Neunte Szene

[44] Siedler – Giesecke – Loidl – später Piccolo.


GIESECKE von links hinten zu Loidl. Nein, lieber Freund! Auf Ihr Gejammer fall' ich nicht mehr rein!

LOIDL mit Giesecke von hinten links. Bitt' schön, Euer Gnaden! Nur ein paar Kreuzer!

GIESECKE. Nicht einen Pfennig! Meine Kundschaft kriegt jetzt Ihr Konkurrent, der andere Bettler da drüben!

LOIDL. Ach, der?

GIESECKE. Dem hab' ich mein ganzes Kleingeld gegeben.

LOIDL. Na, da danke ich auch schön, das ist mein Sohn. Ab.

GIESECKE. Hat mich der Spitzbube doch wieder reingelegt! Wütend. Da hört doch aber – Sich beruhigend. Net kratzen!

SIEDLER Giesecke begrüßend. Guten Morgen, Herr Giesecke![44]

GIESECKE zögernd. Morgen!

SIEDLER geht an den Tisch links. Sie gestatten doch, daß ich hier meine Zeitung lese?

GIESECKE kurz. Bitte!

SIEDLER. Die Morgenluft ist so erquickend, und da ich überdies – Mit Verbeugung gegen Giesecke. ein so angenehmes vis-à-vis habe!

GIESECKE. Das kann ich von mir nicht sagen. Dreht seinen Stuhl um und wendet Siedler den Rücken zu.

SIEDLER für sich. Ermutigend ist der Anfang nicht.

GIESECKE zum Piccolo. Sie, bringen Sie mir auch eine Zeitung!

PICCOLO. Vielleicht »Wiener Tageblatt« – »Neue Freie Presse« g'fällig?

GIESECKE. Haben Sie hier keine Berliner Zeitungen?

PICCOLO. Nein – bitte – Berliner Zeitungen haben wir keine.

GIESECKE. Jott, wie wollen Sie denn da wissen, was in der Welt vorgeht? Das kann mir in Ahlbeck nicht passieren.

SIEDLER. Wenn ich Ihnen vielleicht dienen darf? Ich lasse mir meine Blätter immer nachsenden!

GIESECKE. Danke. Ich verzichte. Fremde Blätter nehme ich nicht in die Hand.

SIEDLER. Ah, dann kann ich sie Ihnen vielleicht vorlesen? Setzt sich an Gieseckes Tisch. Wenn Sie also gestatten, mache ich von Ihrer freundlichen Aufforderung Gebrauch!

GIESECKE. Nun, sagen Sie mal, was wollen Sie denn eigentlich von mir?

SIEDLER. Ehrlich gestanden, ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gesprochen.

GIESECKE. Geschäftlich?

SIEDLER. Allerdings.

GIESECKE. Mein Geschäft ist Prinzenstraße Nr. 60. Bürostunden von neun bis vier Uhr. Sie können nach Ihrer Rückkehr einmal vorsprechen, ob ich zu Hause bin.

SIEDLER. Ich werde jedenfalls von dieser so überaus freundlichen Einladung Gebrauch machen, aber bis dahin hat die Sache leider nicht Zeit.

GIESECKE. Herr Gott! Hier bin ich doch zu meiner Erholung! Gönnen Sie mir doch wenigstens hier Ruhe![45]

SIEDLER. Die will ich Ihnen ja eben verschaffen. Es handelt sich doch um Ihren Prozeß.

GIESECKE nach Luft schnappend, dann verzweifelnd. Kellner – einen Gespritzten! Mit dem Prozeß haben Sie mich nun schon drei Jahre lang gezwiebelt. Ist Ihnen denn das noch nicht genug?

SIEDLER. Ja, verzeihen Sie, die lange Dauer des Prozesses haben Sie nur selbst veranlaßt, durch Ihre vielen Einwendungen ...

GIESECKE. Oh, entschuldigen Sie nur, daß ich mich ein bißchen gewehrt habe. Ich hätte wohl gleich von Anfang an sagen sollen: »Der Herr Doktor Siedler ist anderer Meinung als ich – ich bitte, meine Herren, nun verurteilen Sie mich!«

SIEDLER. Jedenfalls hätten Sie dadurch viel Geld erspart.

GIESECKE. Na, Sie hatten doch keinen Schaden davon! Einen so fetten Prozeß werden Sie so bald nicht wieder kriegen.

SIEDLER. Ich bin Ihnen ja auch für diese Zuwendung sehr dankbar, aber inzwischen ist doch nun einmal die Entscheidung gefällt, und Sie haben in erster Instanz verloren.

GIESECKE aufschreiend. Das weiß ich! Herr, wollen Sie mir denn die Schwindsucht an den Hals ärgern?

SIEDLER. Im Gegenteil! Ich will Ihnen einen Vorschlag zur Güte machen!

GIESECKE. Sie mir?

SIEDLER. Ich habe in Ihnen bei unserer zufälligen Begegnung hier einen so liebenswürdigen und entgegenkommenden Menschen gefunden ...

GIESECKE. Das ist das erste gescheite Wort, das ich von Ihnen höre!

SIEDLER fortfahrend. Daß ich mir sofort gesagt habe: »Mit einem solchen Mann wie Sie muß doch auf einer vernünftigen Basis ein Vergleich zu schließen sein.«

GIESECKE. Wenn die Basis vernünftig ist ... aber das glaube ich noch nicht!

SIEDLER. Ja, irgendein finanzielles Opfer werden Sie allerdings bringen müssen.

GIESECKE. Ich denke nicht dran.

SIEDLER. Über die Ziffer würde schon eine Einigung zu erzielen sein.

GIESECKE. Mit mir nicht.

SIEDLER. Aber darin besteht doch ein Vergleich, daß einer nachgibt ...[46]

GIESECKE. Warum soll ich denn der eine sein?

SIEDLER. Mein Gott, weil Sie doch bereits den Prozeß in erster Instanz verloren haben!

GIESECKE immer geärgerter. Das haben Sie mir schon einmal gesagt ... Kellner! ... Noch einen Gespritzten. Sich nach einer kleinen Pause, während welcher er sich zu beruhigen sucht, am Tisch aufrichtend. Herr Doktor, ich weiß nicht, ob Sie schon bemerkt haben, daß wir hier im Salzkammergut sind. Da gehen die Leute zu ihrem Vergnügen hin, – ich auch. – Und da wir beide uns gegenseitig kein Vergnügen bereiten ...

SIEDLER. Bitte sehr, Herr Giesecke, – das kann ich von mir durchaus nicht sagen.

GIESECKE. Aber ich! Fortfahrend. So ist es das beste, daß wir uns in Zukunft zwei fremde Leute betrachten. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. – Das ist mein Vergleichsvorschlag.

SIEDLER. Aber, Herr Giesecke ...

GIESECKE. Ich bitte vollständig zu vergessen, wer ich bin und wie ich heiße! Ich werde auch vergessen, wer Sie sind. Und ich kann Ihnen schon jetzt die Versicherung geben, daß es mir nicht schwer fallen wird. Guten Morgen! Wendet ihm den Rücken zu und setzt sich an den anderen Tisch.

SIEDLER. Da ist nichts zu wollen.


Quelle:
Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg: Im weißen Rössl. Berlin 16[o.J.], S. 44-47.
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