Visum Repertum

[895] Die unterzeichneten Ärzte nebst Doctor Sphex, aufgefordert von einer dahiesigen löblichen Schützengesellschaft, den Gesundheitsumstand des Uhrmachermeisters Bogs zu untersuchen, haben sich unter dem heutigen Datum in die Behausung des obgedachten Meisters Bogs verfügt, sind sogleich zur Untersuchung der Quästionssache geschritten, und sie legen der wohllöblichen S.G. hiermit ihr Gutachten, wie folgt, vor.[895]

Da der Uhrmachermeister Bogs zugleich mit den andern sündigen Sterblichen durch den großen Sündenfall aus dem Absoluten herausgestürzt sein muß, so haben sie die Untersuchung mit der Verification der notwendig dabei erhaltenen Contusion anfangen zu müssen geglaubt, und aus dem deswegen mit Fleiß gehaltenen Nachforschen hat sich ergeben, daß der Unglückliche bei diesem Sturze gerade auf den Kopf gegen das Reale aufgeschlagen ist, wie ein braunes Mutterzeichen und eine starke Dölle oben auf dem Scheitel bezeugt, so daß sich unmittelbar daraus allein ein großes Präjudiz gegen die Integrität seiner Verstandeskräfte ergeben muß, weil wie bekannt Menschen von gesundem Ingenium, wie die Unterzeichneten und eine wohllöbliche S.G., bei diesem großen unglücklichen Falle notwendig wie die Katzen auf die Beine zu stehen gekommen sein müssen, und weil, ob man gleich bei den gewöhnlichen Geburten die Fuß- und Steißgeburten nicht liebt, sie doch bei der Geburt des Menschen aus dem Idealen weit den fatalen Kopfgeburten vorzuziehen sind, die paralysierende Erschütterungen und Extravasate in den höheren Potenzen des Menschen unausbleiblich hervorbringen müssen.

Gestützt auf diesen ersten präsumtiven Verdacht und geleitet von den Prinzipien einer richtigen Diagnose sind die Untersuchenden alsdann in ihrem Geschäfte weiter fortgeschritten, und haben zunächst auszumitteln gesucht, ob die Polaritäten in dem Manne noch in gehöriger naturgemäßer Ordnung wären; sie haben zu dem Ende den Uhrmachermeister an einem hinlänglich zarten Faden schwebend im Hypomochlion aufgehangen, und hier haben sie sogleich eine merkwürdige Anomalie von dem Normalzustande bemerkt, indem sich ergab, daß der Kranke an abnormer Polarität litt, weil er nach einigen Oscillationen, statt sich, wie er sollte, mit dem Kopfe nach dem Nordpol, mit den Füßen nach dem Südpol zu richten, umgekehrt hauptlings sich südwärts kehrte und die Füße nach Hudsonsbay, wobei denn auch die Neigung den gleichen verkehrten Typus befolgte, indem er mit dem Haupte sich überstürzte und unter einem Winkel von 71° niederhing, was dem Patienten viele Beschwernisse und Blutcongestionen nach dem Kopfe verursachte, so daß wir ihn von fernerweitigen Anstrengungen[896] dieser Art zu dispensieren uns notgedrungen sahen. Eine wohllöbliche S.G. kann aber aus diesem Versuche wohl schließen, was von einem Menschen zu halten sei, in dem eine solche totale Verkehrtheit sich findet, daß alle natürlichen Functionen den ganz entgegengesetzten statt des naturgemäßen Wegs einhalten, und den das große Weltfluidum nicht einmal in richtige Harmonie stimmen kann.

Weiter sind wir zur Ausmittlung des Indifferenzpunkts in dem Subjekt geschritten, weil von da nun alle Differenzen und alle Gegensätze im Menschen ausgehen müssen. Sie haben daher den Inculpaten ersucht, sich der Länge nach auf der Erde auszustrecken. Sie haben demnach einen Strick an einen starken Kloben oben an der Decke befestigt, und der eine der Unterzeichneten, Doctor Gamaliel, hat die Ehre gehabt, ihn sich um den Hals zu legen, und so hat er schwebend über der Polarachse des Meisters Bogs gehangen und hat sogleich über ihr zu oscillieren angefangen, und hat allmählich engere und engere Bogenlinien beschrieben, und ist endlich über dem Magen ruhig hängen geblieben; weil aber der Experimentierende ein etwas starker wohlbeleibter Mann ist, darum hat er einige Beklemmung ob dem Versuche empfangen, das Blut ist ihm zu Kopfe gestiegen, die Lippen sind ihm blaulicht geworden, und er hat der innern Hitze wegen die Zunge etwas hervorgestreckt und die Augen einigermaßen verdreht, so daß ihn sein Gehülfe, Doctor Sphex, abheben und mit etwas Essig laben mußte, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen. Es geht daher aus dieser gefahrvollen Observation hervor, daß der plexus cardiacus die wahre Feder, und der Magen die wahre Trommel in der Uhr des Meisters ist, woraus sich einige Hoffnung zu seiner allenfallsigen Wiederherstellung ergeben muß.

Nach dieser vorläufigen Untersuchung sind sie zur speciellen Ansicht seines körperlichen Baues selbst fortgegangen, und haben dabei mit seinem Schädel den Anfang machen wollen. Da haben sie dann sogleich eine wunderbare Mißgestaltung an dem fraglichen Subjekt entdeckt; nachdem sie nämlich die Kopfhaare zur bessern Besichtigung vom Hinterhaupt nach vorn hin zurückgestrichen, haben sie befunden, daß dort ein anderes zweites, von dem ersten ganz abweichendes Angesicht[897] unter dem Haarwuchs sich verbarg, eine Erscheinung, die sie so sehr überraschte, daß sie mit Entsetzen davor zurückgefahren sind. Er selbst war durch unser Erstaunen sehr befremdet und nannte den Hinterkopf immer seine Legende, und meinte, jeder Mensch müsse wie eine geprägte Münze zwei Seiten haben, in denen er cursiere, die andern seien nur schlechte Bracteaten, in der Not aus Sturzblech geschlagen. Die Unterzeichneten aber geben einer wohlgeordneten Polizei zu bedenken, ob es nicht höchst gefährlich sei, einen solchen Menschen zu tolerieren, weil derselbe, wenn er mit einem Passe abgeht, worins heißt als Signalement: schwarze Augen, gleiche Augenbraunen, spitze, mittelmäßige Nase, braungelbes Gesicht, spitzes Kinn, hervortretende Stirn, nichts zu tun hat, als bloß die Haare zurückzuwerfen, den Zopf vor dem braun-gelben Gesicht zu binden, das Schnupftuch und die Weste umzuknüpfen und sogleich dazustehn mit braunen Augen und gleichen Augenbraunen, stumpfer Nase, weißem Angesicht, rundem Kinn und zurücktretender Stirne, und mit dieser Verwechslung die größten Ruchlosigkeiten und Bosheiten begehen zu können, ohne daß man ihm etwas dergleichen ansähe.

Im Verfolge der Untersuchung aber ergab sich große Mißhelligkeit zwischen den beiden Angesichtern: das eine liebte sehr die bittern Schnäpse, das andere Saures mit Pfeffer; das eine schien sehr zum Zorne geneigt und dabei cholerischen Temperaments, das andere war sanftmütig wie ein Lamm und dabei etwa sanguinisch; das eine liebte Katzen, das andere Hunde, jenes war ironisch, dieses launig, und auf dem Rücken ironierten sie immerfort einander. Das ging denn auch auf die Schädelbildung über. Immer wurde eine Erhöhung am einen durch eine Vertiefung am andern wieder vernichtet; Hochsinn Tiefsinn, Hoffart, Demut, Bedächtlichkeit, Flatterhaftigkeit, Mordsinn, Taubensinn, Diebssinn und Diebfängersinn annullierten sich immer wechselseitig durch einander, so daß niemand über die eigentliche Natur und Beschaffenheit des Subjects klug werden konnte. Die Unterzeichneten hätten gern das Exemplar in Spiritus ersäuft, um es als ein merkwürdiges Präparat aufzubewahren, und irgend einmal einem Schädellehrer zur Entscheidung der Streitfrage zu verehren; allein auf den gemachten[898] Antrag benahm das Doppelpaar sich so ungebärdig, besonders wütete der Schwarze so gräulich, daß wir lieber geschwind etwas Quassia in den Spiritus schütteten und ihm zur Versöhnung von dem garstigen Stoff zutranken.

Da wir auf diesem Wege nicht zum sichern Resultat gekommen, entschlossen wir uns endlich, um der Sache auf den Grund zu sehen, zur Trepanierung; weil wir aber wieder einen erneuten Zornausbruch des eben erst Beschwichtigten bei einer solchen Operation befürchteten, beratschlagten wir uns, wie wir die beiden Angesichter vorher durch Manipulation in magnetischen Schlaf und Somnambulism versetzen wollten. Wir schritten bald zum Werk, und machten die nötigen Operationen, und hatten die Satisfaction, den Cholericus bald gähnen und einschlafen zu sehen; der andere aber wollte durchaus nicht die Augen schließen, so sehr wir auch darauf drangen, und ihm unsere innigen Wünsche zu verstehen gaben; endlich, da Doctor Sphex recht kräftig zuarbeitete, entschlief er doch, und wir bereiteten uns nun ans Werk zu gehen. Indessen fingen aber die beiden Entschlafenen im Paroxysm zu phantasieren an, und es wäre nicht zu beschreiben, welch ein Strom von Unsinn und närrischem kauderbuntem Zeug aus der beiden Mund hervorgegangen ist, wenn eine wohllöbliche S.G. nicht schon früher mit eignen Ohren selbst dem Paroxysm zugehört hätten. Der Cholericus hatte indessen die geläufigste Zunge, und der andere konnte mit seinen Narrenteidungen vor ihm kaum zum Worte kommen.

Indessen hatten die Unterzeichneten Zeit gewonnen, statt des Trepans einen gütlichern Weg zu versuchen; bei vorgenommener Visitation fanden sie nämlich glücklicher Weise, daß die Riechnerven des einen hohl seien und wie bei Schafen unmittelbar in die vordere Gehirnhöhle öffneten; sie applicierten geschwind einen Bozzinischen Lichtleiter an die Nasenöffnung des Nerven, und es gelang ihnen damit überraschend, das ganze innere Höhlenwerk im Kopfe völlig und hell und klar zu beleuchten, und ein unaussprechlich süßes und erhabenes Gefühl ergriff sie bei Anschauung der Wunderdinge, die sich ihnen darboten. Das erste, was ihnen aufstieß, war eine Schar Eulen und Fledermäuse, die schon so lange Zeit in der Dunkelheit der[899] Höhle ruhig und ungestört sich aufgehalten hatten und die nun, von dem hineinfallenden Lichte beunruhigt, scheu wurden, sich zusammenrotteten, und scharenweise durch den Lichtleiter hervorstürzten, zum großen Schrecken der Beschauenden, die dergleichen Geschmeiße in einem so edlen Organ beim Menschen nicht vermutet hatten.

Als das Ungeziefer alles verflogen war, und der böse Schwaden, der Gehirndunst, der beinahe das Licht am Lichtleiter ausgelöscht, sich verzogen hatte, sahen wir alle Wände der Höhlen inwendig mit viel hundert und tausend kleinen mikroskopischen Uhren behangen, Uhren von allen Gattungen und Arten, Stutzuhren, Schlaguhren, Repetieruhren, Kunstuhren, Flötenuhren, Sonnenuhren, und die größte Kirchenuhr, die sich darin befand, hatte kaum die Größe einer Käsemilbe; woran man recht die Subtilität des menschlichen Verstandes bewundern konnte, daß dergleichen kleine Werkzeuge doch ihr vollkommenes Eingeweide, Räder, Getriebe, Pflöcke, Spiralen hatten, und gerade die Zeit zeigten, die die Taschenuhren der Unterzeichneten außen angaben. Die Uhren schienen im Gedächtnisorgan aufgehangen, und das kleine Männchen, was man beim Menschen in der Pupille sieht, wenn man ihm in die Augen blickt, schien die Aufsicht darüber zu haben, und spazierte stolz und geschäftig wie ein Bergmännchen in der Höhle herum, und putzte und rückte immerfort an den Uhren, zog sie auf, und sorgte und wuselte immerfort. Und es war, wie die Unterzeichneten versichern können, ein recht angenehmes Gepinker, was aus dem Souterrain heraufschallte; aber kaum war das stille anmutige Heuschreckengeschwirre vernehmlich vor dem übrigen Lärm und Gebrause, was unten herrschte. Das Psalterium unter dem Fornix spielte nämlich immerfort ungeheißen und unberührt allerlei menschliche Melodien auf, und hinten aus der vierten Höhle, in die der Gehörnerve endigt, kamen immerfort Töne und Läufe aus dem vorigen Konzert heraufgefahren, und rannten wie unsinnig an den Wänden herum, und verführten mit vieler Brutalität ein gräßliches Geschrei, daß sie nun schon in den dritten Tag in dem abscheulichen Loche herumirrten, ohne ein ruhiges Logement zu finden; sie mußten sich in Branntwein übernommen haben, denn[900] sie ließen sich auf keine Weise bedeuten, und alle gütlichen Vorstellungen waren fruchtlos, weswegen die Unterzeichneten, um der lärmenden Gesellschaft los zu werden und ihre Untersuchung ungestört fortsetzen zu können, zu Zwangsmitteln schritten, Leimruten in den Höhlen aufstellten, an denen sie dann, weil sie die Flügel sich verklebten, hängen blieben, und nun durch Wassersnot vom Leben zum Tode gebracht wurden.

Nun schlug ein kläglicher Ton an die Ohren der Horchenden, und als sie die Aufmerksamkeit auf die Stelle hin richteten, von der die Wehklage herkam, bemerkten sie einen Hirtenknaben, der auf dem einen Sehhügel stand und bitterlich granste; nach Befragen um die Ursache seines Gegranse gab er schluchzend zur Antwort, er heiße Klarin, und das garstige Mensch Klarinette habe ihm sein Butterbemme gestohlen, da drüben auf dem andern Hügel stehe sie und verzehre das Gestohlne, aber: »Stehler, Dieb, gehangen Dieb, kömmst du mitten in die Höll«, heulte er erbittert der kleinen Atzel zu. Wir geboten der Diebin, dem Knaben sein Eigentum wiederzugeben; sie tats ungern, und der Bube beruhigte sich und zog dankbar, sich die übergelaufene Nase wischend, den Hut gegen uns ab.

Wir sahen nun weiter um uns, und bemerkten im Adernnetz vielerlei wunderliche unnatürliche Sachen, die man beim gesunden Menschen an dieser Stelle keineswegs zu finden pflegt. Ein Hirsch hatte sich mit dem Geweihe in dem Netze verfangen, und bellende, hinkende Liederfragmente zappelten wie Hunde hintendrein; weiter vorn hatte sich ein Klumpen Zinnoberschlangen hineinverfitzt, und ganz hinten hing eine verreckte Sirene, die vor Kummer über den Verlust ihrer Freiheit und den Mangel von süß Mandelöl umgekommen war; Simson mit seinen drei hundert Füchsen hielt am Eingang in die dritte Höhle, und die Füchse beschäftigten sich aus Langeweile, die brillantenen Eier, die die weißen Hasen bei der Zirbeldrüse legten, auszusaufen. Ein Frauenzimmer lief vor Frost und Kälte mit den Zähnen klappernd in dem Bau herum mit einer Haube von Eis, weil sie die Gicht im Kopfe hatte, und die Ärzte ihr verordneten, das Haupt mit einer solchen Pelzmütze zu erwärmen. Wir riefen ihr zu, und sprachen ihr Mut ein, noch etwas[901] auszuharren, das Mittel sei gut, und der Schmerz würde sich gewiß bald geben. Sie schien ganz soulagiert durch unseren Zuspruch, und bat uns um etwas Theriak, um ihren Magen zu stärken, den wir ihr denn sogleich hinabreichten. Sonst lagen noch allerlei Fetzen von Dekorationen und sonstigem Prunk umher, feurige Springbrunnen, Lauben, das Pavimentum war geschliffener Stahl, und dergleichen curiose Sachen mehr zeigten sich noch, bei denen wir uns aber unmöglich aufhalten konnten.

In den hintern Hörnern der vordern Hirnhöhle stießen uns zwei Hufe und zwei vollkommen wohl conservierte Pferdsfüße (Pedes Hypocampi) auf, die uns sehr in Schrecken setzten, weil wir die Nähe des Gott-sei-bei-uns vermuteten, so daß wir uns schnell mit den in dergleichen Fällen üblichen Hilfsmitteln verwahrten, worauf die Gestalt jedoch unverrückt stehen blieb. Das brachte uns auf die ersten Spuren des Verdachts von Zauberei und bösen Künsten, die wir in der Folge bestätigt fanden; und wir sahen zugleich den Ursprung des schwarzen geflügelten Pferdes, von dem wir den Uhrmacher im Konzert reden gehört hatten, und dessen Schweif tief unten in der Wirbelsäule zu entdecken war. Auf den vordern Vorhügeln aber stand ein schwarzer, und auf den hintern ein weißer Engel, die sich miteinander sehr ernstlich zankten, und wir glaubten hier offenbare Beweise von Schwarzkünstelei in Händen zu haben, aber es machte uns wieder etwas confus, als wir dem Streite aufmerksamer zuhörten, und wir entdeckten, daß der weiße Engel eigentlich ein Bäckerknecht sei, der schwarze aber eine Küchenmagd, die jener, weil es Dreikönigabend sei, mit dem Kienrußhader geschwärzt, was diese ihm nun übelgenommen, und deswegen mit dem Anschwärzer in ein böses scheltendes Zweigespräch geraten sei. In dem Augenblicke sahen wir einen Schellenschlitten vor dem Tore der dritten Hirnhöhle, gewöhnlich Anus genannt, anfahren, auf Befragen des Torschreibers, wer die Passagiere wären, schrie's zum Fuhrwerk heraus: »Herr von Schelmuffski, samt Herr Bruder Graf«; auf weiteres Befragen um Ziel und Zweck der Reise der hohen Herrschaft, hieß es: »Wir wollen, der Tebel hol mir, flugs die berühmte Wasserleitung des Herrn Sylvius besehen, und der Dame Charmante[902] einige Liebesäpfel vom Lebensbaume abpflücken.« Passieren, und nun fuhr der Schlitten klingelnd in den Pausilipp hinein.

Nachdem die Unterzeichneten auf diese Weise alle zugänglichen Teile des Gehirnes am Patienten durchgeprüft, und alle die sonderbaren Stücke darin gefunden haben, von denen sie einer wohllöblichen S.G. getreuen Bericht abgestattet, blieb ihnen nichts als die Visitation der vierten Höhle allein noch übrig, in die das Licht des engen Kanales wegen nicht hineinzudringen vermochte, so daß sie nur undeutlich und zweifelhaft die Gegenstände dort erblicken konnten. Sie vermuteten aber gerade dort den eigentlichen Sitz der Nigromantie, denn sie sahen, soviel das Dunkel und das matte Halblicht es erlauben wollten, seltsame Charaktere dort, alle Tierkreiszeichen schienen ihnen lebendig darin umzugehen; Manns- und Weibsvolk, das die sieben Planeten vorstellte, hielten sich in der Grube auf, und sonst viel wunderbares, verdächtiges Gesindel, ein Scheusal mit sieben Köpfen glaubten wir einmal auf einen Blick darunter zu bemerken, aber es ließ sich nichts Gewisses darüber entscheiden, weil die Gestalten alle, wie die Figuren durch die Fenster eines Ballsaals, auf einen Moment nur sich zeigen wollten, und schnell vorüberschwirrten. Da die consultierenden Ärzte nun darüber und über die Mittel, die Wahrheit der Sache auszumitteln, sich berieten, da hatte Doctor Sphex, dessen Wißbegierde ihn nur zu oft über die Grenzen einer erlaubten Vorsicht mit heroischem Mute treibt, die unglückliche Idee, selbst in die Höhlen hinabzusteigen, um sich durch den unmittelbaren Augenschein über den eigentlichen Bestand der Sache Auskunft zu verschaffen. Alles, was wir ihm über das Gefährliche seines Vorsatzes vorstellen mochten, fand in seinem wahrhaft heldenmütigen Herzen keine Statt, und wir mußten seinem Feuereifer für die Wissenschaft und die Wahrheit nachgeben und ihn, obgleich mit blutendem Herzen, durch die Röhre des Lichtleiters an Stricken herablassen in den dunkeln Abgrund, wo er, eine brennende Fackel in der Hand, ein anderer Orpheus, seine Eurydike, die Wahrheit, der mehr als plutonischen Finsternis abkämpfen wollte. Wir folgten dem heldenmütigen Abenteurer mit den Augen und mit unsern Segenswünschen, soweit[903] wir es vermochten. Er rief uns noch einmal aus der Tiefe herauf mit einer durch die Ferne kaum hörbar gewordenen Stimme zu, wie alles schön und köstlich unten sei, und wie er jedem eine Sackuhr mitbringen wolle, wenn Gott ihm eine glückliche Heimkehr beschere, wie aber die Luft etwas mephitisch sein müsse, weil seine Fackel zu erlöschen drohe. Wir entschlossen uns daher, zu einem in dergleichen Fällen gewöhnlichen Luftreinigungsmittel unsere Zuflucht zu nehmen. Wir nahmen einen großen Strohwisch, banden eine Menge Petarden in denselben hinein und einige andere Feuerwerke, zündeten den Wisch darauf an einem Ende an und warfen ihn in die Höhle hinab, nachdem wir dem Doctor Sphex vorher zugerufen, sich vorzusehen. Wir hatten aber bei diesem unglücklichen Einfall nicht bedacht, daß beim Losgehen des Feuerwerksapparats durch das notwendig eintretende Geräusch und die Explosion das schlafende Zweigespann geweckt werden könnte, und daß alsdann unser bedauernswürdiger Kollege auf Lebenszeit in dem dunkeln, finstern, dumpfigen, abscheulichen Kerker eine Beute der hinten eingeschlossenen Ungeheuer bleiben müsse. Leider erfolgte, was wir unvorsichtigerweise außer Acht gelassen hatten. Wir hörten einen starken Knall aus dem Abgrund heraufschlagen, ein Schwall von garstigen, mephitischen Luftarten stürzte aus der Öffnung hervor, und in demselben Moment erwachte der Cholerikus. Es spürte schnell den armen Doctor in seinem Hirne und geriet nun in ein unbeschreibliches Toben. Er zerschmetterte, ehe wirs uns versahen, unsern ganzen Apparat und drehte sich dann, einem gepeinigten Schafe gleich, das den Drehwurm im Gehirne hat, mit unsäglicher Schnelligkeit um sich herum, wütete, raste entsetzlich, daß wir für gut hielten, uns in sichere Winkel zu retirieren. Dazwischen schallte von Zeit zu Zeit die jammernde Stimme unseres Kollegen aus der Tiefe dumpf herauf, und wir waren beinahe des Todes vor Angst, Wehmut und Entsetzen. Es war eine Szene, die sich nimmer aus unserm Gedächtnis verlieren wird. Der Sanguinikus, der über dem Lärmen endlich auch erwachte, schien nicht zu begreifen, was vorgegangen sei, wahrscheinlich, weil der Doctor sein Territorium nicht berührte; er wollte zureden und besänftigen, aber es half alles nichts, er mußte mit herum[904] im Wirbel. Endlich war der Paroxism auf dem höchsten Gipfel, und nun wurde die Bewegung so stark, daß endlich die Verbundenen durch die Zentrifugalkraft des Schwunges voneinander ließen und der Sanguinikus weit weg in die Ecke geschleudert wurde, der Cholerikus aber, wie von Peitschen gejagt, ausriß, in die weite Welt hinaus, und den unglücklichen Doctor, das bejammernswürdige Opfer seiner Wißbegierde, mit sich hinriß ins Verderben.

Das, ehrsame Mitglieder einer wohllöblichen Schützengesellschaft, ist die treue Relation der seltsamen, ja höchst wunderbaren Erscheinungen, die uns bei der gerichtlichen Untersuchung des Uhrmachermeisters BOGS aufgestoßen. Wir beweinen und beklagen den Verlust unseres würdigen Kollegen, den wir dabei haben leiden müssen, und werden uns dieserwegen an eine H. Oberpolizei um Hülfe und offizielles Verfolgen des Entwichenen wenden. Wir überlassen es übrigens dem Ermessen einer wohllöblichen Schützengesellschaft, was von dem ganzen Vorgang zu halten, und was wegen der allenfallsigen Aufnahme oder Verwahrung des Uhrmachers zu statuieren sei. Unseres unvorgreiflichen Erachtens möchte der zurückgebliebenen Hälfte, dem Sanguinikus, der ein stiller, gesetzter, sedater Mensch zu sein scheint, die Aufnahme zu bewilligen sein, wenn er sich über den auf ihm haftenden Verdacht der Zauberei zu rechtfertigen vermöge, wegen der verschollenen Hälfte aber wäre das Resultat weiterer Nachforschungen und die allenfalls eintretende Zurückkunft des entführten Doctors Sphex abzuwarten.

Dr. Schnauznas Dr. Gamaliel

Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 2, München [1963–1968], S. 895-905.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geschichte von BOGS dem Uhrmacher
Entweder wunderbare Geschichte von Bogs dem Uhrmacher,: wie er zwar das menschliche Leben längst verlassen, nun aber doch, nach vielen musikalischen ... Gutachten über dessen Gehirnzustand (1807)
Geschichte von BOGS dem Uhrmacher

Buchempfehlung

Christen, Ada

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Diese Ausgabe gibt das lyrische Werk der Autorin wieder, die 1868 auf Vermittlung ihres guten Freundes Ferdinand v. Saar ihren ersten Gedichtband »Lieder einer Verlorenen« bei Hoffmann & Campe unterbringen konnte. Über den letzten der vier Bände, »Aus der Tiefe« schrieb Theodor Storm: »Es ist ein sehr ernstes, auch oft bittres Buch; aber es ist kein faselicher Weltschmerz, man fühlt, es steht ein Lebendiges dahinter.«

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon