257. An Maria Anderson

[134] 257. An Maria Anderson


Wiedensahl 12. März. 75.


Geehrteste Frau Anderson!

Meinen Dank für Ihre Photographie, obschon ich sagen muß: Sie haben recht! In der linken Backe befindet sich Was wie eine Pflaume, oder ein Kluntje!

Daß Ihr ausgezeichneter Landsmann keine Verse liebt, ist nicht mehr als billig; vielleicht grade deshalb hat er sich so freundlich über das Zeugniß meines bösen Herzens ausgesprochen. – Wen erfaßt nicht ein gelindes Entsetzen, wenn der Poet seine Locken zurück wirft und mit feucht-verklärtem Blick den bekannten Griff in die linke Busentasche thut; – welcher gewißenhafte Mensch muß sich nicht angesichts eines Hexameters besinnen, ob auch die Cäsur an der richtigen Stelle; – wer hat sich nicht schon den Schädel zermartert über eine jener göttlichen Oden, die wir Alle so sehr bewundern?! – Oder geht mir's allein nur so? – Bin ich etwa mal wieder der Fuchs, der die Trauben verachtet, weil er nicht dran kann? – Wer weiß!? – denn Wer hat jemals den Boden seiner schwarzen abscheulichen Seele erblickt! – Ich will nicht schelten. So ein Band Gedichte ist doch im Grund ein harmlos ruhig bescheiden Ding, was Keinem Was zu leide thut, der's nicht anrührt; und mein Nachbar Dichter ist mir lieber, als mein Nachbar Flötenspieler. – Aber, beim Zeus, was mir über Alles geht, das sind Bilder, leibhaftige Bilder. Wie freu' ich mich drauf, wenn ich wieder mal sitze im Hôtel des Pays–bas zu Amsterdam und mache mir den guten Thee und gehe dann hinüber zu Rembrandt, Hals und Steen: das ist ein Stück von Dem, was unser Herrgott macht.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Wilhelm Busch.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band I: Briefe 1841 bis 1892, Hannover 1968, S. 134.
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