1334. An Christoph Fr. H. Walther

[188] 1334. An Christoph Fr. H. Walther


Mechtshausen 4. Febr. 1902.


Sehr geehrter Herr Doctor!

Ihre Anmerkung (Korrespondenzblatt 1901, Heft XXII No 4) inbezug auf die "launische Ziege" hat nach meiner Erfahrung das Rechte getroffen. Mir wurde die Geschichte vom alten Börgmeier vor fünfzig Jahren erzählt, und der hatte sie als Kind von seiner Mutter gehört. Ihr Ruf als Märchenmuhme, obgleich sie zu meiner Zeit längst todt war, lebte noch fort. Was der Sohn wußte, kam alles von ihr. Für gewöhnlich wortkarg, saß er an den langen Abenden, während seine Frauensleute aus spinnen waren, zuhaus einsam im Dunkeln; sobald ich aber an's Fenster klopfte, steckte er den Thrankrüsel an, stopfte die Pfeife und erzählte dann gern und vorzüglich.

Auch den alten Schäfer Bax besucht ich mal abends zur Winterzeit. Beim Erzählen lag er lang auf dem Bett. Wurde ihm der Mund trocken, so sprang er auf, um ein neues Endchen Quicksteert, den er im Tischkasten bewahrte, sich hinter die Kusen zu stecken. Inzwischen theilte seine Schäferin das Märlein mit, wie die Hausthiere, jedes in seiner Art, sich darüber aufhalten, daß die Herrschaft so lange weg auf der Hochzeit bleibt.

Ferner, Frau Schäkel, die gleichfalls bei Jahren, wußte allerlei Lieder. Der nackte Text fiel ihr nicht ein; sie mußte ihn singen. Ihr Spinnrad schnurrte dazu.

Diese lieben Leutchen überlieferten mündlich, was sie einst mündlich empfangen hatten. Lesebücher, außer Bibel und Gesangbuch, waren damals nicht üblich in Bauernhäusern. Nur ein Exemplar des "flüchtigen Paters", zerrißen, verräuchert, durch viele Hände gegangen, ist mir begegnet.

Mit ergebenstem Gruß

Wilh. Busch.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 188.
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