Fünfter Akt


[792] Vor Anbruch des Tages bei Kroks Eiche. Man sieht bei der Eiche ein verunstaltetes Kreuz und mißlungenes Muttergottesbild von Silber. Pachta und Trinitas sind beschäftigt, das Bild eines Pelikans zu reinigen.


PACHTA.

Das Kreuz, der Jungfrau Bild sind uns mißlungen;

Vom Pelikan, der künstlicher gestaltet,[792]

Ist rein die mannigfaltge Form gesprungen.

Der Finger Gottes sichtbar vor uns waltet,

Zur Reife ist dies Volk noch nicht gedrungen,

Daß sich des Glaubens Bild ihm rein entfaltet.

Das Schöne soll das Göttliche bedeuten,

Der Pelikan das Höhre vorbereiten.

Slawosch wird nach Libin dies Bild mir bringen,

Doch früher geh ich hin, es zu erklären;

Leicht dürften, die so lang an Götzen hingen,

Das Gleichnis als des Bildes Gott verehren.

Dem Feind, der jene Bilder ließ mißlingen,

Muß ich in dieses hier den Eingang wehren;

Vor jenen muß der Widersacher weichen,

In dieses kann die Schlange ein sich schleichen.

TRINITAS.

Mein Vater Theophil ersann dies Bild,

Mit hoher Liebe Werk das Volk zu rühren.

Der Pelikan, deß Blut die Jungen stillt,

Soll zu des Opfertods Geheimnis führen.

O lasse, Pachta, mit dem Bild mich wallen,

Dem neuen Herrn, eh er die Zügel nimmt,

In seiner alten Blindheit Zügel fallen!

Es ist dem Menschen eine Zeit bestimmt;

So ich nicht bald ein christlich Werk vollende.

Bring ich zu meinem Gotte leere Hände!

PACHTA.

Noch zögre, Trinitas, noch wage nicht;

Aus dem mißratnen Guß mir Sorg erwacht;

Trag noch der Wahrheit Licht zutage nicht.

Fest wölbt sich über uns die alte Nacht,

Ziehn aus der Kuppel wir des Schlusses Stein,

So stürzt auf uns der ganze Bogen ein.

TRINITAS.

Wer tötet mich, mich, die Unsterbliche?

PACHTA.

Unreifer Eifer, der verderbliche.

TRINITAS.

Wann endlich reift die Südfrucht hier im Land?

PACHTA.

So Frucht als Sonne reift in Gottes Hand.

TRINITAS.

Vergönne, Gott, nur einen Frühlingstag,

Daß dieses Herz zur Reife kommen mag!

PACHTA.

Dein Maitag naht auf dieses Morgens Pfad,

Heut will ich schon zu Tetka dich gesellen.[793]

Doch dich dem Volk, den Priestern auszustellen,

Es wär an dir, an deinem Werk Verrat.


Ab.


TRINITAS.

Verrat? Stand vor dem Volk, den Priestern nicht

Der Herrlichste, war er nicht auch verraten,

Der ewige, der gütge Gott der Gnaden?

O eile, eile, süßes Maienlicht!

Beschlossen ist es, Herr, in deinem Rat,

Zum Tod ging Trinitas den weiten Pfad;

Dem Glauben soll im rauhen Land der Chechen

Dies Herz ohn eines Christen Anblick brechen.

O heilige mich, Herr, mit guten Werken

Den einsamen, verwaisten Tod zu stärken.

Barmherzger Gott! erbarm dich deiner Magd,

Laß deines Todes sie teilhaftig werden,

Lab sie aus deinem Kelch, wenn sie verzagt.

Dein Will gescheh im Himmel wie auf Erden!

O eile, eile, süßes Maienlicht,

Der Tag, der anbricht, meine Tage bricht!

HUBALJUTA aus der Hütte hervortretend.

Zum Jutrobog erhebst du dein Gebet,

Da noch Triglawa an dem Himmel steht?

O nimm der Göttin nicht, was ihr gebührt,

Daß sie nicht zürnt und dich zum Tode führt.

TRINITAS.

Wer sind die falschen Götter, die du nennst?

HUBALJUTA.

Die weisen Götter, die du nicht bekennst.

Triglawa ziehet hin auf schwarzem Rosse,

Und trägt den Mond im Arm, der ihr Genosse.

Hat sie zurückgelegt des Laufes Bahn,

Führt Jutrobog das rote Roß heran,

Der Morgenröte Gott, der Maienheld,

Er gießt des Segens Tau auf Flur und Feld.

Sprich, kann dein Pelikanus in Gewittern,

Wie Peron blitzend, auch die Eichen splittern?

TRINITAS.

Nichts können Bilder, die des Menschen Werke,

Der selbst ein Bild; und was sein Aug bemerke

Im blauen Himmel und auf grüner Erde,

Sind Bilder, daß der Herr bewundert werde.

HUBALJUTA.

Wer ist der Herr?[794]

TRINITAS.

Er, der, in Licht gekleidet,

Gleich einem Teppich blau den Himmel breitet,

Auf Wolken fährt, auf Windesflügeln geht,

Zu Engeln Sturm und Flamme sich erhöht,

Die Erde in der ewgen Feste gründet

Und mit dem Kleid der Tiefe sie bedeckt,

Mit Mond und Sonne, die er angezündet,

Dem Auf- und Niedergang das Zeitmaß steckt;

Er, der die Wasser über Berge stellt,

Und alles muß vor seinem Schelten fliehn,

Und fährt vor seines Zornes Donner hin,

Verbirgt sein Antlitz er, so bebt die Welt;

Doch trägt er sie, daß sie nicht niederfalle,

Und öffnet ihr die Hand, und nähret alle.

Zieht er den Odem an, welkt sie wie Laub,

Läßt er den Odem wehn, steht sie in Blüte,

Nimmt er den Odem ihr, fällt sie in Staub.

Weis ist sein Werk, geordnet, voll der Güte.

Die Berge, die er angerühret, rauchen,

Die Erde bebet unter seinen Augen;

Doch seine Höhe, Tiefe, Länge, Breite

Mißt nicht die Zeit mit des Gedankens Schnelle,

Und nimmer füllet seines Daseins Weite

Der unermeßne Raum mit Lichtes Welle.

Sein Hier, sein Dort ist grenzlos, ungestadet,

Sein Je, sein Immer bahnlos, ungepfadet!

Lobsingen will ich ihm mein Lebelang,

Und meine Stimme soll ihm laut erschallen,

Bis alle Götzen der Gottlosen fallen,

Halleluja vom Auf- bis Untergang!

HUBALJUTA.

Und wer ist gottlos?

TRINITAS.

Der, der an den Tod

Die Hoffnung hängt, und flehet in der Not

Zum Götzen, der sich selbst nicht helfen kann.

Es rüstet sich sein Holz der Zimmermann

Zu nützlichem Gerät auf manche Weise,

Und kochet bei den Spänen sich die Speise;

Das Krumme, Ästge aber sucht er aus,[795]

Und schnitzt in müßger Zeit ein Bild daraus,

Die Risse und die Lücken er verstreicht,

Malt bunt es an, daß sich kein Tadel zeigt,

Macht ihm ein Häuslein, heftets an die Wand,

Daß es nicht falle, mit dem Eisenband;

Denn hülflos bleibet wie die andern Klötze,

Zu dem er betet, der unmächtge Götze.

Das böse Bild ist so des Fluches wert,

Wie der, der es geschnitzt und es verehrt.

Es sind vom Anfang her die Götzen nicht,

Das Endliche vor meinem Herrn zerbricht;

Es ist vollkommene Gerechtigkeit,

Zu wissen seine Macht und Herrlichkeit.

Erkennen dich, o Herr, ist in der Zeit

Die Wurzel der lebendgen Ewigkeit!

HUBALJUTA.

O lasse länger so mich leben nicht,

Und nimm mich auf in deines Glaubens Licht!

TRINITAS.

Mein Gott und Herr, dein Werk ich nun beginne,

Erleuchte, ewges Licht, der Jungfrau Sinne,

Auf daß ich dir dies reine Herz gewinne;

Dann schaue gütig nieder auf mein Leben,

Ich will den Geist in deine Hände geben,

Von Angesicht zu Angesicht dich sehn,

Gekrönet auch bei meinem Vater stehn.

Wie ihm geschehn, laß, Herr, mir auch geschehn!

Komm, Jungfrau, sieh, die junge Maiensonne

Spielt in dem Fluß bei deines Sieges Wonne!

HUBALJUTA.

Heut ist des Jutrobogs, des Maies, Fest,

Den Winter treibt heut Zwratka aus dem Nest,

Der Frühling Leben auf die Fluren senkt,

Der Tod, Marzana, wird im Strom ertränkt.

TRINITAS.

Mit diesem Strom wasch ich von deinem Haupt

Den finstren Tod, der dir das Licht geraubt;

Doch wer, Geliebte, soll dein Zeuge sein?

HUBALJUTA.

Niemand ist hier, der meine Sehnsucht kennt;

Doch nein, ich irre, dieses Blümelein,

Die Primel, die man Himmelsschlüssel nennt,

Schloß jetzt sich auf im frühen Sonnenschein,[796]

Sie wird mir willig ihren Namen leihn.


Sie bricht eine Primel.


TRINITAS.

Erschließ den Himmel, erste Frühlingsblume,

In dieses Landes ödem Heiligtume!


Sie führt sie nach der Moldau.

Zwratka, Meneljuba, Entawopa, Moriwescha. Ziack trägt auf einem Stabe das Bild Marzanas, eines alten Weibes, vor ihnen her; sie singen.


Marzana, Marzana!

Wir treiben dich aus,

Aus Feldern und Wäldern,

Aus Garten und Haus.

Der Winter muß sterben,

Der Frühling zieht ein,

Geschmückt steht der Acker,

Es grünet der Hain!

ZIACK.

Hier ist es geschehen!

ZWRATKA.

Beim Tscharte, da stehen,

Die lange wir suchten,

Die neuen, verfluchten,

Unsinnigen Götzen.

Es soll uns ergötzen,

Die Freude uns würzen,

Zum Fluß sie zu stürzen;

Das sei unser Fest.

MENELJUBA.

Hinunter, hinunter

Den schimmernden Plunder.


Sie stürzen die Bilder, welche Pachta gegossen, vom Ufer hinab.


ENTAWOPA.

Wir reingen das Nest,

Sie stehen nicht fest.

ZIACK.

O Jammer und Schade,

Die glänzenden Wunder!

MORIWESCHA.

Hinab zu dem Bade,

Das ist eine Lust.

ZIACK.

Marzana, du mußt

Nun nach ohne Gnade,[797]

Das bringt dir Verdruß.

Ach, Meistrin, sieh dort!


Er wirft das Bild Marzanas, das er auf dem Stabe trägt, hinunter, und da durch das Gewicht der Figuren, welche die Zauberschülerinnen hinabgeworfen haben, das Gebüsch am Ufer niedergerissen ist, sieht man entfernt Hubaljuten am Ufer knien, und Trinitas im Begriff, sie zu taufen.


ZWRATKA.

Was siehst du, sprich fort!

ZIACK.

Frau Lado im Fluß

Begießet mit Fluten

Das Haupt Hubaljuten,

Und reicht ihr den Kuß.

ZWRATKA.

Hoch, hoch eure Beile!

Daß, wenn mit dem Pfeile

Ich fehle die Magd,

Ihr nieder sie schlagt!


Sie legt an.


TRINITAS gießt Hubaljuten das Wasser aufs Haupt.

Im Namen des Vaters und Sohnes –


Der Pfeil trifft sie ins Herz, man sieht sie in die Arme Hubaljutens sinken.


HUBALJUTA.

O weh, und aber weh, sie ist dahin!


Sie trägt sie hervor; Slawosch tritt heran.


Im Aufblühn, Licht der Welt, mußt du verderben!

ZWRATKA.

Auf sie! sie muß dem finstern Gotte sterben,

Von dem ich heute ausgegangen bin.


Sie hebt ihr Beil; Slawosch erschlägt sie.


SLAWOSCH.

So kehre dann, du Scheusal, hin zur Nacht;

Es kehren alle hin, woher sie kamen!

TRINTTAS sterbend.

Und in des Heilgen Geistes Namen, Amen!

Weib, ich verzeihe dir, es ist vollbracht!

DIE MÄGDLEIN fassen die sinkende Zwratka.

O Jammer! Weh!

ZWRATKA sterbend.

Dreimal verfluchte Eiche! –

Ich habe nicht umsonst gen dich gerungen;[798]

Die mich aus heilgem Traume hier erwecket,

Schickt ich zum Traum, der mich mit ihr bedecket.

Fluch, Niva, dir, du hast mich nicht bezwungen,

Auf ewig stehn die unterirdschen Reiche!

HUBALJUTA senkt ihr Haupt auf Trinitas nieder.

Verfinstre dich, o Tag, dein Auge bricht!

SLAWOSCH.

Dahin ist nun so Finsternis als Licht!

Der Morgen hat uns sterbend angelacht,

Und gleich dem grimmen Wolf die Dämmrung lauert!

Tragt weg, ihr Dirnen, eure alte Nacht,

Sie sei von euch, so wie ihr mögt, betrauert;

Doch fort mit ihr, ihr Bild erregt mir Wut,

Auf mich, auf mich, auf Slawosch komm ihr Blut!

DIE MÄGDLEIN heben Zwratka auf.

Auf dich, auf dich, o weh, und aber wehe!

SLAWOSCH.

Wo sind die Bilder, die ich nicht mehr sehe?

ENTAWOPA.

Hinab zum Flusse stürzten wir die Götzen –

SLAWOSCH.

Die Herrlichen, o Frevel, o Entsetzen!

Nach, Hexe, auch, ich treibe aus den Tod,

Des Frühlings Blut floß in das Morgenrot!


Er wirft Zwratka hinab, die er den Händen der Mägdlein entreißt.


ENTAWOPA.

O weh!

MORIWESCHA.

Weh!

MENELJUBA.

Weh!

HUBALJUTA.

Ja, weh euch, wehe mir!

Ihr ließt sie morden, und ich weine ihr,

Die herrlicher als alle Menschen war,

Erloschen sind die Augensterne klar,

Nicht spricht sie mehr; mit lehrbegiergem Munde

Trink ich das heilge Blut aus ihrer Wunde.


Sie legt ihr Antlitz auf sie.


ZIACK springt hervor.

Weh, Hubaljuta, giftig war der Pfeil!

ENTAWOPA.

Reißt sie zurück.

HUBALJUTA.

O heilig ist der Bronnen!

MORIWESCHA.

Du trinkst den Tod!

HUBALJUTA.

Das Bild, das ihr zur Flut

Geworfen, hat ihr Vater einst ersonnen:[799]

Der Pelikan, der mild mit seinem Blut

Aus Herzenswunden tränket seine Jungen;

Für mich, für mich ist dieser Quell gesprungen!

MENELJUBA.

Allmächtge Liebe!

ENTAWOPA.

Deine Schmerzen teil ich!

MORIWESCHA.

Weh mir, die sie nicht kannte.

ZIACK.

Sie war heilig!

SLAWOSCH.

Wohlan, der Götter Will ist unergründet.

Die Meisterin, die Schülerin, entzündet

In Liebe, sind der Liebe Bild geworden!

Ihr Mägdlein, legt sie sanft auf grüne Zweige,

Und tragt die Himmelsbraut, die Maienleiche,

Hin zu Libussens hochzeitlichen Pforten.

MENELJUBA kränzt Trinitas.

Um ihre Stirn wind ich noch Immergrün.

ENTAWOPA.

Und Maienblumen, die hier frisch erblühn.

MORIWESCHA.

An ihre Brust steck ich den Rosmarin.

HUBALJUTA.

Um dieses Kreuz, das sie mir vorgehalten,

Muß ich ihr jetzt die lieben Hände falten,

Und mit dem Schleier muß ich sie bedecken.


Sie faltet ihr die Hände um das Kreuz, und verschleiert sie.


ZIACK.

O läutet nur in ihren goldnen Locken,

Ihr blassen, duftgen, kleinen Maienglocken,

O läutet nur, ihr könnt sie nicht erwecken,

Nicht träumt so süß, nicht schlummert also tief

Die Imme, die im Lilienkelch entschlief.

Horch, horch, was singt die Schwalbe an der Hütte?

HUBALJUTA.

Dein Will gescheh im Himmel und auf Erden!

Von sieben heilgen Bitten ists die dritte.

SLAWOSCH.

Erhebt die teure Last, ihr Leidgefährten,

Und folgt mit stummer Klage meinem Schritte!


Die vier Jungfrauen erheben Trinitas auf eine Bahre von Zweigen, und tragen sie in seinem und Ziacks Gefolge ab.


Szene vor Schloss Libin


PACHTA.

Der Frühling weckt in jeder Brust ein Sehnen,

Der Mensch weint mit der Rebe stille Tränen,[800]

Die Knospe bricht, es regen sich die Narben,

Die Hoffnungen, die Freunde, die uns starben,

Bewegen unterm Hügel sich; das Leben

Schwebt durch den Traum, sie möchten sich erheben.

Doch nie hat Schwermut so mich noch erschreckt,

Seit mir des Alters Schnee die Locke deckt.

Nun ists ein Jahr, daß Theophil den Tod

Des Herren starb, daß ich mit mancher Not

Sein Kind vor der Verfolger Schwert versteckt!

O Trinitas, wie hab ich mich erkeckt,

Dich in mein wildes Vaterland zu führen!

Sollst du die Felsen zum Gebete rühren?

Schwarz deckt die Nacht des Heidentums dies Land,

Ein Schimmer liegt kaum auf der Höhen Rand.

Gleich einem reifen Stern, dringst du hervor,

Wer trägt dich hier, wer hält dich hier empor?

Wer hebet dich zum Himmel aus dem Tal?

Daß du mit deines Lichtes selgem Strahl

Die Bahn erleuchtest vor des Herren Füßen,

Der alle will mit seinem Heile grüßen.

Ich höre rings der Heiden wilde Weisen,

Marzana werfen sie zum Fluß hinab,

Und toben singend um der Eltern Grab;

Die rohen Stimmen mir das Herz zerreißen.

Es ist, als hörte ich die Hämmer schwingen,

Als schmiedeten sie gegen mich die Klingen.

Mein Gott, mein Gott, ich will ja gerne sterben,

O laß nur sie ein christlich Grab erwerben.

O Frühling, o du holdgeschmückter Mai,

Durchdringe mich, mach mir die Seele frei.

Sprich zu mir, Weltgeist: Pachta, fasse Mut,

Wer kann dir nehmen des Erlösers Blut!

LIBUSSENS MÄGDLEIN ohne Wlasta ziehen über die Bühne, sie haben grüne Kränze in den Händen.

Marzana, Marzana,

Wir treiben dich aus,

Der Tod ist versunken

Im Wogengebraus.[801]

Wir trieben den Winter,

Den Tod aus dem Haus;

Nun reicht uns der Frühling

Den blühenden Strauß.


Sie bilden einen Kreis.


Tu auf, Papaluga,

Den Himmel, und gieße

Den Tau auf die Wiese.

Bewege die Lüfte,

Und sende die Düfte,

Und sende den Segen,

Den Segen herab.

Flieg auf, und fall nieder!

Flieg hin, und kehr wieder!


Sie werfen alle ihre Kränze in die Höhe, und jede hascht deren, soviele sie kann, andere bemühen sich nicht darum.


STRATKA.

Ich hüte meinen Kranz, verschleudr' ihn nicht.

SCHARKA.

Ich geb ihn preis, weh der, die um ihn ficht!

HODKA.

Ich habe drei, drei Männer hier erhascht.

NABKA.

Halt, Hodka, halt, das ist zu grob genascht!

MILENKA.

Vier habe ich; wer will sich Männer kaufen?

ZASTAWA.

Nicht kaufen, aber lieber darum raufen!

RADKA.

Nimm diese hier, ich schenke dir den Haufen!


Libussa, Tetka, Kascha, Biwog. Die Mägdlein ordnen sich.


LIBUSSA.

Ich treffe euch in eurem Frühlingsspiel,

Und stecke eurem Kranzwurf schön ein Ziel.

Geht in die Gärten, brechet, was da blüht,

Und flechtet Laub und Blumen in Gewinde,

Womit die Pforte schmückend ihr umzieht,

Daß euer Herr den Eingang festlich finde;

Pflanzt Maien auf, und opfert eure Kränze

Libussen heut, daß ihre Trauer glänze!


Die Mägdlein werfen ihre Kränze auf einen Haufen, und eilen die Schloßtreppe hinan.


Wann wirst du, Meister, mir die Bilder bringen?

PACHTA.

Verzeihe ihr unschuldiges Mißlingen.[802]

LIBUSSA.

Mißlangen sie?

KASCHA.

Das meine?

TETKA.

Alle drei?

PACHTA.

Dem deinen, Tetka, stand der Himmel bei.

Das Bild des Pelikans und seiner Jungen,

Obgleich das künstlichste, ist wohl gelungen.

TETKA.

Ist Polkan dies, der Held, halb Mensch, halb Roß?

PACHTA.

Der Liebe Bild, die Blut für uns vergoß,

Ein edler Phönix, tränkend seine Brut

Mit seiner selbstgeschlagnen Wunden Blut,

Ein Gleichnis heilgen Opfers frommen Blicken.

TETKA.

Des Himmels Bild, der alle will erquicken.

KASCHA.

Der Erde Bild, die keinen läßt verdürsten.

LIBUSSA.

Das Bild des hohen Lebens edler Fürsten.

PACHTA.

Das Gleichnis von des wahren Menschen Tod.

Entschädigend des andern Werks Mißlingen,

Will ich mit dieses Tages Abendrot

Die Künstlerin zu eurem Troste bringen,

Des Ewgen Bild in euer Herz zu gießen.

So rein ihr seid, wird rein das Silber fließen.

LIBUSSA.

Wer ists?

KASCHA.

Wen meinst du?

TETKA.

Jene, die wir sahn?

PACHTA.

Ja, jene Jungfrau will euch heute nahn.

TETKA.

Verhießen ward sie früher mir im Traum.

LIBUSSA.

Niva, die Mutter, schien sie mir am Baum.

KASCHA.

Warum verbargst du sie? Ich sah sie kaum.

PACHTA.

Wer trägt ein Kleinod nicht versteckt durchs Land,

Verbirgt das Kunstwerk nicht vor Kinderhand?

Die Blume bring ich den Geliebten zwar,

Doch sei vorher ihr hoher Wert auch klar,

Auf daß vor Stürmen sie die Zarte hüten

Und spielend nicht den Kranz der süßen Blüten

Zerrupfen, als Orakel ihrer Liebe,

Bis, wertlos, nur der nackte Stengel bliebe.

LIBUSSA.

Du hegest schlechte Meinung von der Hand,

Die Sicherheit gewähret diesem Land.

PACHTA.

War diese Hand doch sicher nicht gestellt,[803]

Ist sicher doch der Pflug nicht auf dem Feld,

Sind allzu leicht die Götter doch versöhnt,

Die jeder sich aus seinem Holze spänt,

Er schnitzt des Götzen Leib und Arm und Kopf;

Was übrig bleibet, wärmet seinen Topf.

Wo Gott noch nicht das Menschliche durchdrang,

Hat kaum das Menschliche des Tieres Rang.

Und würgtest du auch alle Geier hier,

Kehrt' nie doch die erwürgte Taube mir.

KASCHA.

Du gabst dem wilden Wald die Blume hin,

Die unsrer treuen Hut du nicht vertraut.

PACHTA.

Nicht kannt ich euch, und eure Herde schien

Genährt von bösem zauberischen Kraut;

Um zu veredlen ihre wilde Art,

War wohl mein stilles frommes Lamm zu zart.

Einsam, versteckt, verschlossen im Gestein,

Sollt vor dem Wolf es mir gesichert sein.

TETKA.

Dein Kunstwerk unsrer treuen Hut vertraue,

Daß Weisheit in der Schönheit uns erbaue.

PACHTA.

Beruh'ge dich, ich bring sie heut zu dir,

Doch zürne nicht um meine Sorge mir.

Zerstörungssucht ist aller Menschen Teil,

Greu'l ist dem einen, was des andern Heil.

Und hätte nicht die Erde sich erbarmt,

In ihrem Schoß oft herrlich Werk umarmt,

Hätt nicht der Schutt manch Kunstwerk uns bewahrt,

Wir kennten kaum der guten Künste Art.

Was an den Tag tritt, bricht die blinde Wut;

O wohl dem Schatz, der in der Erde ruht.

Der kunstgetriebne Kelch, der Käufer fand,

Er geht verkauft, vererbt, von Hand zu Hand,

Dann bricht der Dieb den Riegel, Not das Siegel,

Und schmilzt ihn in goldgierger Nachwelt Tiegel.

LIBUSSA.

Du nennest Taube, Lamm und Kelch die Magd,

Die Taube, Lamm und Kelch uns hat gegeben.

Warum hast du sie Tetka zugesagt?

Wir haben alle teil an ihrem Leben.

PACHTA.

Ich zog mit ihr, den Bauort zu beschauen,[804]

Der Grund ist fest, ich kann dem Bau vertrauen.

Nun möget ihr mein Schicksal auch erfahren:

Hier früh entführt von streifenden Avaren,

Ging ich, als Knecht verkauft, von Hand zu Hand;

Bis zu Byzanz ich, durch der Hände Fleiß,

Als freier Maurer auf dem Tempel stand;

Zu meiner Arbeit sang ein frommer Greis,

In dessen Garten ich herniederschaute,

Und sein Gesang hat also mich belehrt,

Daß ich mein Leben seinem Gott vertraute,

Als ich, mit einem Götzenbild beschwert,

Ins Hausgärtlein des frommen Theophil

Vom schwindelhohen Tempelrande fiel.

Das Götzenbild lag neben mir zerschlagen,

Mich hatten Gottes Engel sanft getragen.

Von seines Gottes Wunder tief gerührt,

Hat mich der Greis zu meinem Heil geführt,

Der Bildner, reich an Kunst und arm an Golde,

Weil er nicht falsche Götzen bilden wollte;

Ich blieb bei ihm, der Meister ließ die Kelle,

Ergriff den Meißel und ward sein Geselle.

Doch als der falsche Dienst sich immer mehrte

Und Götzen man von Theophil begehrte,

Ließ der Tyrann ihm auf sein kühnes Sprechen:

Nicht mag ich bilden, was ich nicht mag sehn!

Die frommen Augen aus dem Haupte brechen.

Nie wird sein Jammerbild mir untergehn!

Lobsingend sah den Märtyrer ich sterben,

Sein Haus, sein Töchterlein blieb mir, dem Erben.

Die Jungfrau wuchs in Trauer mir heran,

Und fühlte bald des frommen Lebens Bahn

In festem Will zum heilgen Ziel gewendet,

Die Blinden, die den Vater ihr geblendet,

Zum Lichte ihres Glaubens treu zu führen;

Und schon begann der Feind nach ihr zu spüren,

Da folgte sie mir auf mein heißes Bitten

Zur fernen Heimat; viel hat sie erlitten

Auf weiter Reise, manchen Sieg erstritten,[805]

Zu zeigen euch des ewgen Gottes Licht,

Und, wenn ihr Aug, eh als die Nacht, hier bricht,

Auf dieses Land zu strahlen vor dem Herrn,

Der Böhmen namenloser Glaubensstern!

LIBUSSA.

In edler Kühnheit deine Lippe spricht,

Doch scheint mir, unsre Götter ehrst du nicht.

KASCHA.

Wer ist der Gott, um den ihr Vater starb,

Um den sie selbst so hohes Ziel erwarb?

TETKA.

Ist ihm in Himmelstag, in Erdennacht,

Ist zwischen beiden ihm geteilt die Macht?

PACHTA.

Er ist nicht himmlisch, irdisch ist er nicht,

Ihn sieht kein Aug, ihn keine Zunge spricht,

Nicht dies, nicht jenes ist er, was da ist,

Was war, was wird. Durch ihn geworden ist,

Was niemals war. Er ist das Werk, der Meister

Des Werks und seiner selbst. Anfang und Ende,

Lebendige Inwohnung selger Geister!

Es bräch dies Herz, so es ihn nennen könnte.

Staunt selbst euch an in seines Frühlings Milde,

Ihr Ebenbilder von des Gottes Bilde.

Ja, wenn das Werk den Meister je durchdränge,

Zum Meister selbst das Werk sich auch erschwänge;

Den Engel, den ich zu dir will geleiten,

Nimm, Tetka, unter deine Dienerinnen;

Sie wird, gleich einer Rose unter Linnen,

Der Weisheit Duft dir im Gemach verbreiten.

TETKA.

In einem Tage reifet nicht die Frucht,

Am Haus des Himmels baut die Ewigkeit,

Wer im Gerüste schon den Himmel sucht,

Wird leicht, so allzu schnelle es die Zeit

Herniederreißt, von seiner Last erschlagen.

So fährt, dem Lichte fluchend, mancher hin,

Wird nicht die Nacht behutsam abgetragen.

Gewöhnung will zur Wahrheit selbst der Sinn,

Das Plötzliche zerstört sich selbst in Schmerzen,

Des Heiles Prüfung ziemet edlen Herzen;

Denn nimmer ist der Götter Werk vollendet.

Hat sich zu mir die weise Magd gewendet,[806]

Mag sie vor mir auch ihrem Gotte dienen,

Ich dien ihm auch, ist wahr er mir erschienen.

KASCHA.

Und findest heilsam, Tetka, du die Quelle,

Leit ich sie auch zu meines Hauses Schwelle.

LIBUSSA.

Die weite Wege von des Meers Gestaden

Mit ihrer Weisheit Kleinod zu uns ging,

Genieße meines Schutzes, meiner Gnaden,

Wie nie ein werter Gast sie noch empfing;

Doch, gleich des Heilquells unterirdschem Rinnen,

Soll in Geheimnis sie ihr Werk beginnen;

Die Werkstätte des Heiles sei verborgen,

Denn göttlich Werk gedeihet nicht in Sorgen.

In unsrem Geist mag sie zu Tage gehen,

In uns, des dunklen Landes lichten Höhen,

Versammle sich ein Schatz von allem Segen,

Und sinke nieder wie ein Frühlingsregen

Von hohen Wolken, gleich verteilet, fällt;

Denn wilder Wassersturz ertränkt das Feld.

Die Weisheit wirke gleich des Himmels Sonne,

Die, keinen schreckend, alles füllt mit Wonne.

So sei es. Laßt mich meiner nun gedenken;

Hört ihr des kriegerischen Chores Klang,

Die Männer ihre Fahnen auf mich senken,

Und meinem Tode schallet der Gesang.

TETKA.

Libussa, klage nicht, wär dies der Tod,

Unsterblich wär das Mägdlein, dem er droht,

Ein grüner Totenhügel wär die Erde,

Ein Leichenfeuer wär des Himmels Sonne,

Der bleiche Mond ein ewger Leidgefährte,

Ein böser Mörder wär des Frühlings Wonne.

Was ist es, teure Schwester, das dich quält?

Liebst du nicht Primislaus, den du erwählt?

LIBUSSA.

Ich haß ihn nicht, doch wie soll ich ihn lieben?

Den Willen unterwirft er mir den Trieben,

Die Fülle macht er mit der Not vertraut,

Stört küssend meinen freien Ernst, und baut

Die Werkstatt seines Lebens in mein Leben,

Den Leib nimmt er, die Seele muß ich geben,[807]

Und wer mit diesen beiden sich verpflichtet,

Der ist vernichtet, der ist hingerichtet;

Der Herr, der Sklave wird, klagt nicht vergebens:

Mein war das Leben, nun bin ich des Lebens!

PACHTA.

Nicht breche aus des Lebens heilgem Bann.

Das Ewige allein ist Eins in dreien,

Doch Zeitliches erblühet nur aus zweien,

Die sich zu einem dritten keusch vereinen.

LIBUSSA.

Entzweit ist das Geschlecht.

PACHTA.

Nicht zum Verneinen;

Nein, sich zu stärkrer Einheit zu erheben,

Aus der Erfüllung steiget nur das Leben.

Nur eine Jungfrau aber hat geboren,

Und um die Frucht die Blüte nicht verloren!

LIBUSSA.

Kann ich nicht also sein?

PACHTA.

Ja, in dem Geist!

LIBUSSA.

So sage, Meister, mir, was dieses heißt.

PACHTA.

Empfange durch den Geist in reiner Seele

Das Bild des ewgen Gottes, und erwähle

Dein ganzes Dasein, um es auszusprechen;

Dann wird die Frucht dir nie die Blüte brechen.

Aus Menschlichem, das jungfräulich empfäht

Und so gebärt, hervor die Gottheit geht.

Doch füge dich, es sprach der Herr: Ein Leib

Und eine Seele nur sei Mann und Weib.

Mit einem schließ den Bund; von frommer Zucht

Umblühet und verhüllt, reift edle Frucht!

LIBUSSA.

O was ich gebe, ist so hoher Preis,

Ihr Götter wißt, ich gebe es nicht preis.

Beruhigt bin ich, glücklich bin ich nicht,

Die Sonne war, das Feuer wird mein Licht.

Laß mich nur trauern, schön war ja mein Leben,

Wer nicht die Gabe liebt, hat nichts gegeben.

Zur Kammer nun geleitet mich, um mir

Den Brautkranz auf das freie Haupt zu drücken.

Du, Meister, helfe zu des Festes Zier

Den Dirnen, diese Pforte auszuschmücken.


Mit Kascha und Tetka zum Schloß.[808]


PACHTA.

Nicht Menschenwerk, o Herr! sind die Gesetze

Des heilgen Glaubens; daß in der Natur

Den Spiegel Gottes Sünde nicht verletze,

Zeigt reiner Seele innre Angst die Spur.

Mit Trauren geht sie in der Ehe Band,

Das ungeheiligt ist in diesem Land,

Wo tierscher Trieb ein frecher Kuppler ist.

Heil ihr! die ihrer Ehre Wert ermißt;

Ihr weihet Gott zum Priester ihre Zucht,

Und heiligt ihren Bund und seine Frucht.


Die Dirnen kommen herab, und tragen Maien- und lange Laub- und Blumengewinde, mit denen sie unter folgendem Gespräche den Turm ausschmücken.


STRATKA.

Nun, Meister, hilf, das Tor uns auszuschmücken.

SCHARKA.

Der ganze Frühling ruht auf unsern Rücken.

ZASTAWA.

Die Blumenketten werden uns noch drücken.

MILENKA.

Sind sie nicht fester, reiß ich sie zu Stücken.

HODKA.

Ach lieber Bäume doch als Blumen pflücken!

NABKA.

Das Elend hebt sich immer an mit Bücken.

PACHTA.

Das Tor sei rings mit Kränzen schön umzogen,

So wie ein Aug von dunkler Braunen Bogen.

DOBROMILA.

Ganz recht, sieh da, nun sieht es prächtig aus.

BUDESLAWKA.

Das Schlichte macht die Hochzeit alles kraus.

KLIMBOGNA.

Und auf den Turm steck ich den Riesenstrauß.

SWATAWA.

Nun schaut es tüchtig in die Welt hinaus.

PACHTA.

Hier aus dem Grunde laßt die Maien dringen,

Gleich freudgen Palmen, die dem Herrn sich schwingen.

STRATKA.

Dem Herrn, dem Herrn? Verhaßt ist dieses Wort.

SCHARKA.

Das Zeug ist wurzellos, felsigt der Ort!

MLADKA.

Reißt nicht den keuschen Eppich von der Mauer!

NABKA.

Denn dieser Brautschmuck ist von kurzer Dauer!


Man hört den Gesang der Männer.


STRATKA.

Hört ihr der tollen Hochzeitbitter Sang!

KLIMBOGNA vom Turme.

Die Fürstenmacher ziehen schon heran.

SCHARKA.

Du sprichst so leis, als machten sie dir bang.

STRATKA.

Hinauf, bewaffnet euch, eh sie uns nahn.


[809] Sie eilen hinauf. Pachta folgt ihnen. Das Tor wird geschlossen.


DIE MÄNNER ziehen auf, sie tragen grüne Äste.

Marzana, Marzana!

Wir trieben dich aus,

Schon schmücken die Mägdlein

Zur Hochzeit das Haus.

Der eiserne Winter,

Unfruchtbar und tot,

Ertrank in der Moldau,

Und Freien tut not.

Tu auf, Papaluga,

Den Himmel, und gieße

Den Tau auf die Wiese,

Bewege die Lüfte,

Und sende die Düfte,

Und sende den Segen,

Den Segen herab.

Flieh auf, und fall nieder!

Zieh hin, und kehr wieder!


Sie werfen bei den letzten Worten ihre Zweige in die Höhe, und haschen sie mit Getümmel, und tauschen sich gegenseitig die Zweige unter folgenden Scherzreden aus.


ERSTER SLAVE.

Her, her, ein halbes Dutzend Weiber will ich.

ZWEITER SLAVE.

Nimm diese hin, so hast du böse sieben.

DRITTER SLAVE.

Die eine hier ist mir schon mehr als billig,

Zu dürr zu Hieben und zu zäh zum Lieben.

VIERTER.

Genug an keiner und zuviel an einer.

FÜNFTER.

Wer will dies Weib, den widerspenstgen Dorn?

SECHSTER.

Gieb du die Grobe mir, du brauchst sie feiner.

FÜNFTER.

Verflucht! das schwanke Ding zeigt mir ein Horn!

SIEBENTER.

Ich habe zwei zuviel, ich habe drei!

ACHTER.

Ich hab noch keine, gebe mir die zwei,

Die für den Werktag, die an Feiertagen,

Die Mücken und die Grillen zu verjagen.

CHIRCH.

Bewahrt die Zweige, legt sie unters Kissen,

Sie machen, so ihr freit, ein gut Gewissen.

Ein böses Weib, dem ihr euch einverleibt,[810]

Ein solcher dritter leicht zu Paaren treibt;

An guten Zweigen wächset Rat und Tat,

Ihr Männer ordnet euch, Libussa naht.


Die Fahne Chechs wird auf Libin aufgepflanzt, der Brautzug zieht herab. Die Mägdlein mit ihrer Standarte ziehen voraus, hinter ihnen folgen andere mit Teppichen und Kissen, dann Libussa im Brautschmuck, von Kascha und Tetka geführt. Biwog und Pachta folgen; auf dem Turme erschallen die Trompeten der Mägdlein, das Tor öffnet sich, die Kissen werden gelegt, die Teppiche aufgehängt, das Innere des Tors ist mit Blumen geschmückt. Die Diener stehen zu beiden Seiten die Torstufen herab. Libussa tritt vor den Thron, ihre Schwestern, Pachta und Biwog links und rechts. Während diesen Anordnungen ertönen die Hörner der Männer und die Trompeten der Mägdlein abwechselnd.


LIBUSSA.

Willkomm, ihr Männer! so ihr von dem Rausch

Erwacht, gedenkt noch vor dem bösen Tausch,

Wie gestern ich die Freiheit euch gepriesen,

Damit den Kindern ihr erzählen könnt,

Wie ihre Eltern von der Türe wiesen

Den Gott, die Freiheit, die sie nicht gekennt,

Wie sie des Himmels Schatz vom Herde stießen,

Wo nun gemeines Küchenfeuer brennt.

Der Kinder Schwerter werden nie ergraben,

Was preis der Väter schnöde Zungen gaben;

Aus ihrem Blut wird nie der Tag erstehen,

Den ihr im Meer des Zorns ließt untergehen.


Man hört den Marsch der Priester.


EINE JUNGFRAU VOM TURM.

Eröffnet euch, ihr Männer, machet Bahn,

Die Priester ziehen mit dem Gott heran.


Feierlicher Marsch von Posaunen. Drzewoslaus führt den Zug der Priester, die das Bild des Jutrobogs unter einem Baldachin von Maien tragen. Das Bild eines Jünglings von Gold, auf einem silbernen Rosse stehend, das mit Rosen gezäumt ist, hält einen Blütenzweig in der Hand, und hat die Sonne auf der Brust. Ihm folgt die zweite Abteilung, von Lapack geführt, der an einer roten Krücke geht; sie tragen Chechs Stuhl, Mütze, Mantel, und Schwert. Die erste Abteilung ordnet sich rechts, die zweite links, und vor Libussen machen sie halt, und sprechen.[811]


DRZEWOSLAUS im Vorübergehen des Zugs Libussen anredend.

Der Morgengott, der Maiengott dich grüßet,

An seinem Fest, an deinem Ehrentag.

Der Blütenzweig, der seiner Hand entsprießet,

In deiner Hand zu Früchten reifen mag.

Triglawa hat auf deinen Kranz geweint,

Nun sei dem heitren Jutrobog vereint;

Er wird dir Rosen auf die Betten streun,

Mit Fürstensöhnen dieses Land erfreun.

LAPACK im Vorübergehen.

Es heißt, der trägt die Ruhe aus dem Haus,

Der sich nicht setzt, leer ist der Stuhl des Krok;

Gieb Ruh dem Haus, und füll den Stuhl uns aus.

Es heißet auch, es zier den Mann der Rock,

Und daß das eigne Hemd das nächste sei,

Und wie dich selbst sollst du den Nächsten lieben,

So zier mit Krokus' Rock ohn Ziererei

Den nächsten besten, der dir wollt belieben.

Und weil leicht schartig wird, was allzu scharf,

Das Schwert auch treulos in unmündger Hand,

So gieb des Krokus' Schwert dem, ders bedarf,

Unmündige zu schützen in dem Land.

Und weil dem Toren lieb ist seine Mütze,

Und an der Mütze man erkennt den Toren –

LIBUSSA zürnend einfallend.

Schweig, Lapack, Schwätzer, Tor, nach deinem Witze

Gehört des Krokus Hut auf deine Ohren;

Ich weiß, du hast um diesen Hut geworben,

An tollem Mut ist Narrenrecht gestorben!


Trompetenstoß auf dem Turm.


DAS MÄGDLEIN.

Es naht der Herr, empfanget euren Herrn!

Er spornt sein Roß, schon ist er nicht mehr fern,

Er stürzet aus der Waldnacht wie ein Stern,

Weh', Fahne Chechs!


Die Fahne wird auf Libin geschwenkt.


SCHARKA.

Die Waffen hoch, ihr Dirnen![812]

STRATKA fasset ihre Fahne mit beiden Händen.

Der Jungfrau Fahne trotzet den Gestirnen.


Biwog und Pachta schreiten gegen die Szene, aus der Primislau zu Pferd hervortritt, sie halten sein Roß, er springt unter dem Klange der Trompeten herab, das Volk drängt sich um ihn, und küßt ihm unter Geschrei den Ärmel.


VOLK.

Heil dir, o Primislaus! Heil dir, o Herr!

PRIMISLAUS.

Laßt mich, laßt mich, welch widerlich Gezerr!

Will durch den Ehrenpfad mir Demut schreiten?


Er läßt ihnen den Mantel in den Händen.


So küßt den Ärmel dann auf ewge Zeiten!


Er geht rasch gegen Libussen; da sie sich ernsthaft erhebt, bleibt er plötzlich stehen, kniet vor ihr nieder, und reicht ihr den Apfel.


Libussa, Seherin, es knieet hier

Der Pflüger Primislaus, und bietet dir

Den Apfel nochmals rein und unverletzt,

Den du als Preis des Glückes ausgesetzt,

Und nochmals bittet er nur um die Kerne.

Willst du, daß er mit diesen sich entferne,

So legt er hier die Ehrenkleider nieder,

Und kehrt bescheiden zu dem Pfluge wieder,

Auf daß von ihm dein Volk Gehorsam lerne.

LIBUSSA nimmt ihm den Apfel ab.

Die Götter gaben dich mir zum Gemahl,

Der Apfel hier bestätiget die Wahl.


Sie erhebt ihn.


Ich hebe dich aus deinem niedern Stand

Zum Herren über mich, und dieses Land.


Sie bricht den Apfel mit ihm.


Den Apfel teilet Bräutigam und Braut,

Verkündet es, Trompeten, macht es laut!


Trompetenklang.


WRSCHOWETZ vor sich.

O Domaslaus, wär ich so tot als du,

Ich sehe meinem Tod lebendig zu!

LIBUSSA.

Ihr Männer, führt zu Krokus' Stuhl den Herrn.


Druhan und Chobol nahen ihm.[813]


PRIMISLAUS.

Verschonet mein, ihr Männer, bleibet fern.

Gewohnt ist nicht der Bauer, daß sein Knecht

Zum Sitz ihn führt, dies ist des Weibes Recht.

Die, so mit Gruß und Kuß ihn an der Türe

Empfing, ihn auch zum Sorgenstuhle führe!

LIBUSSA feierlich freundlich. Führt ihn zu dem Stuhl, legt ihm Kroks Mantel um, und setzt ihm Chechs Mütze auf.

Willkomm, mein Primislaus, Willkomm zu Haus!

Ich führe dich zu deinem Ehrensitze,

Nimm den bequemen Mantel, ruhe aus,

Bedeck dein edles Haupt mit stolzer Mütze!

PRIMISLAUS ergreift das Schwert, das ihm Libussa reichen will selbst früher als sie.

Geliebte, hüte dich, es könnte schneiden,

Dem Mann gebührt, das Schwert allein zu führen.

DAS VOLK unterbricht ihn mit Freude.

Dem Mann das Schwert, den Frauen nur die Scheiden!

PRIMISLAUS erhebt sich mit drohendem Blick, fährt ruhig fort.

Dem Mann gebührt, das Schwert allein zu führen,

Zu richten, streiten, scheiden und entscheiden.


Er entblößt das Schwert.


VOLK unterbricht ihn wieder.

Dem Mann gebührt, die Weiber zu regieren.

PRIMISLAUS im Zorn.

Nichts Ungebührliches vom Knecht zu leiden!

So lärmt man nicht, ist erst der Herr zuhaus.

Glaubt ihr, ich sei der Bauer Primislaus,

So glaubet, daß er Hausrecht auch versteht:

Wißt, ungefraget rede nicht der Knecht,

Und, so er vor dem Herren klagend steht,

Wird ihm Gehör und des Gesetzes Recht.

Vor allen sag ich euch: Mauldienerei

Ist mir verhaßt, wer auch der Schmeichler sei.

Und wer ein Wort, das ich in Unschuld sprach,

Mit frechem Beifall mir zu Münze prägt,

Die durch die schmutzge Hand des Volkes lauft,

Der macht mit falschem Schein Gewährung nach,

Der hat um Schmach die Ehre mir verkauft,[814]

Hat ausgewogen, was noch unerwägt;

Beim Peron, dieses Schwert den Fälscher schlägt,

Dein Ohrwurm bleib ich ewig unversöhnt.

LIBUSSA.

Verzeihe ihnen, Herr! Sie sind verwöhnt.

LAPACK.

Es giebt die Braut bei uns nach alter Sitte

Dem Bräutigam und zweien, die erlesen

Als kluge Männer aus der Gäste Mitte,

Mit listgem Witze Rätsel aufzulösen.

Wo ihm des Knotens Lösung nicht entschlüpft,

Dann ist ihm auch der Nestel nicht geknüpft.

Wird er besiegt, dann schwingt die Braut im Tanz

Der Sieger, bis er fällt, der Hochzeitskranz:

An dich, Libussa, nun ergeht die Bitte,

Sprich aus dein Rätsel, ehr die alte Sitte.

PRIMISLAUS.

Ehrbare Sitte ist ein halb Gesetz!

LIBUSSA.

Die Gegner nennet!

EIN TEIL DES VOLKS.

Lapack!

ZWEITE HÄLFTE DES VOLKS.

Wrschowetz!

LIBUSSA hebt ein Körblein empor.

Ich trag im Körblein höhnische Perlen feil,

Und jedem eurer geb ich einen Teil,

Dem ersten ihre Hälft, und eine mehr,

Dem zweiten dann die Hälft, und eine mehr,

Dem dritten dann die Hälft, und dreie mehr,

Wie viele hatt ich, ist der Korb nun leer?

WRSCHOWETZ.

Mit sechzig Perlen treffe ich das Ziel.

LIBUSSA.

Mit sechzigen verlorest du das Spiel.

War einmal, halbmal, drittelmal so viel

Der Perlen in dem Korb und fünfe mehr,

Dann wären ihrer über sechzig mehr

So viele, als an sechzigen jetzt fehlen.

LAPACK.

Mit fünfundvierzig glaub ich sie zu zählen.

LIBUSSA.

So viel an fünfundvierzigen jetzt fehlen,

Als über fünfundvierzig drinnen wären,

Könnt um ein halb-, ein drittel-, sechstelmal

Die Perlen in dem Korbe ich vermehren.

Nun nenne du, mein Primislaus, die Zahl!

PRIMISLAUS.

Du Seherin, den Göttern tief vertraut,[815]

Wer deinen Flügen folgt, du hohe Braut,

Der folgt dem Adler in das Wolkenhaus.

Dem Sonnenlicht ein mutiger Genoß,

Seit deine Schönheit strahlend mich umfloß,

Breit' kecklich ich zum Ziel den Flügel aus,

Und wag den hohen Flug mit kühner Wahl:

Es sind der Perlen dreißig an der Zahl.

LIBUSSA.

Nun lasset der Trompeten Schahl erklingen.


Trompetenklang.


Nur Primislaus wird mich im Tanze schwingen.


Sie zählt ihm die Perlen in die Hand.


Von dreißigen die Hälft, und eine drüber,

Sind sechzehn Perlen; vierzehn bleiben über.

Von vierzehnen die Hälft, und eine drüber,

Sind ihrer acht, und sechs noch bleiben über.

Von sechsen dann die Hälft, und dreie mehr,

Sind sechse selbst, und seht, mein Korb ist leer!


Sie giebt dem Wrschowetz den Korb.


Wer fruchtlos warb, der trägt den Korb davon!

WRSCHOWETZ.

Weh mir, Libussa, bitter ist dein Hohn!

PRIMISLAUS.

Sei ruhig, Freund, die Bräute scherzen gern.

Gab dir die Frau den Korb, vertrau dem Herrn,

Er will, daß du nicht durch den Korb mögst fallen,

Zu seinem nächsten Rate dich bestallen.

WRSCHOWETZ.

Des Herzens Treue heilige mein Glück!

STRATKA tritt vor Primislaus.

Dein Wort, o Primislaus, nimm es zurück!

Nimm nicht die Schlange in dem Busen auf,

Ihn hat zu deinem Feld mein schneller Lauf

Allein verfolgt, weil er um deinen Tod

Mir seine Hand und deine Krone bot.

Verräter soll man nicht zu Rate ziehn!

WRSCHOWETZ.

Herr, halte mir dein Wort, du hast verziehn.

Nicht hör die Dirne, die mir nie verzeiht,

Daß ich aus Laune einst um sie gefreit.

PRIMISLAUS.

Schweig, Wrschowetz, nicht ziemt dem Untertanen,

Den Fürsten seines Ehrenworts zu mahnen;[816]

Als ich es gab, war ich als Fürst ernannt,

Wenngleich mein Schicksal mir noch unbekannt.

Verdiene, Wrsch, dein unverdientes Glück,

Denn nimmer geht des Fürsten Wort zurück.

Tritt ab nun, Stratka, Rache schreit aus dir,

Nie mehr fall in der Rede Zügel mir.

Ein wildes Roß wohl lenket deine Hand,

Doch wirft mein Wort dich nieder in den Sand.

Leicht wär des Fürsten Stand, wär nicht sein Mund

Ein Quell, der schnell versieget auf dem Grund,

So er die Welle einschlingt, die er gießt,

Weil alles Wasser nach der Tiefe fließt.

Die Berge sinken, Täler steigen auf,

Kehrt ja zum Quell zurück der Ströme Lauf.

Der Fürsten Wort ist dem der Götter gleich,

Das ausgesprochen noch lebendig steht,

Wenn selbst das Leben vor ihm untergeht.

Des Herren Wort gestaltet in dem Reich,

Und bricht sein Wort, bricht auch das Reich zugleich.

GETÜMMEL UNTER DEM VOLK.

Zurück! Zurück!

PRIMISLAUS.

Wer dringt so laut heran,

Wer bricht um meinen Ehrenstuhl den Bann?

WLASTA verwildet und zerstört. Dringt mit dem Schwerte hindurch; sie trägt den Bauermantel und die Bastschuhe des Primislaus in ihrer Linken.

Wer ists, der mich zurückzuhalten wagt?

LIBUSSA.

Heran! heran! o Wlasta, meine Magd!

WLASTA.

Wer ist es, der so eng dich eingehegt,

Daß Wlasta er den Weg zu dir verlegt?

Darf ich nur dann an deiner Seite prangen,

Wann giftge Pfeile dir sind aufzufangen?

Hat Wlasta dir mit ihres Herzens Schrei

Die Sorg erweckt in deiner Sklaverei,

Dann zeig den Herren mir, ihn zu verachten!

LIBUSSA.

Kennst du ihn doch, und bist ihm selbst bekannt.

PRIMISLAUS.

Den will ich hoch vor allen Männern achten,

Der, Wlasta, Leib und Seel dir überwand![817]

WLASTA.

Zu stolz, Libussa, machst den Bauern du,

Er spricht nur sich allein die Achtung zu.

Drum nimm von mir, um zu demütigen

Den goldbeschuhten Fürsten Primislaus,

Bastschuh und Mantel hier des gütigen,

Des stillen, frommen Bauers Primislaus.

Und nun gieb deiner Magd Gerechtigkeit!


Sie reicht ihr den Mantel und die Schuhe.


LIBUSSA.

Gen wen?

WLASTA.

Gen mich, dies Blut an meinem Kleid,

An meinem Schwert, ist Blut des Domaslaus.

Ich schlug in wildem Mute ihn zu Tod,

Als er zur Ehe mir die Rechte bot.

LIBUSSA.

O grimme Tat, den hochverehrten Mann!

VOLK.

Herr, gieb sie preis, Herr, lege sie in Bann!

PRIMISLAUS gebieterisch.

Bin ich der Knecht, seid ihr der Herr, so sprecht!

Doch schweigt, wenn ich der Herr und ihr der Knecht.

LIBUSSA.

Willst du ins Recht des Herrn als Weib nicht gehn,

Wähl einen Fürsprech, der statt dir mag stehn.

WLASTA auf Wrschowetz zeigend.

So gehe dieser für mich vors Gesetz!

PRIMISLAUS.

Was kannst du für sie sprechen, Wrschowetz?

WRSCHOWETZ.

O Primislaus, der Fürsten erste Pfade

Begleiten stets den milden Weg der Gnade.

Verziehst du, was ich unterm heißen Sporne

Der Eifersucht gen dich mich unterfangen,

Verzeih, daß sie, gepeiniget vom Dorne

Des Weiberstolzes, toll zu Werk gegangen.

WLASTA.

Ha, winde dich, das ist die Kunst der Schlangen.

PRIMISLAUS wirft einen Zipfel seines Mantels über ihre Schulter.

Sei frei von diesem Blut und diesem Zorne,

Mein Fürstenmantel deckte deine Schuld,

Mein Bauermantel deine Ungeduld.

WLASTA wirft den Mantel heftig weg.

Unmännlich Recht, vermaledeite Huld!

Verjage, Fürstin, ihn, er ist kein Mann,

Der mit des Mantels Zipfel nur allein[818]

Ihr Recht der hohen Wlasta geben kann.

Ihr Männer glaubtet, daß der Jungfrau Schürze

Euch euer männlich Recht zu sehr verkürze.

Seht! euer Männerrecht, sein höchster Gipfel

Ist eines Fürstenmantels Gnadenzipfel.

PRIMISLAUS.

Sie raset.

LIBUSSA.

Rozhon! Rozhon!

BIWOG.

Schweige, Dirne!

Sonst bricht dir Biwog deine freche Stirne.

LAPACK.

O Wlasta, hohe Tochter, fasse dich!

WLASTA.

Hab ich zuviel gesagt, so richtet mich,

Denn Wrsch hat nur so wenig hier gesagt,

Weil er mit Domaslaus die Haut gewagt,

Und Primislaus nur Gnade an mir übte,

Weil ich um ihn den Domaslaus erschlagen.

PRIMISLAUS.

Um mich, Unsinnige?

WLASTA.

Ja, nur um dich!

Die Krone ward mir von ihm angetragen

Um deinen Tod; weh mir! wie fürchterlich!

Daß ich dich liebte, weh! ich muß es sagen.

LIBUSSA.

Entsetzlich, Wlasta!

PRIMISLAUS.

Jetzt versteh ich dich!

WLASTA.

Unseliger, zu spät verstehst du mich.

Ich hatte keine Krone dir zu spenden,

Ein liebend Herz bracht ich in eignen Händen.

Getilgt ist meine Schuld für Rozhons Tod!

PRIMISLAUS.

Wer hat von dir für diesen Lohn begehrt?

Libussens Helm sah ich in Kampfes Not,

Und stritt für sie.

WLASTA.

Und mir nur half dein Schwert,

Ich trug den Helm!

PRIMISLAUS.

Ihr Himmlischen! wer bot

Ganz Böheim mir als eines Schwertes Wert?

LIBUSSA öffnet ihren Mantel.

Ich, Primislaus, ich hab dir Wort gehalten,

Sieh hier dein Schwert. Kein Schwert ward je gestahlet,

Das also ungeheuer ward bezahlet,

Um einer Jungfrau Gürtel zu zerspalten.[819]

Nun höre, Böheim, wie Libussa sank:

Jungfräulich wäre ich und nie ein Weib,

Hätt ich dies Land und euch, um meinen Leib

Zu schützen, nicht um eines Schwertes Dank

An ihn verkauft.

DRZEWOSLAUS.

Nie zog solch herrlich Los

Ein Blinder aus des Schicksals dunklem Schoß!

PRIMISLAUS.

Ihr ward mein Schwert, mir ihre Milde ward;

Daß Kraft die Huld, und Huld die Kraft durchdringe,

Hat sich das Eisen mit der Huld gepaart;

Und fest und biegsam fordert nun die Klinge,

Die über eurem Haupt nach Fürstenart

Ich herrschend, lohnend, strafend fortan schwinge.

WLASTA.

Fluch meiner Zucht, Fluch deinem Unverstand!

Betrogen bist du, du hast hingenommen,

Für ein unbändig Herz, ein knechtisch Land.

Doch was kann mir die Klage weiter frommen;

Mein Recht, Libussa, gebe mir mein Recht!

LIBUSSA.

O unvertrautes, tief verschloßnes Herz!

Nur einmal fühlt ich dich elend und schlecht.

Gedenke jenes Abends, da voll Schmerz

Ich dreimal zu dir sprach, hier in dem Bade:

Ganz anders, als du redest, spricht dein Herz.

Die Weissagung geht auch auf dunklem Pfade;

Nicht kränket mich, daß du den Pflüger liebtest,

Es schmerzet mich, daß du Verstellung übtest.

Doch welches Recht ist, das dich nicht begnade,

Wer ists, der dich zu richten sich entblödet?

Du hast für ihn, für mich, für dich getötet.

WLASTA mit steigender Leidenschaft.

Was hilft dir Liebe, und was hilft mir Gnade,

Was hilft dir Offenheit, Vertraun, Geständnis?

Das Schicksal nur beherrschet die Erkenntnis,

Auf dunklem wie auf feuerhellem Pfade.

Mehr weiß ich, als du jemals hast erfahren,

Kein Gott, kein Lieben kann mir Heil bewahren;

Auf Wetterwolken bin ich hingefahren,

Und vor mir furchten Perons glühnde Scharen,[820]

Und in der Furche rann der Männer Blut;

Getrunken hab ich schnell in meine Wut,

Ward auf des Ungewitters wildem Wagen

Zum Schmaus der Unterirdischen getragen.

Da saß der grimmen Zukunft scheußlich Bild,

Es riß mich an sich, und auf diesem Schild

Mußt ich den blutgen Becher ihm kredenzen,

Mit Dornen dann das Schlangenhaar ihm kränzen;

Da ging der Kelch des Todes in die Runde,

Und Fluch und Kuß entstürzt' von Mund zu Munde,

Und jeder Fluch war Fessel zu dem Bunde,

Und jeder Kuß war eine schreinde Wunde,

Und jede Brust war eines Schwertes Ziel;

Es spielten die Geschlechter blutig Spiel,

Um Lust, Not, Mord, des Todes Schleier fiel,

Sie schäumten blutig wie verbißne Hunde,

Und nimmer ward der Becher leer zum Grunde,

Da leert ich ihn zur grau'nden Morgenstunde;

Rund um die Tafel war der Himmel blutig,

Sie stäubten auseinander, ich blieb mutig,

Schon trat der Morgenstern gleich wie ein Held,

Mir ernsthaft winkend, vor das Nachtgezelt,

Doch immer fest ist Wlasta noch geblieben,

Die auf der Tafel wildem Knochenfeld

Ein Würfelspiel mit Schädeln lang getrieben;

Da hat sich einer gegen mich gestellt,

List gegen List, und Trug nun gegen Trug,

Bis jener dort den Sieg von dannen trug.

Es schrie der bunte Hahn mit hellem Schrei,

Wie mit der Sichel, mir den Traum entzwei.


Sie zeigt auf Stiason, der unter der Menge ist, und Hahnenfedern auf der Mütze hat.


LIBUSSA.

Sie rast!

LAPACK.

Mein Kind!

STIASON.

Was schauest du mich an?

PRIMISLAUS.

Was hast du, Tolle, gegen diesen Mann.

WLASTA.

Ich fluche ihm, er ist der rote Hahn,

Ich fluche ihm, ich fürcht ihn, dann und wann.[821]

STIASON.

Herr, tue mich aus ihrer Augen Bann,

Ich hasse sie, sie hat mirs angetan.

KASCHA.

Sie hat den Trank der Hegesa getrunken.

PRIMISLAUS.

Halt, Lapack, deine Tochter in dem Zaum!

WLASTA.

Dich seh ich an des Traumes blutgem Saum!

LAPACK.

Weh mir, sie ist in Wahnsinn ganz versunken!

LIBUSSA.

Wlasta, ich mahne dich, bei deinem Eid,

Vermehre nicht um dich mein bittres Leid,

Zerreiße nicht dich selbst mit wildem Wahne,

Tritt zu mir her, und ehre deine Fahne!

Gedenk der frühen Liebe unsrer Jugend,

Gedenk vereinten Kampfs, vereinter Lust,

Und tilge nicht das Abbild deiner Tugend

Mit ekler Raserei aus meiner Brust.

WLASTA ernst gerührt.

Libussa, Seherin, du kennst die Stunden,

Wo Zukunft in dem Hinterhalte lauert,

Und wo des Menschen Geist vorahndend trauert;

Du kennst die Zeit, wo gleich dem Blut aus Wunden

Die Zukunft aus dem Hinterhalte dringt,

Die Gegenwart gespenstisch mit ihr ringt.

Wer diesen Kampf bestand, hat überwunden,

Der lacht nicht mehr, der weinet auch nicht mehr,

Und träfe ihn das Leid auch noch so schwer.

Dem locket nimmer freudig sich das Haar,

Der einmal lebend schon begraben war.

Ich, die nun das Entsetzliche gesehn,

Kann unentsetzt bei deiner Fahne stehn.


Sie tritt zur Fahne.


LIBUSSA.

Gab Zwratka dir nicht einen Zaubertrank?

WLASTA.

Sie gab mir einen Trank, denn ich war krank;

Sie wollte in die Höhle mich verschließen,

Doch meine Flügel sich nicht halten ließen;

Mich trieb ein innrer Drang mit Sturmesschnelle,

Der Wald umsauste mich gleich Meereswogen,

So bin ich wie ein hülflos Schiff geflogen

Durch wilde Wüste auf empörter Welle;

Die Nacht, die meine Seele mir umzogen,[822]

Zerriß in Schreckgesichte Blitzeshelle.

Wie der Kometenschweife glühnde Ruten

Sah drohend ich mein Haar die Nacht durchfluten,

Und in dem Hirne fühlt ich kaltes Feuer;

Da brachen nieder aller Sinne Steuer,

Bewußtlos mich des Sturmes wilder Flug

Zur Hütte deines frommen Herrn verschlug,

Mein letztes Segel riß an seinem Pflug.

Er könnt nicht helfen, und von seiner Schwelle

Trieb weiter mich die unbarmherzge Welle.

So stieg, so sank ich in des Abgrunds Haus,

Was ich gesehn, spricht keine Zunge aus.

PRIMISLAUS.

Gleich fremdem Vogel, den des Stribogs Söhne,

Die Stürme, aus der Heimat weit verschlagen,

Kam sie zu meiner Flur mit fliehnder Mähne,

Das blutge Schwert sah ich sie schwankend tragen,

Verwirrt sprach sie auf meine bange Fragen,

Und sank bei meiner Tür, als tot, zur Erde,

Erstarrend in entsetzlicher Gebärde,

Den Mund verbissen und die Augen offen,

Als hätte sie Marzanas Pfeil getroffen.

Mit meinem Mantel ihre Schmach ich deckte;

So ließ ich sie, nicht weiß ich, wer sie weckte.

Nun aber klag ich ihre Mutter an,

Die also schändlich ihrem Kind getan,

Mit böser Kunst die Seele ihr entzügelt

Und mit verfluchtem Rausche sie geflügelt.

DRZEWOSLAUS.

Lapack, von dir sei heut um Mitternacht

Zwratka, dein Weib, zum schwarzen Stuhl gebracht.

LAPACK.

Ich sag es ihr, doch kann ich sie nicht zwingen,

Sie ist ganz voll von wunderbaren Dingen,

Wenngleich durch ihre Maifahrt noch von Kräften,

Zog sie schon früh in heiligen Geschäften.

Vielleicht ist sie heut nacht auch nicht zuhaus,

Sie geht in dieser Zeit sehr oft zum Schmaus.

Wlasta wird auch nicht von der Reise sterben,

Geht sie der Mutter nur nicht ins Gehege.

Ein schlechter Krug selbst bricht nicht gleich in Scherben,[823]

Fährt er zum Brunnen auf gebahntem Wege;

Sie wird die Künste von der Mutter erben.

Zu scharf macht schartig, schartig macht zur Säge;

Was ist die Zinke, folgt sie nicht dem Kamme?

Ich weiß, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.

PRIMISLAUS.

Doch böses Holz zum Feuer ich verdamme,

Dein Weib wird nicht von ihrer Strafe frei,

Und stände selbst der finstre Tschart ihr bei.

LIBUSSA giebt dem Primislaus Mantel und Schuhe, die ihr Wlasta gab.

Die Schuhe und den Mantel nimm zurück,

Die Götter wählten dich und nicht das Glück.

PRIMISLAUS.

Sie mögen in dem Schatz von Böheim liegen,

Der Nachwelt blinde Hoffart zu besiegen,

Dir aber, Teure, gebe ich den Ring,

Der wie ein Glücksstern vor dem Pflug mir hing.


Er giebt ihr den Armring.


LIBUSSA.

Ihr Götter, Primislaus, wer gab ihn dir?

PRIMISLAUS.

Verschwiegenheit versichernd, ward er mir.

LIBUSSA.

Du weisest mich mit keinem Eide ab,

Denn du darfst sagen, wer ihn nicht dir gab;

Hat Wlasta diesen Ring dir nicht gegeben?

PRIMISLAUS.

Nein, Wlasta gab ihn nicht, bei meinem Leben!

LIBUSSA.

Den Göttern Heil! du hast ihn nicht von ihr!

So fluchet dann Libussa hier dem Dieb,

Vor dessen Hand der Ring nicht sicher blieb:

Wer war bei dir, seit dieser Ring bei dir?

PRIMISLAUS.

Wlasta, Stratka, Wrsch, Slawosch, Domaslaus

Und deine Boten sahen mich zu Haus.

LIBUSSA.

So ist der böse Dieb dann unter diesen.

TETKA.

Laß, Pachta, uns nun deiner Kunst genießen,

Den Dieb mit Buch und Schüssel schnell zu finden.

PACHTA.

Gieb deinen Gürtel mir, das Buch zu binden.


Er steckt einen Schlüssel in ein Buch, das er aus der Brust zieht und bindet ihn fest.


PRIMISLAUS.

Welch Buch ist dies?[824]

PACHTA.

Der ewgen Zeit Geschichte,

Des liebsten Jüngers göttliche Gesichte.

PRIMISLAUS.

Zeig mir das Buch!

PACHTA.

Du kannst es nicht verstehn,

Denn in der heilgen Sprache ists verfaßt.

PRIMISLAUS.

Erklär es mir.

PACHTA.

Dies sollte gern geschehn,

Verständ ich es.

PRIMISLAUS.

So ist es dir zur Last,

Wirf es hinweg, kannst du es nicht verstehn.

PACHTA.

Dann müßten wir entblößt von allem gehn,

Verwerflich wär das Leben, die Natur,

Der ewge Gott, bewahrten das wir nur,

Was wir verstehn. Herr, alles, was wir haben,

Sind des geheimnisvollen Gottes Gaben,

Sind göttlichen Verkehres Angedenken,

Die Seele zu dem Geber hinzulenken.

Mich ließ dies Buch ein Freund, ein Lichtgenoß,

Mit diesem Schlüssel seiner Hütte erben,

Als ich die blinden Augen ihm im Sterben

Und weinend dann die kleine Hütte schloß.

Nun hab ich mir zu dieser Wälder Nacht

Den lichten Trost des blinden Freunds gebracht.

PRIMISLAUS.

Dein Wort ist ehrbar, fang dein Werk nun an.

PACHTA.

So tretet, Wrsch und Wlasta, nun heran.

Der Knauf des Schlüssels, den dies Buch beschwert,

Legt auf die Mittelfinger eurer Rechten;

Der aber, dem das Buch den Rücken kehrt,

Der ist der Dieb, es kehrt sich zum Gerechten.

Wohlan! Unschuldig Blut! Unschuldig Blut!

Du wendest dich von des Verbrechers Blut.

TETKA.

Es wendet sich das Buch nach keiner Seite.

PACHTA.

Unschuldig oder schuldig sind sie beide.

PRIMISLAUS.

Dein Glaube ist weit stärker als dein Buch.

PACHTA.

Wie das, o Herr?[825]

PRIMISLAUS.

Traf nicht Libussens Fluch

Den Dieb des Rings, ich wollte dich beschämen.

LIBUSSA.

So will ich meinen Fluch zurück hier nehmen.

PRIMISLAUS.

Sag kühnlich, Wrschowetz, wie dieser Ring

Aus deiner Hand in meine überging?

WRSCHOWETZ.

Mit Domaslaus, Libussa, nahm ich ihn

Von dem zerstörten Siegstein zu Djewin.

Dein Herr erhielt, da wir im Streite waren,

Den Ring, um ihn dem Sieger zu bewahren,

Gleich jenem Apfel, den wir auch ihm gaben,

Weil wir dein Rätsel nicht verstanden haben.

LIBUSSA.

Pachta, das Auge deines Buchs sah rein,

Denn nie lag dieser Ring im Siegesstein!

PRIMISLAUS.

Er ist durch ihn an meinen Pflug gekommen.

LIBUSSA.

Durch ihn! So hat er Wlasta ihn genommen.

WRSCHOWETZ.

Nein, zu Djewin.

WLASTA.

Weh mir, ich bin geschlagen

Ich habe ihn zu Primislaus getragen;

Von Liebesnot und Ruhmbegier berauscht,

Hab meinen Ring mit deinem ich vertauscht,

Denn Zwratka log, daß an Libussens Ring

Des ganzen Glückes voller Segen hing.

Nimm deinen Ring von meinem Arm zurück,

Denn nimmer wird Libussens Glück mein Glück!

LIBUSSA.

Behalte deinen Ring, er ist der deine,

An deinem Arm, treulose, war der meine;

Als ich den Arm dir zu Djewin verband,

Verwechselte die Ringe meine Hand.

Ich hatte dir, du rettetest mein Leben,

Zum Lohn den heilgen Ring des Glücks gegeben.

WLASTA im höchsten Schmerz.

Weh mir! weh mir!

TETKA.

Groß ist der Götter Macht.

KASCHA.

Und auf dem Baum der Sünde wächst die Rute.

WLASTA sie zerrauft ihre Haare.

Weh mir! weh mir! Fluch Kaschas Hochzeitsnacht!

Fluch diesem Ring! Fluch meinem tollen Blute!

Den Schicksalsgöttern gab ich mich zu eigen.[826]

LIBUSSA.

O, haltet sie!

WLASTA die Jungfraun halten sie.

Die Berge muß ich steigen

Und meine Schmach durch alle Wälder schrein,

Laßt mich! laßt mich! o mehrt nicht meine Pein!

Ich schreie, bis der böse Div mich hört,

Der kalte Würger auf mich niederfährt,

Fluch aller Liebe, Zucht, den Männern allen!

Durch Lieb, Zucht, durch den Mann bin ich gefallen.

Platz! Platz! wer hindert meinen Lauf!


Sie reißt sich los.


LIBUSSA.

Schließt euch, ihr Männer, haltet sie mir auf!

STIASON tritt ihr entgegen.

Steh, Wlasta, Rede, du hast mir geflucht?

WLASTA sich fassend, ihm entgegenstellend.

Ja, du, du bists, so sei mein Glück versucht,

Verfluchte Hahnenfeder auf dem Hut!

Du färbst dich nimmermehr mit Wlastas Blut!


Sie erhebt ihr Schwert mit beiden Händen, er unterläuft sie, und umarmt sie. Stratka, Scharka entreißen ihr rücklings das Schwert.


Weh mir!

STRATKA.

Wir wollen einst zusammen sterben!

SCHARKA.

Den schönsten Tod, der Nachruhm soll uns erben!

WLASTA gelassen tiefsinnig.

Es kömmt ein Gipfel und ein Abgrund mir!

LIBUSSA.

Hinauf zu meiner Kammer geht mit ihr!

Geh, Wlasta, geh, ich weiß wohl, was du sprichst,

Ich kenn ihn wohl, den Feind, gen den du fichst,

Doch Zeit ist nicht, die Zukunft zu verkünden,

Da wir die Gegenwart nur fromm begründen.


Sie führen Wlasta hinan.


PRIMISLAUS zu Stiason.

Wie heißt du und dein Geschlecht, mein Sohn?

STIASON.

Ich bin aus Heskys Stamm, der Stiason.

PRIMISLAUS.

Was tatst du ihr, wie kömmt die Hahnenfeder

Blutig auf deinen Hut? Das trägt nicht jeder.[827]

STIASON.

Seit ich ein Schwert trag, ist sie mir bekannt,

Ich geh ihr nach, hab meine Lust an ihr;

Stets muß ich wissen, was für ein Gewand

Sie täglich trägt und welche Helmeszier.

Ja ihrer Füße Spuren in dem Sand

Schau ich selbst an mit törichter Begier;

Sie hat mirs angetan auf alle Weise,

Ich weiß nicht, ob im Blick, im Trank, in Speise?

Und neulich hier bei Biwogs Hochzeitstanz

Ward mir das Herz nach ihr nur allzu groß,

Ihr Harnisch schimmerte im Fackelglanz,

Ich zog sie in den Kreis, sie riß sich los

Und stand vor mir, ihr Blick durchbohrt' mich ganz,

Ich fühlte ihn gleich einem Lanzenstoß,

Und als ich sie vom Saal sah heimlich schleichen,

Mußt ich ihr folgen, konnt nicht von ihr weichen.

Sie ging an meines Vaters Hof vorbei,

Und weil ich wußte, wo der Haushahn ruht,

Und daß des Hahnen Sichel und Geschrei

Gen alle zauberische Künste gut,

Entriß ich ihm der bunten Federn drei,

Und steckte, glaubend, sie auf meinen Hut,

Daß mir die bunte Feder Mut verleih;

Sie stürzte durch den Wald mit blinder Wut,

Und sprach von einem Ring, der vor ihr sei,

Und als am Siegesstein sie lang geruht,

Ward nun der Mond am Sternenhimmel frei,

Und ihrer Worte wild verwirrte Flut

Verriet mir da, daß ihre Fantasei

Den Eichwald sah in lichter Flammen Glut.

Jetzt ward mir bang um sie, ich trat herbei,

Und sah, aus ihrer Wunde rann das Blut.

Da tauchte ich gen ihre Zauberei

Die Federn ein, und mir ward leicht zu Mut.

Doch sie erwacht' mit wütendem Geschrei,

Und fluchte mir als eines Drachen Brut,

Und faßte mich, ich mußte mit ihr ringen,

Sie schmerzte mich, ich konnte sie bezwingen.[828]

Am Siegesstein warf ich die Schwache nieder,

Da ward mir wohl, nach Haus eilt ich nun wieder,

Wie hoch erfreut, daß ich sie überwunden!

PRIMISLAUS.

ihr Mägdlein, die ihr euch am Schwert vergrifft,

Sie hat an ihm wohl ihren Mann gefunden.

LAPACK.

Ein matter, stumpfer Pfeil leicht tödlich trifft

Ins blutge Ziel schon aufgerißner Wunden.

LIBUSSA.

Er bleibt die Woge, gegen die sie schifft,

Die Segel voll, die Segel eingebunden.

KASCHA.

Ein jedes Gift hat auch sein Gegengift,

An Stiason wird Wlasta einst gesunden.

PRIMISLAUS.

Ich nehme dich zu meinem Diener an,

Um wache mich gleich ritterlichem Hahn.

STIASON.

Heil meinem Herrn! Der Hahn nun tapfer kräht,

Und Kampf und Tod der Henne, die ihn schmäht.

PRIMISLAUS.

Druhan, Chobol, Motol, Ctirad, zu Räten

Erwähl ich euch, doch Wrsch soll vor euch treten.


Die Männer neigen sich.


WRSCHOWETZ.

Vom Stamm des Chechs, bin ich aus Lechs Geschlecht,

Des Landes Freund, des Herren Rat und Knecht.

Erlaub, daß ich dir nah mein Haus erbaue,

Damit ich leicht auf deine Winke schaue.

PRIMISLAUS.

Nah bei Libin sei deines Hauses Stand,

Das Wrschowicze sei nach dir genannt.

LIBUSSA hebt ihren Stab empor.

Weh, Primislaus! du säst des Giftes Samen,

Und bettest dir ans Herz der Schlangen Brut.

Weh uns! weh uns! daß in das Land sie kamen,

Ihr Blut vergießet unsrer Kinder Blut.

Sie fluchen deinem, fluchen meinem Namen,

Und in der Rache lang vererbter Wut

Wird dieser Drachen Neid mit bösen Listen

Noch auf den Hügeln unsrer Enkel nisten!

WRSCHOWETZ mit Heuchelei.

O Herr, so tilgt denn Reue keine Schuld,

Und keine Tat des Zornes büßt Geduld,

So erbt ein Fehler denn wie giftige Fäule[829]

Von Kind zu Kind in einer bösen Beule;

So ist die Sünde denn ein ewger Tod,

Und weil mein Vater Krokus' Baum bedroht,

Ruht nimmer nun die Säge mir im Schild;

Zerbrich! zerbrich! du tief verfluchtes Bild!


Er zerbricht seinen Schild, und reicht Primislaus sein Schwert.


Nimm hin mein Schwert, stoß es durch meine Brust,

Schütz deinen Thron, du mußt, ich sterb mit Lust.

PRIMISLAUS besänftigend.

Der Seh'rin Wort, es ist ein heilig Wort,

Des Herren Wort, es ist ein ewig Wort.

Mag Ewigkeit mit Heiligkeit dann streiten,

Die Zeit und du, ihr sollt den Kampf entscheiden.

Für die du fichtst, ihr wird der Sieg sich neigen,

Du kannst dich treu, du kannst dich treulos zeigen;

Doch bis du fällst, bleibst du in meiner Huld.

Zum Zeichen nehme ich das Bild der Schuld

Aus deinem Schild; es sei ins blaue Feld

Die goldne Fischerreuse dir gestellt,

Weil Wrsch, dein Name, eine Reuse heißt;

Nun fische treu, daß nicht dein Netz zerreißt.

WRSCHOWETZ.

Heil dir, o Herr, die Drachen und die Schlangen

Hast du mit dieser Reuse weggefangen!

Lieb, Gnade, Weisheit machst du mir zu Banden,

Wer mir sie löst, der wird an mir zuschanden.

PRIMISLAUS.

Nun aber gönnet mir, ihr tapfern Chechen,

Ein ernsthaft Ritterwort mit euch zu sprechen.

Dem Leib des Menschen gleicht des Staates Leben;

Daß nicht ein Glied das andere verletze,

Muß nur ein Geist in allen Gliedern weben,

Der Geist des Rechts, die Einheit der Gesetze.

Um den Besitz zum Eigentum zu heben,

Ist nötig, daß ich jedem Grenzen setze,

Die Feldmark teile, Maß, Gewicht begründe

Und einer festen Münze Wert verkünde.

Dies alles soll in erster Zeit geschehn,

Doch Folgendes von jetzt als fest bestehn.[830]

Des Staates Kraft ist der Familien Einheit,

Die Einheit aber gründet sich auf Reinheit,

Und Reinheit ist entgegen der Gemeinheit.

Es soll das Weib nur eines Mannes sein

Und nicht, wie jetzt, stets mehreren gemein.

Des Mannes Ehr geh aus des Weibes Leibe,

Daß Kindern ihres Vaters Name bleibe,

Daß gute Art durch Buhlerei nicht sterbe,

Der Bastard nicht des Sohnes Gut erwerbe.

VOLK.

Ein weises Wort, Heil dir, o Primislaus!

MÄGDLEIN UND WEIBER.

Auch uns ein Recht! Libussa, sprich es aus!

LIBUSSA.

Dem Manne, der ein zweites Weib erkoren,

Dem sei die erste und ihr Gut verloren,

Das Seine doch muß er den Kindern teilen,

Und dieses gelte so von beiden Teilen,

Denn was dem Ziele gilt, gilt auch dem Pfeil.

DIE WEIBER.

Ein weises Wort, Heil dir, Libussa, Heil!

PRIMISLAUS.

Wer selbst sich Rache nimmt, verliert sein Recht,

Den trifft das Recht, der Rechtes Rache schwächt.

Blut tilget Blut, und Mord ist niemals gut,

Man wird euch tun, wie ihr dem andern tut.

Nicht Mord ist Notwehr, denn die Not bricht Eisen,

Der Schmerz darf aus dem Fuß den Dorn sich reißen.

Ein Wort, ein Wort, solang ein Mann ein Mann,

Die Mannheit nehm ich dem, der Worte bricht,

Dein aber, der den Eid mir brechen kann,

Dem bricht den Stab des Lebens das Gericht;

Die Zunge, die ihn um sein Leben schwor,

Die werfe er auch selbst den Hunden vor.

Vor allem heilig sei die Sicherheit,

Wer nur den Wert des Weidenstranges stiehlt,

Der ihn erwürge, hänge jederzeit,

Und wer mit List der Einfalt Gut erzielt,

Durch Rechtsumgehung und durch Rechtsverdrehung,

Durch Rechtszertretung und durch Rechtszerknetung,

Durch Rechtsverrenkung, Kränkung, Lenkung, Schenkung,[831]

Durch Wucher, Lüge und Fürsprecherei,

Durch welche niedre Schuftenkunst es sei,

Den will ich drehen, treten, kneten, kränken

Und den geschmeidgen Rücken ihm verrenken,

Er soll die Schriften all hinunterfressen,

Mit denen er sich Fremdes zugemessen.

Ich rate euch, ihr Richter, werdet blind,

Verlieret eurer Hände bös Gefühl,

Geruch, Geschmack euch auch verboten sind,

Und schlafet nicht, setzt euch im Sommer kühl,

Trinkt Wasser, bändigt frecher Triebe Brunst,

Sprecht Recht ohn Kunst, braucht nie das Wort mit Gunst,

Vor euch sei jeder namenlos, geschlechtlos

Und gabenlos, sonst werdet ihr mir rechtlos.

Und so ihr faul, feil, geil und schmutzig seid,

Tret in den Kot ich die Nichtsnutzigkeit.

Der Richter, der Geschenken je sich neigt,

Der lüstern nach der schönen Klägrin schielt

Und der, die Hülfe sucht, sich selbst empfiehlt,

Der, wenn er sprechen soll, die Hand hinreicht

Und mit den Augen nach dem Beutel zeigt,

Der ist ein Dieb, der mir das Haus umschleicht,

Der ist ein Dieb, der mir ins Fenster steigt,

Der ist ein Dieb, der meine Ehre stiehlt.

Der Kläger, der Geschenk dem Richter bringt,

Metall, Frucht, Fleisch vom Menschen oder Tiere,

Was es auch sei, womit er ihn verführe,

Verliert sein Recht, wie es ihm auch gelingt.

Erst soll der Richter den Bestecher hängen,

Und dann sich selbst an selbstgeflochtnen Strängen.

Hiermit sei das Gesetz heut abgetagt,

Es spreche jetzt, wer bittet oder klagt.

DRUHAN.

O gründe uns, Libussa, eine Stadt,

Wo jeder Raum sich anzusiedlen hat,

Daß alle sich in deinem Rechte sonnen,

Ist allzusehr des Volkes Flut zerronnen,

Zu Pflicht und Schutz sind wir so weit getrennt,

Daß einer hier den anderen kaum kennt,[832]

Nun wolle uns nach guter Stelle schauen.

PRIMISLAUS.

Libussa! Seherin! wo ist gut bauen?

LIBUSSA.

Hört ihr der Äxte Schlag jenseits im Wald,

Wo sich der steinge Berg zum Tale teilt,

Das Bächlein Bruska zu der Moldau eilt,

Und wo der Berg sich mit Delphins Gestalt

Zum Bächlein schwingt, dort fragt die Zimmerleute,

Was heute ihrer Äxte Werk bedeute;

Habt ihr erfraget, was sie dort bereiten,

So kehrt zu mir, dann will ich euch bescheiden.


Druhan und Chobol ab.


PRIMISLAUS.

Es haben Ernst und Freude ihre Zeit,

Nun stellen wir den strengen Ernst beiseit.

Auf! lasset alle Freudentöne klingen,

Der Rätsellöser will im raschen Tanz,

Bis ihr entsinkt der Hochzeit Blumenkranz,

Nun seine Braut in allen Züchten schwingen.


Es erhebt sich eine freudige Musik, Tetka und Kascha setzen Libussen unter folgendem Gesang den Blumenkranz auf.


TETKA UND KASCHA.

Nimm den Kranz, du Frühlingsbraut,

Von dem Maiengott betaut,

Maienblumen, süße Glocken,

Läuten dir das Glück ins Haus.

Zöpfe werden deine Locken,

Dir am Busen diesen Strauß

Soll er pflücken, mög es glücken!

Aber will er ihn zerdrücken,

Strafe ihn mit süßen Küssen,

Bis er es wird lassen müssen.

CHOR DER DIRNEN.

Nimm den Kranz, du Frühlingsbraut,

Von dem Maiengott betaut,

Maienblumen, süße Glocken,

Läuten dir um deine Locken,

Läuten dir das Glück ins Haus,

Nimm den Kranz, und nimm den Strauß![833]

PACHTA UND BIWOG kränzen den Primislaus.

Wir kränzen den Herren,

Wir kränzen das Glück;

Es lacht dir im Kranze

Ein selig Geschick.

Sei mild wie die Blumen,

Sei ernst wie das Laub,

Und geh mit den Bienen

Auf nützlichen Raub!

Und baue den Honig,

Das Wachs in die Zellen,

Und lasse die Wiege

Den Kindern bestellen.

CHOR DER MÄNNER.

Sie kränzen den Herren,

Sie kränzen das Glück.

Uns lacht aus dem Kranze

Ein selig Geschick.


Die Priester haben indessen vor dem Bilde des Jutrobogs einen kleinen Scheiterhaufen von wohlriechendem Holze errichtet. Drzewoslaus giebt Libussen, Lapack dem Primislaus eine brennende Fackel, mit welchen diese mit verschlungenen Armen das Holz anzünden, sie legen die Fackel darauf, und umarmen sich; währenddem singen die Priester, in einer feierlich freudigen Weise.


HALBCHOR DER PRIESTER.

Jutro, führ am Rosenzügel

Segenvoll dein Silberroß

Ewig von dem Sonnenhügel

Über dieses Hochzeitsschloß.

GANZER CHOR.

Jutro, Maiengott, den Winter

Halt von diesem Bunde fern,

Und für Kind und Kindeskinder

Bleib ein segenvoller Stern!


Aus diesem Chor geht die Musik in einen immer rascheren Tanz über, die Mägdlein bilden einen Kreis. Libussa und Primislaus tanzen den Wrtack zuerst, dann Kascha und Biwog. Tetka und Pachta tanzen nicht; während das Brautpaar tanzt, singen die Dirnen folgendes[834] Lied, und schlagen bei dem Huihussa unter Trompetenschall mit den Schilden zusammen; als Biwog und Kascha schon mittanzen, fängt sich der Kreis an zu drehen, und auch das Volk ordnet sich, und beginnt einen charakteristischen Tanz, der aber, kaum begonnen, von dem Zuge des Slawosch unterbrochen wird.


DIRNEN.

Ernst und Freude tanzen selig,

Freud wird ernsthaft,

Ernst wird scherzhaft,

Sie verwandlen sich allmählich!

Ruft Huihussa, ruft Huihussa!

Primislaus tanzt mit Libussa!


Wie der Ernst nun freudig schwinget,

Ernst wird scherzhaft,

Freud wird ernsthaft,

Seht mir, wie sie gen ihn ringet.

Ruft Huihussa, ruft Huihussa!

Primislaus tanzt mit Libussa.


Seht ihn umschlingen

Und schwingen die Braut,

Freudig erklingen

Die Ringe so laut!


Erst ganz allmählich,

Kaum fröhlich die Braut,

Und nun so selig,

So ehlich vertraut!

Huihussa! Huihussa!

Er schwingt die Libussa!


Ein Trompetenstoß von dem Turme, plötzliche Stille.


PRIMISLAUS.

Ungern hab ich der Wächtrin Ruf gehört;

Wer ists, der meine Ehrenlust mir stört?

DIE WÄCHTERIN.

Slawosch, vier Jungfraun und ein Knabe!

PACHTA.

O Herr! sie bringen meine Hochzeitsgabe,

Den Pelikan, der sich das Herz zerreißt,

Mit treuem Blut die zarten Jungen speist,

Ein Bild des Bluts, das höhrer Lieb entquoll,

Ein Bild des Bluts, das allen helfen soll.[835]

PRIMISLAUS.

Du läßt ein edles Werk zu uns gelangen;

Ertöne, Chor, sie würdig zu empfangen!


Sie ordnen sich, es hebt eine ernsthafte Musik an. Slawosch, Meneljuba, Entawopa, Moriwescha tragen die verschleierte Leiche der Trinitas herein. Hubaljuta und Ziack folgen nach. Hubaljuta ist verschleiert, und setzt sich bei der Bahre schwach nieder.


SLAWOSCH.

Schweigt, Töne, denn ich trag den stummen Schmerz,

Klagt, Jungfraun, und zerrauft die schwarzen Haare,

Ich trag nicht goldne Last auf dieser Bahre!

PACHTA.

O Jesus! Jesus! Wie erbebt mein Herz!

DIE DREI TRÄGERINNEN.

Weh, Pachta dir! o weh euch, weh uns allen!

Es ist die Schönste, Heiligste gefallen!

PACHTA.

Mein Jesus, stärke mich, ich muß sie sehn;

Geh unter, Leben, du wirst auferstehn!


Er reißt die Decke nieder.


O, Trinitas, wie ist dein Blut so rot!


Libussa, Tetka, Kascha treten an die Bahre.


TETKA.

Ihr Blut, ihr Blut, o Jammer, sie ist tot!

Mein war sie, mein, sie hat sich mir geschenkt,

Ihr Anblick floh mir hin gleich einem Blitz,

Die Spinne hat sich auf ihr Haupt gesenkt,

So lag im Traum sie vor des Donnrers Sitz!

LIBUSSA.

Weh! wer hat seine Wut an meinem Bild

Und wen hat meines Bildes Blut gestillt?

Verfluchter Pfeil, von deinem Gifte schwillt

Dies fromme Herz; war denn für dich kein Schild?

KASCHA.

Weh! hin ist hin, wir sahen sie noch kaum,

Ein Gottesbild, zog sie durch unsren Traum,

Am Rand der Nacht ein sonnenroter Raum,

Ein Sternenkuß im dunklen Himmelsraum!

PACHTA.

Hier war das heilge Leben nicht willkommen,

Der Herr hat Licht gegeben, Licht genommen!

TETKA.

Verhüllet sie, der Tag wollt untergehn,

Wir sollen einsam in der Nacht noch stehn![836]

LIBUSSA.

Nimm hin, du Braut des Todes, meinen Kranz.


Sie legt ihren Kranz auf die Bahre.


PRIMISLAUS.

Ich decke dich mit meiner Blumen Glanz!


Legt seinen Kranz auf sie.


TETKA.

Du Herz voll Güte, das in Lieb verglühte,

Ich schmück dich mit der Wolkenbeere Blüte,

Die, mir umkränzend meines Berges Rand,

Ich auch nach mir Tetinbeere genannt.


Sie legt den Blütenstrauß auf sie, und spricht mit steigender Begeisterung.


O schlummre ewig nicht, du süße Magd,

O sei ein Mond, ein Stern, bis es einst tagt!

Dein Grab reißt zwischen Finsternis und Licht

Zum Abgrund eine brückenlose Kluft,

Die meiner Seele irdsche Laufbahn bricht.

Ich baue zu Tetin dir eine Gruft,

Dort will ich um dich weinen, um dich klagen,

Bis Schmerzen mich wie Flügel zu dir tragen.

Tetin, ich sehe dich im Lichte ragen,

Du wundervolles, trauervolles Haus!

Von deinen Zinnen fliehen Tauben aus,

Und schimmern in der Sonne mit den Flügeln,

Es weidet fromm ein Lamm an deinen Hügeln,

Und stirbt unschuldgen Tod auf deiner Schwelle,

Es glänzt der Kelch, und über ihm die Zelle

Wölbt sich empor zur heiligen Kapelle!

Tetin, Tetin, wie strahlest du mir helle!

LIBUSSA.

Zu Krokus' Gruft tragt die geliebte Leiche.

PACHTA.

Dort will ich betend ihr zur Seite knien.

HUBALJUTA mit schwacher Stimme.

Erhebet mich, daß ich nicht von ihr weiche!


Pachta und Slawosch erheben sie, sie wankt.


LIBUSSA.

Wer ist sie, haltet sie, sie sinket hin!

SLAWOSCH.

Daß ganz dem Pelikan die Jungfrau gleiche,

War solche Lieb der Schülerin verliehn,

Daß sie das Gift aus ihrer Wunde trank:

Nun ist sie von dem Gift des Pfeiles krank.

LIBUSSA.

Ihr Götter, welche Treue![837]

TETKA.

Heilger Mut!

PRIMISLAUS.

Ein Heldentrunk!

KASCHA.

Sie trank das giftge Blut!

So zieh ich aus der Wunde schnell den Pfeil,

Vielleicht wird noch für Hubaljuta Heil!

HUBALJUTA.

Ich heiße Primula durch Gottes Weihe,

Der Himmelsschlüssel zu dem Christusmaie,

Zu früh erblich ich, und öffne noch nicht,

Mich hat das Feuer gelocket und das Gift begossen,

Und geahndet nur hab ich das himmlische Licht,

Da traf mich der Reif, und ich bin gestorben,

Doch vor der Himmelstüre, die noch unerschlossen,

Hab um guten Willen ich eine Stelle erworben;

O Heil, o Heil, o könnt ich heilig werden!

Dein Will gescheh im Himmel wie auf Erden!


Sie stirbt.


DIE ZAUBERSCHÜLERINNEN.

Weh!

LIBUSSA.

Weh!

KASCHA.

Sie stirbt!

TETKA.

Daß sich mein Traum vollende!

ZIACK.

O Liebe! so, so hat auch sie die Hände.


Faltet ihr die Hände.


LIBUSSA.

O bringt sie weg! der Schmerz will mich vernichten!

PRIMISLAUS mit Strenge.

Fort mit dem Tod, Lebendge will ich richten!


Tragen beide zu Krokus' Gruft.


DIE MÄGDLEIN.

Marzana! Marzana!

Du kehrtest zurück,

Frost hat uns erschlagen

Das blühende Glück.


Der Mai schickt die Kinder,

Die Blumen heraus,

Die hasset der Winter

Und bricht sich den Strauß.[838]


Kaum lockte die Sonne

Die Primel zur Au,

So traf unsre Wonne

Ein giftiger Tau.


Pachta und Ziack folgen.


SLAWOSCH zu Primislaus.

Zu Pachta ging ich, dir das Bild zu bringen,

Da hört ich wild die Frühlingsweise singen.

Da trieb mich plötzlich angstgespornte Eile,

Doch noch zu langsam Zwratkas giftgem Pfeile.

LAPACK.

So klagt nicht mehr um die verfluchte Magd,

Denn beide sind ob falschem Dienst verklagt,

Es wollen auch die Götter Pachtas Blut!

PRIMISLAUS.

Schweig! Blut tilgt Blut, und Mord ist niemals gut,

Man wird euch tun, wie ihr den andern tut.

SLAWOSCH.

So ist getan, sie schoß den giftgen Pfeil,

Und nieder auf ihr Haupt fiel Slawoschs Beil!

LAPACK.

Fluch! Mörder, dir! Sie fiel nicht ungerächt!


Er sticht mit einem Opfermesser nach ihm.


PRIMISLAUS schlägt es ihm mit dem Schwert aus der Hand.

Wer selbst sich Rache nimmt, verliert sein Recht;

Ihr Männer bringt ihn weg, sein Weib zu klagen.


Sie führen ihn ab.


Du, Slawosch, hast noch Schuld hier abzutragen,

Du hast das Recht der Rache mir geschwächt.

SLAWOSCH.

Herr, tue, wie du willst, mit deinem Knecht!

Auf angespannter Sehne lag ihr Pfeil;

Der Himmel und der Abgrund standen offen,

Ihr Ziel war Trinitas, da fiel mein Beil!

Zorn ist ein Gipfel, Rache stürzet steil,

Wer darf am Rand des Abgrunds lange hoffen,

An einem Augenblicke hing noch Heil.

Weh mir! mein Beil hat sie zu spät getroffen!

PRIMISLAUS.

Nicht Mord ist Notwehr, denn die Not bricht Eisen,

Der Schmerz darf aus dem Fuß den Dorn sich reißen.

Doch du erschlugest eine Priesterin,[839]

Mein Mantel reicht nicht, dich zu schützen, hin.

Doch wird das Blut von deinem Haupt gelöscht,

So eine Priesterin die Hand dir wäscht.

TETKA füllt den Kelch am Quell, gießet ihm auf die Hand, und trinkt mit ihm.

Ich fülle meinen Kelch mir frischem Born,

Sei rein von Blut, denn heilig war dein Zorn.

Jetzt trinke du, und mir gebührt die Neige,

Daß sich mein Traum heut ganz erfüllet zeige.

Reich mir die Hand, o Slawosch, mein Gemahl.

SLAWOSCH.

Ihr Götter, welch ein Himmel in die Qual!

STIMMEN.

Heil, Tetka! Götter, segnet ihre Wahl!

PRIMISLAUS.

Gedenke, Biwog, Slawosch, Primislaus.

In frommer Treue waren wir verbündet,

Und riefen liebend ihre Namen aus;

Wir haben friedlich unsre Wahl verkündet,

Das Glück führt allen uns die Braut nach Haus,

In Eintracht ist der Segen uns begründet!

BIWOG.

In Eintracht soll der Segen Früchte tragen.

SLAWOSCH.

Ja tausendfältig, bis zu ewgen Tagen!


Sie umarmen sich.


DRUHAN UND CHOBOL.

Wir kehren, Fürstin, wieder aus dem Wald,

Wo sich der steinge Berg zum Tale teilt,

Das Bächlein Bruska zu der Moldau eilt,

Und wo der Berg sich in Delphins Gestalt

Zum Bächlein schwingt, dort fanden wir den Klen,

Des Smili Sohn, mit Sudivoy, dem Sohn;

Sie zimmerten, und als sie uns ersehn,

Ruht' ihre Axt, sie waren fertig schon;

Wir grüßten, fragten: Meister und Geselle,

Was zimmert ihr? Sie sprachen: Prag, die Schwelle!


Eine Stille.


LIBUSSA wird ernst, schaut in die Ferne hinaus, und steigt auf Krokus' Stuhl, und spricht, als sähe sie die Stadt vor ihren Augen entstehen.

Die Berge treten ehrfurchtsvoll zurück,

Es öffnet sich des Tales sichrer Schoß,[840]

Denn oben schwebt das wandelbare Glück,

Und wirft der Nachwelt rätselhaftes Los.

O Herrlichkeit! sie wächst vor meinem Blick,

Sie steigt, sie windet sich, wie wird sie groß!

Schon ruft sie, spiegelnd in der Moldau Welle:

Prag, Prag, heiß ich, bin deines Ruhmes Schwelle!


Ich hör das Beil, es lichtet durch den Wald,

Und feste Häuser steigen rings empor,

Sie reihen sich in wechselnder Gestalt,

Die Mauer schirmt, es wehret Turm und Tor,

Es engt der Raum, zur Höhe treibt Gewalt,

Schon ragt am Berg der Schlösser hohes Chor,

Sie jauchzen lichtstolz in der Sonnenhelle:

Prag, Prag, du unsres Glanzes Ehrenschwelle!


Schon fasset sie nicht mehr des Tales Bucht,

Schon wehret ihr nicht mehr des Flusses Macht,

Und wie der Bergstrom wachsend Ebne sucht,

Dringt jenseits sie; der Wälder tiefe Nacht,

Sie neigt sich ihr; der Fläche stolze Frucht,

Die weite Stadt, zum blauen Himmel lacht,

Und grüßt hinüber zu den Schlössern helle:

Prag, Prag liegt hier vor seines Thrones Schwelle!


Ja wie des Bergstroms Sohn, der blanke See,

Liegt sie gebreitet in der Sonne Glanz,

Und wie versteinte Wogen ringsum seh

Ich stolzer Schlösser, hoher Tempel Kranz.

Es braust das Volk, und rauscht in Wohl und Weh;

Es tost die Stadt in Lust und Waffentanz,

Und mancher singt auf des Geschickes Welle:

Prag, Prag, du meines Glückes reiche Schwelle!


Sieh! auf dem Schloß erglänzet eine Krone,

Und, wie ein Königsmantel weit, ergießt

Die goldne Stadt sich von des Berges Throne;

Um ihn, als ein gestirnter Gürtel, fließt

Die Moldau ernst, und Heil der Nachwelt Sohne!

Der mit der Brücke Demantschloß ihn schließt.[841]

Durch Siegesbogen lobsingt laut die Welle:

Prag, Prag, du meines Heils umpalmte Schwelle!


O Trinitas, ich seh aus deiner Gruft

Zwei goldene Oliven sich erschwingen,

Im heilgen Garten würzen sie die Luft,

Durch alle Himmel muß ihr Duften dringen,

Gleich frommen Bienen um der Blüten Duft

Wird alles Volk in ihrem Schatten singen.

Es bricht die Nacht, o Duft, o Lichtes Helle!

Prag, Prag, du unsers Heils und Glaubens Schwelle!


Sie sinkt Tetka und Kascha in die Arme.


PRIMISLAUS.

Schmückt mir den Pflug, den mir Libussa gab,

Ich pflüg den Raum der neuen Stadt euch ab.

Erhebet euer Herz, und jauchzet helle:

Prag, Prag! du unsers Heils und Glaubens Schwelle!

ALLES VOLK.

Prag, Prag! du unsers Heils und Glaubens Schwelle!

Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 4, München [1963–1968], S. 792-842.
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