34. An Otto Bassermann

[29] 34. An Otto Bassermann


Wiedensahl d. 11 Aug. 64.


Lieber Freund!

Die Stunden und Tage rauschen nur so vorüber; am schnellsten die angenehmen. Diese uralte Bemerkung zeigt sich mir nun auch, da ich dran gehe, dir einige Zeilen zu schreiben. Aber doch recht recht oft habe ich an dich denken müßen, besonders lebhaft, als ich die von dir gepackte Kiste öffnete, die schon lange vor mir hier angekommen war. – Ich verweilte drei Tage in Göttingen, eine regnigte aber freundliche Zeit. – Rente traf ich nicht selbst; mit Hülfe des Gehülfen fand ich nur dein Conto von Heidelberg. Ich bezahlte die zwo Thaler, worauf man mir später die quittirte Rechnung zuschickte, die ich dir hiemit zu voller Beruhigung übermache. – – Ja, die Kiste! Alles bunt durcheinander, aber doch nicht ganz ohne Ordnung. Mir zog dabei die ganze letzte Zeit an der Seele vorüber, und fast wollt es mir so scheinen, als ob das letzt Erlebte und Gewonnene nicht ohne eine gewiße Ähnlichkeit damit sei. Immerhin! – – In Wolfenbüttel blieb ich über 14 Tage bei durchweg sonnigem Wetter. Herrlich! Erdbeerbowlen, Waldparthien und ländliche Spiele. Wie man nur so kindisch sein kann! Aber schön war's! – Besonders die Partie nach der Köhlerhütte, tief im dunkelgrünen Wald, mit Wein in Menge und recht lustigen Frauenzimmern; beim Heimwege am späten Abend, Mädchen am Arm, flimmerte alles von tausend und tausend Funken, theils aus dem Kopf heraus, theils drum herum von Johanniswürmchen, wie ich so viel noch nie bei einand gesehn. Ein hübsches Kind, das ich da wieder fand, bot mir auf's neue manch heimlich=gute Stunde. Ein närrisches Herz, was der Mensch im Leibe hat! – Nun! Hier in Wiedensahl weißt du ohngefähr, wie's aussieht. Die Bienen sind meine Unterhaltung in den Mittagsstunden; Abends streife ich durch die reifenden Kornfelder und laße mir die rothe Abendsonne auf die Hände scheinen, während die sanfte Luft eine Dampfwolke nach der Andern schwebend davon und weiter trägt. Aber nicht immer ist's so gut; wir haben recht viel rauhes Wetter. Der Waldgrund ist noch immer feucht und gebiert im naßen Laub dem Teufel sein Ungeziefer, besonders Stechmücken, die mir nächst den »Schwaben« am meisten zu wider sind. – Was macht die »schwarze Käferecke« beim Lettenbauer? Der kalte Sommer wird Euch wohl oftmals da versammelt haben, und beim Rams denk ich. – Was hört man von Freund Hanf? Hat er das Album bekommen? Bleibt er in Paris? – An den Hofrath gelegentlich Empfehlung und besten Gruß! –

Mit dem Grack mache aus: Er soll die »Bienen« als sein Eigenthum betrachten, ohne jeden Anspruch von meiner Seite. Die Prosa darin muß er jedenfalls umändern und erweitern laßen. Ich denke, du wirst das Alles in einige gute Worte einkleiden, damit er sich nicht etwa beleidigt fühlt. Grüß' ihn!

An Richter schrieb ich kürzlich; sein Geschäftsführer gab mir die Auskunft, daß er nach Italien gereist sei und erst Ende dieses Monats zurückkehre. Ist er in München gewesen?

Wenn ich ein kleines Kinderbuch, das ich angefangen, beendigt habe, so werde ich für ein paar Wochen an der Weser hinaufgehen; etwa in 14 Tagen oder drei Wochen. Übrigens hab ich für die nächste Zeit nichts beschloßen. – Und Du? Auf wann hast du deine Abreise von München festgesetzt? Laß doch recht bald etwas von dir hören.

Viele Grüße an Wuzel, Dernen, Küster, Schröder, die Familie Loßow und Stockhammern's. –

Reservire mir doch eins von deinen Reliefs.

Behalt mich in gutem Angedenken und sei überzeugt, daß ich stets bin

dein getr. Freund

W. Busch.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band I: Briefe 1841 bis 1892, Hannover 1968, S. 29-30.
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