Dritter Akt.

[56] Reich ausgestattetes Zimmer in Hampton Court. Rechts eine offene Thür. An der Wand ein Porträt Karls I. von Van Dyk. Es ist Abend. – Karl I. auf einem Prunksessel sitzend, neben ihm Berkley stehend. Vor ihm Oberst Graves, ein Schriftstück

in der Hand, hinter ihm drei Offiziere, alle stehend. Graves verbeugt sich bei Aufgehen des Vorhangs

und blickt den König an. – Pause.


KARL. Habt Ihr die Vorlesung Eurer Vorschläge beendet? Gut. Ihr könnt gehn. Ich habe Euch nichts zu sagen.

GRAVES. Sire, wir sind überrascht – die Gründe eines solchen Empfanges sind uns verborgen. Blickt auf Berkley, der ängstlich die Achseln zuckt und dem König besorgte Blicke zuwirft, der diesen kalt ausweicht. Die Deputation des Heeres, als deren Sprecher ich die Ehre habe vor Ihnen zu stehn, ist zu allem bereit, was möglich ist. – Aber, Sire, es muß doch irgend einen Unterschied zwischen Siegern und Besiegten geben!

KARL hochmütig. Sieger! Besiegte! – Ihr besitzt wenig Takt, Herr.

GRAVES. Um Verzeihung, Majestät, aber was würde man sagen, wenn ein Unterschied, wie ich ihn an zudeuten wagte, gar nicht zum Ausdruck käme? Es muß doch wenigstens so scheinen.[56]

KARL kalt. So, so, Nun, die Herren haben mich gehört. Ihre Vorschläge sind für mich wenig annehmbar. Ich bin nicht zufrieden. Unwillige Bewegung der Offiziere, die Graves etwas zuflüstern.

GRAVES fest. Es fragt sich, Sire, ob wir zufrieden sind. Das Heer wird nicht weiter nachgeben.

KARL scharf. Sir, ich werde General Cromwell ersuchen, mir Bevollmächtigte zu senden, welche mit den Formen vertrauter sind, die einem Könige gebühren, wenn man ihm Petitionen unterbreitet. Die Offiziere in Bewegung.

GRAVES. Petitionen! Guter Gott, Sire! Man wählte grade mich als den mildesten und Euch ergebensten Sprecher. Möchten doch andre nicht rauher und ungestümer –

KARL. Rauh! Ungestüm! Das sind ungeziemende Redensarten. Seht Ihr nicht, ihr Herren Deputierten meines Heeres, daß ich meiner Kraft sicher bin? Ihr seid beunruhigt über das, was in London vorgeht. Die Offiziere sehen sich an.

GRAVES verlegen. Sire, es ist uns nicht unbekannt, daß in der City Rebellion herrscht und man das Parlament terrorisiert. Aber –

KARL behaglich. Jawohl, man verlangt die Zurückberufung des rechtmäßigen Herrn und Königs. Unsre armen Unterthanen, so lange verstockt, sind endlich in sich gegangen. Ich lobe ihre Bußfertigkeit. Die Offiziere sprechen heftig untereinander.

BERKLEY ihm ins Ohr flüsternd. Sire, Sire, um Gotteswillen, Ihr verratet Euch.

KARL halblaut, kalt. Ich bedarf keines Mentors, mein Bester.

GRAVES von den Offizieren durch Geberden angespornt. Sire, Sie irren. – Welche Lage! Das Heer ist entschlossen –[57]

KARL stolz. Was geht das mich an, wozu dies meuterische Heer entschlossen! Zeichen des Zorns unter den Offizieren. Wozu Ich entschlossen bin, das seht Ihr ja. Ich freue mich, meine Unzufriedenheit offen kundzugeben.

BERKLEY halblaut. Sire, bedenken Sie –

KARL höhnisch lächelnd. Ihr wollt Euch zum Schiedsrichter zwischen Mir und dem Parlament machen. Welche Anmaßung! Ich aber will Schiedsrichter bleiben zwischen Euch und dem Parlament.

GRAVES der mit den Offizieren bei Seite sprach. Sire, ist das Ihr letztes Wort?

KARL beleidigend. Pah, pah, keine großen Worte mit mir, Mann, jetzt nicht mehr! Beeilt Euch, Eure Ansprüche zu mäßigen! Ihr könnt meiner nicht entbehren, Ihr seid verloren, wenn ich Euch nicht unterstütze.

GRAVES zu den Offizieren. Ihr habt gehört? – Rechtsum Kehrt! Alle verbeugen sich schweigend und gehen ab. – Pause. Karl lacht hämisch auf.

BERKLEY bedrückt. Sire!

KARL heiter. Nun, Eure Weisheit, Lord Nestor, bekümmert Euch der Zorn des Achilles? Haha, vielleicht verwechselt Ihr den mit dem vielschlauen Odysseus.

BERKLEY. Sire, es steht mir nicht zu, Ihnen die Klugheit des Odysseus zu bestreiten. Allein, ob es nicht unvorsichtig war – Hält inne.

KARL heiter. Ich war etwas kurz angebunden, auch habe ich zu viel gesagt. Doch diese Bauern hatten so schlechte Manieren.

BERKLEY. Die Deputation geht zornig heim, daran ist kein Zweifel. Der trockene, hochfahrende, bittere Ton, das ironische Lächeln Ew. Majestät wird alle, die gegen die Aussöhnung sind, unversöhnlich machen und denen, die [58] dafür sind, wie der Sprecher von vorhin, Oberst Graves, den Glauben beibringen –

KARL. Daß wir uns weder verständigen noch täuschen können, ganz recht. Ein mattes Ende Eurer diplomatischen Künste, Sir John, hahaha!

BERKLEY aufgebracht. Wenn Ew. Majestät selbst all meine Bemühungen vereiteln –

KARL. Beklagt Euch nicht, Sir John, ich beklage mich ja auch nicht. Gestattet nur, daß der König mit Gottes Gnade seine eigne Politik macht. Sieht auf seine Uhr. Noch eine halbe Stunde! Schon bricht die Dämmerung herein.

BERKLEY nach einer Pause. Hier muß ein Geheimnis obwalten, das ich nicht ergründe.

KARL. Ich will's Euch lösen. Berkley, Ihr seid ein loyaler Diener und der Vertraute Ihrer Majestät der Königin, meiner geliebten und geistesgroßen Gemahlin. Wir vertrauen Euch unbedingt. Reicht ihm die Hand zum Kuß.

BERKLEY küßt sie. O mein gnädigster Herr, Ihr dürft es.

KARL. Also freuet Euch mit mir! Sir John Berkley, ehe denn der Tag eine Stunde älter, sind Wir frei.

BERKLEY starr. Sire?

KARL. Das heißt, auf der Reise nach sicherer Zufluchtsstätte. Es beliebt Uns nicht länger, hier als Zankapfel von Parlament und Heer auf dem Präsentierbrett zu liegen. Aus sicherer Ferne werden bald diese aufrührerischen Gewalten das Urteil ihres Herrn und Meisters vernehmen.

BERKLEY. Sire, erklärt mir.

KARL. Richmond und Lindsay erwarten uns drüben am Themseufer mit auserlesenen Rossen. Das einzige, was ich anerkennen muß, seit ich in Hampton Court in der Gewalt des Heeres weile, ist die respektvolle Behandlung, die[59] soldatische Anständigkeit im Gegensatz zu den peinlichen Plackereien, mit denen das Parlament mich früher überwachte. Jeder meiner Getreuen konnte gehn und kommen nach Belieben – nun, davon werd' ich wenigstens Nutzen ziehn.

BERKLEY gemessen. Allerdings überstiegen die Rücksichten, welche auf Befehl Cromwells besonders sein jetziger Schwiegersohn, unser Gouverneur Ireton, Ihrer erhabenen Person erwies, jede Erwartung. Allein, ich erlaube mir die Bemerkung, daß ein mißglückter Fluchtversuch Ew. Majestät diesem Verhalten gegenüber um so schwerer ins Gewicht fallen möchte.

KARL kalt. Ihr erlaubt Euch allerdings recht viel, Sir John, denn Ihr gebt mir da wohl einen Wink, daß ich die biedre Großmut jener Rebellen mißbrauche? Nein, schweigt! Ihr werdet wohl gar wähnen, daß Ihr als Vermittler gleichsam haftbar seid für solchen Vertrauensbruch, wie jene hartgesottenen Sünder es nennen werden, als die heuchlerischen rundköpfigen Schurken, die sie sind? – Beruhigt Euch! Die Kerle selbst wollen mich los sein. Fast glaub' ich, sie wissen um alles. Jedenfalls drücken sie ein Auge zu.

BERKLEY. Ist's möglich? Dann ist wohl General Ireton auch nicht zufällig gestern Abend verreist?

KARL. Natürlich nicht! Ich wußte gleich, woran ich war, als er sich gestern um diese Stunde verabschiedete und mich bedeutsam ansah. Denn ich hatte drei anonyme Briefe in verstellter Handschrift empfangen – da lest selbst! Zeigt ihm Papiere.

BERKLEY liest. »General Ireton wird verreisen. Die Wachen werden sorglos sein. Von der Stromseite werden die Posten weggezogen.« – Seltsam, höchst seltsam![60]

KARL. Und dazu das! Giebt ihm einen andern Brief. Auch diese Botschaft eines geheimen Freundes folgte dreimal hintereinander.

BERKLEY liest. Wie, ein verborgener Gang –?

KARL. Dort aus meinem Schlafzimmer, der zur Themse hinunterführt. Es hat seine Richtigkeit. Wir haben ihn nach der Beschreibung entdeckt. Dieser Weg also wird mich jetzt gleich zur Freiheit führen. Steht auf und lehnt an der Thür des Schlafzimmers rechts. Bald wird das Signal ertönen. Paßt auf!

BERKLEY. Und Ew. Majestät faßten diesen kühnen Entschluß so schnell?

KARL. Ja. Denn es giebt noch etwas anderes, was mich zum Handeln drängt und zwingt. Lest auch das! Reicht ihm ein andres Papier.

BERKLEY liest. Wie? Schändlich! Ein Anschlag auf Ihr geheiligtes Leben, Sire? Ein Komplott, an dessen Spitze der unversöhnliche, blutgierige Metzgerhund Harrison?

KARL. Ja, dieser rundköpfige Schurke, der übrigens bei Naseby eine brillante Attake auf Unser Leibregiment ausführte! Ein Ungeheuer, zu jeder Missethat fähig. – Dreimal kam diese anonyme Warnung und jeder Zweifel daran wird zerstreut durch – lest das! Reicht Berkley ein andres Schreiben. Dies ist eine Kopie, welche General Ireton mir zu nehmen erlaubte, von einem kürzlichen Brief Cromwells an ihn als Gouverneur dieses Schlosses.

BERKLEY. Ohne Datum? Liest. »Es sind mir Gerüchte von draußen zu Ohren gekommen, wonach ein Anschlag auf die Person Sr. Majestät beabsichtigt sei. Ich bitte deshalb besonders wachsam auf Eure Vorposten zu sein. Wenn etwas derartiges sich ereignen sollte, so müßte das als eine ganz ruchlose That angesehen werden.«[61]

KARL. Gezeichnet: Oliver Cromwell. – Was sagt Ihr nun? Bin ich noch meines Lebens sicher. In offener Feldschlacht haben Wir Unsere Person oft drangewagt gegen mörderische Rebellen, aber so zu enden – in der Stille der Nacht erwürgt zu werden von plebejischen Händen – quelle horreur!

BERKLEY. Hm, hm, ein merkwürdiger Befehl – dahinter steckt mehr – die Wachen will er verstärkt haben und hinterher werden die Wachen von der Stromseite weggezogen –?!

KARL lacht. Ja, natürlich, seht Ihr nicht? Er will sich nachher decken vor'm Parlament. Aus dem diplomatischen ins deutliche übersetzt, meint dieser Befehl –

BERKLEY. Nicht, den König strenger zu bewachen, sondern ihn entweichen zu lassen, um ihn den Händen der Radikalen zu entziehn. So viel ist auch mir klar. Allein – hm, Ew. Majestät wissen, wie fest ich auf die wohlwollende Gesinnung General Cromwells (Ein großer Mann, trotz alledem!) baue – allein, könnte nicht hier eine Falle liegen, Sie zur Flucht zu verleiten, um Sie dabei zu überraschen?

KARL lacht. O mein guter Sir John, Ihr seid ein Diplomat der alten Schule und sucht den Fuchs im falschen Loch. Euch fehlt jene politische Logik der Menschenkenntnis, die Euer König – ach, nur zu wohl – in seiner langen, geprüften Regierung erwerben mußte. Was hülfe es denn, meinen Fluchtversuch zu hindern? Ich bliebe derselbe wie zuvor. Die Motive dieser zwei ehrgeizigen Intriguants durchschaue ich wie dünnes Glas. Ihr wißt, worauf ich in der Unterredung mit den Offizieren anspielte In London herrscht offene Empörung, das Parlament wird vom Pöbel und der Miliz gezwungen, für mich und gegen das drohende[62] Heer zu stimmen. Schon gestern, schon heute, schon morgen können die Würfel fallen. London ist zum Kampf bereit und das Heer wird nicht wagen, gegen die gesetzliche Macht des Parlaments zum Schwert zu greifen.

BERKLEY. Wenn aber, Sire .. die Londoner Miliz kann niemals Cromwells Eisenseiten die Spitze bieten.

KARL. Ich sage Dir, sie wagen's nicht, die öffentliche Meinung ganz Englands zu beleidigen durch offene Meuterei. Und wenn so, nun, so mögen sie sich gegenseitig die Hälse brechen! Ich aber, ihrem Bereich entrückt, werde aus der Ferne den Frieden diktieren.

BERKLEY nach einer Pause. Ich bewundre den Scharfblick und die Geistesgegenwart Ew. Majestät. Und wohin wird Dero Flucht sich wenden?

KARL. Das werdet Ihr noch hören.

BERKLEY. Nach Frankreich, wie ich vermute?

KARL. O nein, nein, wir werden den englischen Boden nicht verlassen. Eine glänzende Eingebung Ihrer Majestät der Königin, meiner erhabenen Gemahlin, die Wir als Unsern vertrautesten und geistvollsten Staatsrat verehren.

BERKLEY. Ihre Majestät weiß also um diese Flucht?

KARL. Sie geruhte, dieselbe anfangs sehr dringend abzuraten. Als Wir jedoch mit triftigen Gründen auf Unsern Vorsatz bestanden, rieten Allerhöchstsie dringend von einen Aufenthalt in Frankreich ab –

BERKLEY in den Bart murmelnd. Kann mir's denken.

KARL. Was sagtet Ihr?

BERKLEY. Ich drückte meinen treugehorsamsten Beifall aus. – Haben Ew. Majestät noch einen Auftrag für mich?

KARL. Daß ich nicht wüßte! Euren Degen habt Ihr ja bei Euch – auch Wir vertrauen Unserm königlichen[63] Schwert. Berkleys Degen musternd. Ah, ein »Andrea-Ferrara«? Ich ziehe die Toledanerklingen vor.

BERKLEY verwirrt. Versteh' ich recht? So soll ich Ew. Majestät begleiten –?

KARL kalt. Selbstverständlich. Glaubt Ihr, ich werde allein dies Wagestück unternehmen, ohne einen loyalen Diener zur Seite? Nicht doch.

BERKLEY verneigt sich. Der König hat nur zu befehlen. Sire, die Bevollmächtigten des Parlaments bei Allerhöchst-Ihrer Person, die Lords Manchester und Montague, werden Sie bald beim Abendbrot vermissen.

KARL. Mögen diese ungetreuen Lords nur allein die Mahlzeit verzehren, die sie sich eingebrockt. Von rechts dreimaliger Kukukschrei. Das verabredete Zeichen! So. Erst diese verdächtigen Zeugen ins Feuer! Wirft alle Papiere in den Kamin. Nun folgt mir auf dem Fuße und verriegelt fest hinter uns die Thür! Corragio, corragio! Ab nach rechts.

BERKLEY folgend. Gott schütze den König! Ab nach rechts, wo er die Thür hinter sich schließt und drinnen verriegelt.


Längere Pause. Dann dreht sich plötzlich eine geheime Wandthür unter dem Porträt des Königs: Cromwell und Ireton treten heraus, in lange, schwarze Reitermäntel gehüllt. Es ist dunkel geworden.


IRETON flüsternd. Niemand hier! Geht an die Thür rechts, findet sie verriegelt. Aha! – Sie sind dran!

CROMWELL. Oder schon fort! Lauscht. Alles still. Sie sind auf und davon.

IRETON. Und Du meinst, die Flucht wird glücken?

CROMWELL. Wie sollte sie nicht! Ihr Ziel ist nah.

IRETON. Nah? Den Kanal zu kreuzen –

CROMWELL. Sie gehen nicht nach Frankreich. Ich weiß, wohin. Die Königin hat's geraten. So sicher bin[64] ich meiner Sache, daß ich an den betreffenden Gouverneur bereits einen Brief sandte, aus dem er zwischen den Zeilen für solchen Fall seine Verhaltungsmaßregel lesen kann. Genug. Meine Berechnung täuscht sich selten.

IRETON. Nie. Ich verlange nichts weiter zu wissen. Nur eins: Bist Du wirklich gesonnen, den König zu retten?

CROMWELL. Gewiß. Ich werde für die Wohlfahrt meines Landes dem König dienen, so lange es ohne mein eignes Verderben möglich. Das darf man freilich nicht von mir erwarten, daß ich für ihn zu Grunde gehen will.

IRETON. Und letzteres kann kommen, wenn wir nicht Acht geben. Die ungemessenen Ansprüche dieses Mannes wachsen mit jedem Tag. Ich hab's ihm neulich ins Gesicht gesagt: Wenn wir's redlich meinen, so haben wir wahrlich genug gethan, um von unsrer Aufrichtigkeit zu überzeugen, wenn nicht, so wird niemals etwas genug sein.

CROMWELL. Ich meine es blutig ernst! Ich bin entschlossen, das Unterhaus zu reinigen und wieder zu reinigen und ohne Unterlaß zu reinigen, bis es endlich bereitwillig ist, die Angelegenheiten des Königs zu besorgen. Wir müssen endlich einmal zu Ende kommen. Ehe ich unterlasse, was ich dem König versprochen habe, würde ich mich mit den Kavalieren, ja mit Spaniern und Franzosen verbünden, um die Ausführung zu unterstützen – mit dem Vorbehalt natürlich, besagten Spaniern und Franzosen nachher eins über die Nase zu geben. – Warum, mein Sohn, betrachtest Du mich mit zweifelnden Blicken?

IRETON. Und das alles, was Du da sagst, soll man buchstäblich nehmen? Du willst also gegen die Republikaner den König halten, wenn er es ehrlich meint?

CROMWELL. Unbedingt. Wenn er es ehrlich meint! – Und das werden wir jetzt erfahren. Zieht einen großen,[65] versiegelten Brief hervor. Da, lies mir vor! Ireton schlägt Feuer und zündet einen Kandelaber im Zimmer an.

IRETON lachend. 'S ist doch ein tolles Stücklein! Der größte Feldherr Englands, wie ein Vorpostenreiter in Feindesland, kundschaftend! Der Fähnrich Joyce wird uns den Streich beneiden!

CROMWELL. Mein Sohn, kein guter General das, der nicht auch das Handwerk des Gemeinen versteht. Ich habe von der Pike auf gedient. Als ich mit 42 Jahren mich in den Sattel schwang, ein ruhiger Landmann, der den Herrn suchte in stiller Betrachtung, und meine selbstgeschaffene Schwadron von gottseligen Pächtern zudrillte, ich, der ich nie ein Schwert gezückt – wußte ich da, wohin der fromme Eifer für die Freiheit dieses braven Volkes mich trieb? Ahnte ich da, daß ich als Reitermarschall von England den stolzesten Adel Europas auf seinen Vollblutrennern in Grund und Boden reiten würde, daß Prinz Rupert von der Pfalz, der nie Besiegte, vor jedem Anlauf meiner Eisenseiten zerstäuben würde, wie Spreu vor der Windsbraut? Nein, mein Freund, achte nie ein Ding zu gering für Deinen Eifer und verlaß Dich möglichst nur auf Dich selbst – nur so wirst Du zu großen Dingen fähig werden. Wozu also andern auftragen, was man selber thun kann? – Wir hören durch unsre Spione, heute werde ein wichtiger Brief des Königs an die Königin durch einen geheimen Boten abgehen. Wir erfahren Ort und Stunde, machen uns auf, überfallen den Boten und – da ist der Brief! Eine innere Stimme hat mir prophezeit, prüfen wir, ob ich mich täuschte. Wohlan, wir mußten dies letzte Mittel ergreifen, um endlich klar zu sehn.

IRETON erbricht den Brief. Ja wahrlich, Du bist ein Prophet. Wie hast Du des Königs Fluchtentschluß vorausberechnet![66]

CROMWELL. Nein, veranlaßt. Ergründe den Charakter eines Menschen, so wirst Du seine Thaten leicht genug berechnen. Hier bleiben durfte er nicht, als Waffe in den Händen des Parlaments, noch auch, nach dem heutigen großen Sieg des Heeres, im Bereich Harrisons und Lilburus. Wenn die Gleichmacher sich seiner durch Mord entledigten, so wäre das ein schreckliches Unglück und bei der Halsstarrigkeit des Mannes könnten die Radikalen gar darauf dringen, ihm den Prozeß zu machen.

IRETON. Jawohl und wir, wider die selbst das Heer murrt und meutert, wir würden hinterher als die Schuldigen gelten. Ich begreife. Aber hast Du auch wohl bedacht: wenn diese Flucht des Königs ihm zum Verderben ausschlägt, so wird die Nachwelt sagen, Du verstricktest ihn absichtlich darin?

CROMWELL. Mein Sohn, die Nachwelt geht uns nichts an. Sehen wir zu, wie wir vor unserm eigenen Gewissen bestehn. Ich sage Dir, das Königtum ist noch zu tief im Volke gewurzelt, als daß diese Chimärenspinner mit ihren republikanischen Kindersäbeln es ausreuten könnten. Nochmals: Hält Karl Stuart fest an mir, dem einzigen Anker dieses lecken Staates, so will ich das Reich ihm retten für ein gemäßigtes Königtum in einem freien, reformierten Lande. – Vorwärts, die Minuten sind kostbar. Lies!

IRETON liest. »Teurer Großsiegelbewahrer meines Herzens und meiner Pläne! Du sprichst in Deinem letzten Brief die Besorgnis aus, daß ich allzu nachgiebig versprechen würde, was die Übelgesinnten von mir erpressen. Sei ohne Furcht, mein Herz! Beide Parteien suchen mich mit gleichem Eifer zu gewinnen und ich werde mich selbstredend dem Meistbietenden anschließen, dessen Bedingungen[67] am vorteilhaftesten sind.« – Hm, das sind jedenfalls wir?

CROMWELL. Nur weiter, der Anfang ist vielversprechend.

IRETON liest. »Ich beherrsche jetzt die ganze Lage, ich bin der Mann des Augenblicks. So ist denn endlich jene tiefe Staatskunst von Erfolg gekrönt, welche ich erwarb durch gründliches Studium des großen Machiavelli und seines Zöglings Cäsar Borgia, dessen eiserne Herrschaft über den Pöbel ich bewundern muß, obschon er illegitimen Geblüts und daher nicht von Gottes Gnaden zur Regierung berufen war.«

CROMWELL amüsiert sich. Eine weise Unterscheidung, gottesfürchtiger Monarch!

IRETON liest. »Was meine Versprechungen betrifft, so weißt Du ja, daß ich von kleinlichen Skrupeln mich entbunden fühle, da Wir als Gesalbter des Herrn zur gottwohlgefälligen Durchführung Unsrer höheren Zwecke jene reservatio mentalis für Uns in Anspruch nehmen, welche die römische Kirche ihren Priestern gewährt. Es ist mein Grundsatz, Rebellen niemals Wort zu halten.«

CROMWELL. O löbliches Mittel, eines Stuart würdig! Es hat Dich herrlich weit gebracht und wird Dich noch bringen, – wohin Du nicht ahnst. Nur weiter! Ich sehe schon.

IRETON liest. »Meine Neigung wendet sich den Schotten zu. Sie werden ehenächstens wieder in England einbrechen. Sei überzeugt, daß die beiden verbundenen Nationen bald gegeneinander im Kriege sein werden. Die Schotten versprechen sich die Mitwirkung aller englischen Presbyterianer. Unsre Freunde, die Lords Capel, Langdale, Musgrave und andre gute Kavaliere, halten sich also bereit und bewaffnet,[68] denn sonst würden wir, welche Partei auch obenauf käme, wenig genug zu gewinnen haben. Ein allgemeiner Aufstand der Royalisten wird also mit dem Einbruch der Schotten in nächster Frist zusammenfallen.«

CROMWELL. Wird er? Ha! Landesverräter, Hochverräter an Reich und Volk, wieder rückfällig, niemals bekehrt – ist das Deine Buße nach den sichtbaren Strafgerichten des Himmels? – Ich bin gespannt auf's Ende.

IRETON. »Übrigens, m'amie, kenne ich allein meine Lage. Ich werde mich also mit den Schotten verbinden. Was die Burschen Cromwell und Ireton betrifft –« Burschen?!

CROMWELL grimmig lächelnd. Was wundert Dich, mein Sohn? Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand. Ich merke schon, wir werden kein geschmeicheltes Porträt bekommen, wenn auch vielleicht weniger lebenswahr, als dort das Bild aus dem Pinsel des geschätzten Van Dyke. Dem Porträt zunickend. Jaja, miß mich nur von oben bis unten mit Deinen falschen, schmachtenden, verschleierten Stuart-Augen, mich elenden Staub vor Deiner Majestät!

IRETON liest. »Den Cromwell hab ich einmal im Park gesprochen. Ich empfand eine gewisse Neugier, diesen Phönix des Pöbels in der Nähe zu sehn. Ventre-saintgris, ein kleiner, plumper Bierbrauer mit schlechten Manieren, auf dem Parkett des Hofes einfach unmöglich. Er schien verlegen und geblendet von Unsrer Gegenwart.« – Ha, dieser eitle Pfau!

CROMWELL kalt. Derlei Gewäsch, mein Freund, behandle ich mit der gebührenden Verachtung. – Ich hoffe auf noch angenehmere Enthüllungen.

IRETON liest. »Sei über die scheinbaren Zugeständnisse, welche ich machen könnte, ganz ohne Sorge. Coeur [69] de mon coeur! Wenn die Zeit gekommen, werde ich wohl wissen, wie man mit diesen Schlingeln umspringen muß.« – Ha, bei der Sonne Josuas, das ist –

CROMWELL finster. Sehr witzig. Verunstalte nicht das Handschreiben unseres gütigen und höflichen Monarchen durch unpassende Kommentare, welche nur den Genuß dieses auserlesenen Schriftstücks trüben.

IRETON liest. »Die beiden Kerle haben es aufs Bestimmteste abgelehnt, über irgend eine beiden zuzuwendende Gunst oder Gnade zu verhandeln. Sie thäten alles nur aus Liebe zum Vaterland! – Welche Sinnverwirrung! Als ob es ein England gäbe außer Uns, Wir sind das Vaterland! – Der brave Berkley, ein Mann aus der alten Schule, zerfloß darob in Rührung. Wie lächerlich! Sie wollen sich nicht bestechen lassen? Ach, das ist teurer. Wollen später unmäßige Erpressungen üben, unterm Vorwand ihrer Redlichkeit.« – O der Infame!

CROMWELL verneigt sich leicht gegen das Bild. Ei ei, ein Menschenkenner, Majestät? Welche Herablassung, uns die Gesinnung eines Stuart zuzumuten!

IRETON liest. »Wir haben ihnen den Hosenbandorden versprochen. Parole d'honneur, statt eines seidenen Hosenbandes werde ich sie mit einem Halsband versehen, wenn man ihnen einen hänfenen Strick dreht. Mit dieser tröstlichen Hoffnung bin ich Ew. Majestät ewig getreuer zärtlich liebender Gemahl Karl Stuart.« – Ich ersticke! Das nach all seinen honigsüßen Beteuerungen, all seinen feierlichen Schwüren! Der falsche, ehrlose, meineidige Verräter!

CROMWELL mit schrecklicher Ruhe. Sprich gewählter von einem Gesalbten des Herrn! Lacht bitter. »Euer ewig getreuer –« o die keusche Jezabel eines solchen Ahab! O unerforschliches Strafgericht des Allerhöchsten! Er, der [70] alle betrügt, er – – horch, ich höre Schritte auf der Treppe! Rasch fort! Die Flucht wird bald ruchbar werden und wir müssen uns vorbereiten. Du weißt, wen ich hierher lud. Offnet die geheime Thür.

IRETON. Ich bin noch ganz betäubt. Und Du so ruhig? Trifft ihn nicht endlich ein Donnerkeil, den heuchelnden Tyrannen?

CROMWELL mit einem plötzlichen Ausbruch von Leidenschaft. Er soll des Todes sterben!

IRETON zurückfahrend. Wie?

CROMWELL. Er soll des Todes sterben, ich habe es gesagt. Ruhig. Aber das hat noch Zeit. Unwiderruflich treibt er seinem Schicksal entgegen. Er selber spinnt am Garn des Netzes, das ihn fängt. Denn in uns selber liegt unser Maß und unser Ziel und Ende. – Mach fort! Beide ab durch die geheime Thür. Panse. Dann klopft es an die Thür links. Dann treten Montague und Manchester ein.

MANCHESTER. Die Majestät ist nicht hier. Weilt wohl in ihrem Schlafgemach.

MONTAGUE. Nun, wir erwarten ihn ja in einer halben Stunde zum Abendessen. Ihm immer noch zu früh für unsre Nachrichten.

MANCHESTER. Meint Ihr, lieber Vetter? Die Demütigung des Parlaments –

MONTAGUE. Wird ihm süß sein, möglich; aber der Sieg des Heeres um so bitterer.

MANCHESTER. Noch ist es kein Sieg, obschon ich zugebe, daß Cromwells Meisterstreich dem Heere die Trumpfkarten zugespielt hat.

MONTAGUE. Ich war starr. Ludlow, Bradshaw und ihre ganze Partei fliehen bei Nacht aus London ins Lager des Heeres und rufen es um Schutz an, weil das Parlament[71] von der Hauptstadt gewaltsam eingeschüchert werde. Ungeheurer Entrüstungsauftritt und Begeisterung und Jubel der Soldaten!

MANCHESTER. Ohne Zweifel hat Cromwell jetzt das Heft in Händen, indem er sich den Schein gesetzlicher Vollmacht sicherte. Der Mensch ist unerschöpflich und ich fange an zu glauben, daß nichts wider ihn fruchtet. Als ich ihn neulich aus seinem Zelt ins Unterhaus schleppte, was er als Abgeordneter nicht weigern durfte, um sich vor den Schranken wegen Hochverrat zu verteidigen, war ich seiner Niederlage sicher. Und wirklich, er kam, allein, schutzlos – und wie endete die heiße Debatte? Mit einem beispiellosen Triumph. Das Haus schien geneigter, seine Angreifer in den Tower zu schicken, als ihn selbst!

MONTAGUE. Ein ausgemachter Heuchler! Doch er versteht sein Spiel zu spielen, das muß ihm der Neid lassen. Nun, das Heer rückt also auf London vor. Wie unsre Freunde schreiben, sind die Straßen mit Ketten gesperrt, die Miliz rüstet sich mit Musketen und Kanonen zur Verteidigung bis aufs Messer. Heut ist London –

SIDNEY während der letzten Worte die Thür öffnend. Genommen. Sidney, Coke und Prynne treten links ein.

MONTAGUE UND MANCHESTER. Wie, Ihr hier?

PRYNNE. Ja, wir sind berufen. Wo ist der König?

MANCHESTER. Noch nicht sichtbar. – Aber, Sidney, was sagtet Ihr? London –

SIDNEY. Ist genommen. Heut Vormittag sind die Truppen von allen vier Windseiten in Westminster eingerückt mit klingendem Spiel.

MONTAGUE. Ha und die Miliz –

COKE. Ist auseinander gelaufen, hihi. Ew. Tapferkeit Mylord Montague, zu dienen: Ein panischer Schrecken befiel[72] ganz London, als die ersten Helme des Leibregiments Cromwell zu Pferd, genannt Eisenseiten, am Horizont sichtbar wurden.

MANCHESTER. Und das Parlament?

SYDNEY. Knirschte schweigend ins Joch. Es hat den Generalen Fairfax und Cromwell einstimmig den Dank des Vaterlandes votiert.

MONTAGUE. Fairfax, diese Puppe in den Händen des furchtbaren Mannes! Cromwell, Du siegst.

MANCHESTER. Einstimmig! Welche Entwürdigung! Das haben sie erreicht, diese Independenten und Demagogen, diese verruchten Republikaner –

SIDNEY. Verzeiht, daß ich Euch unterbreche! Wir, mein Freund Prynne und ich, sind Republikaner und keineswegs verrucht.

MANCHESTER bitter. Genehmigt meine Abbitte, Sir Algernon! Ja, allerdings, auch Ihr, der Sohn eines Lords, huldigt diesen schwärmerischen Idealen.

SIDNEY. Ich liebe die Menschheit und die Freiheit, aber ich liebe mein Vaterland mehr. Und darum, weil meine Partei nur Unheil erwartet von der Schreckensherrschaft wüster Schwärmer, darum sitzen wir auf dem linken Flügel der Presbyterianer und stimmen in allen Fragen mit der großen Mittelpartei.

MONTAGUE. Ich weiß, Ihr seid unsre natürlichen Verbündeten, würdige Freunde. Also nur fest zusammenhalten –

PRYNNE. Wider den gekrönten Unterdrücker, wie wider den Usurpator. Sie reichen sich die Hände. Horch, ein Trommelwirbel draußen!

MANCHESTER. Die Wache tritt ins Gewehr. Das muß ein Offizier von hohem Range sein.[73]

MONTAGUE. Vielleicht nur unser Gouverneur General Ireton, der gestern Abend verreiste.

SIDNEY. In der That? Auch Cromwell wurde beim Einzug der Truppen vermißt. Die Thür links öffnet sich, Fairfax tritt ein in Galauniform.

COKE. Ah, Sr. Exzellenz der Lord-General in eigner Person. Ganz gehorsamster Diener. Alle verbeugen sich.

FAIRFAX. Gott zum Gruß, Mylords und Gentlemen! Sich umsehend. Ah, noch nicht hier!

MONTAGUE boshaft. Ah, Sie suchen gewiß Sr. Majestät, um von Ihrem jüngsten glorreichen Erfolg Rapport zu erstatten?

FAIRFAX verlegen. Nein, nicht grade den König, sondern –

MANCHESTER. Da das freie Parlament, –

COKE einschaltend. Durch freie Musketen von jedem Druck befreit, hihi –

MANCHESTER. Euch seinen Dank votierte, so gestattet auch einem armen Lord und Mitglied des Oberhauses, sich gehorsamst anzuschließen.

FAIRFAX verlegen. Nicht doch. Das ganze Verdienst gebührt dem Generalleutnant Cromwell.

MANCHESTER scharf. Und die ganze Verantwortlichkeit, – woran Ew. Exzellenz gewiß am meisten liegt.

FAIRFAX an den Degen fahrend. Mylord?!

MANCHESTER ebenso. Exzellenz?! Die Thür öffnet sich und Ludlow und Bradshaw treten ein. Verlegene Pause. Stumme, kalte Begrüßung.

LUDLOW. Ich freue mich, Lord-General, Euch zu finden. Mir begegnete auf der Londoner Straße die Deputation des Obersten Graves, die vorgestern vom Lager an Karl Stuart abging.[74]

FAIRFAX gespannt. Was Ihr sagt! Ist die Verhandlung –

LUDLOW. Wieder gescheitert – zu meinem Bedauern.

SIDNEY zu Pryune. Zu seiner Freude, meint er. Jetzt werden sie maßlose Forderungen stellen.

MANCHESTER. Ich wundre mich, Herr Ludlow, die Retter des Vaterlandes hier zu sehn.

LUDLOW. Ew. Herrlichkeit wundern sich immer zu viel und werden wohl noch über mehr zu erstaunen lernen. Wir sind auf diese Abendstunde hierhergeladen ins Audienzzimmer Karl Stuarts.

SIDNEY. Wie auch wir?

COKE. Zu einer erlauchten Konferenz oder – hihi, es sind ja Heilige unter uns – zu einer Generalsynode.

BRADSHAW. Von derselben Seite vermutlich?

FAIRFAX. Wie auch ich, – vom Generalleutnant Cromwell?

MANCHESTER. Cromwell?!

FAIRFAX. Ah, Sporenklirren auf der Treppe, das wird er sein.

LUDLOW öffnet die Thür und ruft enttäuscht. Bah, es sind nur Lilburn und Harrison! Lilburn und Harrison treten hastig ein.

LILBURN erbittert. Nur! Seht doch! Die Zeit wird kommen, wo sich entscheidet, ob die wahren Freunde des Volks das große Wort zu führen haben, oder Ehrgeiz, Verrat und Lüge.

FAIRFAX mit Ansehn. Ich muß diese Ausdrücke, wie es scheint in Verbindung gebracht mit einer hochgestellten Persönlichkeit, aufs strengste rügen!

LUDLOW UND BRADSHAW. Bravo! Hört, hört![75]

LILBURN nachlässig grüßend. Ah, Ihr' Ehren, Lord-General, ich sah Euch nicht. – Was aber die andern Gentlemen betrifft, die sich hier bemerkbar machen, so werden sie wohl selbst begreifen, daß die Axe sich gedreht hat und ihnen ein bescheidener Ton geziemt gegen die Erwählten des Heeres.

HARRISON. Siehe, ich verkündige Euch große Freude: Die Heiden sind versunken in die Grube, die sie zugerichtet. Mit Kriegsvolk und reisigem Zeug sind wir gefallen auf die Kananiter. Tausend Seckel Geldes werden ihnen auferlegt als strenge Pön. Denn jetzt kommen die, welche genannt werden »Raubebald« und »Eilebeute«, Jesaias 8, Vers 1. Ach, wie angenehm und lieblich, seine Rüstung anlegen für die Sache des Himmels!

MANCHESTER zu Fairfax. Eine solche Sprache duldet Ihr in Eurer Gegenwart?

HARRISON. Dulden! Ja, wir haben geduldet wie das Opferlamm des Glaubens. Ihr aber seid schlafende Hunde. Leset auf die Brosamen der heiligen Lehre, die ich ausstreuen will!

FAIRFAX. Ich bitt' Euch, Oberst Harrison, unterlasset diese Predigt!

MANCHESTER. Er bittet ihn! Nun ist Matthäi am letzten.

LILBURN. Wir sind hierherberufen, um zum letzten Mal gütlich mit Karl Stuart zu reden. Cromwell, der uns berief, soll aber sich selbst verantworten. Er ist verdächtig. Neulich soll er gesagt haben: »Jetzt, wo ich den König habe, steckt das Parlament in meiner Tasche!« Ich stehe hier im Namen des allgemeinen Ausschusses der Gemeinen und Korporale, und kündige ihm an, daß er das Vertrauen des Heeres gänzlich einbüßt, wenn[76] er noch einen Tag länger im Geheimen mit dem Manne verkehrt.

LUDLOW feierlich. Es ist eine verbrecherische Feigheit, einen Abwesenden anzugreifen, der in derselben Stunde sich rüstet, um sein Vaterland von einem fremden Einfall zu befreien.

MANCHESTER. Wie meint Ihr das?

LUDLOW. Wisset, die ganze Streitmacht Schottlands steht schon am Humber und verwüstet. Die Häuser haben heut den General Cromwell zum Chef der Nordarmee ernannt und er hat's angenommen. Pause.

MONTAGUE. Ich teile nicht die politische Gesinnung des Generals, aber zur Verteidigung des Reichs konnte man keinen Besseren wählen. Die Thür rechts wird entriegelt. Ah, der König! Alle entblößen das Haupt, außer Harrison und Lilburn.

ALLE. Cromwell?! Cromwell und Ireton treten von rechts ein.

HARRISON. Gegrüßt sei mit den Worten des 41. Psalms: »O Held, gürt' an das Schwert um Deine Hüfte!«

LILBURN. Ach, dummes Zeug! Seit wann vertritt General Cromwell die Person des Mannes, den sie »König« nennen? Seit wann verschließt er sich mit ihm in sein vertrautes Schlafgemach wie ein Busenfreund seines Herzens und spinnt mit ihm allerlei Anschläge und tritt dann durch die verriegelte Thür, als wäre gar nichts geschehn, unter die achtbaren Männer, die er herbeirief? Berief er sie, um Zeugen zu sein seiner glänzenden Schmach? Alle wenden sich erschrocken von ihm ab.

CROMWELL. Lilburn, Ihr seid ein dreister Schmäher. Ihr habt – abscheuliche Verleumdungen über mich verbreitet. Doch ich verzeihe Euch.[77]

LILBURN. Das ist unnötig. Wenn Ihr wie bisher meine Warnungen in den Wind schlagt, so werd' ich all meinen Einfluß gegen Euch aufbieten. Und dann werden in Eurem Schicksal solche Veränderungen eintreten, wie sie Euch nicht sehr gefallen werden.

MANCHESTER zu Montague. Welche Sprache! Muß es dazu kommen, daß wir Cromwell stützen!

MONTAGUE. Es bleibt nichts anders übrig. Die Sektierer und Republikaner werden sonst übermächtig. Laut. Welche Beschuldigungen gegen einen so verdienten Mann!

LUDLOW. Den Obersten Lilburn reißt demagogische Wut dahin. Nein, o Cromwell, ich habe Euch unter den Mächtigen Englands als das reinste, von allen persönlichen Absichten freiste Herz erkannt. Ich und meine politischen Freunde stehen zu Dir mit Herz und Hand.

CROMWELL. Innigen Dank. Ach, was ist der Mensch, daß er sich ein Ziel steckt? Ich hatte Euch berufen, würdige Freunde, um im Geist den Herrn zu suchen und über diese betrübten Händel gemeinsam mit dem König zu verhandeln. Was aber finde ich hier? Der König ist –

ALLE. Nun?

CROMWELL. Entflohn!

ALLE. Entflohn?! Schwere Pause.

IRETON. Ja, die Majestät ist entflohn. Es muß gegen 9 Uhr gewesen sein. Die Art und Weise kann verschieden angenommen werden. Ich will darüber nur sagen, daß Sr. Majestät zum Abendessen erwartet wurde, wozu ich ihn abzuholen eilte, da ich soeben von kurzer Abwesenheit zurückgekehrt war. Da vermißte ich den König überall und fand endlich nur Sr. Majestät Mantel im Schlafzimmer zurückgelassen. Mich däucht, er wird durch eine[78] geheime Gallerie, die ihm verraten worden, über die Hintertreppe durch das Mauergewölbe nach der Wasserseite entkommen sein. Wir haben natürlich sofort ans Parlament berichtet und auch sonst die nötigen Schritte gethan. Er kann uns schwerlich entrinnen.

HARRISON hitzig. Eilet, setzet ihm nach mit Roß und Wagen! Jaget ihm nach von Dan bis Bersaba! Treffet ihn mit der Schärfe des Schwerts, gleich wie Assahol wurde umgebracht von Abner auf dem Weg zum Berge Ammah, welcher vor Giah liegt, unweit der Einöde von Gideon. Greift aus Schwert. Zeichen des Schreckens und des Abscheus unter den Anwesenden.

CROMWELL. Barbarischer Mann! Bist Du ein Tier der Wüste, daß Du also im Grimme redest?

HARRISON. Verflucht sei, wer dem Sisera zur Flucht verhalf! Denn es stehet geschrieben: Verflucht sei, wer sein Schwert vom Morde zurückhält!

MANCHESTER. Vom Mord? Wagst Du vom Mord zu reden wider den Gesalbten des Herrn?

HARRISON. O fleischlicher Edomit und Amorit! Wanderndes, verirrtes Schaf! Ihr Alle, Ihr vom Zivil, seid Solche, denen das Thun der Heiligen ein Greuel! Wer ist denn dieser Ahasja? Ist er nicht ein elend Geschöpf, entartet in Koth und Staub, so an pestilenzialischen Komödienbüchern unheilig sich ergötzet, vornehmlich an dem Meister aller Unzucht, William Shakespeare genannt? Siehe, es stehet geschrieben –

CROMWELL ihn streng unterbrechend. Daß der Oberst nicht kommandieren soll vor seinem Feldhauptmann. Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, denn solche ist von Gott. Du stehst nicht auf der Kanzel, Thomas Harrison, und ich gebiete Dir wie vor der großen[79] Schlacht von Naseby, als Du vor der Front Deines Regiments mit Deinem Feldprediger zanktest: Horche augenblicks auf mein Kommando! Marsch marsch zur Attake oder das Kriegsgericht! – Willst Du gehorchen oder nicht? Er weist ihn in die Reihe der andern zurück.

HARRISON. Zu Befehl. Er tritt zurück.

MANCHESTER. Bravo, das nenn' ich Kriegszucht!

COKE zu Montague. Hihi, der ruft zur Ordnung, wie keine Präsidentenschelle.

SIDNEY zu Prynne. Ein großer Mann!

PRYNNE. Die gewaltige Stimme einer tiefen, heroischen Seele! Aber beugen soll er uns doch nicht, denn die gute, alte Sache ist größer als er.

BRADSHAW spöttisch zu Lilburn. Nun, Sir, Ihr seid so stumm? Lilburn schaut finster zu Boden.

CROMWELL der die Versammlung gemustert hat, leise zu Ireton. Dieser Schleicher da, der Coke, hält immer noch zu Sidney und Prynne. Das giebt zu denken. Er wäre ja zu Ludlow übergegangen, wenn er unsres Sieges sicher wäre.

IRETON leise. Der Schlaue wartet offenbar, wie sich im Norden das Waffenglück entscheiden wird.

CROMWELL grimmig. Ja, die Schotten sollen mir dies alles bezahlen! Laut, sehr liebenswürdig zu Coke. Herr Generalprokurator, Ihr seid am meisten unter uns gewohnt, amtliche Dokumente öffentlich zu verlesen. Unser gelehrter Freund wird uns daher durch Vortrag des Briefes erfreuen, den Sr. Majestät in höchstihrem Schlafgemach zurückließen und den wir in seine Hände legen. Reicht Coke ein Schreiben.

COKE. Hihi, das Wohlwollen eines so großen Generals ehrt einen armen Diener des Rechts. Liest. »An die beiden[80] Häuser meines Parlaments. Würdige gestrenge Herrn und Diener! Ich habe in letzter Zeit unter allerlei Einschränkungen und Geringschätzungen zu leiden gehabt.«

IRETON laut. Der Lügner! Man hat ihn behandelt wie ein rohes Ei.

CROMWELL. Zur Ordnung!

COKE liest. »Es scheint so, als ob der Gehorsam der Leute gegen ihren rechtmäßigen Gebieter täglich bedeutend nachläßt. Sobald sie indessen zur rechten Gesinnung zurückkehren, werden Wir sogleich durch die Wolke der Zurückgezogenheit hindurchbrechen und uns geneigt zeigen, Vater des Vaterlands zu sein. Womit ich bleibe Euer gütiger König.« Pause. Alle lachen entweder laut oder lächeln.

MANCHESTER zu Sidney. Beim Jupiter! Die Majestät muß nicht mehr recht bei Sinnen sein.

LILBURN ungestüm vortretend. Was brauchen wir weiter Zeugnis! Wir haben es augenscheinlich mit einem Verrückten zu thun. Nein, Sir, ich dulde keine Unterbrechung bei Verteidigung der alten, guten Sache, als ein freier Sohn dieser Jusel. Mit den Stuarts kann überhaupt nicht mehr verhandelt werden. Gott hat sichtbarlich ihr Herz verhärtet, sie sind ein verloren Geschlecht. Das siegreiche Heer hat jetzo die Verpflichtung, das Land nach seiner ursprünglichen Überzeugung einzurichten. Der Staat muß von Grund aus geändert werden. Alle gläubigen Stimmen flehen zuvörderst die öffentliche Rache herab auf das Haupt jener Delinquenten, die dem Manne dienten. Alle gefallenen Lords sollen ihren thörichten Stolz auf den Block des Henkers beugen, als verfallen dem Kriegsgericht.

MONTAGUE. Das geht nimmer an. Das Unterhaus hat nicht das Recht, irgend einen Lord zu richten.[81]

COKE. Ganz recht, Ew. Herrlichkeit. Hihi, kraft der hochgelobten Magna charta und der Gesetze des Reichs.

MANCHESTER. Ein Pair kann nur von Pairs gerichtet werden.

LILBURN. O, daß man es anhören muß, dies spiegelfechtende Sophisteln! Ja, Ihr Lords, ich lebe im Glauben, daß bald der Tag kommen wird, wo wir den größten aller Lords hängen werden, sofern er's verdient – und er verdient es hundertfach! – ohne Seinesgleichen als Jury zu bemühen.

HARRISON. Am großen Tag im Thale Josafat, wo die Großen gerichtet werden, auf daß ihr Blut diene als Mörtel des neuen Jerusalem. Denn also spricht der Herr Herr –

LILBURN. Ach laß mich zufrieden mit Deiner fünften Monarchie! Noch warten bis dahin? Ich sage, der Tag wird in Bälde anbrechen, wo wir redliche und feste Richter finden, trotz all Eurer Magna Charta.

MANCHESTER. Das ist Hochverrat gegen die Kon stitution des Reichs.

LUDLOW. Sprich Du! Cromwell, Du schläfst?

CROMWELL gelassen zu Fairfax. Möchten Ew. Exzellenz als Vorsitzender nicht die ordentliche Verhandlung eröffnen?

FAIRFAX stehend. Ich erkläre die Versammlung für eröffnet. Setzt sich Alle setzen sich. Mylords und meine Herren! Ort und Stunde scheinen günstig über die ungesäumte Vorlage eines neuen Vertrages mit Sr. Majestät zu beraten, sobald sein demnächstiger Aufenthalt nach dieser überraschenden Entweidung ausfindig gemacht worden.

LILBURN. Ich bitte ums Wort. – Keine Zeit und kein Ort ist günstig oder passend, um mit einem so treulosen, unerbittlichen Tyrannen zu unterhandeln. Es wird[82] stets zu früh oder zu spät sein. Wer das Schwert gegen diesen König zückt, muß die Scheide ins Feuer werfen. Der Friede mit ihm würde stets zum Verderben ausschlagen, das heißt zum Verderben der redlichen Leute.

FAIRFAX. Ihr führt da eine heftige Sprache, Oberst Lilburn, und wegen des Ausdrucks »Tyrann« muß ich Euch zur Ordnung rufen. – Die Herren von der Presbyterianer-Partei werden um ihre Ansicht gebeten.

PRYNNE. Ich unternehme nicht die Verteidigung des Königs, nein. Aber ich erhebe mich gegen die angeblichen redlichen Leute – als ob wir andern unredlich wären! Diese Redlichen wird der Friede freilich ins Verderben stürzen, denn der Krieg macht ihr Glück.

IRETON heftig. Wem gilt das?

HARRISON. Siehe, ich höre den Lästerer. Man steinige ihn!

CROMWELL. Ruhe! Und Ihr, Herr Prynne, wägt Eure Worte.

PRYNNE. Ihr schüchtert mich nicht ein.

MONTAGUE. Noch mich. Das Volk ist vom Kriege ruiniert. Es will nicht mehr als Nährstoff für das Feuer dienen, in dem diese Salamander allein zu leben wissen.

HARRISON. Nennest Du uns Salamander, Mylord? Wahrlich ich sage Dir: Du und deinesgleichen, Ihr seid Skorpionen, so man zertreten muß. Und also verkünde ich Euch zum andern mal: Jener hat Euch mit Ruthen gepeitscht, wir aber werden Euch mit Skorpionen züchtigen.

MANCHESTER aufspringend. Das wagt der Mensch zu sagen!

HARRISON. Wagen! Tausend wie Dich, Mylord Graf, fordre ich vor meines Degens Spitze jetzt hier in dieser Zeitlichkeit und dereinst in der großen Schlacht im[83] Thale Armageddon, wo Gott den Weizen sondert von der Spreu.

MANCHESTER. So spricht er mit mir, dieser unbotmäßige Schwärmer, mit mir, seinem alten General!

IRETON. Oho, erneuert nicht diese Erinnerung, Mylord, sie erweckt nur unliebsame Erörterungen!

HARRISON. Siehe, die Söhne Baals rühmen sich ihrer Schande. Wo warest denn Du, wenn die Gottesfürchtigen unter Deinem Befehl die Amalekiter verbannten? Wer war's, der zur Schlacht gezwungen ward am langen Graben von Marston Moor, als Oliver jählings beim Sinken der Sonne den Prinzen Rupert überfiel mit den Schwadronen der Gläubigen? Ha!

IRETON. Wohl mögen Deine Augen funkeln, Kamerad Harrison, da Du gedenkst jenes Abends. Wo war da der Earl von Manchester? Gezwungen folgte er Cromwells Siegesroß. Und als nun Olivers Racheschwert das ganze Heer des Königs erschlug wo es stand, wer verbot die Verfolgung durch die Mondscheinnacht, auf daß kein Mann mehr entrinne? Der Earl von Manchester. Das war sein Anteil am Siege Oliver Cromwells auf dem Felde von Marston Moor. Manchester will das Schwert ziehn.

CROMWELL. Ruhe, im Namen Gottes! – Das sind alte Geschichten. Laßt sie ruhn. – Siehe da, auch Sir Algernon Sidney, dieser wackere Jüngling, wünscht uns mit seinem Rate zu erfreuen, wie ich merke.

SIDNEY. Allerdings. Ich teile ganz die Ansicht der Vorredner, der ehrenwerten Mitglieder meiner Partei. Das Volk von England ist des Heeres satt und seiner Überhebung. Es will die Blutigel, welche sich Streiter Gottes nennen und die das Volk doch nur in seinem Dienst anzuwenden beliebte, nicht mehr als seine Herren mit seinem[84] Blut und Marke füttern. Das Volk ist frei und mag keine Knechtschaft mit einer neuen vertauschen. Cromwell beschwichtigt die drohenden Offiziere.

LUDLOW. Redensarten! Ihr Herren Presbyterianer wollt die Vertreter der wahren Freiheit unterdrücken, das ist Euch die Hauptsache. Allein, heut werden wir erfahren, wer unsre Freunde und wer unsre Feinde sind.

BRADSHAW. Ja, um deutlicher zu sprechen: Wir werden sehn, wer der Partei des Königs und wer der des Volkes angehört.

COKE. Hihi, gestatte diese würdige Versammlung auch einem unwürdigen Diener des Gesetzes etwelche bescheidene Wörtlein. Herr Sprecher! – wollte sagen, Herr General! – ein ehrenwerter Redner hat uns in zwei Parteien geteilt. So hoffe auch ich – hihi – das Recht zu haben, ein Gleiches zu thun. Ja, Herr Sprecher, es giebt Leute, die den Frieden wollen, und zwar diejenigen, welche durch den Krieg verloren haben. Es giebt auch solche, die den Frieden verwerfen, und zwar die, welche durch den Krieg gewonnen haben. Hihi! Ich erlaube mir daher vorzuschlagen, daß die Gewinner die Verlierer für ihre Verluste entschädigen. So werden wir – hihi – alle wieder auf gleichen Fuß kommen, denn sonst – hihi – werden wir nie das Ende dieses Wirrwars sehn.

ALLE mit verschiedenem Ausdruck lachend. Haha! Hört, hört!

SIDNEY. Brav gesprochen, alter Coke!

CROMWELL beiseit zu Ireton. Das von diesem feigen Manteldreher? Sie müssen sich sehr stark fühlen.

MONTAGUE. Die Herren Independenten schmeicheln sich nur, daß die Annäherung ihres Heeres uns vor Furcht erstarren mache. Aber wir lassen uns nicht durch diesen Kunstgriff täuschen, wir werden in London selbst mit dem Monarchen unterhandeln.[85]

LUDLOW. So? Und wer garantiert Euch denn, daß London selbst nicht auf eigne Faust mit diesem Wüterich Frieden schließt über Eure Köpfe weg, ja um den Preis Eurer Köpfe?

MANCHESTER. Wie meint Ihr das?

BRADSHAW. Indem man ihm die Häupter des Parlaments zum Opfer bietet.

CROMWELL. Also geschah es, da die Samaritaner die siebenzig Söhne Ahabs dem Jehu überlieferten. Weislich gesprochen!

IRETON. Man höre auf die Stimme des Weisen! Welche Bürgschaft giebt Euch überhaupt das Wort des Königs?

LUDLOW. Er hat zwanzig Meineide geschworen.

BRADSHAW. Ihr dürft Euch nicht auf ihn verlassen.

SIDNEY. Ich bin ganz entgegengesetzter Ansicht. Nicht nur glaube ich, daß wir Karl Vertrauen schenken dürfen, sondern auch, daß wir gar nicht anders können.

MEHRERE. Wie das? Oho!

SIDNEY. Wenn Ihr nicht wißt, in welcher Lage Ihr Euch befindet, so gestattet mir, Euch in wenigen Worten aufzuklären. Euer Geld ist alle, die Flotte in Empörung, das Parlament verachtet. Unsre früheren Freunde, die Schotten, zürnen uns bitter und brechen soeben mit einem großen Heere über unsre Grenze. Die Neigung Londons und des Reichs hat sich vom Parlament und Heere abgewandt.

IRETON UND LUDLOW. Oho!

CROMWELL. Laßt ihn reden! – Schluß?

SIDNEY. Nun, ich überlasse Euch selbst zu beurteilen, ob dies ein sicherer Zustand sei. Es scheint vielmehr höchste Zeit, alles aufzubieten, um uns aus solchen Schlingen zu befreien. Pause.[86]

CROMWELL ruhig. Die Schotten lasset aus dem Spiel! Die gehören mir. Euer demütiger Diener Oliver Cromwell empfing, wie Ihr wisset, von den beiden hohen Häusern die Weisung, allsogleich wider den Reichsfeind aufzubrechen und ihn aus dem Lande zu jagen, wozu mit Gottes Hilfe ich entschlossen bin. Das ist mein Amt. Das Eure, den inneren Feinden nachzuspüren. Pause. Alle verbeugen sich. Wie ich merke, will mein würdiger Freund, Prynne der Schriftsteller, seinen Gefühlen Luft machen. Schütte unser altbewährter Märtyrer der Freiheit sein Herz aus in den Busen teilnehmender Brüder!

PRYNNE steht auf. Ich danke dem sehr glorreichen und ehrwürdigen General für seine Teilnahme und werde, also ermutigt, nicht hinterm Berge halten. – Herr Sprecher .. ich meine, Herr General .. man weiß, daß ich für den Frieden reden will und schon beschuldigt man mich der Abtrünnigkeit, mich, der vor Jahren den schwersten Kampf gegen die Tyrannei des Hofes bestand. Ja, man nennt mich einen königlichen Günstling.

MANCHESTER. Schändlich!

SIDNEY. Tapfrer Held der Feder, der für unser aller Freiheit gelitten!

PRYNNE. Ich will Euch nochmals erzählen, welche Gunst ich je vom König erhalten habe. Er hat mir zweimal aufs Unmenschlichste die Ohren kürzen lassen und mich dreimal an den Pranger gestellt. Meine Werke hat er vor meinen Augen durch Henkershand verbrennen lassen und mir armem Manne zweimal unerhörte Geldstrafen, je 5000 Pfund Sterling, auferlegt. Acht Jahre hat er mich eingekerkert. Dort mußte ich schmachten ohne Freunde und Bücher und Feder und Tinte, zuweilen wurden mir die notwendigsten Nahrungsmittel vorenthalten. Nun, wenn[87] mich irgendwer um solche Zeichen königlicher Gunst beneidet, so will ich glauben, daß man mich mit Grund als Apostat behandelt. Ist da irgendwer? Tiefe Bewegung der Anwesenden.

LUDLOW. Niemand, niemand! – Schändlicher Despot!

LILBURN. Nieder mit dem Menschenschinder!

HARRISON. Nieder mit dem Gottverfluchten!

PRYNNE. Nun wohl, meine Herren, und dennoch mahne ich zum Frieden. Herr Sprecher .. um Verzeihung, Herr General .. man giebt vor, daß wir vom Parlament verloren seien, wenn wir das Heer mißvergnügt machen. Allerdings haben die Feldherrn kürzlich verlauten lassen, sie würden die Waffen niederlegen und dem Parlament nicht länger dienen, falls wir auf unsrer Ansicht beharrten.

FAIRFAX. Hm, hm .. nicht so ganz.

CROMWELL trocken. Vielleicht doch. – Fahret fort, Herr Prynne.

PRYNNE. Da fragen denn Kleinmütige wohl: Was wird aus uns werden, wenn unsre Kämpen uns schutzlos unsrem Schicksal überlassen? Nun, verhielte sich das so und müßte es so kommen, so gestehe ich offen, daß ich wenig auf den Schutz so unbeständiger und meuterischer Diener gebe. Was könnte uns daran gelegen sein? Doch ich zweifle nicht, daß Gott und das Königreich für uns streiten werden, wenn das Heer von uns abfällt. Und werden wir das Heer noch sonderlich nötig haben, falls wir uns mit dem König verständigen können?

IRETON die Faust ballend. Verräter!

PRYNNE. Verräter Du selbst! Hoffentlich bedürfen wir eurer Unterdrückung nicht länger. Kommt der Vertrag zu stande, ich wiederhole es, so seht zu, wo ihr bleibet.[88] Sei's wie es sei, fiat iustitia, pereat mundus! Wir werden unsre Pflicht thun und den Ausgang Gott überlassen.

DIE PRESBYTERIANER. Heil Prynne! Hört ihn, hört ihn!

LILBURN. Schwachköpfiger, kleinmütiger Faselhans! Statt Rache predigt er Unterwerfung!

HARRISON feierlich. Unser Bruder ist vom Glauben abgefallen. Wehe! Und dreimal Wehe über ihn! Alle reden heftig durcheinander.

CROMWELL. Ireton, komm her! Ein Wort mit Dir! – Dieser gute Mann, der Prynne – Du liebe Zeit, ein gelehrtes Haupt, aber hitzig! – muß beseitigt werden, auf daß er nicht etwa Schaden thue. Solltest Du daher (Was Gott verhüte!) im Dienst des gemeinen Wohls jene Säuberung des Parlaments für nötig erachten, von welcher Du mir gesprochen ..

IRETON lächelt, ihn ansehend. Ich verstehe.

CROMWELL. Was verstehst Du? Was giebt's da zu verstehen? – Gott ist mein Zeuge, daß ich von dem, was sich da in meiner Abwesenheit vorbereitet, nichts wissen mag. Versteh' mich wohl! Ist das große Werk einmal ausgeführt, so freue ich mich darüber und bin wohl damit einverstanden und alsdann muß es aufrecht erhalten werden.

IRETON. Ich begreife vollständig. Und Prynne, nicht wahr, soll mit auf die Liste der 130 Unterhaus-Mitglieder kommen, die wir als ungesunde Stoffe ausscheiden wollen?

CROMWELL. Ich, mein Freund, ich rate nur. Thu Du, was der Geist Dir befehlen wird. Es klopft draußen stark. Poch, poch! Was giebts da? Alle horchen.

JOYCE'S STIMMME draußen. Botschaft an General Fairfax![89]

FAIRFAX. Eintreten! Joyce tritt ein. Es ist der ehrliche Joyce!

JOYCE ihm ein Papier überreichend. An Sr. Exzellenz den Obergeneral vom Generalrat der Armee zur schleunigsten Überbringung. Stellt sich den andern vor. Rittmeister Joyce vom Regiment Fairfax!

MONTAGUE. Jaja, kennen wir.

COKE. Damals Fähnrich, heut Rittmeister – hinc illae lacrymae!

FAIRFAX das Papier lesend. Nein, das übersteigt alle Begriffe! Das Heer faßt über unsern Kopf Beschlüsse? – Wie, Rittmeister, und dieses Schriftstück ist wirklich schon an's Parlament abgegangen?

JOYCE. Zu Befehl, heut. Wird diesen Abend zur Beratung im Haus der Gemeinen vorgelegt.

CROMWELL. Ei ei, was hör ich!

JOYCE salutiert. Zu Befehl. »Ergebenste, aber einmütige Vorstellung dieses armen Heeres.«

CROMWELL. Gerichtet wider die Gottlosen! Sehr löblich! – Laßt hören, Exzellenz, was unsre Heiligen fordern.

FAIRFAX. Ihr werdet Euch wundern. Liest. Zuvörderst verlangen sie, alle Verhandlungen mit dem König seien als unnütz und schädlich sofort abzubrechen.

MONTAGUE. Warum nicht gar!

FAIRFAX. Der König dürfe überhaupt nicht mehr zur Regierung gelangen, sondern müsse – hm –

ALLE. Nun?

FAIRFAX. Vor Gericht gestellt werden.

MANCHESTER. Vor Gericht?!

HARRISON. Der Herr hat ihn verworfen und stürzet ihn von seinem Gestühle.[90]

LILBURN. Das nenn' ich gesprochen wie Männer.

LUDLOW. Wie freie Männer!

FAIRFAX liest. »Artikel 2.« Aber nein, lieber Cromwell, lest Ihr. Ich traue meinen Augen nicht mehr. Reicht ihm das Papier.

CROMWELL liest mit lauter, kräftiger Stimme. »Des Königs Söhne sollen aufgefordert werden, sich dem Parlament zu stellen. Erscheinen sie nicht, so sind sie der Thronfolge verlustig zu erklären und unberechtigt zur Regierung. Die Krongüter sind sämmtlich einzuziehn.«

COKE. Hihi, das letztere ist die Hauptsache. Immer ein schlaues Auge auf die Dinge dieser Welt – hihi, das nenn' ich echte Gottseligkeit.

PRYNNE. Meiner Treu, die Burschen werden üppiger mit jedem Tag.

HARRISON. Die Krongüter – herrlich gedacht! Den Gläubigen gehört die Beute ihres Bogens und Speers. Wer hat dieses gottesfürchtige Traktätlein aufgesetzet?

JOYCE. Zu Diensten, Ew. Ehren – sintemal es kein Geheimnis ist – Kaplan Peters, Feldprediger im Leibregiment Cromwell.

HARRISON begeistert. Der Peters ist ein großer Heiliger. – O fahre fort, Richter Israels, in dieser erbaulichen Ergießung!

CROMWELL zu Joyce. Was gaffest Du noch, mein Sohn, wie die müßigen Buben, so da Maulaffen feilhalten auf den Gassen Askalons? Abtreten!

JOYCE. Zu Befehl. Ab.

CROMWELL. Also Artikel drei: »Alle Urheber des letzten Kriegs sind ebenfalls vor's Kriegsgericht zu stellen, nur die gemeinen Soldaten zu begnadigen.«

MANCHESTER. Das wird ja immer besser![91]

CROMWELL. »Artikel vier: Der rückständige Sold soll den Truppen ausgezahlt und der Sold fernerhin regelmäßig entrichtet werden.«

SIDNEY lacht. Jawohl, bis zum jüngsten Gericht! Ein stehendes Heer von Erzengeln in Permanenz auf Kosten des Staatssäckels!

COKE lacht. Hihi, da guckt der Pferdefuß vor – es ist eine Erbauung!

HARRISON furchtbar. Lachest Du, Wurm, in Deinem fleischlichen Sinn über die Gerechtigkeit der Kinder Gottes? Wahrlich, ich sage Dir –

CROMWELL barsch. Ich habe Dir schon verkündigt, Harrison, Du sollst das Predigen unterlassen, wo Zeit und Ort es nicht gebeut. Still! – »Fünftens und letztens: Das gegenwärtige Parlament entspricht weder der Stimmung des Volkes noch der Lage des Staats. Drum sollen neue freie Wahlen ausgeschrieben werden.«

SIDNEY. Aha, das ist der Hauptschlag!

CROMWELL. Still, hört zu Ende! »Niemand darf gewählt werden, der die vorstehenden Wünsche dieses armen Heeres nicht vorher angenommen hat. Nur so wird dies arme Land zu einem dauerhaften Frieden gelangen und ferneres Blutvergießen verhütet werden.« Er reicht das Papier an Fairfax zurück.

MONTAGUE. Das ist unerhört!

PRYNNE. Freie Wahlen! Der Wolf, dem das Lamm das Wasser trübt!

SIDNEY. Freie Wahlen! – Kurz und gut, jede dieser Bedingungen muß –

LILBURN ungestüm. Angenommen werden. Machen wir endlich ein Ende! Ja, meine Herren, Bedlam ist für die Narren bereitet und Tophet für die Könige. Jesaias 30 –[92]

HARRISON nickt. Vers 33. Sehr erbaulich.

LILBURN. Der Unsrige – ich meine den sogenannten König – hat sich jüngst so betragen, als sei das Narrenhaus für ihn der einzig geeignete Aufenthalt. Ich trage daher darauf an, daß sich niemand mehr in Zukunft an ihn wende, sondern daß man die öffentlichen Angelegenheiten ganz ohne seine Mitwirkung besorge.

LUDLOW. Ganz recht. Es gilt mir gleich, welche Regierungsform man festsetzt, sobald es darin nur weder Könige noch Teufel giebt.

MANCHESTER UND MONTAGUE. Zu Fairfax. Zur Ordnung!

FAIRFAX. Ich muß rügen –

IRETON ihn unterbrechend. Der König hat seinem Volke Schutz und Sicherheit verweigert, indem er die Vorschläge der hohen Häuser verwarf. Wir schulden ihm nur so lange Gehorsam, als er uns beschützt.

COKE. Hihi, der edle Herr hat seine eigne Lesart der Gesetze.

MANCHESTER. Das sind demagogische Irrlehren.

BRADSHAW. Im Gegenteil, das ist das wahre Recht, kein römisches Jus, aber gut englisch. Wenn der vereidigte Schirmherr der Gesetze uns seinen Schutz versagt, ist es an uns, ihm den Gehorsam aufzukündigen.

LUDLOW. Und ohne ihn den Staat zu ordnen.

SIDNEY. Meine Herren, meine Herren, bedenkt, was Ihr sagt. Erwägt die Sachlage mit Redlichkeit. Wenn wir das Ansinnen der Herren Independenten annehmen, so heißt dies, soweit es von uns abhängt, das Parlament auflösen.

LUDLOW. Wie das?

SIDNEY. Sehr einfach. Weigern sich die Könige, unsre Petitionen und Adressen anzuhören, so involviert dies nach[93] der Konstitution die unverkennbarste Verletzung aller parlamentarischen Prärogative. Mein gelehrter Freund hier Auf Coke deutend. wird dies bestätigen.

COKE. Hihi, natürlich. De facto ist dadurch das hohe Haus bereits aufgelöst, ohne daß seine Auflösung de jure ausgesprochen.

SIDNEY. Sehr gut. Aber auch, indem wir beschließen, ferner keine Botschaften des Königs zu empfangen und ihm keine mehr zuzusenden – was thun wir anders, als dadurch erklären, daß wir überhaupt kein Parlament mehr sind?

LUDLOW. Und so sprichst Du, Algernon Sidney, der Du Dich einen Republikaner nennst?

SIDNEY. So thu ich, aber hoffe dabei ein Staatsmann zu bleiben. – Jawohl, was lächelt der General Cromwell? – Die Zeit ist für solche Ideen noch nicht reif.

HARRISON. Siehe, die Saat ist reif und unsre Sicheln werden brav mähen auf dem Felde der Gottlosen.

LILBURN. Der Tag des Gerichtes ist näher als Du denkst, blaublütiger Lordssohn. Nicht in Deinem Cicero und Demosthenes steckt die Republik, sondern in den Piken und Musketen der Volksarmee.

MANCHESTER erhebt sich. Ich kann dies nicht länger hören.

MONTAGUE ebenso. Noch ich.

PRYNNE. Und Ihr, Oliver Cromwell, Ihr schweigt zu allem?

COKE. Hihi, befragen wir das Orakel!

CROMWELL erhebt sich plötzlich und spricht scharf und bestimmt. Herr Vorsitzender und Ihr andern dieser erleuchteten Versammlung, sofern Ihr Gott vor Augen und im Herzen habt! Erhebet Eure Herzen zu Ihm und verbannet alle Menschenfurcht![94]

HARRISON. Lang lebe, Du Sproß vom Stamme Isais! Verderben über Saul! Mag seine Stelle wüste werden!

LUDLOW. Sprich uns vom König! Du kennst ihn genau.

CROMWELL. Der König, Ihr Herren, ist ein Mann von vielem Geist, von nicht gewöhnlichen Gaben, aber so versteckt, so falsch und verräterisch, daß ihm niemand trauen kann. Ja, ich wage zu sagen, daß es gar nicht möglich ist, ihm je zu trauen.

LUDLOW bedeutungsvoll. Du mußt's wohl wissen, General.

SIDNEY. Solltest Du besondre Erfahrungen gesammelt haben?

CROMWELL ruhig. Die, welche Ihr alle kennt, genügen mir. – Während er uns seine Friedensliebe versichert, unterhandelt er insgeheim mit den Schotten, um die Nation in einen neuen Krieg mit unsern Nachbarn zu verwickeln.

LILBURN. Landesverräter!

IRETON. Zweifelloser Hochverrat!

MANCHESTER. Wie man's nimmt. Ist dies verbürgt?

CROMWELL. Ich habe die Beweise in Händen. Alle royalistischen Aufstände der letzten Zeit nährt der König; ja er muntert sogar Lord Ormond auf, den Bürgerkrieg in Irland auf's neue zu entfesseln.

SIDNEY. Den er öffentlich abschwört?

PRYNNE. Ja, mein junger Freund, das sieht ihm ähnlich.

CROMWELL. Nun wohl, die Stunde ist erschienen, wo es allein beim Parlament steht, dies arme Land zu retten und zu regieren. Mit demselben Mut, mit derselben[95] Treue werden Euch die Männer wiederum verteidigen, die Euch einst mit ihrem Blut gegen so viele Gefahren geschützt.

HARRISON. Wider Eglon, den Moabiterkönig, wider die Kananiter, Jebusiter, Amalekiter und die Söhne Midians. Denn siehe, der Richter Israels, Oliver Cromwell mit seinem fleischlichen Namen, zog einher vom Gebirge Ephraim und kam über sie mit Roß und Wagen, auf daß er die Heiden ausrotte vor dem Angesichte Jehovas.

CROMWELL. Schweig, Harrison. Wie oft gebot ich Dir, auf der Erde zu wandeln, wo es irdische Dinge gilt! Geh nicht spazieren im neuen Jerusalem, wenn der alte, böse Feind die Anbeter Baals zu listigen Tücken reizt! Er sieht die Presbyterianer drohend an.

MANCHESTER. Nennest Du uns Anbeter Baals? Giebst Du uns schimpfliche Titel?

CROMWELL. O weh, o weh! Die alte Schlange ist immer noch mächtig in mir. Jawohl sollten wir friedfertig zusammenleben auf diesem armen Sitze irdischer Sünde und Sorge. Lasset uns nicht heftig eifern und hadern, wir alle, die wir berufen sind, die Hand an den Pflug zu legen. Ich demütige mich vor Euch, meine Brüder! Es thut meiner armen, hungrigen Seele wehe, die Ergießungen zurückzuhalten, welche dieser sündige Fall erfordert. Gern schöpfte ich einen Labetrunk aus dem Strome, so am Wege fließet, indem wir den gesegneten Augenblick ergriffen, wo so viele ehrwürdige und gelehrte Männer guten Rates pflegen, um den Text auszulegen in den Worten der Schrift: »Selig sind die Friedfertigen!« – Ach, wir alle sind nur gebrechliche Geschöpfe, deren Odem in ihrer Nase ist und die gar bald zur Abrechnung berufen werden. Doch, um zu den Dingen dieser Welt zu kommen: Er verändert[96] plötzlich den Predigerton und reckt sich empor. Hütet Euch, in den Streitern des Allerhöchsten den bösen Glauben zu erwecken, daß sie verraten seien – ja, verraten und der Wut des Pharao ausgeliefert und preisgegeben, den sie besiegt mit dem Schwerte Gideons!

PRYNNE. Wenn nur kein schlimmerer Pharao uns selber ans Messer liefert!

CROMWELL. Ganz recht, mein vortrefflichster Sir. Ein schlimmerer Pharao, weissagt der würdige Mann. Ja, das mag er wohl sagen. Jener alte Pharao, so da thronet in der Hölle und in den Herzen der armen Sterblichen – der Geist des Unmuts und des Zweifels und der Zwietracht. Dieser Pharao, – Bruder Harrison wird ihn bei Namen kennen –

HARRISON feierlich. Satan.

CROMWELL. Satan. So ist's. Dieser schlimmere Pharao, Ihr guten Leute, wohnt in Euren eignen Seelen. Darob vernachlässigt Ihr Eure eigene Sicherheit und wachet nicht länger über der dieses armen Volkes, welche doch auch die unsrige ist. Satan verblendet Eure Augen, so daß Ihr dies gottselige Heer der Gläubigen hinausstoßen möchtet in die Wüste als Sündenbock. Aber wahrlich, ich sage Euch: Dies wird nicht geschehn. Denn also spricht der Herr Herr: »Ich will meine Gnade lassen leuchten über Dir ewiglich.« Und also zum andern mal: »Ich habe einen Bund gemacht mit Dir.«

SIDNEY. Mit Dir persönlich, wie?

HARRISON finster. Soll ich diesen Sohn Jehus nicht unter die fünfte Rippe schlagen?

CROMWELL. Nimm es hin als eine Prüfung, liebreich! – Ja, Du törichter Jüngling, ja, Ihr Lauen und Zweifler, fürchtet, fürchtet, daß die Verzweiflung uns treiben[97] könnte, unsre Rettung darin zu suchen, daß wir Euch verlassen, Euch, die Ihr Euch selbst verlassen würdet. Ich zittre, ja ich zittere es zu sagen und überlasse Euch allein zu beurteilen, wie verderblich Euch ein solcher Entschluß sein müßte.

SIDNEY. Nur noch ein Wort: Mit welchem Recht, kraft welcher Vollmacht handelt dies »arme Heer«?

CROMWELL. Kraft des Gesetzes der Notwendigkeit. Wahrlich, kraft der Macht des Schwertes. Er legt die Hand an den Degen und setzt sich. Tiefe Stille.

MANCHESTER verbeugt sich. Wir werden die Willensäußerung des sehr ehrenwerten Generalleutnants gewiß dem Parlament, insonderheit unsrer Partei, nicht vorenthalten. – Nicht so, Mylord Montague?

MONTAGUE. Ganz der Meinung Ew. Herrlichkeit. Fürs erste haben wir wohl nichts weiter zu unterhandeln. – Nicht so, Mr. Prynne?

PRYNNE. Diese »ergebenste Vorstellung« des »armen Heeres« raubt uns ohnehin jede weitere Entschlußfähigkeit. – Was meint der Herr Generalprokurator?

COKE. Hihi, ich meine gar nichts.

SIDNEY. Ich aber meine, daß uns nach dieser salbungsvollen Warnung oder auch Drohung des Generals Cromwell gar nichts übrig bleibt, als die Unterredung abzubrechen und mit unsern Parteigenossen umgehend zu beraten.

MANCHESTER. Der sehr ehrenwerte Algernon Sidney hat unser aller Ansicht formuliert. Ich habe die Ehre, mich Ew. Exzellenz und dieser hohen Versammlung zu empfehlen. Manchester, Montague, Prynne, Coke und Sidney verbeugen sich stumm und gehen ab.

CROMWELL. Der Segen Gottes geleite Euch![98]

LUDLOW. Alles abgekartet Spiel!

FAIRFAX. Mit Sr. Majestät, meint Ihr?

LUDLOW. Ich versichere Euch, es ist so.

FAIRFAX. Ihr meint, es sei im Werke, die Sache zu verraten, für die so viel Blut – ach, allzu viel Blut – geflossen ist?

LUDLOW. Man will um jeden Preis Frieden schließen.

BRADSHAW. Man wird dem Jerobeam nach seiner Flucht nur mildere Bedingungen vorschreiben.

FAIRFAX. Hm, und wenn der König nun die Bedingungen hält? Alle lachen.

BRADSHAW. Pah, das glaubt Ihr selbst nicht, General.

LILBURN. Der und halten, was er verspricht! Geschehen Zeichen und Wunder?

LUDLOW. Es wär' das erste mal! Er wird einfach die Ausflucht wählen, daß er als Gefangener sich nicht gebunden achte, erzwungene Bedingungen auszuführen. Was meint Ihr, General Cromwell?

CROMWELL salbungsvoll. Nach meinen Erfahrungen mit diesem sündigen Manne – wann wird er wandeln auf dem schmalen Pfad des Rechts? Trocken, scharf. Übrigens ist das alles müßiges Gerede. Selbst die, so am meisten zum Unterhandeln drängen, kümmern sich gar wenig darum, den Ahab zur Erfüllung seiner Pflicht zu nötigen.

FAIRFAX. Und worauf zielen sie also hin?

CROMWELL. Ihr einziger Zweck ist – – doch warum sollte ich der Einsicht erleuchteter Heiligen vorgreifen? Vielleicht irre ich in meiner schwachen Vernunft. Was dünket Euch, Bruder Harrison?

HARRISON. Siehe, die Söhne der Finsternis thaten sich zusammen und berieten, wie sie die Kinder Gottes vertilgen möchten. Und siehe, da erkannten sie in Ahab[99] und seinem unheiligen Ruhm vor den Menschen ein erkorenes Werkzeug Belzebubs.

CROMWELL. O Bruder, Du hast, vom Geiste getrieben, eine klare Leuchte aufgesteckt in unsrer Nacht des Zweifels. Sprich Du, mein Sohn Ireton!

IRETON. Um die fromme Weissagung Kamerad Harrisons in meine schlichte Einfalt zu übersetzen: Das Parlament will weiter nichts, als des Königs Namen und Ansehn zur Vernichtung des Heeres benutzen.

CROMWELL. Derb und offen sprach unser Freund. Siehe, so spricht die Zunge der Wahrheit derer, so da wandeln in den Wegen des Lichts. Meine demütige Ansicht ist nun die: Er erhebt sich plötzlich und legt die Hand aus Schwert, mit kurzem, befehlendem Ton. Das Heer hat die Macht erkämpft, es muß sich derselben bedienen, um sein Verderben und das der Nation zugleich abzuwenden. Setzt sich. Zustimmende Bewegung.

IRETON. Das war ein Wort!

HARRISON. Beim Heere ruht alle Gewalt, so von Gott ist. Zeuch das Schwert, Du Richter Israels!

FAIRFAX. Hm, ich gestehe zu, Freund, daß Ihr die Wahrheit sprecht. Und im Notfalle, – wohlverstanden, im Notfall – bin ich ja bereit, für das Wohl des Staates die mir untergebene Macht zu gebrauchen. Doch – hm – ich muß klar und positiv dazu aufgefordert werden.

LUDLOW. Von wem?

FAIRFAX. Nun, von – irgend einer gesetzgebenden Gewalt, ordnungsgemäß. Murren.

LILBURN. Gesetzgebende Gewalt? Wir sind das Gesetz. Die Euch untergebene Macht? Wer untergab sie Euch? Wir – Cromwell da!

IRETON. Ordnungsgemäß? Wo ist denn Ordnung?[100]

LUDLOW. Nein, dies genügt nicht.

BRADSHAW. Ihr seid lau im Eifer, Lord-General.

HARRISON. Die Lauen sind dem Herrn ein Greuel und Scheuel. Er speiet sie aus von seinem Munde.

LILBURN aufspringend. Was soll uns alles das! Die große Stunde ist da.

LUDLOW. Die Gemeinen von England müssen sich als souveräne Gewalt erklären.

BRADSHAW. Ja wohl. Da habt Ihr dann Eure gesetzgebende Gewalt, Sir Fairfax.

LILBURN. Wo sind die verheißenen Reformen, he? Warum griff das Volk zu den Waffen für das Parlament?

HARRISON. Volk Englands, sammle Dich zu Deinen Gezelten! Siehe, die Posaune bläset vom Gebirge her. Nieder mit Pharao und seinem Pompe!

LILBURN. Wozu nützt ein König? Wozu nützen Lords? Das sind menschliche Erfindungen, eitle Eitelkeiten. Gott hat uns alle gleich gemacht. Jawohl, Sir Fairfax, ich sag's Euch in den Bart. Tausende von redlichen Leuten werden ihr Blut vergießen für diesen Grundsatz. Morgen wird dem Unterhaus meine große Petition überreicht. Ich habe 40 000 Unterschriften.

IRETON. Pah, 5000 Pferde würden mehr Eindruck machen.

HARRISON. Das Rüstzeug Zebaoths nahe sich mit Roß und Reisigen und Wagen!

FAIRFAX erhebt sich. Meine Herren, meine Herren, ich darf dies nicht länger hören. Noch ist der König der König, noch bin ich sein General .. für das Parlament.

LUDLOW zu Bradshaw. Ein Verdächtiger.

BRADSHAW. Cromwell – warum schweigt Cromwell?

IRETON. Der Weiseste zögert mit seiner Stimme?[101]

LUDLOW. Sprich Dich aus wie ein Mann!

HARRISON. Thu Dich hervor, Du Rüstzeug Zebaoths! Warum fesselt der Herr Deine Zunge? Siehe, lieblich tönen die Worte des Propheten.

FAIRFAX. In der That, Generalleutnant, Ihr würdet uns einen Dienst leisten .. aller Augen schauen auf Euch.

CROMWELL ruhig, sitzenbleibend. Da mein Vorgesetzter befiehlt, so spreche ich nach meiner demütigen Einsicht.

LUDLOW UND BRADSHAW. Hört, hört!

HARRISON. Lauschet, ihr zwölf Stämme! Siehe, der Löwe Judas schreitet herfür und erhebt seine Stimme.

CROMWELL trocken, kurz. Der Augenblick ist noch nicht gekommen. Man lasse die Verhandlungen ihren Fortgang nehmen, man lasse die Frucht reifen. Die Gefahr muß erst offen zu Tage treten, deulich für Jedermanns Blick. Dann gilt es handeln. Ein jegliches hat seine Zeit und jedes Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde. Pause.

LUDLOW. Ich beuge mich.

IRETON. Das entscheidet.

HARRISON. Wer wollte widerstreben? Es geschehe, was der Herr ihm eingiebt!

FAIRFAX aufatmend. Generalleutnant Cromwell, Ihr fandet wieder das rechte Wort. Selbst unser widerspänstiger Freund Lilburn beugt sich Eurer höheren Einsicht.

LILBURN. Nicht ich! Wer sagt das? Nein und nochmals nein!

CROMWELL. O mein Bruder, fahre so fort! Einst kommt wohl auch Dein Tag von Damaskus!

FAIRFAX. Die Versammlung ist aufgehoben. Niemand hört auf ihn.

LILBURN zu Cromwell. Und ich schlage doch los, ich![102]

CROMWELL mit donnernder Stimme. Zu meinen Füßen, Drache! Denn ich bin der, so auf dem Stuhle sitzet! – Kommissar-General Ireton, Oberst Lilburn ist Euer Gefangener! Er ist ein Empörer wider das Kriegsgesetz und weigert den Gehorsam. – Oberst Harrison, folgt mir! Ich werde mich den Unzufriedenen stellen und ihre Rädelsführer in Gewahrsam bringen. Schweigt, Lilburn! Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er. – Kommt, meine Brüder, lasset uns eine Erbauungsstunde halten und im Gebete ringen nach Erforschung des göttlichen Willens! Dieses arme Heer wird inne werden: Wer sich erhöhet, der soll erniedrigt werden! Wer aber sich erniedrigt, der soll erhöhet werden. Die Zukunft Englands gehört weder der Krone noch den Lords. Es wird eine Zeit kommen, wo es weder König noch Lords in England giebt. – Den Schotten soll es nicht glücken, ihr hierarchisches System uns Engländern aufzudringen. Ich werde das Schwert gegen sie ziehen. Siehe, es ist gegürtet um meine Lende. Siehe, es dürstet danach, sie zu vertilgen mit seiner Schärfe. Wie, sind wir nicht noch dieselben, wie bei Edgehill, Naseby und Marston Moor? Wie Stoppeln waren sie vor unserm Schwert. Vorwärts! Schon morgen brechen wir auf gen Norden wider die Feinde Gottes! Der Herr hat sie in unsre Hände gegeben. Lasset uns beten! Betet und reitet schnell und schüttet frisch Pulver auf die Pfanne! Amen. Sela. Gott will es, ihm allein die Ehre! Er geht rasch ab, mit königlicher Haltung. Alle folgen begeistert.

FAIRFAX sich erhebend, kleinlaut. Die Versammlung ist aufgehoben.[103]

Quelle:
Bleibtreu, Karl: Ein Faust der That. Tragödie in fünf Akten, Leipzig 1889, S. 56-104.
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