776. An Marie Hesse

[315] 776. An Marie Hesse


Wiedensahl 12. Juni 89.


Wie schmerzlich, liebe Frau Heße, war es uns, den Neffen und mir, als am zweiten Pfingsttage Ihre Karte ankam, worin Sie mittheilen, daß Sie nun[315] schon so lange krank im Hospital sind. Geben Sie nur vor Allem die Hoffnung nicht auf, wieder gesund zu werden. Haben Sie doch die paßendste Verpflegung und die beste ärztliche Hülfe. Das Übrige steht in Gottes Hand. Und so wünschen wir denn von ganzem Herzen, Sie möchten bald wieder gutes Muths und in froher Stimmung zu den Ihrigen zurück kehren können. – Meine gute Schwester ist auch fortwährend kränklich. Adolf wird sie wohl demnächst auf einige Wochen in den Harz begleiten. Otto muß natürlich in den nächsten Tagen wieder nach Göttingen. Es ist angenehm für ihn, daß Hattorf so nahe liegt und er deßhalb Sonntags fast immer bei Bruder Hermann sein kann, der sich mit seiner netten Frau ganz behaglich eingerichtet hat, ein fleißiger Pastor ist und sonst im Obstgarten herumwirthschaftet, wie ein Farmer. Hin und wieder komm ich hin und seh ihm mit Vergnügen zu. Im Übrigen sag ich mir täglich, daß ich alt geworden, daß ich hienieden nicht viel mehr zu erwarten habe; und kommt mir Was in die Queer, dann nehm ich's mit möglichster Milde und Gelaßenheit, wie Einer, der's eigentlich noch viel schlechter verdient hätte.

Adolf und Otto laßen sich Ihnen freundlich empfehlen, und vor Allem wünscht Ihnen gute Beßerung und grüßt Sie herzlich

Ihr alter Wilh. Busch.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band I: Briefe 1841 bis 1892, Hannover 1968, S. 315-316.
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