1049. An Johanna Keßler

[63] 1049. An Johanna Keßler


Wiedensahl 2. Dec. 1895.


Geliebte Tante!

Als ich mich neulich bei der Abfahrt von Frankfurt in's Eck gedrückt hatte, um behaglich darüber nachzudenken, wie ich's doch eigentlich so gut gehabt und was ich für schöne Birnen gekriegt hatte, redete mich ein alter Jud an und ließ den Faden seines Gesprächs nicht fallen bis Northeim, wo ich mich nach Hattorf abzweigte – Er reiste in Zigarren und beschrieb mir anschaulich die Bereitung derselben. Bei Kaßel fiel ihm das seligste Geschäft seines Lebens ein, denn da hatte er 1870 billig gekauften französi-[63] schen Taback an die gefangenen Offiziere verkauft mit enormen Profit; aber gleich drauf fiel ihm schmerzlich ein noch größers Geschäft ein, was er hätte machen können, nämlich mit einem Tingeltangel, wenn ihn damals seine eifersüchtige Frau aus Besorgniß vor hübschen Frauenzimmern nicht gezwungen hätte es aufzugeben, nachdem er es eben in Schwung gebracht. Dabei grinste er und zeigte seine fleischige Zunge. Ein häßlicher Kerl; aber unterhaltlich war er doch.

In Hattorf fand ich alles wohlauf; die Kinder frisch und lustig. Das schöne Wetter verließ mich auch dort nicht; kühl und sonnig; kein Flöckchen Schnee auf dem Harz.

Vorgestern Abend halb zehn kehrt ich heim, und nun bedank ich mich bei der liebenswürdigsten aller Wirthinnen für gute Verpflegung.

Herzlichen Gruß, liebste Tante, an Sie und die Ihrigen, deutsch und englisch, auch an's Madamche nebenan und die zwei Kinnercher.

Stets Ihr getreuer

Onkel Wilhelm.


Der Hudi, hoff ich, ist im Gesicht die Kratzer wieder los, die ich so ungern veranlaßt habe.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 63-64.
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