303. An Maria Anderson

[151] 303. An Maria Anderson


Wiedensahl 3 Aug. 75.


L.M.

Es freut mich, daß Sie sagen: ich hätte Recht, und Sie wollten künftig bräver sein. Von Ihrer liebenswürdigen »Gerechtigkeit«, die sonst nicht Sache der Weiber sein soll, wie manche Gelehrte behaupten wollen, war das auch nicht anders zu erwarten. Denn wer hat zuerst so hübsch und freundlich auf platonische Liebe gedrungen? Nicht ich, sondern Sie, so Madamchen! Bin ich nicht mit himmlischer Seelengüte auf Ihren Wunsch und Standpunkt eingegangen? Und nun kommen Sie daher und machen mich zu einem alten weisen Murkepott!! – »Jugend ist relativ.« – Ja! – Auch zwischen Weibern und Männern. – Mit 17 Jahren ist so ein Mädchen fix und fertig für Bett und Ball und wohlgeübt in allen Künsten des Krieges und des Friedens, während der gute Jüngling dieses Alters mit der Mappe unterm Arm noch ganz bescheidentlich zur Schule wandelt. Kaum daß er[151] mit 25 Jahren ein wenig für voll genommen wird. – Aber das Auge der ewigen Gerechtigkeit da droben blinzelt scharf. – Die eben erwähnte Jungfrau ist nun schon längst, wie man zu sagen pflegt, »aus dem Schneider heraus«; sie ist ausgemerzt und abgemeiert, und wehe ihr, wenn sie dem Schicksal zu trotzen wagt. Es kommt der frische blühende Nachschub auf den Ball und dann heißt's: So alte Knochen sollten sich doch lieber ausruhen und zu Hause bleiben! – Ein Glück, wenn sie noch Einen erwischt und in den Stand der heiligen Ehe zu sich hernieder zieht. Mit 50 Jahren kann sie nur noch ausnahmsweise ein Kind kriegen, während der Mann von 50 Jahren nur ausnahmsweise keine Kinder mehr machen kann. – So gleicht sich die Sache recht nüdlich aus. – Wären Sie, Madam, so alt wie ich, so würde ich zum mindesten zehn Jahre jünger sein als Sie. – Sie fühlen sich noch jung; ich auch. Das ist recht schön und brav von uns. Aber damit alles seine Richtigkeit hätte, müßten wir auch von andern für jung gehalten werden. Ach du grundgütiger Himmel! Wenn ich dran denke, was ich dachte, als ich zwanzig Lenze zählte! Da kamen mir die Leute unsers Schlages so schrecklich alt und eigentlich so vor, als dürften sie getrost von hinnen scheiden und Platz der Jugend machen. – Unliebsam aber wahr! – Ich kehrte gestern Abend von einem Kreuz= und Querzuge heim. Ich traf mit einem Freunde in Hannover zusammen. Wir fuhren nach Kaßel. Ich sah die Gallerie mal wieder mit den wundervollen Niederländern. Ich sah auch sonst noch allerlei. Zwei Nächte kam ich nicht zur Ruhe. Wie thöricht kam ich mir doch vor. Und bei meiner Rückkehr find ich Ihren freundlichen Brief auf dem Tisch, und Sie sagen mir: daß ich weise bin. – Das thut wohl; das erquickt!! – Sofort setz ich mich hin, nehme die Feder, tränke sie mit Weisheit, laße dieselbe aufs Papier strömen und schließe mit der Bemerkung, daß ich stets bin

Ihr ergebenster

W.B.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band I: Briefe 1841 bis 1892, Hannover 1968, S. 151-152.
Lizenz: