1158. An Grete Meyer

[112] 1158. An Grete Meyer


Wiedensahl 31. Oct. 1897.


Liebe Grete!

Ich danke dir sehr für den Brief, wo man so gut was in " sehen" kann und "hören" desgleichen. Bei euch gehts ja zu, alles bunt durcheinander, wie in der Kinderstube der Frau Musika.

In Betreff deiner Definition von Melodie harr eck, um mit Frau Nickels zu reden, jüst datsülwige ok all e'dacht. Es freut mich nur, daß die in bezug auf Höhe und Dauer gesetzmäßig geordnete Reihe von Tönen, hervorgezaubert durch ländliche Tanzbeine in Holzschuhen, zur noth auch mit hinein paßt. Übrigens, weißte wol, gehören Definitionen in Kunstsachen zu den leeren Förmlichkeiten der bekannten alten Madam, die im "Oberstübel" zur Miethe wohnt. Seh ich dich mal wieder, dann will ich lieber bitten: Grete, spiele mal was! Das wird jedenfalls schöner gehn, als das elektrische Klavier, was ich neulich gehört habe. Die Tasten rührten sich, wie von unsichtbaren Händen. Wenn das einem wehmüthigen Jüngling paßirte, in einem einsamen Schloße, des nachts klocke zwölf, der dächte sicher, es thäte der Geist seiner hartherzigen Geliebten – so gefühllos klingt's.

Im Konzert hast du berühmte Getöse gehört. Die nennst du "wesenlos"? I net i! Bloß man, ich denke, je mehr man drüber schwätzt, je weiter ist man weg davon.

Ja, un was soll ich denn nu sagen zu deinem "Genauso" war's schon einmal? Das " Genau so", förcht ich, ist Tantenglaube. Da aber die Gegenwart aus[112] der Vergangenheit hervorwuchs, so ist selbstverständlich allerlei hängen geblieben. Mancher erschrickt vor Spinnen. Vielleicht ist er früher eine Fliege gewesen und hat mit Spinnen peinliche Erfahrungen gemacht. Vielleicht war er selber eine Spinne und wurde mal vom Stubenmädel herunter gefittchet und platt getreten – pitsch! – daß der Saft nur so wegspritzte. So was prägt sich dauernd ein in die "Tiefe des Gemüths" – das kannste dir wol denken. Willst du noch mehr fragen, so thu's. Ich antworte gern. Ist doch ein guter Mensch stets bereit zu allem, was ihm Vergnügen macht.

Bleib froh und gesund, liebs Gredel! Schreib auch bald wieder mal was Hör- und Sichtbares für das sogenannte Vorstellungsvermögen deines braven

Onkels Wilhelm,


der dich herzlich grüßt und Annchen auch, und von Tante sollt er auch einen Gruß bestellen. Sie erkundigt sich nach Anna's Adreße.

Unsere Sonne, obschon sie eigentlich jetzt nicht verpflichtet dazu ist, scheint dankenswerth warm übertags. In der Dämmrung steigt der Nebel auf. Dann sind die Wiesen, wie ein See. Übernacht aber kneift's und reift's; morgens, wenn ich die Gardiene aufschiebe, seh ich in eine überzuckerte Welt.

Gestern hab ich mit Sophiens Beistand die Rosen bedeckt. Die Staare sind abgereist. In ihren Kästen hausen die frechfröhlichen Spatzen.

Weißt du's denn schon, daß in der Hunteburger Pfarre keine Meckerthiere mehr sind. Mir thut's leid. Tante denkt anders darüber. Bei Ziegenmilch, meint sie, ist immer was bei.

Sonst lauten die Berichte ja günstig von da; von Hattorf auch; von Norden auch; von Barnstorf weniger. Die Plantscherei im unendlichen Ocean hat in diesem Fall wieder mal nichts geholfen.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 112-113.
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