniß wird empfunden,

Erwacht in unsrer Brust ein zärtlich Sehnen.

Das Wasser hält uns, das Gestirn umwunden,

Von dem die Augen ihren Strahl entlehnen,

Und oft des Menschen Schicksal zu begründen,

Will sich Planet und Element verbinden.[141]

Des Wassers Macht hielt Melusin' umfangen,

Des jungen Raymunds Loos lenkt ein Gestirne,

Sein Oheim sah's am Himmel leuchtend prangen;

Er hob empor die weisheitsvolle Stirne,

Und sprach: jetzt wird ein schnöder Mord begangen,

Worüber ich im Herzen heftig zürne:

Ein Diener, welcher Wohlthat stets genossen,

Wird undankbar den Herren niederstoßen.

Und kaum noch war die Rede ganz verklungen.

Liegt schuldlos er, vom Raymund schon erschlagen,

Waldeinwärts floh, durch Büsche dicht verschlungen

Der junge Graf mit Herz durchdring'den Klagen.

Die muntern Töne bey der Jagd erklungen

Hört er fern ab, und grauenvolles Zagen

Durchbebt sein Herz, so wird er angehalten

Im Mondenschein von lieblichen Gestalten.

Von dreien Jungfrau'n freundlich eingeladen

Ruht er an eines kühlen Bronnens Rande,

Worin sich keusche Mondesstrahlen baden.

Die Schönste löst' ihn aus des Kummers Bande,

Kein feindliches Gestirn darf ihm mehr schaden,

Sie wird sein Weib, er Herr von weitem Lande;

Von treuer Liebe ist ihr Herz durchdrungen,

und hat treuliebend das Gestirn bezwungen.[142]

Und Melusine hofft, es werde lösen

Auch sie des Gatten zärtlich treues Lieben.

Er konnte sie vom Element erlösen,

Wär' er nur treu dem theuren Eid geblieben,

Doch schlau gereizt vom schnöden Rath der Bösen

Wird wild sein Herz zur Eifersucht getrieben;

So eilt er hin, wo er zuerst sie schaute,

Wo um den Brunnen ein Gemach sie baute.

Er will der Frau geheimes Thun belauschen,

Und sieht sie wunderbar im Brunnen schwimmen,

Sanft plätschernd Wellen ihren Leib umrauschen,

Die sich bemühn zum Busen aufzuklimmen;

Halb ist sie Weib, halb Meeresfisch. Vertauschen

Muß er mit Staunen feindliches Ergrimmen.

Und als melodisch ihre Stimm' erklang

Dünkt ihm, er hört Syrena's Zaubersang.

Ihm scheint, daß Farben aus den Tönen blühn,

Die spielend laufen auf und ab die Wände,

Im Wasser sieht er funkelnd Lichter glühn,

Ihr goldnes Haar löst sie durch ihre Hände,

Und singt im Schmerz: laß nicht die Treu' entfliehn,

Gieb, daß die Liebe die Erlösung ende;

Der Wohllaut scheint die Fluten zu durchdringen,

So schmelzend hört der Graf die Tön' erklingen.[143]

Er schleicht hinweg, und wähnt sie schon verlor'n.

In Trauer sinkt er auf sein Lager nieder,

Er hat verletzt was er so hoch beschwor'n;

In milder Liebe naht die Frau ihm wieder.

Doch bald reizt ihn noch einmal wilder Zorn

Und bleich erzittern seiner Gattin Glieder,

Als rauh sein Mund es öffentlich verkündet,

Wie sehr sein Weib dem Element verbündet.

Behüt' dich Gott, mein vielgeliebter Freund,

Klagt sie: Es siegen feindliche Gewalten,

Weil schwach in dir der Liebe Macht erscheint.

Zum Meeresweib muß sie sich umgestalten;

Der Schmerzenston, womit sie schreiend weint

Droht jedes Herz mit Jammer zu zerspalten,

Laut klagend muß sie in der Luft nun kreisen,

Ihr Haus mit Schmerzen dreimal noch umkreisen.

Es fühlt der Graf sein Herz von Weh durchdringen,

Er hört in ihrem Schrei'n ihr angstvoll Lieben

Ohnmächtig mit dem Elemente ringen.

Sehnsüchtig nun zum Wasser hingetrieben

Hört er den Ton in jedem Bächlein klingen,

Und ist am Bach im Walde stets geblieben;

Entflohn auf immer seinem reichen Hause,

Lebt er dort traurend in einsamer Klause.[144]

Nie wird die ächte Lieb' im Kampf erliegen,

Aus Düft' und Tönen kann sie Kräfte saugen,

Darf kühnlich selbst das Element bekriegen.

In Floren lebt sie; obgleich seine Augen

In Thränen strömen, Schmerzen ihn besiegen,

Weil er nicht Worte findet die ihm taugen,

Des Greises Sinn bewältigend durch Klagen,

Sein Herzensweh recht lieblich vorzutragen.

Daries hieß der tugendreiche Mann,

Den schmerzten tief des zarten Jünglings Leiden,

Mit Vaterliebe sah er mild ihn an,

Und sprach: ihr müßt so herbes Weh' erleiden;

Vertraut euch mir, ob euch vielleicht noch kann

Mein treuer Rath von eurem Jammer scheiden;

Schon lang hab' ich an euch es wahrgenommen,

Um Kaufmannschaft seid ihr nicht hergekommen.

Die Wirthin sprach: mit gleichem Weh' gestritten

Hat einst ein Fräulein hier aus fernen Landen,

Ach! nichts vermochten treuer Freundschaft Bitten,

Trostlos rief sie: daß ich in Sklavenbanden

Der Trennung Weh' von meinem Freund erlitten,

Weil wir der Minne süße Glut empfanden,

Darum will ich in schmerzlich herben Peinen.

Mein Leben trostlos, klagend nun verweinen.[145]

Zehn Tage mußte sie im Haus' hier weilen, –

Sie war so jung, so herrlich wie auch ihr, –

Den Schmerz der schönen Blanscheflur zu theilen:

Drum fürcht' ich, holder Jüngling, seid ihr hier.

Und Flore rief: ja sie muß ich ereilen,

Ihr schlägt mein Herz, es lebt ihr Bild in mir;

Der Minne Glut hat uns're Brust durchdrungen

Ihr seelig Band verein'gend uns umschlungen.

Der Jüngling fühlt' es wie er sich vergaß,

In Liebes Eifer glühend fortgezogen,

Drum ward vor Schrecken seine Wange blaß,

Und ängstlich sprach er: O! bleibt mir gewogen;

Vergebt, daß ich so kühnlich mich vermaß,

Und euer Ohr das falsche Wort betrogen:

Daß meine Schwester als Geliebt' euch nannte,

Weil mich der Schmerz verwirrend übermannte.

Mild sprach der Wirth: es mag die Wahrheit seyn,

Doch wird euch nichts in meinem Hause kränken,

Glüht euch im Herzen auch der Minne Pein;

Nur eines mögt ihr weise wohl bedenken:

Es dringt kein Mensch zur schönen Jungfrau ein,

Vergeblich ists den Sinn darauf zu lenken;

Versuchtet ihr den Mächt'gen zu betrügen,

Ihr würdet kläglich im Versuch erliegen.[146]

Weckt nicht die wilden eifersücht'gen Flammen,

Ach! denkt, wie Acis einst am Meergestade

Die Nymphe rief im liebenden Entflammen,

Und Galathea aus kristall'nem Bade

Steigt feucht empor, umschlungen ruhn beisammen

Am grünen Ufer sie in Liebesgnade,

Und sind vom wilden Polyphem belauscht,

Wie zärtlich Kuß um Kuß die Lippe tauscht.

Die Nymphe sieht ihn zitternd, und in schnellen

Sprüngen flieht dem befreundten Meer sie zu,

Willig empfangen von den grünen Wellen

Ruft sie dem Acis: flieh Geliebter, du!

Der Riese sieht wie sich die Wogen schwellen

Mit sanftem Rauschen strömen sie hinzu,

Es scheint im Naß die Schöne zu verschmelzen

Ergrimmt reißt er vom Aetna einen Felsen,

Und wirft ihn mächtig auf den Acis nieder,

Der schwere Fels schlägt in dem Boden ein,

Zermalmend ganz des schönen Jünglings Glieder,

Daß nur sein Blut quillt strömend unterm Stein.

Bebend in Angst kehrt Galathea wieder,

Ihr leises Wort, gehaucht in Herzenspein,

Wandelt das Blut so unterm Stein noch fließet

Zum Quell, der aus dem Felsen sich ergießet.[147]

Doch schüchtern scheint er fliehend stets zu eilen,

Nicht Blumen achtend die den Bord umkränzen,

Nicht Galatheas Sehnsucht mehr zu theilen;

Wann Mondesschimmer sanft im Grün erglänzen,

Sieht man am Quell die schöne Nymphe weilen,

Um dort ihr Haupt mit Blumen zu bekränzen,

Und hingelehnt an kalten Felsensteinen

Zum Quell hinab mit bitterm Schmerz zu weinen.

Wie Acis sei ihr, junger Herr, bedroht,

Wenn Argwohn ihr dem Ameral erweckt.

Und Flore seufzt: in meiner Qual und Noth

Fühl' ich von Grabesnacht mein Herz bedeckt.

Find' ich nun ohne sie den bittren Tod,

Wie würd' ich durch den Tod wohl abgeschreckt

Nach diesem höchsten Himmelsglück zu ringen,

Die holde Jungfrau zärtlich zu umschlingen.

O, fänd' ich doch der inn'gen Liebe Ton!

Verlieh mir Gott die Wort' euch zu erbitten,

Ach! dächtet ihr doch, ich sey euer Sohn

Und fühltet väterlich, was ich erlitten,

Euch rührte dann der Schmerz, mit dem ich schon

Viel Tag' und Nächte jammervoll gestritten;

Und dürft' ich dann, wollt't hülfreich ihr erscheinen,

Mein Gold euch bieten samt den Edelsteinen.[148]

Es sprach der Greis: ich kann es euch nicht fügen;

Weiß mir zum Schmerz euch keinen Rath zu sagen.

Was hilft es, euch mit falscher Hoffnung trügen;

Ihr würdet es nur schmerzlicher beklagen,

Wollt ich euch jetzt mit süßem Wort belügen;

Vergeblich würden alle die es wagen,

So jetzo leben in des Fürsten Landen,

Was ihr allein euch kecklich unterstanden.

Habt ihr auf eurer Reise nicht vernommen,

Wie mächtig herrscht der Ameral im Reiche?

So daß in seine Dienstbarkeit gekommen –

Ein Wunder ist es, – siebzig Königreiche.

Damit ihr einseht, was ihr unternommen

Und jede Täuschung eurem Sinn entweiche,

Will ich von ihm die wahre Kund' euch geben,

Von selbst wird dann die Hoffnung euch entschweben.

Der große Fürst hat Macht und alle Sinnen

Gewendet dran, die Frauen zu erhalten,

Die seine Schätz' in weiter Welt gewinnen.

List ist vergebens, feindliche Gewalten

Würden umsonst am hohen Thurm zerrinnen,

Den er befahl, ein Wunder, zu gestalten;

Daß sie ein einzger Marmorfelsen scheinen,

So ließ die hohen Mauren er vereinen.[149]

Gewölbe sind mit kühner Hand geschlagen

Und breite Stiegen laufen auf und nieder,

Weil diese Bogen siebzig Kammern tragen,

Wozu die Wege führen hin und wieder.

Aus den Gemächern dringt ein traurig Klagen,

Und keiner Brust entströmen frohe Lieder,

Obwohl drin leben also schöne Frauen,

Daß sie verdunkeln Blumenschmuck der Auen.

Auch sind geziert in höchster Pracht die Wände

Mit Gold, Lasuren, schimmernden Cristallen,

Dem feinsten Werk geschickter Menschenhände,

Reichthum und Kunst prangt in den Kammern allen,

Daß sich der Blick von nichts mit Unmuth wende,

Und fast bezaubernd jedes muß gefallen;

So daß man in den anmuthreichen Räumen,

Entzückt sich könnt' im Paradiese träumen,

Der Wunderthurm ward nicht mit Stein bedeckt,

Ein reiches Gold ist künstlich so gebogen,

Daß es als Kuppel kühn sich drüber streckt;

Die Sonn' ist stets dem Goldesglanz gewogen,

Den sie mit Strahlen lieblich kosend weckt,

Wenn die das Gold begierig eingesogen,

Wird es entzündet, und ein Feuerbronnen

Entgegen glüht es, der erglühnden Sonnen.[150]

Als Spitze ist ein gold'ner Stab erhoben,

Und darauf ruht ein wunderbarer Stein,

Dess' mag'sche Kräfte seltsam sich erproben:

Sobald erlischt des lichten Tages Schein,

Leuchtet erglühend der Karfunkel oben,

So daß es scheint, es wolle dienstlich seyn

In jeder Nacht mit sanftem Lichtes Strahl

Der volle Mond dem stolzen Ameral.

Mit Weisheit ward der kühne Bau begonnen

Den stolz ihr seht bis zu den Wolken ragen,

Man fand im Grunde einen kühlen Bronnen,

Den muß nun aufwärts eine Säule tragen;

Gleich einem Baum, so ward das Werk ersonnen,

Ward die von Silber, innen hohl, geschlagen

Mit vielen Röhren künstlich so geleitet,

Daß sie der Baum wie seine Zweig' ausbreitet.

Nach jeder Kammer muß ein Bogen gehn,

Und wunderlieblich ist es anzuschaun,

Wenn vor dem klaren Wasser freundlich stehn

Mit holdem Auge sieht die süßen Frauen

Sich lächelnd im kristall'nen Spiegel sehn;

Ganz wunderbar das Wunder zu erbauen,

Ruht oben wo der Säule Schaft geschlossen

Schwer ein Koloß aus dunkelm Erz gegossen.[151]

Das Wasser quillt ihm aus dem offnen Munde,

Das sich, ein silberheller Strom, ergießt,

Und nieder zu dem Quell im dunklen Grunde

Durch einen andern Gang der Säule fließt.

Steht ihr davor betrachtend manche Stunde,

Wie stets mit neuer Kraft das Wasser schießt,

Müßt ihr bekennen, nur durch Zaubereien

Kann zur Vollendung solch' ein Werk gedeihen.

Will jemand dem Gebäude nah sich wagen,

Wird er sogleich von rauhem Wort bedroht

Der Wächter, die stets bösen Willen tragen;

Es lautet so des strengen Herrn Gebot:

Wen auch die Hüter bei dem Thurm erschlagen,

Sie leiden nimmer darum Straf' und Noth,

Drum ist's vergeblich darnach nur zu ringen,

In diesen Thurm mit Klugheit einzudringen.

In seiner Mitte prangt ein weiter Saal

Wo übermüth'ge Pracht und Herrlichkeiten

Verschwendet hat der stolze Ameral,

Wo sich die Wonnen um den Vorrang streiten,

Die süßen Düft' und freudenreicher Schall

Sich schwebend um sein Lager üppig breiten,

Und zärtlich scheint es um den Herrn sich schmiegen,

Bis Tön' und Düft' ihn süß in Schlummer wiegen.[152]

Oft läßt er auch zum Saal herniedersteigen

Aus siebzig Kammern siebzig schöne Frauen,

Die alle zitternd dem Gebot sich neigen;

Wohl manche Schöne bebt im innern Grauen,

Die spielend sich und singend ihm muß zeigen.

Der holde Chor so lieblich anzuschauen,

Haucht süße Wort' in mancher Lieder Weisen,

Der Liebe Zauber vor dem Herrn zu preisen.

Doch zwei besonders sind von ihm ernannt,

Den strengen Fürsten lieblich zu bedienen,

Wenn kaum die Nacht vor Phöbus Strahl entschwand

Sind vor sein Lager diese stets erschienen,

Und eine rührt ihn sanft mit zarter Hand,

Spricht zu ihm freundlich mit holdseel'gen Mienen:

Gefällt dirs, Herr, dich gnädig zu erheben?

Durch einen Wink uns dienend zu beleben.

Dann bietet sie im glänzend gold'nen Becken

Das Wasser ihm, so klar wie die Cristallen;

Sie scheinen ihn zu seel'ger Lust zu wecken.

Tief beugt sich nun die schönste Frau von allen,

Und eilt ein zartes Handtuch hinzustrecken;

Dem Ameral muß solcher Dienst gefallen,

Denn lächelnd spricht er: groß ist meine Ehre

Zwei schöne Frau'n sind meine Kammerere.[153]

Es führt zum Thurm noch eine schmale Pforte

Die sorgsam stets ein wilder Mann verschloß,

Nie weicht er einen Augenblick vom Orte,

Nie ist sein Leib vom Waffenkleide bloß;

Sein Mund spricht nimmer freundlich, holde Worte,

Und wie sein Grimm ist seine Schalkheit groß,

Weil er nie wohl, und immer übel thut,

Drum wähn' ich wird er niemals froh gemuth.

Er braucht kein Unrecht, das er thut, zu büßen,

Es ist des Amerales Wille so,

Damit ihn alle sorgend fürchten müssen,

Rauh ist sein Herz, die Sitte wild und roh;

Vergeblich ist's ihn freundlich zu begrüßen,

Sein tückisch Auge lacht nur schadenfroh,

Kann er verletzen, oder gar erschlagen,

Die thöricht nach dem Wunderthurm sich wagen.

Bös' ist der Wächter der mit Freuden kränkt;

Wie Felsen hart, unmöglich zu bewegen,

Der Fürst, dess' Sinn sich wunderbar gelenkt,

Barbarisch will er fremde Sitte pflegen;

Wenn er sein Herz nach freier Wahl verschenkt,

Scheint er in Liebe sein Gemahl zu hegen

Mit Herrlichkeit die Schöne zu umkränzen,

Er läßt als Königin gekrönt sie glänzen.[154]

Doch nur ein Jahr kann er dieselbe minnen,

Der Blumen Glanz, spricht er, ist bald zerronnen,

Nicht kann mehr schmeicheln den verwöhnten Sinnen

Die Rose, die zu welken schon begonnen.

Ach! keine kann dem harten Loos' entrinnen,

Das seltsam hier ein wildes Herz ersonnen;

Erbarmungslos läßt er das Weib erschlagen,

Die neben ihm die Kron' ein Jahr getragen.

Kaum ist der grau'voll schnöde Mord vollendet,

Die Fürstin kaum zum Grabe hingesunken,

Nach andern Blüten ist dann schon gewendet

Der Sinn, das Herz hat neue Lust getrunken;

Herolde werden eilig ausgesendet,

Neu glühen soll der höchsten Freude Funken,

Zur neuen Krönung läßt er her bescheiden

Die Fürsten alle, die sein Joch erleiden.

Zum Garten läßt er dann die Herren führen,

Und wenn Trompetenton die Luft durchdringt,

Muß deren Knie den Boden schnell berühren;

Dann naht er selbst, des Uebermuth sie zwingt

Ihm so zu huld'gen, er läßt mit sich führen

Der Jungfrau'n Schaar, und Harfenton erklingt,

Die Schönen zärtlich schmeichelnd zu begleiten,

Die sich in Angst zur neuen Wahl bereiten.[155]

Wie schild're ich euch des Gartens Herrlichkeit,

Worin ertönt der allersüß'ste Klang,

Der grün bewahrt sein Laub zu jeder Zeit,

Wo nie verstummt der Vöglein Lobgesang

Der nimmer leidet von des Winters Neid.

Wer jemals durch dies Thor der Wonnen drang,

Dem bleibt entzückt das Herz in seel'ger Brust,

Er hat erprobt die wahre Gartenlust.

Wie lieblich grün stehn Bäum' auf grüner Wiese

Auf deren Wipfel Sonnenstrahlen spielen,

Doch schlüpfen sie auch golden hin durch diese,

Sind andre auch die dunkel schattend kühlen.

Das Herz gefesselt muß im Paradiese

Sich trunken in dem Zaubergarten fühlen,

So süß schwebt Rauschen, Duften, Tönen drinnen,

Daß Rauschen, Ton und Duft umstrickt die Sinnen.

Was seltsam mag die Fantasie erträumen,

Jedwede Frucht, wornach der Gaumen lüstern,

Prangt lockend hier an üppig blüh'nden Bäumen,

Und schalkhaft scheint das zarte Laub zu flüstern.

Doch will das Herz von süßen Schmerzen träumen,

So führen Pfade zu den schaurig düstern

Baumlabyrinthen, wo das ernste Schweigen

Nur Zweige stören, die sich rauschend neigen.[156]

Ein Silberstrom, der schäumend hier entspringt

Verherrlicht wie den Garten so das Land,

Der sich als Quell den Felsen hier entringt,

Ist weit berühmt und herrlich wohl bekannt,

Weil kühn sein Lauf durch' ferne Länder dringt;

Euphratus wird der stolze Fluß genannt,

Des Ursprung Glanz dem Wunderort ertheilet,

Der hier als Quell der Erde Schooß enteilet.

Doch was sag' ich von jenem Wunderbaum,

Der in des Gartens Mitte herrlich blüht?

Aus fremden Welten scheint er euch ein Traum,

Weil er wie eine Rose leuchtend glüht,

So reich an Blumen hat er keinen Raum

Für grünes Laub, aus jeder Blüte sprüht

Ein lichter Stern die Strahlen euch entgegen,

Die ros'ge Kelch' als Thauestropfen hegen.

Auf diesem Baum nun thront die Nachtigall

Und wirbelt, jauchzet, schmettert die Gesänge.

Mit Blumendüften zieht der süße Schall

Durch würzereiche Lüfte gold'ne Klänge,

Nicht schweigen kann der ferne Wiederhall,

Als ob die Felsen Liebesglut durchdränge,

So hallt die Stimme in den Klüften wieder

Nachseufzend süß, des Vögleins süße Lieder.[157]

Das geht dann oft und schlürft den Himmelswein,

Den ros'ge Blumenkelche in sich halten,

In klaren Tropfen funkelnd glüh'nden Schein

Der Sonne, drum kann nie das Vöglein alten,

Und muß im Herzen übermüthig seyn,

In neuer Lust stets Lieder neu gestalten;

So daß man hört am süßesten Gesang,

Wie fern von hier des rauhen Winters Zwang.

Und unter diesem Baum entspringt ein Bronnen,

Der aufwärts trägt zum Himmel die Cristallen,

Sie schimmernd funkeln läßt im Strahl der Sonnen

Und plätschernd nieder dann zur Erde fallen,

Wo sie sanft murmelnd von der Liebe Wonnen

Durch grüner Wiesen Blumen-Ufer wallen,

Und zarte Blumen alle Wogen grüßen

Die Silber-Wogen alle Blumen küssen.

An diesem Bach versammeln sich die Frauen,

Die hold wie Blumen um sein Ufer stehn,

Sie müssen in den Silberspiegel schauen,

Und drüber hin, dann auch zurücke gehn.

Zu diesem Zauber hegt der Fürst Vertrauen,

Die Probe müssen alle Frau'n bestehn,

Hat ein' ein Mann schon als sein Weib gewonnen,

So zeigt es an der klare Wunderbronnen.[158]

Sein Lilienweiß wird glühend rosenroth,

Die Wellen kraus, wenn hin und wieder schreitet

Ein Weib, das durch der Minne süß Gebot,

Ach! allzu schwach und zärtlich ward verleitet;

Es trifft sogleich sie grauenvolle Noth,

Um die der Bach wie blüh'nde Rosen gleitet;

Die liebend sich schon einem Mann ergeben,

Büßt dies Vergeh'n sogleich mit ihrem Leben.

Wenn reine Jungfrau'n hin und her geschritten,

Bleibt weiß der Bach wie silberhelles Glas,

Und sanft und milde wie er stets gelitten,

So küßt er schmeichelnd funkelnd grünes Gras;

Und alle Blumen die um Gunst ihn bitten

Macht er mit kleinen Wogen scherzend naß;

Sieht er am Ufer dann sie lächelnd weinen,

Ergötzt ihn Spiel, plätschernd mit Kieselsteinen.

Sind nun geendigt mit den Frau'n die Proben

Dann müssen alle unterm Baum sich finden.

Die für dies Jahr zur Königin erhoben,

Sich ihrem Herren traurig muß verbinden,

Zeigt eine Rose, die vom Wipfel oben

Herabgetragen wird von lauen Winden,

Und auf der Jungfrau schönes Haupt gesenkt,

Die für dies Jahr der Fürst zu krönen denkt.[159]

Dann tönt sogleich des Freuderufens Schall,

Die Fürsten alle müssen ihr sich neigen,

Gebieterin sie heißen überall,

In Demuth ihr die größte Ehr' bezeigen.

Doch alle so gekrönt vom Ameral,

In tiefer Traurigkeit sah man sie schweigen,

Denn jede weiß, die er zur Kön'gin wählt,

In kurzer Frist wird sie dem Tod vermählt.

Er hat das harte Wort schon ausgesprochen

Die Fürsten haben seinen Ruf vernommen,

Sie müssen all' nach dreien kurzen Wochen

In großer Pracht versammelt vor ihn kommen;

Dann wird die schönste Blume wohl gebrochen,

So je in zarter Farben-Pracht entglommen

Als reine Lilie wunderherrlich blüht,

Für die sein Herz in heißer Sehnsucht glüht.

Auf Blanscheflur hat er den Sinn gewendet,

Sie dient ihm schon mit ängstlich banger Scheu;

Ihr Lebensweg ist leider bald vollendet,

Man krönt sie bald mit lauter Freude Schrei.

Und bald ist dann ihr Loos in Nacht gewendet,

Nichts macht sie mehr von diesen Banden frei;

Drum rath' ich euch: entfliehet dem Verderben,

Denn ihr könnt nichts als kläglich mit ihr sterben.[160]

Der Jüngling saß in stummen bangen Thränen,

Und faltet still die Hände vor sich hin;

Dann sprach er: soll ich sie verloren wähnen,

So ist der Tod auch einzig mein Gewinn;

Mein Herz muß sich in Liebe nach ihr sehnen

Inbrünstiglich dieweil ich lebend bin,

Und so mag Gott nun gnädig mit mir walten,

Soll ich das Leben, muß ich sie behalten.

Auch ist es gegen meines Adels Ehre

Und nie gewönn' ich ritterlichen Preis,

Wenn ich nun ohne sie von hinnen kehre,

Die ich in Todesnoth hier elend weiß.

Laßt euch erbitten, gönnt mir Rath und Lehre,

Ein Kind fleh' ich zu euch, o edler Greis!

Die Weisheit nur kann mir mein Heil bewahren,

Die ihr erwarbt in langen Lebensjahren.

Doch laßt ihr euch durch Thränen nicht erflehn,

Die schmerzlich zeigen meines Herzens Brand,

So will ich selbst in mein Verderben gehn,

Will selbst der holden Minne zartes Band

Dem rohen Fürsten und dem Volk gestehn;

Was je mein Herz für Blanscheflur empfand,

Das sei nicht mehr dem Ameral verschwiegen,

Müßt' ich auch gleich ihm todt zu Füßen liegen.[161]

Und mich braucht man nicht weinend zu beklagen,

An mir verdirbt nicht Ritters Preis und Ehre;

Es ward schon mancher tapfre Mann erschlagen,

Der mehr als ich wohl zu bejammern wäre.

Mit dreistem Muth will ich den Anspruch wagen,

Wenn ich vom Fürsten meine Braut begehre;

Mich liebt ihr Herz, mir ist sie treu und eigen,

Und Schande wärs mein Recht ihm zu verschweigen.

Der Greis sprach sanft: mit euch fühl' ich die Pein

Das herbe Leid, so euer Busen hegt,

In meine Brust dringt eure Klage ein,

Zum inn'gen Mitleid fühl' ich mich bewegt,

Doch nicht um Lohn will ich euch dienstlich seyn,

Ihr habt mein Herz im Busen angeregt.

Ein Felsen würde eurer Liebe dienen,

So lieblich fleh'n die holden Engelsmienen.

Ich will auf Rath und Hülfe für euch sinnen

Und ferne dämmern seh' ich Hoffnungsschein.

Wäre der Weg mit Weisheit zu ersinnen,

Wie ihr durch Gold und edeles Gestein

Des Pförtners Habsucht wüßtet zu gewinnen,

So daß er treu und dienstlich euch zu seyn

Sich durch den höchsten Eid verbindlich macht,

Dann könnte schwinden eures Grames Nacht.[162]

Ach! habt doch Gnad' und tausendfachen Dank

Für diese Rede, tröstlich mild und gut,

Rief nun der Jüngling, den die Minne zwang,

So daß er bebt in fieberhafte' Glut.

Ich war, sprach er, zum Tode schmerzlich krank,

Ihr habt erneut den fast entschwund'nen Muth,

Durch süßen Trost, den eure Worte geben,

Schenkt ihr mir neu mein schon verlornes Leben.

Laßt uns der Ruh', so sprach der Greis, nun pflegen,

Und morgen will ich euch die Weise sagen,

Wodurch den Pförtner wir vielleicht bewegen

Euch beizustehn in eures Herzens Klagen.

Ach! seufzte Flor', noch muß ich Zweifel hegen,

Ob himmlisch Licht die Schatten wird verjagen,

Worin mein Herz in dunkler Nacht beklommen,

Ob Morgenlicht wird tröstend zu mir kommen.

Der Morgen kam, und Flore war bereit.

Es rieth der Greis, zum Heil für seine Minne,

Daß er anlegt ein glänzend reiches Kleid,

Auf feine Wort' und kluge Reden sinne,

Und dann des Wächters schnöd' Habgierigkeit

Für sich durch reiche Gaben klug gewinne.

Auch lehrt er ihm wie er es machen sollte,

Wenn nicht der Pförtner mit ihm reden wollte.[163]

Nach solchen Worten führt er ihn von dann,

Hin vor den Thurm, der zu den Wolken steigt,

Und sieht mit Vaterliebe Floren an,

Drückt zärtlich seine Hände dann und schweigt.

Die Götter, spricht et endlich, fleh' ich an,

Sie seyen hülfreich eurem Thun geneigt,

Und mögen gnädig euer Haupt bewahren,

Daß ihr nicht Leid, nur Freude mögt erfahren.[164]

Quelle:
Sophie Bernhardi: Flore und Blanscheflur. Berlin 1822, S. 140-165.
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Flore und Blanscheflur: Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen. Herausgegeben und mit einer Vorrede begleitet von August Wilhelm Schlegel

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