Erster Auftritt.

[5] In dem Bett liegt weißgekleidet Frau Klara Sang unter weißer Überdecke. Am Fenster steht ihre Schwester, Mrs. Hanna Roberts.


HANNA. Wie die Sonne draußen ins Birkenlaub scheint! – Und so zart ist dieses Laub hier!

KLARA. Du Hanna, – wie es hier nach Vogelkirsche riecht!

HANNA. Soweit ich mich umblicke, – Vogelkirsche sehe ich nicht.

KLARA. Von dort kannst Du sie nicht sehen. Aber Vogelkirsche wächst hier. Die Morgenbrise führt den Duft gerade ins Zimmer zu uns.

HANNA. Doch ich merke nichts davon.

KLARA. Nach solchem Regen spüre ich den leisesten Atem der Natur.

HANNA. Und Du kannst Vogelkirsche riechen?

KLARA. Ganz genau. – Wir wollen wenigstens das untere Fenster schließen.

HANNA. Wenn Du meinst. Tut es.

KLARA. Wer hat Dir eigentlich gesagt, es sei ein Bergsturz zu erwarten?

HANNA. Der Alte, – der Steuermann des Dampfschiffes, das uns herbrachte. Es regnete und regnete, und da sagte er: »'s ist Gefahr im Verzuge. Nach einem Regen, der solange anhält, lockert sich der Berg.« Ich habe die ganze Nacht an nichts anderes gedacht.

KLARA. Du mußt nämlich wissen, hier geht ein Sturz nach dem andern herunter. Einmal – das war freilich vor unserer Zeit – da hat der Sturz die Kirche mitgerissen.[5]

HANNA. Die Kirche?

KLARA. Nicht die Kirche, die hier steht, – die alte, die viel weiter hinten stand.

HANNA. Ach, deshalb hat man sie wohl so dicht an die Gartenmauer gebaut?

KLARA. Jawohl. – Jetzt, wenn die Kirchenfenster im Sommer ausgenommen sind, kann ich hier von meinem Bett Adolf am Altar singen hören. Das heißt, dann muß die Tür hier offen stehen und auch die Tür der Wohnstube, und natürlich muß das Fenster der Wohnstube auch offen stehen. – Er singt so herrlich. Wenn beide Türen offen sind, kann ich die Kirche von hier sehen. Komm her! Drum steht auch das Bett an dieser Stelle.

HANNA tritt näher. Liebe Klara, – daß ich Dich so wiedersehen muß! Warum hast Du nie geschrieben?

KLARA. Erstens ist Amerika so weit fort; und dann –. Doch – davon ein andermal.

HANNA. Ich verstand gestern Deine Antwort nicht, als ich nach dem Doktor fragte.

KLARA. Adolf war im Zimmer, darum antwortete ich ausweichend. Wir haben keinen Doktor.

HANNA. Ihr habt keinen Doktor?

KLARA. Er ist einmal über das andere gekommen, – der Doktor wohnt nämlich sehr weit von hier –, und es hat doch nichts geholfen. Aber wie ich dann einen ganzen Monat dagelegen, ohne Schlaf zu finden, –

HANNA. Einen ganzen Monat, ohne zu schlafen, das ist aber doch unmöglich ...?

KLARA. Jetzt sind es bald anderthalb Monate, – was sollte uns da noch der Doktor nützen, nicht wahr?

HANNA. Wie?

KLARA. Als mein Mann ihn fragte, was mir denn fehle, da gab er der Krankheit einen häßlichen Namen. Ich weiß den Namen nicht, denn Adolf hat ihn mir nicht gesagt. Dann haben wir ihn nicht mehr holen lassen.

HANNA. Sprichst Du nicht zuviel?

KLARA. Ganze Tage lang spreche ich überhaupt[6] nicht, und dann wieder unaufhörlich. Ich muß! – Nun wird Adolf wohl bald von seinem Morgengang wiederkommen, und dann bringt er mir Blumen mit.

HANNA. Kann ich Dir nicht ein paar pflücken, wenn Du so gern welche haben willst?

KLARA. Nein; manche sind darunter, die mir unerträglich sind. Adolf kennt sie. – Hanna, Du hast mir ja nichts von dem Wiedersehen mit meinen Kindern auf dem Dampfschiff erzählt. Ich möchte so furchtbar gern davon hören. Gestern war solche Unruhe hier, und dann wart Ihr alle so müde. Denk nur, die Kinder schlafen noch, von sieben bis sieben! Die liebe Jugend!

HANNA. Sie hatten's auch nötig. Aber ich kann nicht mehr als ein paar Stunden schlafen – jetzt, und doch bin ich nicht müde.

KLARA. Ja, das geht allen so, die ins Land der Mitternachtssonne kommen. Man wird übernächtig. – Und die Kinder? Sind sie nicht reizend? Und wie unschuldig sie sind!

HANNA. Aber sie sehen Dir nicht ähnlich. Auch nicht gerade Sang, – höchstens die Augen. Das fiel mir später auf.

KLARA. Erzähl', erzähle!

HANNA. Denn hätten sie Euch ähnlich gesehen, dann hätte ich sie ja erkannt. Euch beide habe ich nicht gesehen seit Eurer eigenen Jugend, vergiß das nicht. – Aber ich sah sie an Bord gehen, und ich sah sie auch später noch, obwohl sie zweite Kajüte fuhren ...

KLARA. Weiter reichte ihr Geld nicht, – die armen Dinger!

HANNA. Und ich habe sie nicht erkannt. Eines schönen Morgens nun stand ich auf dem Hüttendeck. Unter mir gingen sie raschen Schrittes auf und nieder, um warm zu werden. So oft sie den Rücken wandten, um wieder auf die andere Seite hinüberzugehen, konnte ich die Augen nicht vergessen, denn die Augen, die mußte ich kennen. Da stießen zwei Seevögel so nahe aus der Luft herunter, daß Rahel rasch mit den Armen[7] ausholte; sie war ganz erschrocken, denn die Vögel kreischten dicht an ihrem Ohr. Diese Armbewegung, – die machtest Du gerade so. Und da erkannte ich auch die Augen, – Sangs Augen.

KLARA. Und nun gingst Du gleich zu ihnen hinunter?

HANNA. Das fragst Du noch?! »Heißt Ihr Sang?« fragte ich. Zu antworten brauchten sie nicht. Nun war ich meiner Sache sicher. »Ich bin Tante Hanna aus Amerika«, sprach ich. Und dann übermannte uns die Rührung.


Beide Schwestern weinen.


KLARA. Rahel hatte Dir geschrieben und Dich gebeten, zu kommen. War's nicht so?

HANNA. Ja. Und dafür werd' ich Rahel immer dankbar sein. Wie reizend sie war! Ich nahm beide gleich mit in die erste Kajüte und legte Rahel einen großen Schal um; denn sie fror. Ich gab ihr ein Plaid über.

KLARA. Du liebe Hanna!

HANNA. Doch, – auch das gehört dazu! – im selben Moment ging eine pechschwarze Brise über den Fjord; wir hatten sie im Rücken. Wir fuhren eben unter einer hohen, kahlen, grauen Felswand vorbei. Eine Schar Möven folgte dem Schiff: einige schrien just über unseren Köpfen. Und dabei war eine eisige Kälte. Einige armselige Häuser am Ufer – das waren aber auch die einzigen, die wir sahen, und meilenweit waren wir gereist, ohne andere zu sehen. Nur Berge und Schären! Das sind also die nordischen Lande, dachte ich. Hier sind diese verfrorenen Kinder aufgewachsen. Nie werd' ich das vergessen! Furchtbar.

KLARA. So furchtbar ist das doch nicht.

HANNA. Klara! – Wie Du nun daliegst –! Und weißt Du noch, was für ein feines, lebensfreudiges Ding Du warst?

KLARA. Ja, ja! – Wo soll ich nur anfangen, um Dir dies alles zu erklären. Ach Gott!

HANNA. Warum hast Du mir nicht einen Notschrei[8] übers Meer gesandt? Mir, die es so gut hat und Dir auf so manche Art hätte an die Hand gehen können, damit Du Dich nicht zu überarbeiten brauchtest?

Warum hast Du nicht die Wahrheit geschrieben? Die ganze Zeit hast Du damit hinterm Berge gehalten. – Erst Rahel schrieb mir die Wahrheit.

KLARA. Ja, ja! – So war es. – Und so mußt' es sein.

HANNA. Und weshalb?

KLARA. Hätte ich geschrieben, wie die Dinge standen, und wärt Ihr alle gleich herbeigestürzt, so – –. – Ich will keine Hilfe. Denn mir ist nicht zu helfen.

HANNA. Also – gelogen hast Du? –

KLARA. Ja, natürlich. Ich habe beständig gelogen – und alle belogen. Was hätt' ich sonst tun sollen?

HANNA. Dies alles ist mir so rätselhaft! In jeder Beziehung.

KLARA. Hanna! Du sagtest »überarbeitet«. Du sagtest, Du hättest mir auf so manche Art an die Hand gehen können, damit ich mich nicht zu überarbeiten brauchte. Hast Du schon einen überarbeiteten Menschen gekannt, der imstande gewesen wäre, um Hilfe zu bitten, oder fähig gewesen, Widerstand zu leisten?

HANNA. Nun, und – als es noch Zeit war – als Du noch bei Kräften warst –?

KLARA. Du redest, wie Du's verstehst.

HANNA. Dann klär' mich doch auf – wenn Du's kannst.

KLARA. So rasch und plötzlich kann ich's nicht. – Aber vielleicht nach und nach.

HANNA. Um also den Anfang zu machen: Du hattest doch seinen Glauben nicht. – Wie seltsam! War das der Grund?

KLARA. Nein. – Ja, das ist ein weites Feld! – Aber das ist nicht der Grund. Wir haben ein so verschiedenes Naturell; – aber auch das ist es nicht. Wäre Sang wie andere Männer gewesen – aufbrausend und rechthaberisch; ja, dann wär's nicht schlimm gewesen –[9] vielleicht nicht! Aber lange, eh' er mich kennen lernte, war seine ganze Kraft – und er hatte Kraft, das kannst Du glauben – auf seine Arbeit konzentriert; die Arbeit war ihm Liebe, war ihm Aufopferung geworden. Und schön war sie, – wie schön! Willst Du wohl glauben, daß in unserm Hause noch kein hartes Wort gefallen ist, daß es hier noch keine »Szene« gegeben hat? Und nun sind wir doch bald fünfundzwanzig Jahre verheiratet. Er leuchtet von ewiger Sonntagsfreude. Für ihn ist Sonntag das ganze Jahr.

HANNA. Wie Du ihn lieben mußt!

KLARA. Ihn »lieben« – oh, damit ist gar nichts gesagt. Ich bin nichts ohne ihn. Und da kannst Du von Widerstand reden? – – Das heißt: hier und da war ich schon zum Widerstand genötigt, wenn es einmal zu sehr unsere Kräfte überstieg.

HANNA. Was meinst Du damit?

KLARA. Das will ich Dir später erklären. Aber wer kann widerstreben, wo nichts als reine, reine Güte ist – als reine, reine Aufopferung – als reine, reine Freude? Und wer kann widerstreben, wenn sein kindlicher Glaube und seine übernatürliche Macht alle anderen mitreißen?

HANNA. Übernatürlich, sagst Du?

KLARA. Hast Du nicht davon gehört? Haben die Kinder Dir nichts erzählt –?

HANNA. – was? –

KLARA. – nun, – wenn Sang recht inbrünstig betet, so erhält er das, worum er betet.

HANNA. Er tut Wunder, meinst Du?

KLARA. Ja!

HANNA. Sang?!

KLARA. Haben die Kinder Dir es nicht gesagt?

HANNA. Nein!

KLARA. Das ist doch aber seltsam!

HANNA. Von dergleichen haben wir überhaupt nicht gesprochen.

KLARA. Aber dann haben sie ja nicht ... Ach, sie haben gedacht, Du wüßtest es! Denn Sang – ja, Sang[10] heißt im ganzen Lande nur der »Wunderpastor«. Sie haben gedacht, das sei Dir bekannt! Sie sind so bescheiden, die Kinder.

HANNA. Tut er denn Wunder? Wunder –?

KLARA. Als Du ihn erblicktest, – hattest Du da nicht gleich den Eindruck von etwas Übernatürlichem?

HANNA. Es wäre mir nie eingefallen, dieses Wort zu gebrauchen; – aber nun, da Du es aussprichst ... Freilich, er macht einen – ja, wie soll ich nur sagen – einen im höchsten Grade geistigen – einen sehr eigenartigen Eindruck ...! Als gehöre er nicht hierher.

KLARA. Ja, nicht wahr?

HANNA. Allerdings.

KLARA. Weißt Du, – oft lieg' ich zusammengekrampft da, – die Beine bis an die Brust und die Arme ... ja, ich wage nicht, Dir es vorzumachen, sonst könnt' es leicht wiederkommen ... So lieg' ich oft ganze Tage, wenn er fort ist, und kann die Glieder nicht rücken und nicht rühren. Glaub' mir, das ist furchtbar! Einmal ... er war in den Bergen, – ach, diese Reisen im Gebirg! – da lag ich acht ... acht lange Tage so. Und kaum trat er durch die Tür dort – kaum sah ich ihn und er mich, da löste sich die Starre meiner Arme und Beine, und er kam und strich drüber hin und ich lag so schlank da wie jetzt! Und das wiederholt sich so – wieder und wieder. Er braucht nur ins Zimmer zu kommen, und der Krampf geht vorüber.

HANNA. Seltsam!

KLARA. Willst Du wohl glauben – wenn er zu Kranken, das heißt: zu wahrhaft Gläubigen, die krank sind, kommt und mit ihnen betet, so werden sie wieder gesund! Das ist nicht einmal, das ist hundertmal geschehen!

HANNA. Wirklich gesund?

KLARA. Ganz gesund. Ja, und willst Du wohl glauben – wenn er Kranken, die nicht zu ihm kommen konnten (denn es gibt hier ja so große Entfernungen!), – wenn er ihnen geschrieben hat, er werde an dem und[11] dem Tage und um die und die Stunde für sie beten, und sie sollten mitbeten, – so trat von dieser Stunde an eine Wendung in ihrer Krankheit ein. Das ist die Wahrheit. Ich kenne viele solcher Fälle!

HANNA. Merkwürdig! – Warum hast Du denn nie davon geschrieben?

KLARA. Ich kenn' Euch doch! Und meinst Du, ich hätte ihn Eurer Zweifelsucht ausliefern mögen? –

Eine Pfarrerswitwe lebt hier – die müßtest Du sehen. Sie wohnt ganz in der Nähe. Etwas Ehrwürdigeres als sie läßt sich kaum denken! – Sie war fünfzehn Jahre gelähmt gewesen, als Sang in die Gegend kam; das ist jetzt fünfundzwanzig Jahr her. Nun geht sie jeden lieben Sonntag zur Kirche!

HANNA. Er hat sie kuriert?

KLARA. Nur durch Beten und die Art, wie er sie zu eigenem Beten zwang. Und dann Aagot Florvaagens Fall. Das war wohl das Merkwürdigste. Denn soviel wir sahen, war sie tot. Er legt ihre Hand in seine Hand, und er legt seine andere Hand auf ihr Herz und erwärmt es, und da fängt sie wieder an zu atmen. Sie lebt jetzt zusammen mit der alten Pfarrersfrau, – gleich hier nebenan! – Ich könnte hier bis morgen liegen und erzählen und erzählen. Ein unvergleichlicher Glanz geht von ihm aus und leuchtet weit ins Land hinaus – über die Tausende von Gläubigen hin. Und nun wächst seine Macht und wächst, daß wir keinen Tag mehr Frieden haben.

HANNA. Also ich werde das auch zu sehen bekommen, – das, wovon Du erzählst, – während meiner Anwesenheit?

KLARA. So gewiß wie ich hier liege und mich nur auf die Ellbogen stützen kann.

HANNA. Aber warum erprobt er die Kraft seiner Wunder nicht an Dir, Klara! Weshalb hat er Dich nicht schon lange geheilt?

KLARA. – – – Das hat seinen besonderen Grund.

HANNA. Den Du mir doch sagen wirst?[12]

KLARA. Nein. – Oder: ja. Aber später. – Willst Du nicht ein Fenster wieder öffnen?! Es wird so dumpfig hier. Mehr Luft, Hanna!

HANNA. Gewiß. Öffnet das oberste Fenster.

KLARA. Jetzt muß er aber gleich kommen. Er bleibt wirklich heut lange fort. Hätte ich nur erst den Duft der Blumen. Nach dem Regen müssen eine Menge aufgeblüht sein. Jetzt ist es bald sieben; kurz vor sieben.

HANNA sieht auf ihre Uhr. Ganz richtig.

KLARA. Seit ich hier liege, weiß ich immer, wieviel die Uhr ist. – Käme die frische Luft doch nur einmal bis zu mir? – Gewiß hat sich der Wind gelegt? – – Du antwortest ja nicht!

HANNA. Nein, – ich habe nicht zugehört. – Ich komme noch immer nicht von meinem Erstaunen los.

KLARA. Ja, das ist auch die größte Merkwürdigkeit unseres Landes. Vielleicht unserer ganzen Zeit.

HANNA. Und was sagen die Leute dazu? Wie stellen sich die Bauern zu ihm?

KLARA. Ich glaube, es hätte überall anderswo zwanzigmal, ja hundertmal mehr Aufsehen gemacht, als gerade hier. Hier denken die Leute, das müßte eben so sein.

HANNA. Aber Klara! Wunder ist Wunder.

KLARA. Ja, für uns. Doch die Natur hier ist von der Art, daß sie auch von uns das Ungewöhnliche heischt. Die Natur selbst wächst hier ja über das Maß des Gewöhnlichen hinaus. Wir haben fast den ganzen Winter Nacht. Wir haben fast den ganzen Sommer Tag – und dann steht die Sonne über dem Horizont Tag und Nacht. Hast Du sie in den Stunden der Nacht gesehen? Hinter dem Meeresnebel. Hinter den Dunstschleiern der See erscheint sie dreimal, oft viermal so groß wie sonst. Und diese Farbenwirkungen! Über den Himmel, das Meer, die Berge hin! Vom stärksten Feuerrot bis zum feinsten, zartesten Gelbweiß. – Und die Farben des Nordlichts am Winterhimmel! Obwohl sie gedämpfter sind, so ist dafür die bewegteste Zeichnung in ihnen, und eine Unrast und ein unendlicher Wechsel! Und[13] dann die anderen Naturwunder! Vögel zu Millionen geschart; Schwärme von Fischen, – so lang »wie die Strecke von Straßburg nach Paris«, schrieb einmal jemand. Du siehst die Felsen, wie sie jäh aus dem Meer aufsteigen. Sie haben ihresgleichen nicht. Und die Wellen des Ozeans brechen sich an ihnen ...

Dementsprechend sind natürlich die Vorstellungen des Volkes. Sie kennen nicht Maß noch Ziel. In ihren Sagen, ihren Märchen ist ein Geist, wie wenn man ein Land auf das andere wälzen und hinterher auf diesen Länderberg die Eismassen des Nordpols türmen wollte. Ja, Du lachst. Aber höre nur erst einmal diese Sagen! Sprich mit den Leuten, und Du wirst gleich verstehen, daß Pastor Adolf Sang ein Mann nach ihrem Herzen ist. Sein Glaube paßt zu dem Lande. Als er hierher kam, da hatte er ein großes Vermögen, und fast alles hat er weggegeben. Das mußte so sein! Das war Christentum! Und kommt er nun meilenweit zu einem armen Kranken gereist und betet, dann springen sozusagen ihre Seelen auf und Licht dringt hinein, unmittelbar –! Manchmal können sie ihn in einem Hundewetter draußen auf dem Meere sehen; er allein in einem winzigen, winzigen Boot, vielleicht hat er eins von den Kindern mit oder auch beide: denn er nahm sie mit – von ihrem sechsten Jahr an. Tut wohl ein Wunder und dann weiter – weiter nach einem andern Fischernest – und hier ein neues Wunder! Sie erwarten das gewissermaßen von ihm – und noch mehr! Wär' ich nicht manchmal eingeschritten, so hätten wir heute nicht das Brot im Hause, und er selbst wäre kaum mehr am Leben. Vielleicht auch die Kinder nicht – von mir will ich ganz schweigen. Denn ich bin fertig.

HANNA. Aber dann bist Du doch gar nicht eingeschritten? – –

KLARA. Das mag so aussehen. Aber ich hab's getan. Nicht mit Vorstellungen – die helfen nichts! Nein, ich muß etwas aushecken – beständig etwas Neues – jedesmal. Sonst merkt er's. Ach, es ist zum Verzweifeln![14]

HANNA. Etwas aushecken, sagst Du?

KLARA. Ihm fehlt ein ganzer Sinn. Der Wirklichkeitssinn. Er sieht immer nur das, was er sehen will. Darum sieht er z.B. nie das Böse in den Menschen. Das heißt: er sieht es schon; doch er übersieht es auch. »Ich halte mich an das Gute in der Menschheit«, sagt er. Und wenn er mit den Menschen redet, so sind sie alle gut, absolut alle. Blickt er sie aus seinen Kinderaugen an, – so ist man entwaffnet. Aber das geht nicht gut aus. Denn er richtet uns zugrunde – solcher Leute wegen. Und so ist sein Handeln unverhältnismäßig, verstehst Du, – im großen wie im kleinen. Er nähme, wenn er könnte, unsern letzten Besitz – das, wovon wir morgen leben müssen! »Gott wird es schon wiedergeben; denn er hat uns geboten, so zu tun.«

Wenn draußen solches Unwetter ist, daß sich die erprobtesten Seeleute nicht auf einem Schiffe, geschweige denn in der Barke des Pfarrers aufs Wasser getrauen, dann möchte er in einer Nußschale hinaus – und am Ende noch gar das kleine Kind hinten hinein setzen!

Er ist über die Berge gezogen im Nebel und drei Tage und drei Nächte umhergestrichen ohne Nahrung. Man ging auf die Suche nach ihm und brachte ihn wieder zu Menschen. Und die Woche darauf will er schon wieder dieselbe Tour im Nebel machen!

HANNA. Verträgt er's denn?

KLARA. Er verträgt alles. Er schläft ein wie ein müdes Kind, und schläft und schläft und schläft. Dann wacht er auf, nimmt etwas zu sich und geht wieder frisch an sein Tagwerk. Er lebt in einer ganz anderen Welt; denn er ist ganz arglos.

HANNA. Wie Du ihn liebst!

KLARA. Ja, diese Liebe ist aber auch das einzige, was von mir übrig geblieben ist. Doch das Los der Kinder hat mich gebrochen.

HANNA. Der Kinder?

KLARA. Das Leben hier war für sie vom Übel. Alles unregelmäßig, schwankend; sie wußten nicht aus noch[15] ein. Jeder Vorsatz wurde ausgeführt, koste es, was es wolle. Keine Überlegung, nur Inspiration! Als sie schon erwachsen waren, konnten sie wenig mehr als lesen und schreiben. – Und was ich ausgestanden habe, bis ich sie fortgeben konnte. Und dann diese fünf Jahre der Sorgen, weil ich doch für ihr Auskommen und ihre Ausbildung in der Fremde die Mittel schaffen mußte. Ja, das hat meine letzte Kraft aufgezehrt. Jetzt bin ich am Ende!

HANNA. Liebe, liebe Klara!

KLARA. Du meinst doch wohl nicht ...? Soll das etwa Mitleid sein? – Hab' ich nicht die Lebensreise zusammen gemacht mit dem besten Mann der Welt? Zusammen mit dem reinsten Willen, den die Menschheit kennt? – Man lebt kürzer auf die Art – gewiß. Man kann nicht alles auf einmal haben. Aber darum möcht' ich doch mit niemand tauschen! – Hanna!

HANNA. So hat er denn Euch den anderen geopfert!

KLARA. Das hat er! Ganz richtig. Das heißt: nicht alle hat er geopfert; das durfte er denn doch nicht. Er hätte auch sich selbst geopfert, wenn man ihm seinen Willen gelassen. Er geht doch über die Kraft hinaus.

HANNA. Über die Kraft? Wenn er wirklich Wunder tut und nie Schaden nimmt?

KLARA. Glaubst Du denn nicht, seine Wunder kommen aus derselben Quelle: nämlich, daß er über die Kraft hinausstrebt?

HANNA. Du machst mir Angst! Wie meinst Du das?

KLARA. Ich meine, es war es bei den Propheten auch – bei den jüdischen wie bei den heidnischen. Sie konnten mehr als wir in gewisser Richtung, weil ihnen in allen anderen Richtungen so vieles gebrach. Ja, so hab' ich mir's zurechtgelegt.

HANNA. Aber glaubst Du denn nicht?

KLARA. Glauben? Was meinst Du damit? Wir beiden Schwestern, wir sind aus einem alten, nervösen Geschlecht von Zweiflern. Man darf sagen, aus einem intelligenten Geschlecht. Er war anders wie alle andern,[16] besser als alle andern. Ich bewunderte ihn, und aus Bewunderung wurde Liebe. Es war nicht sein Glaube; der war etwas, das ihm allein gehörte. Wie lange ich nun seinen Glauben teile, – ja das weiß ich nicht.

HANNA. Das weißt Du nicht?

KLARA. Mein Dasein war eine solche Hetzjagd, daß ich nie Zeit hatte, mir darüber Rechenschaft zu geben. Dazu muß man Zeit haben. Und ich hatte oft meine liebe Not, uns nur von einem Tag zum andern weiterzubringen. Das hat mich vorzeitig aufgerieben. Es fehlte mir die Sammlung, große Fragen anzuschneiden. – Kaum hab' ich noch die Unterscheidungskraft für recht und unrecht – ihre grobe Form natürlich – aber die feinere? Ich behelfe mich, so gut es geht. Mit dem Glauben ist es dasselbe. – Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen!

HANNA. Weiß er das alles?

KLARA. Er weiß alles. Glaubst Du, ich verschwiege ihm überhaupt etwas?

HANNA. Versucht er denn nicht auf Dich einzuwirken, daß Du seinen Glauben teilst?

KLARA. Nicht im mindesten. Die Forderung, sagt er, daß man glauben muß, wenn man nicht verurteilt werden soll, das ist Gottes Sache. Unser ist: wahr zu sein. Dann kommt uns schon der Glaube – hier oder im Jenseits. Ja, er ist ein ganzer Mann, der Sang!

HANNA. Aber er ist doch tätig für die Ausbreitung des Glaubens?

KLARA. Auf seine Art. Niemals, niemals mit Aufdringlichkeit. Er übt unbeirrt die gleiche Rücksicht gegen alle. Hörst Du: – gegen alle! Oh, er hat seinesgleichen nicht!

HANNA. Du siehst ihn noch so wie in den ersten Tagen der Glückseligkeit! Und doch sind Deine Augen alt geworden.

KLARA. Und doch sind meine Augen alt geworden.

HANNA. Aber was Deinen Glauben an seine Wunder betrifft, – ja, eigentlich glaubst Du doch gar nicht daran![17]

KLARA. Was sagst Du da? Es gibt nichts auf der Welt, an das ich unbedingter glaubte!

HANNA. Wenn Du ihn nicht bei einem Orkan fortlassen willst, – und wenn Du zweifelst, ob Ihr das wiederbekommen werdet, was er weggibt, auch wenn es das Letzte wäre – so glaubst Du doch nicht an die Wunder.

KLARA. Ehe ich Dir das zugäbe ...?! Du mußt wissen – eben hierauf beruht meine ganze Kraft.

HANNA. Gut. Doch es ist nicht des Glaubens Kraft.

KLARA. Nein! Nein doch! – Mag hierin ein Widerspruch liegen – was tut's! Unsere Widersprüche haben wir alle – nur er nicht. – Übrigens will ich Dir sagen: sich so mit seinem Kinde aufs Wasser hinaus zu wagen, das ist mehr als glauben, das ist Gott versuchen.

HANNA. Ich finde: das Wunder müßte ebenso gut eintreten, wenn es unser eigenes Leben, als wenn es andrer Leben gilt.

KLARA. Wenn man sich doch aber selbst in Lebensgefahr stürzt!

HANNA. Wenn es doch aber geschieht, um andere zu retten! Das kann man nicht nennen: Gott versuchen.

KLARA. Liebe Hanna, – ich bitte Dich, hör' auf! Es wächst mir über den Kopf. Ich weiß nur: nimmt er den Kindern, wovon sie leben sollen, und gibt er's schlechten, jämmerlichen Menschen, oder will er selber im Nebel auf die Berge oder aufs Meer im Orkan, – dann werf' ich mich in den Weg! Ich tue alles, unbedingt alles, alles Erdenkliche, um es ihm zu verwehren! – Gesetzt, er wollte in diesem Augenblick ... Obwohl ich nun schon viele Monate nicht auf den Beinen stehen kann, so würde ich dennoch ... Und ich könnt' es! Das weiß ich sicher! Dann tät' auch ich ein Wunder! Denn ich liebe ihn, – ihn und seine Kinder! Lange Pause.

HANNA. Kann ich Dir mit etwas helfen?

KLARA. Gib mir Eau de Cologne! Hier an die[18] Schläfen. Und laß mich dran riechen! Von der Eau de Cologne, die Du gestern hattest. Doch schnell! Kannst Du die Flasche nicht aufkriegen? Da ist ein Korkenzieher! Dort, dort! Und mach' das untere Fenster auf!

HANNA. Ja, ja!

KLARA. Danke schön! – Wäre der Erdboden nicht so feucht von dem schrecklichen Regen, dann möcht' ich ins Freie. Hast Du den Korken noch nicht heraus?

HANNA. Einen Augenblick!

KLARA. Schraube tiefer! Doch nicht zu tief. – So! So! Komm! – Ah, ah! Jasmin!

HANNA. Jasmin? – Jasmin? Keine Spur!

KLARA. Jasmin, Jasmin! – – Sang ist da! Ich höre ihn! Er ist's! Gott sei Dank! Da bin ich gleich ruhig. – Ruhig. Oh, das ist ein Segen! Da ... kommt ... er.


Sang erscheint.


Quelle:
Björnson, Björnstjerne: Gesammelte Werke. Berlin [1911], Band 5, S. 5-19.
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