Vierte Scene

[42] Bertha. Käthchen.


BERTHA als Klarisserin gekleidet, bleich und ernst, aber sehr mild. Bist Du es, Jungfrau, die nach der Mutter Agnes verlangt?

KÄTHE siebt sie mit freudigem Staunen an und sagt nach kurzer Pause. Sie ist's! Sie kommt heraus! Nein, nein, das ist keine finstre Nonne, kein hartes kaltes Gesicht! Auf dieser Stirne wohnt das Mitleid, diese trüben Augen kennen Thränen! Auf sie zueilend und vor ihr niederkniend. Ach, ehrwürdige[42] Mutter, Ihr werdet ihm helfen, Ihr müßt es! Habt Erbarmen mit dem edelsten Manne, rettet Guttenberg!

BERTHA zuckt schmerzlich zusammen. Guttenberg?! –

KÄTHE. Wer sonst, was könnte mich zu Euch führen, als die schwere Bedrängniß Eures Bruders?

BERTHA. Meines Bruders? – Du bist im Irrthum, Mägdlein, ich bin nicht seine Schwester – meine Freundin Agnes sendet mich zu Dir, um Dein Anliegen zu vernehmen, sie selbst vermag es nicht, sie hütet seit Monden ihre Zelle! durch ein frommes Gelübde hat sie sich verlobt, nicht eher die freie Luft wieder zu athmen, bis Gott das Herz des unglücklichen Bruders wenden, bis er ihn auf den Pfad des Heils zurückführen werde!

KÄTHE. Großer Gott, die eigene Schwester glaubt ihn solcher schweren Sünde schuldig! – O Aberwitz der Menschen! so schmählich versündigen sie sich an einem Mann, auf dem Dein Geist so sichtbar ruht! – Sie soll sich geißeln, soll fasten und beten, um die Sünde abzubüßen, die sie an dem Bruder begeht; sagt ihr das, fromme Schwester, er bedarf ihrer Gelübde nicht! der fromme Mann steht rein vor Gott! Sie hebt die Hand zum Schwure auf. das schwört hier eine reine Magd vor seinem heiligen Angesicht, möge er mich verlassen für Zeit und Ewigkeit, wenn ich unwahr rede.

BERTHA in heftiger Bewegung. Wer bist Du, die solche Rede wagt? – Was willst Du von uns?

KÄTHE. Katharina Fust ist mein Name, die Tochter des Mannes bin ich, der Guttenbergs Geheimniß stahl, und ihn beraubt hinabstieß in Kerkernacht und Elend – vielleicht in den Tod. Die Schaamröthe, die jetzt meine Wangen deckt, sie brennt für meinen Vater! – O möge Euch die Verzweiflung einer Tochter rühren, die mit diesem Bekenntniß vor Euch treten mußte. Guttenberg ist der edelste, reinste Mensch, ihn zu retten ist meines Lebens Ziel, rette ich doch zugleich die Seele meines Vaters von ewiger Verdammniß, und seinen Namen von dem Fluche der Nachwelt.[43]

BERTHA. Guttenberg wäre rein? – O, Mägdlein, Dein Auge ist verblendet! – Ihn umstrickt ein finsterer Bund, der ihn zum ewigen Abgrund reißt, er ist verloren für alle Ewigkeit, er ist dem Feind des Menschen verfallen!

KÄTHE außer sich. Gott – Herr – Vater dort oben! gieb mir die Sprache deiner Engel, daß mein Wort siege, gieb mir das Herz des Lammes, daß meine Geduld so unerschütterlich werde, wie mein Wille ihm zu helfen! Glühend, aber ohne unedel im Zorn zu werden. Ehrwürd'ge Frau, wie mögt Ihr die reine Bildung, mit der Euch Gott begnadet, durch solchen Aberwitz schänden? – Doch ich vergebe es Euch, Ihr kennt ihn nicht, Ihr habt nicht mit ihm unter einem Herzen gelegen, wie die Schwester, Ihr habt vielleicht sein Antlitz nie gesehen, nie das treue Auge, aus dem der Strahl vom Himmel siegend leuchtet! Hat doch die eig'ne Gattin ihn im finstern Wahnsinn verlassen, was klage ich Euch, die Fremde, um ihres Irrwahns an!

BERTHA heftig. Die Gattin? – Wie, was weißt Du davon, rede, sprich!

KÄTHE. Ja, die Gattin, die der große Mann zu sich erhob, die er liebte, und noch liebt! Starrt mich nur an mit bebenden Lippen, auch ich erstarrte! – so blöden Geistes war das Weib, das an seinem Herzen geruht! – er ein Teufelsbanner! er dem Feinde des Menschen verbunden! – Habt Ihr je gehört, Ihr Kleingläubige, daß der Satan zum Wohl der Menschheit, zum Ruhm des Herrn seine Hülfe böte? – Habt Ihr je gehört, daß Einer ein Bündniß schloß mit ihm, um wie Guttenberg sein Leben in Kummer und Noth, in Sorgen für das tägliche Brod, in ewiger Entsagung zu vertrauern? Pracht und Reichthum, Wohlleben und Ueppigkeit ist der Lohn, den Satan hienieden giebt Denen, die ihm dienen; Guttenberg ist reich – an Jammer, das Stroh seines Kerkers ist das üppige Lager für sein krankes Haupt. – Der Satan ist gegen ihn, darum erliegt er seinem Geschick! – Daß sich das Herz seines Weibes von ihm wandte, daß seine[44] Feinde siegen, das war Satans Werk, und geht er ganz zu Grunde, dann erst jubelt der böse Feind, denn Guttenbergs heilvolle Erfindung zerstört ja die Macht der Hölle, und öffnet dem Licht des Herrn die Wege, daß es dringe in den finstersten Winkel der Erde!

BERTHA im furchtbarsten Kampf. Halt ein, Mägdlein, halt ein! – Deine Worte dringen mir in die Brust, wie sieben Schwerdter, und meine Seele blutet aus der Todeswunde! Seit Jahren kämpfe ich mit Zweifeln und Todesangst! Wenn Du wahr sprächest, wenn er, was er that, zu Gottes Ehren gethan –

KÄTHE entzückt. Er that's, er that's. O haltet dies Gefühl fest in Eurer Brust, wenn es auch schmerzt, im Schmerz liegt Heilung! Da, da les't. Sie zieht ein Blättchen aus der Brust. Dies fromme Gebet war das Erste, was aus seiner Hand hervorging, aus seiner Seele floß der herzerhebende Spruch!

BERTHA reißt ihr das Blatt aus der Hand, lesend.

O, heil'ge Jungfrau, keusch und rein,

Schau in des Herzens tiefen Schrein!

Wie sieht's doch da so finster aus!

Da ist nicht Trost noch Freud zu Haus!

Es ist mein Aug' so thränenschwer,

Wo nehm' ich doch wohl Balsam her? –

Woher? Kleinmüthig Herze mein,

Zur Jungfrau schau, in mildem Schein

Breit't sie die Arme uns entgegen

Und lehrt uns geh'n auf Gottes Wegen!

Und lehrt das tragen demuthsvoll,

Was Gott befiehlt, ein Christe soll! –


Sie läßt das Blatt fallen, bricht in Thränen aus, und verhüllt das Gesicht, indem sie in den Betstuhl sinkt.


KÄTHE. Kann in einer Seele, die Satan verfallen, solch inniges Gebet entstehen? Kann solcher Trostspruch aus dem Pfuhl der ewigen Sünde heraufsteigen?[45]

BERTHA. Nein, nein, nein! Es fällt wie Nebel von meinen Augen, Guttenberg ist schuldlos, rein vor Gott, wir aber sind mit so schwerer Sünde belastet, daß nichts unsere Seelen jemals entsühnen kann!

KÄTHE entzückt. Gott hat Euer Herz gerührt, er hat Euch schon vergeben, denn er würdigt Euch, Euer Unrecht zu erkennen! – Jetzt helft, spart keine Mühe bei der Oberin! Guttenberg liegt im Kerker, weil er meinem Vater 400 Gulden für Zinsen verschuldet. Der arme Mann hat Niemanden auf der weiten Erde, der sich sein erbarmte! Euer Kloster ist reich, Schwester Agnes brachte ein schönes Mitgift, es kann ihr nicht schwer werden, das Geld zu erhalten, und ist er nur frei, dann hebt auch sein kühner Geist wieder die Schwingen, und es kann noch Alles gut werden!

BERTHA springt auf. Ja, so Gott mir hilft, will ich ihn retten, wenigstens aus der Kerkernacht, die ihn umgiebt! – Ach, es ist so wenig, was ich für ihn thue, und es ist dennoch Alles, was ich zu thun vermag!

KÄTHE. Es ist viel, unaussprechlich viel. – Ihr gebt ihm das Höchste, was der Himmel dem Menschen gab, die Freiheit!

BERTHA ausbrechend. Ach, was ich ihm nahm, kann ich ihm niemals wiedergeben.

KÄTHE. Wie? – Ihr kennt ihn!

BERTHA. Mägdlein, Du hast mehr an mir gethan, als ich Dir lohnen könnte, und lebte ich tausend Jahre! – Du hast mir den Weg gezeigt zur Sühne eines schweren Frevels, – Gott möge Dir dafür den Pfad zur höchsten Glückseligkeit zeigen! Du verdienst jedes Glück, das frommer Unschuld werden kann. Wende Deine klaren Augen von mir, Jungfrau! – Mögen diese Thränen bei Dir für mich sprechen wie dort – ich bin die Sinnverwirrte, die ihn elend machte, ich bin Guttenbergs Weib! – Ab.[46]


Quelle:
Charlotte Birch-Pfeiffer: Johannes Guttenberg. Berlin 21840, S. 42-47.
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