1430. An Grete Meyer

[217] 1430. An Grete Meyer


Mechtshausen 24. Jan. 1904.


Liebe Grete!

Sei bedankt für deinen letzten Brief. Daß ich vergaß, dir für den vorletzten zu danken, war wirklich nicht schön von mir, um so weniger schön, als wörtliche Dankbarkeit zu den "billigen" Tugenden des Menschen gehört.[217]

Wie bekommt dir der Pascal? Meinerseits las ich die neutestamentlichen Apokryphen aus den paar ersten Jahrhunderten: Empörende Ergänzung der Kindheitsgeschichte, weitschweifige Reden, lächerliche Wunderthäterei, überraschend frühe Ausbildung der Marienlegende, entschiedene Askese. Merkwürdig immerhin. Die Katholiken, schlau wie sie sind, haben zweierlei draus behalten: das anmuthige Bild der Madonna und für solche, denen es paßt, die strenge Enthaltsamkeit.

Vor einigen Tagen waren Nachbar Schlüters beim wostewarke. Martin schnürte schon früh seinen Ranzen, um noch schnell vor Beginn der Schule am Frühstück theilzunehmen: Gebackene Schweinsleber mit Kartoffelsalat. Ruth weilte fast den ganzen Tag über im Festlokal – Anneliese hält sich noch fern von diesen auswärtigen Ergötzlichkeiten. Zudem war ihr Futtersäckchen nicht recht in Ordnung, was auch den Besten verdrießlich macht. Jetzt ist sie so lustig, wie zuvor.

Vom Wetter kann ich Gutes vermelden: Sonnenschein, mäßige Kälte und nicht zu hoher Schnee. Der große Tisch ist weiß sauber gedeckt, aber wenig ist angerichtet für die hungrigen Gäste, die Krähen und Hasen, außer einige Mäuslein für jene und hie und da auf dem Schäferfeld etwas krauslockiger Braunkohl für diese. Unsere Meisen haben's gut dagegen. Ihre Teller sind stets mit Talg und Samen gefüllt. Und was die Sperlinge betrifft, die kennen die Scheunenlöcher. Ein Pärchen von ihnen hat im Spräenklotz mir gegenüber sein wohlgepolstertes Winternest. Als die rechtmäßige Besitzerin nur eben mal nachsehen wollte, wurde sie von der ganzen Spatzensippe dermaßen ausgescholten, daß sie eilig von dannen flog. Na, im Frühling wird sie ihr Hausrecht gebrauchen.

Otto und Martin haben einen tüchtigen Schneemann errichtet: Nase von einer Wurzel, Augen von Kohlen, Hut von mir.

Abends wandelt auch mal wieder der Sichelmond, unter Vortritt eines flimmernden Sterns, über den Berg, genannt Heber, hinunter. Ein altes friedliches Schauspiel, das ich immer noch gern seh.

Sei herzlich gegrüßt, liebe Grete, von deinem alten

Onkel Wilhelm.


Die beiliegende Photographie magst du der Freundin geben, von der du behauptest, sie wünsche sich eine.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 217-218.
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