Selbstbekenntnisse des Uhrmachers BOGS, welcher zwar längst das menschliche Leben aufgegeben, nun aber doch in die bürgerliche Schützengesellschaft aufgenommen zu werden wünscht

[877] Nachdem meine Vorfahren bereits so lange das Leben unter Händen gehabt, ist es mir, Gott sei Dank, schon in der Gestalt einer wohleingerichteten Uhr überkommen, welche so in der Ordnung ist, daß jeder, der ihren Ketten und Rädern sich nicht drehend anschließt, gekettet und gerädert wird. Als Kind war ich schon so im Kreise herumgedreht, daß ich schon rund dumm war, da ich zu Verstande kam, und das erste Wort, das ich redete, war an meine poetische und verliebte Kindermagd: »Mensch, lasse Sie mich unter kein Rad kommen, damit ich selbst ein gut Rad oder eine gesunde Speiche werden kann.« Endlich selbst zum Maschinengliede erwachsen, arbeitete ich, um Zeit zu gewinnen, an Uhren, und setzte mich in meinen Freistunden auf einen Ast, den ich hinter mir abhieb, um mit herunterfallend den Ast und die Zeit des Herabsteigens nicht zu verlieren. Auch wußte ich immer, wieviel an der Uhr ist, um nicht zu wissen, wieviel oder wenig an der Zeit sei. Auch verlieh mir Gott das Talent der Beredsamkeit, durch welches[877] ich einstens dem Staate viele brave Uhrmacher erhalten, die auf dem Punkte waren, unter die Menschen zu gehen. Ich arbeitete damals im Auslande, und es war einer unserer Gesellen von einem holländischen Generalstaaten, weil er ihm zu viel von spanischen Nobels und dem Bruder Grafen erzählt, im Zorne elendiglich ermordet worden; am Grabe dieses Jünglings, der von Schelmuffskischer Abkommenschaft gewesen, waren alle Uhrmacher versammelt, eine Leichenpredigt zu hören, welche also begann:

»Selig der, dem, ermüdet an dem ewigen Einerlei des Drehens und Gedrehtwerdens, die Sonnenidee Ewigkeit einen unsterblichen Strahl in das Leben, tröstlicher noch in den Tod wirft. Aber, leider, ist das Werk verbaut durch sich selbst und das Gehäus, damit kein hindernder Staub es auf stillstehende Gedanken bringe. Der Verstand stehe einem still und der Kopf laufe mit einem davon, hat man uns zu fürchten gemacht, damit es uns nicht einfalle, stille zu stehen, und zu erstaunen über uns oder das Werk. Da liegt er nun, das unglückliche Schlachtopfer, der Verstand steht ihm stille, wie der Puls. O hätte er die Ewigkeit außer der Zeit, und das Unendliche außer dem Raum gesucht, statt Uhren zu machen, hätte er die Ewigkeit der Idee in die Zeit als Musik, das Unendliche der Idee in den Raum als Bild gebracht, usw.«

– Sotanes und der Art unsinniges Geschwätz setzte mich in die größte Besorgnis um meine noch nicht konfirmierten schwankenden Mitbrüder, welche ich bereits halb objektive und halb subjektive Gesichter schneiden sah; ich sprang also aufs Grab und unterbrach jenen von der neuen Schule angestellten Redner folgendermaßen:

»– Ho, Ho! daß wir nicht blind in die Migräne hineinrennen und gar Hirngeburten hervorbringen, sage Hirnsgespinste, in welchen keine Fliege geschweige ein Pfennig hängen bleibt, o laßt uns an jenem alten heidnischen Gotte Jupiter, der zuletzt als Invalide unter die Planeten gesteckt worden war, ein warnendes Beispiel nehmen. Er mußte, weil er neben die Schule gegangen und in unehelicher Begeisterung mit irdischer Schönheit mancherlei unbrauchbare Fantasten, als da sind Götter und Helden, erzeugt, endlich selbst zur Strafe eine ewige Jungfrau,[878] die Patronin aller Schulen und Schulmeister, unter großen Schmerzen durch eine Kopfwunde gebären, welche ihm mit einem Beile gemacht worden. Lasset uns durch diese traurige Begebenheit das Verständnis eröffnet sein, damit es uns nicht mit der Holzaxt eröffnet zu werden braucht; bedenken wir Eltern, Weib und Kind, oder auch die schweren gewissen Kosten einer schweren ungewissen Kur, und sehn wir lieber auf unser Maul, da haben wir Wunde genug, auf welche uns Mutter Natur gewissermaßen mit der Nase gestoßen, daß wir sie stopfen sollen – also Brotstudium! Brotstudium! Heil dir Bauer, Müller, Bäcker! dann erst Heil dir Maul, Magen, Mensch! der wieder Bauer, Müller, Bäcker werden kann. Dieser letzte Satz aber ist mit dem Segen, der alle gute Absicht überrascht, rund geworden, und ich kehre auf ihm zurück zu der Sache, dem Uhrwerke des menschlichen Lebens, von welchem wir ein so hoffnungsvolles Abbild hier der Wut des holländischen Generalstaaten aufgeopfert beweinen. Laßt uns an dem Grab unsers Freundes nicht durch diesen Prediger aus der neuen romantischen Clique, die gegen die klassischen Uhrmacher einen Bund geschlossen, irrewerden, und bleibt bei der Erfahrung, daß keine Sonne ins Leben als ein Uhrwerk scheinen darf, denn es könnte Staub mit hineinfliegen, und das Ausputzen oder Einschmieren kostet Geld. Ja selbst hineinzuhauchen ist gefährlich, damit das Werk nicht anlaufe und roste; darum laßt uns auch bei dieser Betrachtung, wie bei jeglicher, den Atem anhalten; denn, hauchte Gott gleich Seele in den Erdenkloß, dem es not tat, Adam zu werden, so geziemt es uns doch nur, mit dem Pflugschar das Erdenkloß zum Acker zu bilden, und mit grünender Furche die Scharte Adams auszuwetzen, weil unsre Seele das Metall ist, und wir nur durch dieses beleben und belebt werden können; es ist Feder und Gewicht an der Uhr und, wenn mans beim Lichte besieht, was aber behutsam geschehen soll, gar die Uhr selbst.« –

So erhielt ich durch meine Geistesgegenwart viele brave Uhrmacher bei Verstand.

Ich suchte später meine Kunst immer zu vervollkommnen, und fing endlich die sieben freien Künste selbst ein, um meine Uhren zu verschönern. Die Malerei lieferte mir allegorische[879] Zifferblätter und Emaillen, die Bildhauerei schöne Figuren, welchen ich statt der altfränkischen Uhrgehäusen die Uhrwerke in den Magen oder rittlings zwischen die Beine setzte; der Musik bediente ich mich dann und wann zu einem anmutigen Glockenspiel, und der Religion wegen stellte ich meine Uhren auf Kirchentürme, denn es wird zu bestimmten Stunden Gott verehrt, und dauert eine Predigt kaum eine Stunde über die Langeweile. Dennoch hoffe ich nicht, daß dies ein Beweis sein könnte, als habe ich menschlicher Neigung zu freien Künsten nachgegeben, denn ich bedachte wohl, daß solche zierliche Uhren sehr teuer sind, selten abgehen, und oft in der Mode wechseln, da liegt einem dann der teure Artikel auf dem Laden; darum, wer anders kann, lege nicht sich und seine Phantasien an den Laden, sondern eine Reihe gut gebackne Semmeln und Brote, die finden immer ihren Abnehmer. – Am schwersten ist mir dennoch die Bändigung meiner Neigung zur Musik geworden, und wird es mir noch täglich. Denn nachdem die alte Kirchenmusik, dieser Abgrund und Gipfel aller Töne, in und auf welchem der Mensch vor seinem Gott sich demütigen, zu seinem Gotte sich erheben mag, gänzlich in Vergessenheit gekommen ist, kann ich doch nie einstimmen, daß wir sie abgeschafft, weil sie nichts taugte, sondern ich glaube, sie hat uns verlassen, weil wir nichts taugten. Mit großer Verlegenheit lege ich einer löblichen Schützengesellschaft nun diese meine fixe Idee, als taugten wir nichts, aber sans comparaison, vor, und ersuche sie mit meiner wahrscheinlich physischen Schwäche eines sehr reizbaren, etwas zum Trunk geneigten Ohrs nachsichtig zu sein. Ich glaube nämlich, oder es tut mir Gewalt an zu glauben, jedoch auf Ehre ganz wider meinen Willen, ja ich möchte oft des Teufels drüber werden, daß ich immer glauben muß, die Kirchenmusik habe uns verlassen, weil wir nicht mehr aus Andacht, Liebe und Begeisterung beten, weil uns das Wort hinreicht, und wir der reinen, ewigen, allsagenden Musik nicht mehr bedürfen, die Seele auszuprägen, die nicht mehr unaussprechlich das Unaussprechliche liebt. Jener Abgrund und Gipfel der Töne sind nun, damit kein Mensch oder Vieh hineinstürze, und um das Geländer zu sparen, durch einander ausgefüllt worden. Der Boden ist geebnet –, und bei dir läßt sich[880] nun gut tanzen: rupfende, stupfende, kokettierende Tanzmusik die ihren Compositeur und Tanzmeister auf dem Blocks- und Venusberg in die Schule schickt – bei dir läßt sich gut lieben weichliche musikalische Unzucht, süße buhlerische Arie, die in tausend lüsternen Manieren gaukelnd die verführerischen Äpfel des Paradieses wirft und fängt, nackt um den Apfel des Paris buhlt und die goldenen der Atalante der Tugend in die Rennbahn wirft. – Und bei dir läßt sich ein leerer Tag am Abend gut vollsaufen oder ein dürrer, trockner Arbeitstag kraus und bunt zu Bette legen, du ewig kontrastierende, hin- und herzausende Oper, welche läuft, um einzuwurzeln, einwurzelt, um aufzuschweben, aufschwebt, um zu versinken, versinkt, um zu rühren, und rührt, um lachen zu machen; und all ihr andern weltlichen Tongebilde, Sonate, Symphonie, oder wie ihr sonst heißt, Würzkonfekte von Tugend und Teufel, Karl Moor usw., habt leider großen Raum gewonnen vor den Engeln Gottes, die sonst auf der Tonleiter Gottes Schöpfeimer auf- und niederreichten, und sie in der Brust des schlummernden Jacobs füllten und leerten. Jetzt liegt die Tonleiter am Gerüste eines Feuerwerks und einer Illumination, welche auf des Teufels Namens- und Geburtstag, und auf seiner Großmutter silberne, goldne und papierne Hochzeit, angesteckt werden. Auf solche verzweifelte Gedanken muß man kommen, wenn man etwas bei euch zu denken notgedrungen wird, denn die Töne sind so göttlicher reiner Natur, daß sie, noch so sehr cujoniert, noch so sehr zu bloß weltlicher Lust und sündlichen Träumen zusammengekomponiert, so nenne ichs, uns gespenstisch schrecklich anlächeln, wie Engelsköpfe und Heilige lebendig in irdische Lustwände eingemauert.

Ich fürchte leider, eine hochlöbliche Schützengesellschaft möge finden, daß solche Empfindungen, wenn zwar nicht nach Menschlichkeit, doch auch gar nicht nach Bürgerlichkeit schmecken. Doch ist es möglich, daß ich, bereits mehr bei Jahren, und auch seit meiner Verheiratung keine Konzerte und solche Häuser mehr frequentierend, vielleicht jetzt einige modern weltliche Musik, ohne zu verzweifeln, ertragen kann; es käme auf eine Probe an. In jedem Falle tue ich die Erklärung, daß ich unter allen Arten von Musik, ich mag sie anhören, wie[881] ich will, für Leute, die mit Denken unbehutsam oder behaftet sind, jede Musik für schädlich und nur das Trommeln für nützlich halten muß, mit welchem die Tarantulisten kuriert, die Krieger ermutigt, die Feueranstalten befördert, die Ratten vertrieben und Neuigkeiten kund und zu wissen getan werden; sodann halte ich das Glockenspiel, insofern es das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, unter aller Musik allein für unschädlich – alle andre Musik wäre nach meinem System, außer höchstens Hörnern der Wächter und Hirten, den privilegierten Apothekern allein zu führen, und allein auf Verordnung promovierter Ärzte (wovon ich unsere neuphilosophischen ausnehme) auszuliefern erlaubt.

Solche Gesinnungen habe ich immer in meiner Werkstatt gehegt, und, Gott sei Dank! sind meine Uhren stets gesucht und im Dutzend das Stück gern zu zehn Gulden bezahlt worden.

Und nun bin ich erwartend, ob eine hochlöbliche Schützengesellschaft mich der Ehre der Inkorporation für würdig halte.

BOGS, Uhrmacher


Hierauf erhielt ich ein Reskript des Inhalts: »Wenngleich Eure übrigen Gesinnungen ganz bürgerlich sind, so können doch Eure ausgesprochenen Tollheiten über Musik mit Land, Staat und Schützengesellschaft sich nicht wohl vertragen. Wir schlagen Euch daher zur Bedingung der Aufnahme folgende Prüfung zu bestehen vor. Einige treffliche Künstler auf Fagott, Klarinett und Waldhorn, und eine brave Sängerin, werden sich heute hier hören lassen; besucht dieses Konzert, und könnt Ihr uns beweisen, daß Ihr nicht dabei zu sehr hingerissen worden, so mag die Inkorporation vor sich gehen.

Die Schützengesellschaft.«


Nun hatte ich einigemal schon gehört, diese Männer vermöchten mit ihrer Kunst auch dem nützlichsten Brotstudenten auf einige Zeit das Herz und die Seele gen Himmel zu heben, und war in ziemlicher Angst. Anfangs wollte ich mein Herz und meinen Kopf zu Hause lassen, aber zuletzt mußte ich doch ersteres der Courage und letzteren des Hutes wegen mitnehmen. Um einigermaßen vor den mir anvertrauten Gesellen das böse[882] Beispiel zu maskieren, und überhaupt für den möglichen Fall, steckte ich mehrere billige Galanterie-Uhren zu mir, und sagte, wie ich gehört, das Konzert werde vielleicht von Standespersonen und Enthusiasten besucht, welche oft von der Gnade oder Kunst wie in einem Luftballon aufgehoben werden und dann gern goldne Uhren oder Schnupftabaksdosen zu dem Künstler herabwerfen, teils ihn, teils sich zu ehren, teils durch so nützliche Geschenke einen feinen Wink zu geben, daß sie wohl noch wissen, was eigentlich Wert hat. Die Uhren handle ich dem Künstler dann wieder ums halbe Geld ab, und kann man mir es also verdenken, daß ich ins Konzert gehe, um so mehr, da man mir ein Billet geschenkt hat. Dieses sagte ich, aber das letzte war nicht wahr, ich mußte 48 Kreuzer geben, weil ich das Abonnement um 40 Kreuzer versäumt hatte, ich bezahlte jedoch in Sechskreuzer-Stücken, welche nur 51/2 Kreuzer wert sind, und also nur 44 Kreuzer.

Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 2, München [1963–1968], S. 877-883.
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