Sechste Scene

[55] Vorige. Veit. Gertrud aus dem Haus. Dore. Hinter ihr: Steffen von links.


VEIT im Auftreten, prallt zurück. Rose!

GERTRUD ganz starr. Kind!

DORE erschrocken. Aber Rose![55]

GERTRUD. Um Gotteswillen, Rosel! Wer ist der Herr?

ROSE macht sich aus Adolphs Armen los. Vater! Mutter! Mein Verlobter, wenn Ihr uns Euren Segen gebt! –

VEIT verblüfft. Was – was? – Herr! Wer sind Sie?

ADOLPH. Ein ehrlicher Mann, Sonnenwirth, der Euer Kind schon lange herzinnig liebt, und der gekommen ist ihre Hand von Euch zu verlangen.

VEIT. Aber zum Wetter, was ist denn der Herr, und wie heißt er, der um mein Kind anhält?

ADOLPH lächelnd. Ich bin Legationsrath und heiße Hohenfels.

VEIT gedehnt. Legationsrath! Also was Vornehmes?

DENISE frohlockend, sehr eifrig. Ja, ja, Papa Werninger, es ist der Graf von Hohenfels, aus einem großen Hause!

DORE in heftiger Bewegung. Ja Vater, das ist wahr. Und er hat die Rose schon in Paris gern gehabt!

VEIT finster. So, so! Das also war's, was sie dort so fest gehalten hat?

ROSE. Nein Vater, damals hatte ich keine Hoffnung jemals die Seine zu werden.

VEIT energisch. Hast Du sie jetzt vielleicht? Nachher kennst Du Deinen Vater nicht.

GERTRUD zieht ihn am Arm. So was muß doch erst überlegt sein, gelt Alter?

VEIT auffahrend. Ueberlegt? Ich wär' ein grundschlechter Vater, wenn ich da erst überlegen müßt, was recht ist! Ich kann Ihnen das Kind nicht geben, Herr Graf!

GERTRUD. Alter!

ROSE. Vater!

DORE zu Steffen. Ich hab's gewußt!

STEFFEN zu Dore. Sieht ihm gleich!

ADOLPH verletzt, aber mit Würde. Ihr verweigert mir die Hand Eurer Tochter? –

VEIT bestimmt. Ja, Herr, das thue ich. Erstlich ist die Rosel von Kind auf dem Theobald Stricker in Baden drüben verlobt –

ROSE heftig. Nein, Vater, nein! Ich bin es nicht!

VEIT. Ich hab' Dich ihm verlobt und dabei bleibt's! Wär's aber nicht so, und das Mädel wär' noch zu vergeben, Sie kriegten sie doch nicht. Ein hochadliger Herr und die Sonn'wirthsrosel vom Schwarzwald, das wär' mir eine schöne Allianz! Dazu könnt ich niemals Ja sagen. Darum ist mein letztes Wort –

ADOLPH energisch, ihn unterbrechend. Ueberlegt Mann, ehe Ihr es aussprecht! Es gilt das Lebensglück Eures Kindes und das Meine. Bedenkt, was Ihr vor Gott verantworten könnt!

GERTRUD. Hörst Du's Mann? Was Du vor Gott verantworten kannst!

VEIT. Fängst Du auch an, und weißt, daß der Theobald meinen Handschlag hat?

ROSE mit Energie. Vater! Ein Wort für Tausend! Sagt Ihr nein – so muß ich ihn lassen, der meine Welt, mein Hoffen, meine ganze Glückseligkeit[56] ist, denn Ihr seid der Vater, und ich muß gehorchen – wenn's auch mein Tod sein wird. Aber so wenig ich Euch zwingen kann mir mein Glück zu gewähren, eben so wenig könnt Ihr mich zu einem Mann zwingen den ich nicht liebe, und zu einem Stand, der meinem innersten Wesen widerstrebt!

VEIT. Was? Du sagst Deinem Vater unter das Gesicht, daß Du den Stand Deiner Eltern verachtest?

ROSE. Gott verhüte, daß ich ihn verachte, aber ich tauge nicht dazu Vater. Ihr seid blind, wenn Ihr nicht einseht daß ich den Theobald zu Grund richten würde. Ich kann nicht Wirthin sein!

VEIT wüthend. Aha, da steckt Dir der Nagel! Vom Hochmuthsteufel bist besessen, eine gnädige Frau Gräfin möchtest werden und auf uns herunterschauen, das ist Deine eingebildete große Lieb'; die Hoffahrt verleidet Dir unsern Stand! Aber Du sollst –

ROSE glühend, unterbricht ihn. Nicht die Hoffahrt Vater, die Bildungsstufe auf die man mich erhob, macht mir eine solche Existenz unmöglich. – Habe ich diese Erziehung von Euch verlangt? Ihr habt sie mir aufgedrungen! Konnte ich, ein unwissendes Kind, das Labyrinth ahnen, in welches Eure Verblendung mich stürzte? Ihr habt mich weit über das Ziel hinausgetrieben das die Vorsehung mir gesetzt, habt mich unbrauchbar gemacht für meinen Stand und Eure Welt, habt mich hinausgestoßen in die Fremde, damit ich kennen lerne, was mir ewig ferne bleiben sollte und wünschen muß, was ich nicht erringen kann. Es ist Euer Unrecht, die eigene Schuld Vater, um die Ihr mich verklagt, und Gott vergebe Euch, wenn Ihr mir das einzige Glück nehmt, das mir auf Erden werden kann – und mir keine Hoffnung laßt als auf ein frühes Grab! –

VEIT hat anfangs in vollem Trotz zugehört, läßt nach und nach den Kopf sinken, vergebens bemüht sich wieder aufzurichten, dumpf. Und so red't ein Kind mit seinem Vater? Sich mit gewaltsamem Trotz aufrichtend. Weib! Hast Du's gehört was Du für eine Tochter hast?

GERTRUD. Ja Mann, und hab' still geschwiegen, damit Dir kein Wort von Deiner Lection verloren geht. Die Rosel hat Dir nur die lautere Wahrheit, und kein Wort zuviel gesagt, sie ist in ihrem Recht; wenn sie noch zu Etwas taugt in der Welt, so ist's zu einer Dam'. – So hast Du sie wollen, so hast sie jetzt, und so muß sie verbraucht werden, drum gieb Dich d'rein! Wenn Du jetzt noch nicht begreifst, daß das keine Frau für den Theobald ist, und daß Du Die nicht mehr zwingen kannst zu Deinem Eigensinn, dann sag ich Dir: die Rosel ist mein Kind auch, ich bin Mutter, ich geb' die Heirath nicht zu – und müßt' ich beim Gericht den Einspruch thun! –

VEIT hat sie verblüfft angestarrt. Meintwegen! Sollst Recht behalten; zum Theobald will ich sie nicht zwingen – aber Die Stimme erhebend. dem Herrn Grafen da geb' ich sie nicht, so wahr –

STEFFEN faßt seinen Arm. Vater – verschwört Euch nicht, es thut kein gut solch ein Gelöbniß auf der Seel' zu tragen! Schaut mich nur an.

VEIT fährt auf. Was! Du mengst Dich auch noch d'rein? Dir steht's gut an, frecher Bursch![57]


Quelle:
Charlotte Birch-Pfeiffer: Gesammelte dramatische Werke, Band 10, Leipzig 1863, S. 55-58.
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