Zehnte Geschichte

[461] Pietro di Vinciolo geht aus, um anderwärts zu Nacht zu essen. Seine Frau läßt ihren Buhlen kommen; Pietro kehrt aber heim, und die Frau versteckt den Liebhaber unter einem Hühnerkorbe. Pietro erzählt, daß im Hause Ercolanos, bei dem er gespeist, ein Jüngling, den die Frau verborgen, gefunden worden sei, worüber Pietros Frau die des Ercolano heftig tadelt. Zum Unglück tritt ein Esel dem Burschen unter dem Korbe auf die Finger, so daß er schreien muß. Pietro läuft hinzu, sieht ihn und erkennt die Falschheit seiner Frau, ist aber niederträchtig genug, sich am Ende doch wieder mit ihr auszusöhnen.


Die Erzählung der Königin war zu ihrem Ende gediehen, und alle hatten Gott gepriesen, daß er dem Federigo würdigen Lohn verliehen, als Dioneo, der einen Befehl nicht erst zu erwarten pflegte, also begann:

Ich weiß nicht, ob ich es einen merkwürdigen Fehler nennen soll, der erst infolge späterer Sittenverderbnis die Sterblichen befallen hat, oder ob es in der ursprünglichen Natur des Menschen liegt, daß wir lieber schlechte Streiche belachen, als über gute Werke uns freuen, und ersteres vorzugsweise so lange, wie wir nicht selbst davon betroffen werden. Weil nun aber einmal die Bemühung, der ich mich schon früher unterzogen habe und der ich mich jetzt aufs neue zu unterziehen im Begriff stehe, keinen anderen Zweck hat, als eure üble Laune zu zerstreuen und euch zu Lachen und Freude zu bewegen, so will ich euch, ihr liebevollen Mädchen, die nachfolgende Geschichte immerhin erzählen, die zwar mitunter nicht eben anständig genannt werden kann, aber geeignet ist, euch Ergötzen zu bereiten. Ihr aber mögt, indem ihr dieselbe mit anhöret, so verfahren, wie ihr in den Gärten zu tun pflegt, die ihr besucht, wo ihr die Rosen brechet und die Dornen unberührt laßt. So überlaßt denn auch hier den ehrlosen Ehemann seiner eigenen Schmach, belacht in Heiterkeit den verliebten Trug seiner Frau und hegt, wo sich der Anlaß dazu bietet, Mitleid mit fremdem Unglück.

In Perugia lebte vor nicht gar langer Zeit ein reicher Mann namens Pietro di Vinciolo, welcher, weit mehr wohl um andere[462] zu täuschen und den üblen Ruf einzudämmen, in welchem er bei allen Peruginern stand, als aus innerem Verlangen danach, ein Weib nahm. Dabei gab ihm das Schicksal eine Ehegenossin, die seinen Neigungen nicht sonderlich entsprach. Das Weibchen, das er freite, war ein untersetztes junges Ding mit rotem Haar und warmem Blut, das am liebsten zwei Männer auf einmal genommen hätte, während es nun einem Menschen in die Hände geriet, der zu ganz anderen Sachen Lust hatte, als es zu umarmen. Daß es sich so verhielt, wurde sie nur allzu bald gewahr, und wenn sie dann daran dachte, wie jung und frisch sie sei, und sich dabei voller Kraft und Lebenslust fühlte, so übermannte sie anfangs nicht selten der Zorn, und es gab häufig anzügliche Reden gegen ihren Mann, immer aber ein gar schlechtes Einvernehmen.

Als sie sich indessen überzeugte, daß sie auf diesem Wege eher sich selber verzehren, als der Abscheulichkeit ihres Mannes irgendwie steuern werde, sagte sie bei sich selbst: »Dieser Elende kümmert sich nicht um mich, weil er in seiner Ruchlosigkeit nur säen will, wo sich nicht ackern läßt. So will ich denn sorgen, daß ein anderer das Erdreich bestelle, wo es locker ist. Ich habe ihn zum Manne genommen und ihm eine gute Mitgift zugebracht, weil ich voraussetzte, daß er ein Mann sei und begehre, wonach die Männer von Natur aus Verlangen zu tragen angewiesen sind. Hätte ich ihn nicht für einen Mann gehalten, wahrlich, so hätte ich ihn nicht geheiratet. Warum nahm er, da er doch wußte, daß ich ein Weib bin, mich aber zur Frau, wenn ihm die Weiber zuwider waren? Wahrhaftig, das ist nicht zu ertragen. Hätte ich mich von der Welt zurückziehen wollen, so wäre ich ins Kloster gegangen. Nun wollte ich aber in der Welt leben und lebe darin. Soll ich jedoch warten, bis dieser Mensch mir Lust und Vergnügen gewährt, so werde ich über dem fruchtlosen Warten wohl alt und grau werden. Will ich meine Reue bis dahin verschieben, so werde ich umsonst bejammern, daß ich meine Jugend unbenutzt gelassen habe. Ist er mir doch selbst der beste Lehrmeister, von dem ich lernen kann, womit ich mich zu trösten habe. Er sucht seine Vergnügungen eben da, wo auch ich sie zu finden habe und wo sie für mich löblich, für ihn aber die ärgste Schmach sind. Folge[463] ich meinem Verlangen, so handele ich nur den bürgerlichen Gesetzen zuwider, während er die Ordnung der Natur und die Gesetze zugleich übertritt.«

Als das gute Weibchen diese Betrachtungen bei sich angestellt und vielleicht mehr als einmal wiederholt hatte, zog sie, um insgeheim zur Verwirklichung ihrer Wünsche zu gelangen, eine ältere Frau ins Vertrauen, die so fromm schien wie die heilige Verdiana, welche die Schlangen fütterte. Denn zu jedem Ablaß ging sie, den Rosenkranz in der Hand, und redete nie von etwas anderm als vom Leben der heiligen Kirchenväter oder von den Wundmalen des heiligen Franziskus. Drum galt sie auch fast allgemein für eine halbe Heilige. Dieser nun eröffnete unser Weibchen, als es ihr an der Zeit schien, ihr Verlangen ohne allen Rückhalt. Die Alte aber antwortete: »Gott, der alle Dinge kennt, weiß, daß du sehr wohl daran tun wirst. Und wäre es aus keinem anderen Grunde, so müßtest du und gleich dir müßten alle anderen jungen Weiber also verfahren, damit ihr die Zeit eurer Jugend nicht ungenutzt verstreichen laßt. Wahrlich, für jeden Einsichtigen gibt es keinen größeren Schmerz als den, seine Zeit verloren zu haben. Und zu was, zum Teufel, sind wir denn, wenn wir einmal alt geworden sind, noch zu brauchen, als etwa die Asche in der Kohlenpfanne zu hüten? Ich weiß davon mitzureden, wenn keine andere es könnte oder wollte; denn nun, da ich alt bin, erkenne ich mit schwerer, bitterer, leider aber vergeblicher Reue, wie schlecht ich meine Zeit genutzt habe. Zwar so ganz und gar habe ich auch meine Jugendzeit nicht verloren – ich möchte ja nicht, daß du glaubst, ich sei eine dumme Gans gewesen –, doch tat ich bei weitem nicht, was ich hätte tun können. Sehe ich mich nun an, wie ich gegenwärtig aussehe, daß kein Mensch mehr zu bewegen wäre, mir Feuer zu schlagen, und erinnere ich mich, was ich versäumt habe, so weiß Gott am besten, wie sehr ich mich gräme.

Mit den Männern ist das anders. Die Männer sind zu tausenderlei Dingen bestimmt, nicht bloß zu diesem einen, und die Mehrzahl taugt im Alter viel mehr als in der Jugend. Wir Weiber aber kommen nur zu diesem Zwecke und um Kinder zu gebären auf die Welt; nur um dessentwillen schätzt man[464] uns. Vermöchtest du dies aus nichts anderem zu erkennen, so müßte es dir schon dadurch klar werden, daß wir Weiber jeden Augenblick zu jener Sache bereit sind, während das bei den Männern keineswegs der Fall ist. Überdies kann ein Weib zehn Männer von Kräften bringen, noch so viele Männer aber vermögen nicht, ein Weib zu ermüden. Du siehst also, wir sind dazu geboren, und so wiederhole ich dir denn, daß du ganz recht tust, wenn du mit dem Maße, mit dem dein Mann dir gemessen, ihm wieder missest. Enthältst du dich dessen, so muß ich fürchten, daß einst im Alter deine Seele dem Fleisch über das Versäumte Vorwürfe machen wird. Von dieser Welt hat ein jeder gerade so viel, als er sich davon zunutze macht. Das gilt mehr noch als von den andern von uns Weibern, und so müssen wir denn die Gelegenheit, solange sie sich uns bietet, weit sorgfältiger wahrnehmen als die Männer. Sieh doch nur selber, wie es geht: sind wir erst alt geworden, so mag weder der Ehemann noch sonst jemand uns vor Augen haben. In die Küche jagen sie uns, damit wir die Katze unterhalten oder uns mit dem Zählen von Töpfen und Schüsseln die Zeit vertreiben. Ja, was noch schlimmer ist, sogar zum Spott werden wir. Da heißt es: ›Den Jungen Konfekt und Wein, den Alten das Zipperlein‹, und was solcher schlechten Reden noch mehr sind. Doch was soll ich dich jetzt mit Worten noch länger hinhalten. Soviel kann ich dir sagen: du konntest niemandem deine Gesinnung offenbaren, der besser als ich dir zum Ziele zu helfen vermocht hätte; denn kein Mann ist so eitel und geschniegelt, daß ich mich nicht getraute, ihm das Nötige zu sagen, und keiner so ungehobelt und tölpelhaft, daß ich ihn nicht kirre zu machen und dahin zu bringen wüßte, wo ich ihn haben will. So beschreibe mir nur, wen du willst, und überlasse dann das Weitere mir. Um eins aber muß ich dich noch bitten, meine Tochter, vergiß mich nicht und bedenke, daß ich eine arme Frau bin. Dafür sollst du aber auch von heute an teilhaben an jedem Ablasse, den ich bekomme, und jedem Vaterunser, das ich sage, damit der liebe Gott sie als Kerzen und Lampen für deine verstorbenen Angehörigen aufnehme.«

Mit diesen Worten schloß die Alte. Das junge Weibchen aber einigte sich mit ihr dahin, daß die Alte das ihrige tun[465] werde, sobald sie einen jungen Menschen zu sehen bekäme, der öfter durch die Straße gehe, und den jene ihr nach vielen Merkmalen genau bezeichnete. Dann gab sie ihr ein Stück Salzfleisch und entließ sie mit Gott.

Erst wenige Tage waren seitdem vergangen, als die Alte ihr auch schon den jungen Menschen, den sie ihr beschrieben hatte, heimlich in die Kammer brachte, und bald darauf einen zweiten und so fort, je nachdem der jungen Frau ein neues Gelüste ankam. Diese aber ließ, wiewohl sie sich dauernd vor ihrem Mann fürchtete, keine Gelegenheit ungenutzt, die sich ihr in dieser Beziehung darbot.

So geschah es denn, daß eines Tages das Weibchen, als ihr Mann bei einem seiner Freunde, namens Ercolano, zu Abend essen sollte, der Alten auftrug, einen jungen Burschen zu ihr zu bestellen, der zu den schönsten und muntersten von Perugia gehörte. Diese tat alsbald, wie ihr geheißen war. Kaum aber hatten das Weibchen und der junge Bursche sich zu Tische gesetzt, um das Abendbrot zu verzehren, als Pietro an der Haustür rief, daß ihm aufgemacht werde. Das Weibchen hielt sich für verloren, als sie seine Stimme erkannte; doch wollte sie, wenn immer möglich, ihren Buhlen verbergen. Indes hatte sie nicht Besinnung genug, ihn fortzuschaffen oder zu verstecken. Sie hieß ihn also, sich auf dem Hausflur, der an das Zimmer stieß, in dem sie speisten, unter einen Hühnerkorb ducken. Dann warf sie Leinwand von einer Matratze darüber, die sie am selben Tage hatte ausleeren lassen, und als auch dies geschehen war, ließ sie dem Manne eilig die Tür aufmachen.

»Nun«, sagte sie, als er ins Haus getreten war, »ihr habt ja das Abendessen gewaltig schnell heruntergeschluckt.« »Wir haben es gar nicht einmal gekostet«, antwortete Pietro. »Wie ist denn das zugegangen?« sagte die Frau. Darauf erwiderte Pietro: »Das will ich dir sagen: Ercolano, seine Frau und ich, wir saßen schon bei Tische, da hörten wir es plötzlich ganz in unserer Nähe niesen. Das erste und das zweite Mal kümmerten wir uns nicht darum. Als aber jener Unsichtbare ein drittes, ein viertes und noch viele andere Male zu niesen fortfuhr, wunderten wir uns alle. Ercolano war ohnehin nicht gut auf seine Frau zu sprechen, weil sie uns, ohne aufzutun, eine Weile vor[466] der Tür hatte stehen lassen. In größter Heftigkeit rief er also: ›Was soll das heißen? Wer ist das, der hier so niest?‹ Damit sprang er vom Tische auf und ging auf eine nach jener Richtung liegende Treppe zu. Unter dem ersten Absatz dieser Treppe war ein Bretterverschlag, wie man dergleichen alle Tage zur Bequemlichkeit der Bewohner in den Häusern herrichten sieht, um dort etwas aus der Hand legen zu können. In diesem Bretterverschlag aber war ein Türchen, und kaum hatte Ercolano, der das Niesen in dieser Richtung wohl glaubte vernommen zu haben, es aufgerissen, als der unleidlichste Schwefelqualm daraus hervordrang.

Schon früher hatten wir diesen Schwefelgeruch gespürt und uns darüber beklagt, worauf die Frau uns gesagt hatte, sie hätte ihre Schleier vorhin mit Schwefel gebleicht und die Kohlenpfanne, auf die sie ihn zum Räuchern gestreut, unter jene Treppe gestellt, so daß der Geruch sich von dorther verbreite. Als Ercolano nun das Türchen geöffnet hatte und hineinguckte, nachdem der Qualm ein wenig abgezogen war, sah er den, der geniest hatte und noch immerfort nieste, weil der Schwefeldampf ihn in die Nase biß. Noch nieste er zwar, doch hatte der Schwefel ihm die Luftröhre schon so zusammengezogen, daß es nur ein paar Augenblicke später mit dem Niesen und mit allem andern auf immer für ihn vorbeigewesen wäre. Als Ercolano dies gewahr ward, rief er: ›Weib, nun sehe ich wohl, warum du eben zuvor, als wir kamen, uns so lange vor der Tür hast stehen lassen, ohne aufzutun. Aber ich will doch nie wieder froh werden, wenn ich dich dafür nicht gründlich bezahle.‹ Bei diesen Worten entfloh die Frau, die ihr Vergehen entdeckt sah, ohne zu ihrer Entschuldigung ein Wort zu sagen, von der Mahlzeit, und was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Ercolano aber, der die Flucht seiner Frau gar nicht bemerkt hatte, befahl dem Niesenden wiederholt, herauszukommen. Dieser war jedoch in einem solchen Zustande, daß er sich nicht zu regen vermochte, was Ercolano auch redete. Da faßte er ihn bei einem Bein und zog ihn heraus und lief dann nach einem Messer, um ihn totzustechen. Weil ich aber fürchtete, durch diese Geschichte selbst vor den Richter zu kommen, sprang ich auf und litt nicht, daß er ihn tötete oder ihm sonst ein Leid[467] zufügte. Vielmehr verteidigte ich ihn und schrie so lange, bis Nachbarn herbeikamen und den jungen Menschen, der sich schon verloren gab, fortbrachten, wohin, weiß ich nicht. So war denn unser Abendessen gestört, und ich habe es, wie ich dir sagte, nicht einmal gekostet, geschweige denn, wie es meine Absicht war, zu mir genommen.«

Als das Weibchen diese Geschichte vernahm, erkannte sie wohl, daß andere Frauen nicht minder verständig waren als sie, daß aber auch hin und wieder einmal ein Unglück dazwischenkomme. So hätte sie denn die Frau des Ercolano gern mit deutlichen Worten verteidigt. Da sie indes durch den Tadel eines fremden Fehltritts den Verdacht von dem ihrigen besser abzulenken gedachte, begann sie folgendermaßen zu reden: »Nun, das sind mir schöne Geschichten. Eine rechte Tugendheldin und saubere Heilige muß das ja sein. So kann man sich auf den Schein der Ehrbarkeit verlassen! Wäre ich doch selbst bei ihr zur Beichte gegangen, so fromm und sittsam konnte sie tun. Und was noch schlimmer ist, sie ist nachgerade bei Jahren und gibt den jüngeren Frauen solch ein Beispiel! So soll doch die Stunde vermaledeit sein, in der sie zur Welt kam, und sie selbst nicht minder, daß sie in dieser Welt fortlebt als ein so ehrvergessenes, verworfenes Geschöpf, als eine gemeinsame Schmach und Schande für alle Frauen in dieser ganzen Stadt! Den Anstand tritt sie mit Füßen und alle Ehre vor der Welt und bricht die Treue, die sie ihrem Manne gelobt hat, einem wackeren Manne und ehrenwerten Bürger, der so gut gegen sie war, und scheut sich nicht, wegen solch eines Kerls sich selbst und zugleich auch noch ihren Mann zu brandmarken. So wahr mir Gott helfe, mit solchen Weibsbildern sollte man gar kein Mitleid haben. Umbringen sollte man sie, lebendig mitten ins Feuer stecken, bis sie zu Asche verbrannt wären.«

Inzwischen gedachte sie aber wieder ihres Liebhabers, den sie dort in nächster Nähe unter dem Hühnerkorb versteckt hatte, und darum fing sie an, dem Pietro zuzureden, daß er doch zu Bett gehen möge, da es schon Schlafenszeit sei. Pietro jedoch hatte mehr Lust zum Essen als zum Schlafen und fragte deshalb, ob nichts zum Abendbrot da sei. Die Frau aber antwortete: »Abendbrot! Da hat sich was mit Abendbrot! Als ob[468] wir gewohnt wären, ein Abendessen zu besorgen, wenn du nicht daheim bist! Ja, wenn ich Ercolanos Frau wäre! Geh nur, geh und sieh für heute abend, daß du einschläfst. Es ist das beste, was du tun kannst.«

Nun traf es sich, daß an eben jenem Abend einige Arbeitsleute des Pietro mit Sachen für ihn vom Lande gekommen waren und ihre Esel, ohne sie getränkt zu haben, in einen Stall neben jenem Hausflur eingestellt hatten. Einer dieser Esel, der an unmäßigem Durste litt, hatte indessen den Kopf aus dem Halfter gezogen und den Weg aus dem Stall nach dem Flur gefunden, wo er jetzt alles beroch, ob er nicht vielleicht Wasser fände. Bei dieser Gelegenheit stieß er auch auf den Korb, unter dem der junge Bursche steckte. Dieser mußte auf allen vieren kauern, so daß die Finger seiner einen Hand ein wenig unter dem Korb hervorkamen. Zu seinem Glück oder Unglück, wie wir es nehmen wollen, geschah es nun, daß der Esel ihm auf die Finger trat, weshalb er über den heftigen Schmerz, den er empfand, laut aufschrie. Als Pietro das hörte, wunderte er sich und erkannte wohl, daß dies im Hause selbst gewesen sei. Während indes jener nicht aufhörte zu wehklagen, da der Esel seinen Fuß immer noch nicht von den Fingern weggenommen hatte, sondern sie fortwährend heftig quetschte, ging Pietro mit dem Rufe: »Wer ist da?« aus dem Zimmer gerade auf den Hühnerkorb zu. Als er diesen emporhob, sah er den jungen Burschen, der jetzt noch, von den schmerzenden Fingern abgesehen, welche der Esel ihm gequetscht hatte, vor Furcht zitterte, daß Pietro ihm ein Leid antun möchte. Pietro hatte ihn indes als einen von denen erkannt, welchen er seinen lasterhaften Neigungen zufolge schon lange Zeit nachgegangen war, und so fragte er nur: »Was machst du hier?« worauf der junge Mensch nichts antwortete, sondern nur um Gottes willen bat, daß er ihm nichts tun möge.

Pietro erwiderte: »Steh auf und fürchte nicht, daß ich dir irgend etwas zu Leide tue. Sage mir aber, wie und zu welchem Zwecke du hierhergekommen bist.« Der junge Mensch sagte ihm alles. Pietro war aber ebenso zufrieden, ihn gefunden zu haben, wie die Frau betrübt darüber, daß dies geschehen war. Infolgedessen nahm er ihn bei der Hand und führte ihn in das[469] Zimmer, in welchem die Frau ihn mit der größten Angst von der Welt erwartete. Dann setzte er sich ihr gegenüber und sagte: »Erst eben verwünschtest du die Frau des Ercolano und meintest, man müsse sie als eine Schande für euch alle verbrennen. Warum sagtest du denn nicht dasselbe von dir? Oder wenn du dazu nicht geneigt warst, wie konntest du dich dann erfrechen, auf sie zu schelten, da du dir bewußt warst, das gleiche wie sie getan zu haben? Wahrlich, nichts anderes bewog dich dazu, als daß von euch die eine so schlecht ist wie die andere und jede ihren Fehler mit fremder Schuld zu verdecken strebt. So möchte doch Feuer vom Himmel fallen, um euch alle zu verzehren, ruchlose Brut, die ihr seid.«

Als das Weibchen gewahr wurde, daß ihr Mann auf den ersten Anhieb weiter nichts Böses getan hatte, als daß er schimpfte, und als sie zu bemerken glaubte, daß er sich vor Kitzel, so einen hübschen Burschen bei der Hand zu haben, nicht zu lassen wußte, faßte sie Mut und sagte: »Freilich glaube ich, daß du wünschest, ein Feuer möge vom Himmel fallen und uns alle verzehren, denn ich weiß wohl, du hast uns Weiber so lieb wie der Hund den Knüttel. Aber beim Kreuze Gottes, so gut soll dir's nicht werden. Wenn du indes einmal abrechnen willst, dann möchte ich doch wissen, über was du dich beschweren kannst. Willst du mich mit Ercolanos Frau vergleichen, so kann ich mir das wohl gefallen lassen. Das ist eine alte Betschwester und Heuchlerin, und ihr Mann gewährt ihr, was sie haben will, und hält sie, wie eine Frau gehalten werden muß. Mit mir aber verhält es sich anders. Gesetzt auch, ich wäre gut gekleidet und beschuht, so weißt du selbst am besten, wie es um das andere steht und wie lange es her ist, daß du nicht bei mir gelegen hast. Wollte ich doch lieber in Lumpen und barfuß gehen, wenn ich nur im Bett gut von dir behandelt würde, als all das zu haben und so traktiert zu werden, wie du es tust. Vernimm aber, was ich dir sage, Pietro: ich bin ein Weib so gut wie die andern und habe die gleiche Lust wie diese. Sorge ich also, ihr Genüge zu schaffen, wenn du es nicht tust, so trifft mich darum kein Vorwurf. Wenigstens halte ich noch so weit auf deine Ehre, daß ich mich nicht mit Gassenbuben und Grindköpfen einlasse.«[470]

Pietro sah wohl ein, daß es mit solchen Reden die ganze Nacht kein Ende nähme, und überdies war es ihm gar wenig um seine Frau zu tun. Darum sagte er: »Frau, nun schweige still. Ich sage dir, daß ich dich in diesem Punkte schon zufriedenstellen will. Recht lieb aber wäre es von dir, wenn du sorgen wolltest, daß wir etwas zum Nachtessen bekämen, da ich vermute, daß dieser junge Mensch so wenig wie ich selbst zu Abend gegessen hat.« »Freilich nicht«, sagte die Frau, »freilich hat er noch kein Abendbrot erhalten; denn als du zu ungelegener Stunde nach Hause kamst, hatten wir uns eben zu Tisch gesetzt, um zu essen.« »Nun«, erwiderte der Mann, »so geh denn und sorge für unser Nachtessen. Nachher will ich die Sache schon so einrichten, daß du keinen Grund haben wirst, dich zu beschweren.« Als das Weibchen den Herrn Gemahl begütigt sah, stand sie auf und ließ den Tisch gar schnell wieder herrichten und das Essen auftragen, das sie früher bereitet hatte. Dann speiste sie mit ihrem sündhaften Manne und dem jungen Menschen heiter zur Nacht.

Was Pietro nach dem Abendessen ersonnen hat, um alle drei Teile zufriedenzustellen, ist mir leider entfallen. Nur so viel weiß ich, daß am andern Morgen auf seinem Heimweg der junge Bursche bis auf den Markt noch nicht mit sich einig geworden war, ob der Mann oder die Frau ihm eifriger Gesellschaft geleistet hatte.

Drum, werte Damen, sag ich euch zum Schluß: »Was einer dir tu, das tut ihm wieder, und geht's nicht gleich, so merke dir's, bis es einmal geht, damit es dabei bleibt: wie man in den Wald schreit, so schallt es wieder heraus.«


Als die Geschichte des Dioneo beendet und von den Damen nicht aus mangelndem Vergnügen, sondern allein aus Schamhaftigkeit weniger belacht worden war, erkannte die Königin, daß das Ende ihres Regiments gekommen sei. Darum erhob sie sich von ihrem Sitze, nahm die Lorbeerkrone ab und setzte sie mit Anmut auf Elisas Haupt, indem sie dabei sagte: »Madonna, nun ist's an Euch zu befehlen.« Elisa tat, nachdem die Würde ihr zugefallen war, wie ihre Vorgängerinnen getan hatten, und erteilte zunächst dem Seneschall alle Aufträge, die für[471] die Zeit ihrer Herrschaft erforderlich waren. Dann aber sagte sie unter Zustimmung der ganzen Gesellschaft: »Wir haben bisher schon vielfach vernommen, wie es durch gute Einfälle, treffende Antworten und rasche Entschlüsse gar manchem gelungen ist, fremden Zähnen ein verdientes Gebiß anzulegen, sie stumpf zu machen oder drohende Gefahren zu verscheuchen. Da dies ein wahrhaftig schöner Gegenstand ist und auch von Nutzen sein kann, so will ich, daß morgen unsere Geschichten sich mit Gottes Hilfe um dies bemühen, was heißen soll, daß von denen erzählt werde, die durch ein geschicktes Wort fremde Neckereien zurückgegeben haben oder durch kühnes Erwidern und schnellen Entschluß einem Verlust, einer Gefahr oder Kränkung entgangen sind.«

Diese Aufgabe wurde von allen sehr gelobt. Die Königin aber erhob sich und entließ sie sämtlich bis zur Stunde des Abendessens. Als die löbliche Gesellschaft ihre Königin aufgestanden sah, erhob auch sie sich, und nach dem bisherigen Brauche unternahm ein jeder das, wovon er sich am meisten Vergnügen versprach. Nachdem aber die Grillen zu zirpen aufgehört hatten, wurden alle zusammengerufen, und man ging zu Tische. Zum Schlusse der Mahlzeit, bei der festliche Heiterkeit geherrscht hatte, begannen alle zu singen und zu spielen. Emilia führte nach dem Wunsche der Königin einen Tanz an, und dem Dioneo wurde befohlen, ein Lied dazu zu singen. Sofort begann er: »Frau Trude, Frau Trude, schließt zu Eure Bude; was Großes hab ich zu berichten.« Die Damen lachten alle, am meisten aber die Königin, die ihm befahl, ein anderes Lied zu singen. Dioneo sagte: »Hätt ich nur ein Tamburin, so säng ich: ›Hebt auf die Röcke, Monna Lappa‹ oder ›Unterm Ölbaum ist ein Rasen‹, oder sollt ich vielleicht singen: ›Ach, wie macht des Meeres Welle mir so übel und so weh‹? Ich habe nun aber einmal kein Tamburin. Drum müßt ihr schon sehen, was euch sons für eines gefällt. Möchtet ihr etwa: ›Kommst du raus, ich hau dich um, wie den Maibaum in dem Busch‹?« »Nein doch«, sagte die Königin, »sing uns ein anderes Lied.« »So werd ich denn singen: ›Monna Simona, füllt ein, füllt ein, und noch ist es nicht Kelterzeit‹«, sagte Dioneo, und die Königin antwortete lachend: »Ei, zum Kuckuck, sing uns ein[472] ordentliches Lied, denn das mögen wir auch nicht.« Dioneo sprach: »Gut, Madonna, werdet nur nicht böse und wählt nach Eurem Belieben, denn ich weiß mehr als tausend Liedchen. Wollt Ihr: ›Mein Schneckchen ist wohl klein, doch will's gekitzelt sein‹, oder ›Mach's nur sachte, liebes Männchen‹ oder ›Für hundert Lire kauft' ich einen Hahn‹?«

Obwohl die andern alle lachten, wurde die Königin jetzt doch etwas ungehalten und sagte: »Dioneo, laß deine Späße und singe uns ein hübsches Lied, sonst könntest du erfahren, daß ich ernstlich böse werden kann.« Als Dioneo das vernahm, hörte er auf mit jenen Dummheiten und hub also zu singen an:


Amor, das holde Licht,

Das mir aus ihren schönen Augen lacht,

Hat mich zum Knecht von dir und ihr gemacht.


Aus ihrem Auge leuchtete der Strahl,

Der deine Flamm in mir zuerst entzündet,

Als ihn die meinen sahn.

Wie du so reich an Preisen ohne Zahl,

Ihr holdes Angesicht hat mir's verkündet,

Wohl ist's um mich getan;

Denn ihr nur untertan

Ist jede Kraft, wenn ich an sie gedacht,

Die neue Seufzer in mir angefacht.


So bin ich denn von deiner Macht gefangen,

O teurer Herr, erwarte nur von dir,

Daß Lohn mich einst erfreue.

Ist aber wohl mein glühendes Verlangen,

Das du entzündet hast, gekannt von ihr,

Und jene feste Treue,

Die einzig ich ihr weihe?

Verschmäh ich doch, weil ganz in ihrer Macht,

Sogar den Frieden, den nicht sie gebracht.


Kennt sie es nicht, o süßer Herr, so bitt ich,

Daß du's ihr schilderst, und ein Fünkchen Glut[473]

Ihr leihst, mit mir im Bunde.

Du weißt es ja, mich selbst verzehrend litt ich

Schon lange herbe Qual; es rinnt mein Blut

Aus immer offner Wunde.

Und dann zu guter Stunde

Sei ihr mich zu empfehlen du bedacht. –

Wie gern hätt ich den Weg mit dir gemacht!


Als das Schweigen des Dioneo anzeigte, daß sein Lied zu Ende war, ließ zwar die Königin noch viele andere singen, erteilte aber Dioneos Lied großes Lob. Inzwischen war schon ein Teil der Nacht verstrichen, und da die Königin wahrnahm, daß nunmehr die Nachtfrische der Wärme des Tages obsiegte, befahl sie, daß bis zum andern Morgen ein jeder nach seinem Gefallen zur Ruhe gehe.[474]

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 461-475.
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