Vierte Scene

[7] Dore. Graf von Hohenfels.


GRAF ist während des vorigen Monologs im Baumgarten sichtbar geworden, tritt jetzt durch die offene Thüre im Hintergrunde ein. Mann von einigen Fünfzig, hoch, schlank, ganz Aristokrat, er trägt ein leichtes modernes Reisekleid, wie bei Sommertouren im Gebirg üblich. Für sich. Hier finde ich endlich Jemand allein. Dore beobachtend. Wahrscheinlich ein Dienstmädchen? Vielleicht wäre von ihr zu erfahren was mir zu wissen nöthig. Kommt näher, laut. Guten Morgen, mein Kind.

DORE aus Gedanken. Ah? der Fremde von gestern. Schönen Dank, Herr! Steht auf. Sie kommen schon aus dem Baumgut, da sind Sie früh auf; wünschen gewiß Ihr Morgenbrod?

GRAF nickt.

DORE höflich. Dann muß ich Sie schon bitten in's Gast-Zimmer zu gehen, hier ist die Hausstube.

GRAF näher kommend. Ah, also ein Privatzimmer?

DORE geht wieder zum Tischchen. Zu dienen.

GRAF sich umsehend. Es ist so frisch und wohnlich hier, ist es nicht erlaubt ein wenig zu plaudern?

DORE. Wenn Sie sonst nichts zu thun haben, warum nicht? Rückt einen Stuhl zu dem runden Tisch. Nehmen Sie immer Platz. Setzt sich wieder.

GRAF sich setzend. Danke!

DORE nimmt die Arbeit wieder auf, ihn von der Seite scharf ansehend. Aber, was kann ein Bauernkind wie ich, mit so einem Herrn schwätzen?

GRAF. O recht viel, Kleine! Kannst mir erzählen von dem Viehstand, der Weinlese – von – den Nachbarn im Thal –

DORE wie oben. Und das wär' was für Sie? – O geh'n Sie doch!

GRAF. Gewiß ist's für mich. Ich komme zum ersten Mal von Baden herüber in diese Berge, mir ist Alles hier neu. – So war ich gestern droben an dem Schluchsee überrascht von dem herrlichen Ausblick.

DORE hat genäht. Und wie gefallt Ihnen der Weg über die Steig, nicht wahr, der ist schön?

GRAF. Ja, wunderbar schön! Wem gehört doch die Alm mit der großartigen Meierei und dem prächtigen Vieh?

DORE. Links, wenn man von oben 'runter kommt?

GRAF. Richtig.

DORE einfach. Die gehört meinem Vater.

GRAF. Ei? Das ist wohl die schönste im Schwarzwald?

DORE wie oben. O nein, wir haben noch drei andere, die viel größer sind. –[7]

GRAF verwundert. Da ist Dein Vater ein großer Bauer?

DORE lachend. Die Leut' sagen's.

GRAF. Und Du kennst gewiß die ganze Gegend, und wirst mir auch zu sagen wissen, welchem Holzhändler die vielen Schneidemühlen gehören, die an dem reißenden Waldbach liegen?

DORE. Ein paar davon gehören meinem Vater, die andern –

GRAF seine Spannung mühsam verbergend, unterbricht sie rasch. So handelt Dein Vater auch mit Holz?

DORE. Das will ich meinen! – Bis in's Frankreich hinein und zur Nordsee hinauf; Schiffsholz heißt man das, Herr.

GRAF. So wäre er also Gutsbesitzer und Holzhändler zugleich?

DORE lachend. Und Sonnenwirth dazu, das ist gewiß!

GRAF frappirt. Ah so – da bist Du – da sind Sie die Tochter vom Haus? Verzeihen Sie – ich wußte das nicht; Ihre Tracht –

DORE. Ist die mir gehört, und mir von Allen am besten gefallt; ich bin ein Bauernkind, heirath' einen Bauern und will mein Lebtag nichts anderes sein.

GRAF. Das ist verständig – und wäre zu wünschen, daß alle Leute in der Gegend so dächten. –

DORE sieht ihn groß an. Ja – wollen denn die was anders sein als wir? Solche kenn' ich nicht.

GRAF. Aber es giebt doch einen Holzhändler hier herum – der eine Tochter im theuersten Pensionat zu Paris, wo sogar adliche Fräulein ausgebildet werden, erziehen läßt?

DORE springt auf. Was? Wie heißt die? –

GRAF. Den Familiennamen kann ich nicht genau angeben, in der Pension nennt man sie nur Rose!

DORE athemlos. Das ist meine Schwester Rosalie! Unsere Rosel! Ja gewiß.

GRAF steht rasch auf. Wie? Es wäre Ihr Vater, der –

DORE. Ja, ja, mein Vater ist's, der sich von dem Herrn Leblanc die Rosel hat abschwätzen lassen, denn der hat sie über die Tauf' gehalten, und war schon ganz vernarrt in sie wie sie noch ein Kind war. Ja, kennen Sie sie denn?

GRAF. Meine Tochter, die in derselben Pension erzogen wird, erzählte mir viel von ihr; sie soll sehr schön und geistig begabt sein, alle Welt liebt sie.

DORE außer sich. O, wie mich das freut! Ich könnt Ihnen gleich um den Hals fallen! Ach, es ist ja bei uns g'rad so, alle Menschen haben die Rosel immer gern gehabt – und sauber war sie schon mit fünfzehn Jahr', ein Gesicht wie Milch und Blut, und goldige Haar und Augen wie die Stern am Himmel, gerad' wie die wunderthätig Mutter Gottes in Einsiedel.

GRAF sehr unruhig. Dann wundert es mich sehr, daß der Vater sie dem verderbten Pariser Leben preisgab, worin sie gar leicht untergehen könnte.

DORE sieht ihn groß an, mit tiefem Ernst. Die Rosel ist so fest in der Frömmigkeit, daß sie durch alle Verderbniß hinwandeln kann, wie der Engel Gabriel durch den Schwefelpfuhl, an dem seinem Flügel bleibt auch[8] nichts kleben. Das ist's nicht was mir Angst macht! Aber ich fürcht – es könnt ihr bei uns nicht mehr gefallen, das ist's.

GRAF rasch. Bleibt sie denn nicht für immer in Paris?

DORE ernst. B'hütes! In der Woch' noch kommt sie heim, denn Sonntag Selig vergnügt. ist meine Hochzeit.

GRAF. Sind Sie gewiß, daß sie kommt?

DORE. Und wenn die ganze Welt Nein sagen thät, ich weiß es so gewiß, als daß die Sonn' am Himmel steht!

GRAF mit einem tiefen Athemzug. Das ist recht erfreulich für Sie! – Aber was soll sie denn nun in der Heimath mit all' ihrer Bildung anfangen, Kind?

DORE. Heirathen soll sie, Herr. Der Theobald Stricker von Offenburg ist ihr verlobt von Kind auf, und wartet getreulich auf sie, wie's bei uns Brauch ist; sein Vater hat ein großes Gasthaus in Baden für ihn gekauft, dort kehren die vornehmsten Herrschaften ein, da kann sie ihre Bildung schon an Mann bringen – das wissen Sie ja!

GRAF sehr heiter und sichtlich erleichtert. Dort ist sie allerdings am rechten Platz! Aber hatten Sie denn nie Lust Welt und Menschen kennen zu lernen, wie die Schwester?

DORE trocken. Nein, niemals. Der Rosel wär's auch nie eingefallen, wenn's der Vater nicht befohlen hätt'. Zu was denn auch? Kann die Welt irgend wo schöner sein als im Badener Land? Kommen Sie und Tausende nicht alljährlich her um sich bei uns umzuschauen? Sie dürfen mir's glauben: ich kenne Welt und Menschen, wenn ich auch die Nas nie weiter über die Heimath hinaus gestreckt hab' als bis Carlsruh, oder in's Albthal 'nunter. Sieht ihn schelmisch an. So wollt' ich's gleich dem Herrn auf's Düpfele hin sagen, wer er ist.

GRAF frappirt. Wie so? – Wer sollt' ich denn sein?

DORE bestimmt. Sie sind ein vornehmer Herr, so, wie man sagt »was Recht's!«

GRAF lächelnd. Und woraus schließen Sie das?

DORE ihn fest ansehend. Sie riechen nicht auf zehn Schritt nach Patschuli; Sie tragen keine goldene Kette um den Hals, und haben die Finger nicht voll Ring'; aber Ihre Wäsch' ist so fein wie Spinnweb' und Ihre Händ' sind so glatt und weiß, daß man ihnen ansieht, sie geben sich mit keiner Arbeit ab, aber um so mehr – mit Glace-Handschuh' und Postpapier.

GRAF etwas verlegen. Diesmal täuscht sich Ihre Menschenkenntniß, Kind, denn ich bin kein vornehmer Herr, ich bin –

DORE unterbricht ihn. Sagen Sie mir's lieber nicht, denn ich seh's Ihnen an, Sie wollen mir was weiß machen, und zwei Ding' kann ich nicht vertragen: ich mag nicht bestohlen und nicht belogen sein, man kommt sich nachher so dumm vor, wenn man's erst merkt, und schämt sich für sich und den Andern. Behalten Sie's für sich; Lachend. es läßt mich schon schlafen, wenn ich auch nicht weiß wie Sie sich schreiben, gewiß! Jetzt will ich Ihnen um ein Frühstück sehen. Geht.

GRAF für sich. Originelles Geschöpf! Wenn die Schwester ihr gleicht – so hat Felden recht, dann könnte die Sache ernsthaft werden.[9]


Quelle:
Charlotte Birch-Pfeiffer: Gesammelte dramatische Werke, Band 10, Leipzig 1863, S. 7-10.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Noch in der Berufungsphase zum Schulrat veröffentlicht Stifter 1853 seine Sammlung von sechs Erzählungen »Bunte Steine«. In der berühmten Vorrede bekennt er, Dichtung sei für ihn nach der Religion das Höchste auf Erden. Das sanfte Gesetz des natürlichen Lebens schwebt über der idyllischen Welt seiner Erzählungen, in denen überraschende Gefahren und ausweglose Situationen lauern, denen nur durch das sittlich Notwendige zu entkommen ist.

230 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon