1511. An Nanda Keßler

[239] 1511. An Nanda Keßler


Mechtshausen 22. Sept. 1905.


Meine liebe Nanda!

Ich danke dir für den ausführlichen Bericht, so daß ich nun nicht mehr unsicher in's Dunkle hinausgrübeln muß. Es ist ein grausames Unglück. Aber der die Geschicke lenkt, der die Herzen erschüttert, der hat in die Menschenbrust eine oft lange sorglos schlummernde Kraft gelegt, die, wenn's noth thut, erwacht, um den Schmerz zu bekämpfen und den Willen zu läutern. Allmählig breitet denn auch die Zeit über das Schreckliche ihren verhüllenden Schleier; unsere geliebten Todten werden in der Erinnerung immer schöner und schöner und so nehmen wir ihr verklärtes Bild mit hinüber in die Ewigkeit.[239]

Man weiß, daß Ertrinkende sehr lebhaft an das Theuerste denken, was sie verlaßen. Der Hudi hat sicher vor allen an seine Mutter gedacht.

Sei herzlich gegrüßt, liebe Nanda, von deinem alten

Onkel Wilhelm.


Auf deinen Wunsch leg ich den Brief wieder bei.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band II: Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 239-240.
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