Elfte Szene

[32] Ottilie – Giesecke – Charlotte – später Josepha und Franz Giesecke und Charlotte kommen.


GIESECKE. Das ist hübsch! Im ganzen Nest ist kein Zimmer zu haben. Alle Hotels sind besetzt.

CHARLOTTE. Und dabei bin ich vom Hin- und Herlaufen so müde. Setzt sich rechts auf den Koffer.

GIESECKE zu Ottilie. Was machen wir denn da?

OTTILIE. Was du willst, Papa! Setzt sich links auf den Koffer.

GIESECKE. Nun mault sie auch noch! Was kann ich denn dafür? Setzt sich in die Mitte des Koffers. Ach, Kinder, warum sind wir nicht lieber nach unserem schönen Ahlbeck gereist? Wo die Häuser so bequem sind und Schwärmerisch. die Flundern so gut!

CHARLOTTE nach einer kleinen Pause. Was soll denn nun werden?

GIESECKE. Ich weiß nicht!


Man hört in der Ferne Donnerrollen, nachdem schon vorher die Gewitterwolken die Bühne überschattet hatten.


GIESECKE. Herr Gott, was ist denn das?!!

CHARLOTTE. Ich glaube, es donnert, wir kriegen ein Gewitter.

GIESECKE. Das hat noch gefehlt! Die Hände vorstreckend. Wahrhaftig, es geht schon los mit dem Regen!

CHARLOTTE. Und ich mit meinem leichten Kleid! Spannt den Regenschirm auf.

OTTILIE. Und ich auch! Spannt ihren roten Bauernschirm auf.

GIESECKE. So was von feuchter Jejend ist mir noch nicht vorgekommen!


[32] Er spannt seinen Schirm auf. Man hört auf die drei Schirme den Regen trommeln. Dann nach einer kleinen Pause, während welcher alle mit ihren aufgespannten Regenschirmen elegisch auf dem Koffer sitzen.


GIESECKE. Das ist ein schönes Sommervergnügen!


Josepha und Franz kommen.


JOSEPHA zu Franz. Schnell, kippen Sie den Tisch um.


Franz beugt den Tisch nach vorne und stützt ihn mit der Lehne der Bank, die er ebenfalls nach vorn beugt, so daß von der Bank und der Tischkante das Regenwasser sichtbar niedertropft.


GIESECKE. Sagen Sie mal, der Regen wird doch bald aufhören?

JOSEPHA. So bald net! Das ist unser weltberühmter Schnürlregen, der dauert achtundvierzig Stunden.

GIESECKE. Na, dann wären wir ja für die nächsten Tage versorgt!


Josepha und Franz eilen ab. Der Regen wird immer stärker und gurgelt aus der Rinne des Daches in die Bütte hinein, die vor dem Hause rechts steht.


GIESECKE. Und das jießt!


Kleine Pause.


Wir hatten's nötig! Wo wir in Berlin eine so schöne Wohnung haben! Acht Zimmer. Mit allem Zubehör. Da wohnt jetzt mein Dienstmädchen drin! Die hat's gut ... während ich ... Sechsunddreißig Stunden auf der Eisenbahn fahren, zweimal Dampfer bezahlen, Lungenhaschee zum Frühstück, aus dem Zimmer exmittiert, mit dem Rechtsanwalt den Schlag an den Hals geärgert, und jetzt noch naß bis auf die Haut! ... Det Jeschäft ist richtig!


Während der Regen in starken Strahlen niederschießt, aus den Dachrinnen hervorgurgelt und immer lauter auf die Schirme trommelt, fällt der Vorhang.


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 32-33.
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