Zwölfter Gesang.

1.

Kein Mittelalter ist so grauenvoll

Wie Mittelalter deiner Lebensfrist;

Wann du dahinschwankst zwischen weis' und toll,

Bist du – – ich weiß es kaum, was du dann bist.

Man weiß nicht recht, was man beginnen soll

In dieser Zeit, die wie ein Druckblatt ist,

Mönchsschrift auf »Narrenkapp'«, indeß das Haar

Sich sprenkelt, und man ist nicht, was man war; –


2.

Zu alt, um sich den Knaben anzureihn,

Zu jung zum Geiz mit biedern Sechzigern, –

Mich dünkt, es müßt' uns tödten, aber nein,

Wir leben; freilich wie! Man möchte gern

Noch lieben, doch es ist zu spät zum Frein,

Und andre Liebe? ach, die liegt so fern!

Und Geld, dies reinste Traumgesicht auf Erden,

Blinkt dämmrig erst, wie nebelhaftes Werden.


3.

Warum nennt ihr den Geizhals miserabel?

Vergnügen ohne Ueberdruß ist sein;

Er hat den besten Anker, hat das Kabel,

Das alle Freuden festhält, groß und klein.

Ihr seht nur, was er spießt auf seine Gabel,

Die magre Kost, sein Speisen scheint Kastein;

Da staunt ihr, daß ein Reicher so sich schinde:

Ihr wißt nicht, was man träumt bei Käserinde.
[146]

4.

Lieb' oder Wollust schwächt, Wein macht noch schwächer,

Spiel bringt Verlust ein, Ehrgeiz wagt den Nacken,

Geldmachen aber, Geld erst sacht, dann frecher,

Erst langsam, dann geschwinder einzusacken,

Das übertrifft der Liebe Lust, den Becher,

Des Spielers Marken und des Staatsmanns Schlacken.

O Gold! du bist mir lieber als Papier, –

Credit ist nur ein Dunstschiff neben dir.


5.

Wer lenkt die Parlament' und die Despoten?

Wer hält des Erdballs Wage? Wer armirt

Das Volk Madrids, hemdlose Patrioten,

Daß Alt-Europa krächzt und lamentirt?

Wer schickt von Pol zu Pol der Herrschaft Noten?

Wer ist es, der das Rad der Staatskunst schmiert?

Vielleicht der Schatten Napoleon'schen Mutes?

Jud' Rothschild und sein Mitchrist Baring thut es.


6.

Die und der ächte freisinnige Lafitte

Sind jetzt Europa's herschende Barone,

Und jedes Darlehn bringt nicht bloß Profit,

Es richtet Völker auf, es stürzet Throne.

Freistaaten selbst sind dieses Jochs nicht quit,

Columbia hat Fondsmakler als Patrone,

Und selbst Peru muß seine Silbermassen

Von einem Juden discontiren lassen.


7.

Weshalb denn soll der Geizhals elend sein?

Er führt das mäß'ge Leben, das die Menge

Bei Cynikern und Büßern ungemein

Anstaunt und rühmt. Ein Eremit erränge

Um völlig gleichen Preis den Heil'genschein.

Warum nun schmäht ihr hagren Reichthums Strenge?

»Weil nichts ihn zwingt!« schon hör' ich die Belehrung;

Ei, desto rühmlicher ist die Entbehrung.
[147]

8.

Er ist Poet! vor andern Dichtern groß;

Er sieht im Geist, gehäuft, in reiner Pracht

Das Erz, das er besitzt! deß Hoffnung bloß

Die Völker über Meer treibt. Aus dem Schacht

In Barren bricht der goldne Schimmer los;

Ihm funkelt der Demant, und der Smaragd,

Der sanfte, dämpft den Glanz der andern Steine

Und labt des Geiz'gen Blick mit mildem Scheine.


9.

Sein ist der Westen und der Osten sein:

Von Ceylon, Hindostan und China tragen

Die Schiffe duft'ge Frücht' und Spezerein;

Der Weg seufzt unter seinem Ceres-Wagen,

Und wie Aurora's Lippe glüht sein Wein;

In seinen Kellern könnt' ein König tagen,

Indeß er, gegen Sinnenreiz erkaltet,

Ein geist'ger Herscher über alles waltet.


10.

Er hat vielleicht den Bau von Lazaretten,

Vielleicht ein Majorat sich ausgedacht;

Er hinterläßt vielleicht geweihten Stätten

Sein mageres Gesicht in Marmorpracht;

Er wünscht vielleicht die Menschheit zu erretten

Mit dem Metall, das sie erbärmlich macht;

Vielleicht will er als »reichster Mann« stolziren;

Vielleicht macht's ihm nur Spaß zu calculiren.


11.

Was aber auch sein Sporn zum Handeln sei,

Ob eins von solchen Dingen oder keins,

Der Thor nur nennt dies Streben Raserei;

Und seines? – Liebe, Krieg, Genuß des Weins,

Macht das die Menschen glücklich oder frei?

Mehr als das Schwitzen bei dem Einmaleins?

Dein Erbe, magrer Harpagon, erfahr'

Von dem des Prassers, wer der weisre war!
[148]

12.

Wie schön sind Rollen, Barren, Beutel, Töpfe

Mit Münzen! – (Münzen alter Helden nicht,

Die leichter sind, einschließlich Helm' und Köpfe,

Als ihr auf Blech geprägtes Angesicht,) –

Nein, Gold mit dem Gepräg gekrönter Tröpfe,

Modernes, blankes, richtig von Gewicht,

Mit ächten Stempeln, legitim-stupiden, –

Die Lamp' Aladdins ist baar Geld hinieden.


13.

»Die Liebe herscht im Heer, am Hof, im Hain,

Denn Lieb' ist Himmel und der Himmel Liebe,«

Singt der Poet. Es würde schwierig sein,

Das zu beweisen, wenn man's dazu triebe.

»Im Hain?« Nun ja, es reimt auf Mondenschein;

Das läßt sich hören; aber fraglich bliebe,

(So fraglich wie der Pachtzins beim Verfall ist,)

Ob »Hof« und »Heer« auch so sentimental ist.


14.

Wenn Liebe nicht, Geld thut es, Geld allein;

Geld herscht im Hain und haut ihn häufig um;

Hof oder Heer würd' ohne Geld nicht sein,

Und Malthus lehrt, Eh' ohne Geld sei dumm.

So steckt das Geld die Liebe selber ein

Auf ihrem eignen Territorium.

Ist »Himmel Liebe?« Wachs ist Honig? Gehe!

Der Himmel ist nicht Liebe, sondern Ehe.


15.

Denn Lieb' ist sündlich außerhalb der Ehe,

Die eine Art von Lieb' ist, räum' ich ein;

Jedoch die Welt verschmäht, soviel ich sehe,

Den beiden Worten gleichen Sinn zu leihen,

Weil Liebe zwar mit Ehe wohl bestehe,

Doch könnte Eh' auch ohne Liebe sein;

Lieb' ohne Aufgebot ist aber gräßlich

Und heißt dann – – aber nein, es klingt zu häßlich.
[149]

16.

Da nun für »Hof« und »Heer« der Liebesgott

Nicht lauter treue Gatten rekrutirt,

Die nie geschürzt ein sträfliches Complott,

So hat sich jener Dichter hier blamirt.

Seltsam von meinem buon fratello Scott,

Den man als hoch moralisch celebrirt;

Freund Jeffrey hielt ihn mir mit großem Lobe

Als Muster vor; – dies ist nun eine Probe.


17.

Gut! hab' ich nicht Erfolg, so hatt' ich ihn,

Und das genügt. In meiner Jugendzeit,

Wo man ihn braucht, da ward er mir verliehn,

Und mein Erfolg gab, was in Wirklichkeit

Allein auf Erden mir von Wert erschien.

Was es auch war, ich hatt' es. Litt ich Leid

Und mußte für Erfolg mein Bußgeld geben,

Ich wünsch' ihn doch nicht fort aus meinem Leben.


18.

Der Rechtsweg vor der obersten Instanz,

Vor jenem ungebornen großen Haufen,

Den viele Leut' in gläub'ger Expectanz

Die Nachwelt (oder Staub der Zukunft) taufen –

Der Rechtsweg, sag' ich scheint mir auf ein ganz

Precäres, schwaches Rohr hinauszulaufen;

Zehn gegen eins, die Nachwelt wird von dir

So wenig wissen, wie du selbst von ihr.


19.

Ei, Nachwelt sind wir selber, meine Lieben,

Und wie viel Namen kennt ihr? hundert wohl?

Gut, schreibt sie auf, so viele haften blieben,

Beim zehnten Namen, wett' ich, macht ihr Kohl.

Plutarch hat nur die Wenigen beschrieben,

Und nun zerzaust ihn die Kritik gleichwohl;

Mitford, der Brite, darf den guten, braven

Altgriechen griechisch ehrlich Lügen strafen.
[150]

20.

Ihr guten Leute alle, groß und klein,

Schriftsteller, Leser, gute Freund' und Kläger,

In diesem Canto werd' ich ernsthaft sein,

Als wäre Malthus selber mein Verleger,

Und Wilberforce dazu, der ganze Reihn

Haudegen aufwiegt: er befreit die Neger,

Da Wellington den weißen Mann zum Knecht macht,

Und Malthus thut, was er in Büchern schlecht macht.


21.

Ich scherze nicht, – wer wird in Büchern scherzen?

Weshalb soll ich nicht auch philosophiren,

Die Sonn' erleuchtend mit bescheidnen Kerzen?

Die ganze Welt steckt tief im Meditiren,

Dampfschiff' und Freiheit liegen ihr am Herzen;

Die Weisheit schimpft auf alles Procreiren,

Wofern der Mensch kein Geld hat für das Futter

Der jungen Brut, die sich entwöhnt von Mutter.


22.

Das ist romantisch! edel! Ich, ich bin

Der Ansicht, »Philogenitivität« –

(Dies ist so recht ein Wort nach meinem Sinn;

Es giebt ein kürzres, doch ich hab's verschmäht,

Denn das ist grob und ginge nicht so hin:

Ich schreibe nichts, was schlechten Ton verrät;) –

Ich wollte sagen, etwas Nachsicht können

Wir wohl den Philogenitiven gönnen.


23.

Jetzt ans Geschäft. O theuerster Juan!

Du bist in London, an dem holden Sitze

Jedwedes Unheils, das nur brauen kann

Beim wilden Ritt der ersten Jugendhitze.

Du fängst das Leben freilich nicht erst an

Und bist auf dieser Rennbahn kein Novize,

Indeß, indeß, dies ist ein neues Land,

Das noch kein einz'ger Fremdling recht verstand.
[151]

24.

Den Rest Europa's könnt' ich wie ein Primas

Abwandeln durch ein einziges Mandat;

Da ist nur ein'ger Unterschied des Klima's,

Heiß, kühl, mercurisch oder auch sedat;

John Bull dagegen, wer je Salz mit ihm aß,

Der weiß, wie schwer bei ihm die Mus' es hat;

Ein jedes Land hat Löwen, aber sieh!

England ist eine Prachtmenagerie.


25.

Indeß, mich ekelt Politik. Verkünde

Paulo majora. Don Juan, inmitten

Verschiedner Weg' in viele Höllenschlünde,

Glitt über Eis dahin, als führ' er Schlitten.

Vom Spiel ermüdet, kost' er ohne Sünde

Mit ein'gen jener Wesen, streng von Sitten,

Die stolz sind Männer zu tantalisiren

Und mit dem Schein des Lasters kokettiren.


26.

Doch sie sind rar. Solch eine Quälerin

Kömmt oft in Teufels Küchen, zum Beweise,

Daß auch die Tugend, auch der reinste Sinn

Ausgleiten kann auf ihrem ros'gen Eise.

Und dann, als spräche Bileams Eselin,

Dann stutzt die Welt, von Ohr zu Ohr fließt leise

Quecksilbernes Geklatsch, und stets (gebt Acht)

Mit sanftem Amen: »Wer hat das gedacht?«


27.

Die kleine Leila, unser Türkenkind,

Sah all den Schimmer, ernst nach ihrer Weise,

Doch keinesweges vor Erstaunen blind,

Sehr zum Erstaunen aller hohen Kreise,

Wo Neuigkeiten Schmetterlinge sind,

Danach man hascht, dem leeren Kopf zur Speise.

Indeß man fand sie reizend und poetisch,

Ein fashionables Rätsel für den Theetisch.
[152]

28.

Die Weiber stritten, wie es dies Geschlecht

Gewöhnlich thut, gleichviel was auch geschehe;

Sagt nicht, ihr Reizenden, ich sei recht schlecht,

Ich lieb' euch wirklich mehr, als ich gestehe,

Doch muß ich sagen, daß ihr reichlich sprecht,

Ich muß, seit ich den Weg der Tugend gehe;

Und eben jetzt wart ihr höchst aufgeregt,

Leila's Erziehung hatt' euch tief bewegt.


29.

Eins gabt ihr alle zu, und das war klar,

Daß nämlich solch ein Kind, schön wie ein Traum,

So lieblich wie das Land, das sie gebar,

Und einsam wie die letzte Knosp' am Baum,

(Wenn auch Freund Don Juan noch ein'ge Jahr',

Fünf, vier, drei oder zwei, sich halt' im Zaum,)

Daß solch ein Kind die Ueberwachung brauchte

Von Ladies, deren Thorheit schon verrauchte.


30.

Zuerst war nun der Wettstreit allgemein,

Und allgemein war dann das Concurriren,

Der Bildung dieser Waise sich zu weihn.

Zu sammeln oder auch zu subscribiren

Würd' ein Affront in diesem Falle sein,

(Juan gehörte zu den Cavalieren,)

Doch sechzehn hochgestellte Witwen, dreizehn

Fräulein mit mittelalterlichen Reizen,


31.

Und ein'ge Fraun mit traurigen Allüren,

(Geschiedne Gattinnen, die still verblühn)

Wünschten sie zu erziehn und »einzuführen«,

Das heißt der Jungfrau schüchternes Erglühn

Und noble Bildung durch die Flügelthüren

Des Ballsaals hingeleiten zu Revuen.

Ich sag' euch, solch ein Eintritt in die Welt hat

Des Honigs Schmack, zumal wenn Eine Geld hat.
[153]

32.

Bedürft'ge Lords und Schwärme ausgepreßter

Bankrotter Dandies, edle arme Schlucker,

Die kluge Mutter und die schlaue Schwester,

(Beiläufig, Weiber haben schärfre Gucker

Als Männer, halten auch den Fang gleich fester,

Wenn's »Gold ist, was da gleißt,«) – wie Fliegen Zucker

Umsummen sie den Goldfisch, lüstern, schwirrend,

Mit Tanz und Schmeicheln ihm den Kopf verwirrend.


33.

Die Tanten und Cousinen intrigiren,

Vermählte Damen selbst, manchmal, ermangeln

So sehr des Eigennutzes, daß sie ihren

Liebhabern eine reiche Erbin angeln.

Tantaene? solche Tugenden regieren

Den Adel selbst im Reich der weiland Angeln?

Die arme Erbin freilich mag beim Werben

Wohl seufzen: »Hätte mein Papa doch Erben


34.

Oft beißt sie blindlings an am ersten Tag,

Oft wirft sie erst mit Körben wild herum,

Und jeder Korb wirkt wie ein Donnerschlag,

Die Tanten schäumen, – hört nur das Gebrumm:

»Wenn Fräulein X. den armen Franz nicht mag,

Warum liest sie Billets von ihm? warum

Walzt sie mit ihm? warum, das möcht ich fragen,

Lächelt sie Ja, um später Nein zu sagen?«


35.

»Warum? – Und Franz war wirklich attachirt?

's ist nicht ihr Geld, – Gottlob, er braucht es nicht.

Na, daß sie diese Chance refüsirt,

Sie wird's bereun, wann die Vernunft erst spricht.

Die alte Gräfin hat hier intrigirt,

Das sag' ich morgen Aurea ins Gesicht.

Für Franz giebt's wohl noch bessere Partien,

Und bitte, sahn Sie ihren Brief an ihn?«
[154]

36.

Freiherrenkronen, schmucke Epauletten

Verschmäht sie eisig, bis das Eis dann bricht.

Doch erst wird Zeit verloren, Herzen, Wetten,

Bei diesem Ritt um Bräute von Gewicht,

Und fällt zuletzt der niedlichen Koketten

Ein Jüngling zu, der schreibt, fährt oder ficht,

Dann trösten die Verschmähten allemal

Sich mit dem Ausruf: »Welche dumme Wahl!«


37.

Oft läßt sie sich mit einem Manne trauen,

Bloß weil er hitzig, zäh' und lästig war;

Oft fällt sie irgend einem in die Klauen,

Der gar nicht hitzig ist, – doch das ist rar.

Die Witwer über vierzig, selbst die grauen,

Ziehn ganz gewiß (Beispiele thun es dar)

Ein hohes Loos, und wie es kömmt, gleichviel,

Es ist nicht drolliger als Lottospiel.


38.

Ich selber – (ein »modernes Beispiel« mehr,

»Wahr, es ist Schad', und Schade, daß es wahr,«) –

Ward auserwählt aus einem Freierheer,

Obschon ich eher jung als weise war;

Ich hatte mich gebessert kurz vorher,

Eh' eins wir wurden, (zwei nach einem Jahr,)

Doch geb' ich Recht dem edlen Publicum,

Die junge Dame wählt' entsetzlich dumm.


39.

Verzeiht die Reflexionen, oder besser,

Lest sie! Ich schreibe jetzt, um zu erbauen,

Wie ein erbaulich Tischgebet den Esser.

Wie läst'ge Freunde, wie bejahrte Frauen,

Ein hitz'ger Pfaff, ein eifriger Professor,

Will meine Muse Volk aus allen Gauen

Und allen Zeiten gern zur Tugend leiten,

Drum muß mein Pegasus fein ehrbar schreiten.
[155]

40.

Jetzt aber will ich unmoralisch sein,

Ich will die Welt so zeigen, wie sie ist,

Nicht wie sie sein soll. Denn ich seh' es ein,

Bis ihr nicht bar und nackt die Facta wißt,

Bleibt der Erfolg des Tugendpfluges klein;

Er ritzt den schwarzen Lehm kaum, den mit Mist

Das Laster lang gedüngt, bloß um die alten

Kornpreise seiner Frucht aufrecht zu halten.


41.

Erst aber muß ich mich von Leila trennen;

Denn wie das Frührot war sie jung und rein,

Oder wie Schnee, – ein Bild, das Alle kennen,

Der rein ist und fatal noch obendrein,

Wie manche Leut', ich brauch' sie nicht zu nennen.

Es mußte für Juan sehr tröstlich sein,

Ein gutes Haus für Leila aufzutreiben,

Der es nicht gut thun konnte, frei zu bleiben.


42.

Er sah wohl, daß er nicht zum Vormund passe,

(Dies könnten Andre sich zum Muster nehmen,)

Und wünschte, daß man aus dem Spiel ihn lasse,

(Denn Vormund muß sich oft des Mündels schämen,)

Und da sich ja die Damenwelt in Masse

Erbot, das wilde Türkenkind zu zähmen,

So fiel auf Lady Pinchbeck seine Wahl,

Die der »Verein für Sittlichkeit« empfahl.


43.

Jetzt war sie alt, doch früher mal sehr jung,

Sehr ehrbar jetzt, und früher, glaub' ich, auch,

Obwohl die Welt mit mancher Lästerung – –

Doch nein! mein keusches Ohr soll keinen Hauch

Aufnehmen, der was Schlechtes bringt in Schwung.

Das Klatschen ist der schändlichste Gebrauch

Der Zung' und wurmt mich immer ungeheuer,

Dies Wiederkäun zweibein'ger Wiederkäuer.
[156]

44.

Dann hab' ich auch bemerkt, – und manches Jahr

Macht' ich Notizen mir in eurer Mitte, –

Und wer kein Tropf ist, sieht es ziemlich klar,

Daß eine Frau von vormals muntrer Sitte,

Auch abgesehn von Kenntniß der Gefahr

Und aller üblen Folgen falscher Schritte,

Weit besser warnt vor Schmerz und Kümmernissen,

Von denen die ganz Kühlen gar nichts wissen.


45.

Die kalte Prüde schimpft, um sich zu rächen,

Auf Glut, die sie beneidet und nicht kennt;

Sie möchte dich nicht retten, sondern stechen,

Ja, dir versperr'n, was man »Gesellschaft« nennt.

Die Veteranin wird gelassen sprechen:

»Besinnt euch, eh' Ihr nach dem Ziele rennt!«

Und wird dir sanft das mystische Capitel

»Vom Lieben« deuten, Anfang, End' und Mittel.


46.

Ich weiß nicht, sind's die strengern Lectionen,

Indem sie besser wissen, wo hinaus?

Genug, die jungen Töchter der Matronen,

(Das lehrt der erste Blick in manches Haus,)

Die von der Welt gelernt, nicht von Sermonen,

Sie fallen für die Thierschau besser aus,

(Wohin Vestalenscharen zum Verkauf ziehn,)

Als Mädchen, die herzlose Prüde aufziehn.


47.

Einst ging von Lady Pinchbeck manche Mär herum,

Schönheit und Jugend bringt das einmal mit sich;

Jetzt aber spukte der Skandal nicht mehr herum,

Man nannte sie nur noch charmant und witzig,

Und ihre bessern bonmots kamen sehr herum.

Gutmütig war sie auch, nicht scharf und spitzig,

Und war – seit sie in reifrem Alter stand –

Als musterhafte Ehefrau bekannt.
[157]

48.

Hoch unter Hohen, doch daheim verträglich,

Hielt sie die Jugend unter sanftem Zwang,

So oft die Jugend (also etwa täglich)

Zum Irregehn verriet den schlimmen Hang.

Wie viel sie Gutes that, ist ganz unsäglich,

Sonst würde jedenfalls mein Buch zu lang;

Kurzum, die kleine Wais' aus der Türkei

Bracht' ihr ein wachsend Interesse bei.


49.

Auch stand Juan bei ihr gut angeschrieben;

Sie fand, daß er au fond kein Taugenicht war,

Verzogen, doch kein Mensch mit schlechten Trieben;

Bedenkt man, was sein Vater für ein Wicht war,

Und wie das Schicksal sich an ihm gerieben,

So kann man sich nur wundern, daß er's nicht war;

Jung hatt' er solche Wechsel schon erfahren,

Daß neue ihm nicht überraschend waren.


50.

Dergleichen wirkt zumeist in jungen Tagen,

Denn wer zuerst im Alter Not gekannt hat,

Der ist geneigt das Fatum anzuklagen

Und wundert sich, daß Gott nicht mehr Verstand hat.

Der beste Weg zur Wahrheit führt durch Plagen;

Wem Krieg und Sturm und Weibes Wut es anthat,

Der lernt die Kunst, Erfahrungen gewinnt er,

Er zähle achtzehn oder achtzig Winter.


51.

Ein Andres ist, ob er davon lucrirt.

Juan gab froh sein kleines Mündel her:

Mylady's Töchter waren etablirt,

Und ihrer Mutter bildender Verkehr

Ward auf die nächste Erbin transmittirt,

Ganz ähnlich, wie die Barke des Lord Mayor

Dem Amtsnachfolger zufällt, oder sagen

Wir musischer, wie Venus' Muschelwagen.
[158]

52.

Ich sage »transmittirt«; es giebt gewiß

Ein flüssig Inventar von Bildungsstücken,

Das wie ein Stammbaum erbt von Miß zu Miß,

Je nach der Neigung ihrer Köpf' und Rücken:

Sie walzen, zeichnen, singen cis und fis,

Sie treiben Metaphysik zum Entzücken,

Modestre Mädchen glänzen durch Esprit,

Und manche hat zu Krämpfen viel Genie.


53.

Mag aber Witz, mag Kampfsucht, mag Latein,

Sonaten, schöne Künste, schönre Mieder

Für Lords und Gentlemen der Köder sein,

Das Inventar vererbt sich immer wieder

Von Jahr zu Jahr, und immer neue Reihn

Vestalen schweben elegant hernieder,

Um Herzen stets mit gleicher Kunst zu rauben,

Jed' eine Kron' und doch erpicht auf Hauben.


54.

Doch jetzt beginn' ich mein Gedicht. Curios

Ist es vielleicht, wenn nicht ganz neuer Stil:

Ich lasse elf bis zwölf Gesänge los

Und that noch nicht den ersten Schritt zum Ziel!

Die ersten zwölf sind nur Präludio's,

Um zu probiren, ob mein Saitenspiel

Gestimmt und festgeschraubt die Wirbel sind.

Jetzt still! die Introduction beginnt.


55.

Was kümmern meine Musen um den Preis sich,

Den man Erfolg nennt? Still von den Misèren!

Von andern, höheren Gedanken kreiß' ich;

Wir pred'gen »große und moral'sche Lehren«.

Ich dacht', als ich begann, daß ich mit dreißig

Gesängen reichen würd'; Apoll zu Ehren,

Fällt nur mein Pegasus nicht in den Graben,

Werd' ich indeß wohl sacht durch hundert traben.
[159]

56.

Juan sah jenen Mikrokosm auf Stelzen,

Die kleine sogenannte »große Welt«;

Wenn man sie zählt, wird sie zusammenschmelzen,

Doch, wie das Schwert den Griff hat, um im Feld

Zu nützen, wann zum Kampf sich Heere wälzen,

So ist es mit der Masse auch bestellt;

Die höhre Welt dient ihr als Griff und Sterze,

Als Mond und Sonn' und Gas und Pfennigkerze.


57.

Er hatte Freunde, diese hatten Frauen,

Und beide sahn ihn gern, – Freundschaft, die weder

Gut thut noch schlecht; sie fordert kein Vertrauen;

Sie hält bloß in der feinen Welt das Leder

Geschmeidig und bewegt im Abendgrauen

(Vermittelst der Diners) die Kutschenräder;

Und solch' ein Dasein, Fest, Ball, Maskerade

Erscheint im ersten Winter kaum sehr fade.


58.

Und ist und hat ein junger Mann recht viel,

So wird es ihm recht schwer sich durchzuschlagen;

Die bessere Gesellschaft ist ein Spiel,

»Das edle Affenspiel«, darf ich wohl sagen,

Wo alle Leut' ihr separates Ziel

Verfolgen oder irgend etwas jagen;

Einzelne Damen möchten gern sich paaren,

Vermählte ihnen gern die Müh' ersparen.


59.

Dies alles sind nicht generelle Sätze;

Ausnahmen giebt's; ich rede nicht von jenen,

Die, steif wie Pappeln, die Moralgesetze

Als Wurzel haben, sondern nur von denen,

Die ihr Geschäft betreiben mit dem Netze,

»Mannsfischer,« lautenschlagende Sirenen;

Sprich nur sechsmal mit einer der Mamsellen,

So kannst du nur den Hochzeitsrock bestellen.
[160]

60.

Vielleicht daß brieflich dich »Mama« belehrt,

Ihr Kind sei wie auf die Tortur gespannt;

Vielleicht auch daß der Bruder dich beehrt,

Ganz Zorn, Corsett und Schnurrbart, und den Stand

Der Sach' erörtert; kurz, du wirst begehrt,

Das Herz der Jungfrau fodert deine Hand,

Und halb gerührt, halb um des Friedens willen

Verschluckst du schließlich Hymens bittre Pillen.


61.

Ich kenn' ein Dutzend, welche so sich banden,

Ich kannte früher auch verschiedne Herren,

Die zwar es keineswegs erfreulich fanden,

Mit solchem Schwindel sich herumzuzerren,

Die aber sich durchaus zu nichts verstanden,

Trotz Schnurrbart, trotz Geheul und Weiberplerren,

Und leben noch, sammt der verratnen Braut,

Viel glücklicher, als wären sie getraut.


62.

Noch eine andre Klippe droht allnächtlich

Dem Unerfahrnen, nicht so schlimm wie Ehe,

Indessen die Gefahr ist doch beträchtlich.

Daß Laster aufgeputzt wie Tugend gehe,

Das lass' ich gelten, find' es kaum verächtlich,

Es giebt ihm Reize, die ich gerne sehe;

Eins hass' ich, das amphibische Geschmeiß,

»Couleur de rose«, nicht scharlach und nicht weiß.


63.

Die kalte Schönheit, die das Nein nicht kann,

Das Ja nicht will und läßt dich so lavirend

Vor Klippen kreuzen, bis es stürmt, und dann

Sieht sie dein Herz als Wrack, still triumphirend.

Dies stiftet eine Welt von Jammer an,

Alljährlich neue Werther massacrirend:

Gleichwohl ist dies harmloses Kokettiren,

Kein Adulterium, – bloß Adulteriren.
[161]

64.

»Götter, ich werd' ein Schwätzer!« – Meinetwegen!

Auch rat' ich dir, daß du dich rasch entfernst,

Wann ohne Staatsgesetz und Kirchensegen

Ein Weib die Liebe giebt und nimmt im Ernst.

Im Ausland pflegt das nicht so aufzuregen,

Wie du gar bald, junger Wandrer, lernst;

Doch wenn Alt-Englands junge Fraun pecciren,

Ist Eva's Fall Lappalie gegen ihren.


65.

Ein knotig Land! Prozesse, Presse, Zopf!

Wenn sich zwei junge Leute gut vertragen,

Flugs kömmt die Welt und nimmt das Paar beim Schopf.

Und dann die ordinären Schadensklagen!

Die Jury – hüte dich, du armer Tropf! –

Ist hier der Schlußact zarter Minnesagen,

Nebst süßen Plaidoyers der Advocaten, –

Für Zeitungsleser ein willkommner Braten.


66.

Die aber so ins Pech gehn, sind Novizen;

Ein leiser Anflug sinn'ger Heuchelei

Hält oft den guten Ruf der schönen Spitzen

Unsrer Gynokratie von Makel frei;

Ihr seht sie bei Diners, im Ballsaal sitzen,

Und unsrer höchster Adel sitzt dabei,

So sanft, so keusch, so reizend, so erhaben,

Bloß weil sie Tact und nicht Geschmack nur haben.


67.

Juan war kein Noviz, und dann, ein wichtig

Moment beschirmt' ihn gegen böse Triebe:

Ihn ekelte – – nein, ekeln ist nicht richtig,

Ich meine nur, er hatt' an guter Liebe

Vorher genug gehabt. Ich höhne nicht dich,

Du Land der Zöll' und Zehnten, Dünst' und Diebe,

Der weißen Häls' und weißer Kreidemauer,

Wo blau die Augen sind und Strümpfe blauer.
[162]

68.

Er kam aus Landen, wo das Herz romantisch

Sich nicht Prozessen aussetzt, nein dem Tode,

Wo Liebe Wahnsinn ist, furchtbar, gigantisch;

Da schien ihm denn die englische Methode

Halb krämerhaft zu sein und halb pedantisch

Und selbst die Leidenschaft kaum mehr als Mode.

Und dann – verzeiht, bedauert ihn! – er fand

Zuerst die Frauenzimmer nicht charmant.


69.

Zuerst, sag' ich. Er fand doch mit der Zeit,

Daß größre Schönheit unsre Weiber ziert

Als jene Damen, deren Lieb' und Leid

Des Ostens Stern mit heißrem Strahl regiert.

Er irrte nicht aus Unerfahrenheit

Und hatte doch zu vorschnell judicirt:

Die Wahrheit ist, das Neue pflegt uns Allen

Zu imponiren mehr als zu gefallen.


70.

Ich rückte nie, obwohl ich manchen Ruck thu',

Südwärts bis zu den Mohren Nil und Niger,

Auch sah ich nie den dunklen Punkt Timbuktu,

Und kann nicht schwören, so, nicht anders, lieg' er,

Weil noch die Karte fehlt, die uns genugthu',

Denn Forschung pflügt im Sudan wie »bos piger«;

Doch wär' ich dort, so sagten mir die Söhne

Timbuktu's sicherlich, »Schwarz sei das Schöne.«


71.

So ist's. Ich will nicht schwören, schwarz sei weiß,

Doch hab' ich stark den Argwohn, weiß sei schwarz;

Es hängt zuletzt vom Sehn ab. Der Beweis

Ist jeder Blinde. Lacht ihr? Dann erfahrt's,

Er ist der Mann, der es am besten weiß,

Und wollt ihr's widerlegen? ich erwart's.

Er sieht nicht Tag noch Nacht, nur Dunkel immer,

Und was seht ihr? Höchst zweifelhaften Schimmer.
[163]

72.

Da fall' ich wieder in das Metaphysische,

In Labyrinthe, die für unser Streben

Das sind, was eine Cur für Hektisch-Phthisische,

Die, Motten gleich, ein sterbend Licht umschweben.

Und dieser Satz bringt mich zurück aufs Physische;

Die Schönheit fremder Fraun verglich ich eben

Mit unsern reinen Perlen ohne Preis, –

Sommer des Pols, ganz Sonn' und etwas Eis.


73.

Man kann sie auch ehrbare Nixen nennen,

Weil das zum Fisch wird, was als Weib beginnt,

Obwohl sie oft sehr gut die Achtung kennen,

Die sie den eignen Wünschen schuldig sind.

Wie Russen aus dem Dampf- ins Schneebad rennen,

So, noch im Laster tugendhaft gesinnt,

Erglühen sie bis zum Faux pas, die kalten

Douchen der Reue bleiben vorbehalten.


74.

Dies trifft indeß nicht ihre Außenseiten.

Ich sagte, daß sie unser junger Kenner

Nicht hübsch fand. Einer Brittin Lieblichkeiten

Sind halb versteckt (aus Mitleid für die Männer)

Und pflegen leis' in euer Herz zu gleiten,

Statt Sturm zu laufen wie ein Stadtberenner;

Doch ist sie einmal drin, so hält sie dir's

Wie eine Schutzmacht fest, – mein Freund, probir's.


75.

Sie kann nicht wie ein Berberroß stolziren,

Nicht wie Sevilla's Fraun zur Messe wandern,

Sich nicht wie Gallien graziös drapiren;

Nicht brennt ihr Auge gleich Ausoniens Brandern,

Und ihre Stimme wird nicht triumphiren

In dem Bravourgesang, der alle Andern

So sehr entzückt, – ich lerne nun schon sieben

Jahr' in Italien dran, ihn auch zu lieben.
[164]

76.

Hierin, so wie in zwei, drei andern Sachen

Besitzt sie nicht die schlanke, kecke Art,

Die uns so einnimmt (in des Teufels Rachen);

Sie geht euch nicht mit Lächeln um den Bart,

Wird nicht im Nu die Sach' in Ordnung machen,

(Was viele Weiterung und Zeit erspart,) –

Der Acker kostet euch viel Zeit und Plagen,

Wird aber, gut behandelt, doppelt tragen.


77.

Wann aber Lieb' es ihr in Wahrheit anthat,

Dann wird es ernsthaft! Neunmal unter zehn

Ist's Laune, Spiel, bloß eine kleine Schandthat,

Um aufzufallen und voranzustehn,

Der Stolz des Kindes, das ein neues Band hat,

Der Wunsch, Rivalinnen durchbohrt zu sehn;

Der zehnte Fall wird ein Tornado sein,

Denn was sie dann thun wird, weiß Gott allein.


78.

Der Grund ist klar. Giebt es Eclat, Spectakel,

Verliert sie Kaste, und das liebe Jus

Begeht in seinem saubren Tabernakel

Sein Opferfest, und endlich stößt zum Schluß

Die feine Welt, dies Sèvres ohne Makel,

(Die Heuchlerin!) sie aus, wie Marius

Zu trauern auf Ruinen; denn die Ehr' ist

Auch ein Karthago, dessen Neubau schwer ist.


79.

Vielleicht ist dies so recht; es stimmt gar fein

Zum Evangelium: »Sündige nicht mehr,

Und deine Sünde soll vergeben sein!«

Das reim' ein Frommer sich; mir fällt es schwer.

Sie halten auswärts auch sich nicht ganz rein,

Doch den Gefallnen bleibt die Wiederkehr

Zur Tugend, – einer Dame, welche immer

Daheim sein soll, für alle Frauenzimmer.
[165]

80.

Ich lasse diesen Punkt, wo ich ihn finde;

Eins ist gewiß, so starre Tugend macht

Den Eifer für die Tugend sehr gelinde;

Man scheut die Sünde nicht, bloß den Verdacht,

Und Keuschheit? – wähnt doch nicht, daß man sie binde

Durch alle Strenge, die ihr je erdacht;

Die Strenge beugt der Schuld nicht vor, sie mehrt sie;

Sie wirkt Verzweiflung und der Reue wehrt sie.


81.

Nun war Juan kein Grübler oder Späher,

Der dieser Welt Moral ergründen mußte;

Auch trat er zwar unzähl'gen Damen näher,

Doch keiner, die ihn recht zu fesseln wußte.

Er war un peu blasé, und etwas zäher

Ward mit den Jahren seines Herzens Kruste;

Sein Glück bei Damen macht' ihn unumgänglich,

Nicht eitler just, doch weniger empfänglich.


82.

Auch hatt' er viel zu sehn: das Haus der Lords

Und all die Häuser, die auch du besahst;

Er lauschte Nachts dem Sturm des Rednerworts,

Der einst in England raste, (nicht mehr rast,)

Die Völker blendend durch den Glanz des Nords

Bis zu den Fluren, wo der Bison grast.

Der Schluß der Session schien ihm gar hehr,

Grey aber war noch nicht, Chatham nicht mehr.


83.

Ein stolzer Tag, der Schluß der Session,

Vorausgesetzt das Volk ist wirklich frei:

Ein König und das Recht auf einem Thron!

Mich dünkt, daß solch ein Thron der höchste sei.

Despoten fassen's nicht, – sie lernen's schon,

Die Freiheit bringt es ihnen langsam bei.

Der Pomp ist's nicht, woran wir uns erbauen

Mit Herz und Aug', es ist des Volks Vertrauen.
[166]

84.

Er sah auch ihn, (der nicht er selbst geblieben,)

Den Prinzen aller Prinzen seiner Zeit,

Bezaubernd, selbst sein Bückling zum Verlieben,

Voll Hoffnung, wie die Erde, wann es mait;

Auf seiner Stirn stand Fürstlichkeit geschrieben

Und jener Schmuck von höchster Seltenheit,

Ohn' alles Geckenthum, von Schlacken rein,

Von Kopf zu Fuß ein Gentleman zu sein.


85.

Juan ward also, wie gesagt, ein Glied

Der ausgesuchtesten Gesellschaftskreise,

Und dort geschah, was leider oft geschieht,

Sei jemand noch so fromm, gesetzt und weise;

Die Laune, das Talent, das er verriet,

Die ganze distinguirte Art und Weise,

Bracht' in Versuchung ihn, das geht ja so,

Obwohl er selber jeden Anlaß floh.


86.

Was aber, wo, mit wem und wie und wann,

Das läßt sich nicht so schnell zusammenschreiben,

Und da Moral mein Zweck ist, nun wohlan,

So soll kein einzig Auge trocken bleiben,

Und mit Torturen will, so gut ich kann,

Ich euer Herz zu Staub und Asche reiben,

Aushaun ein riesig Monument von Pathos,

Wie Philipps Sohn vorhatte mit dem Athos.


87.

Dies ist das zwölfte Buch der Vorerklärung;

Beginnt nun erst das wirkliche Gedicht,

So sollt ihr sehn, daß es von andrer Währung

Sich zeigen wird, als mancher sich verspricht;

Jetzt ist der Plan ganz einfach noch in Gährung.

Zum Weiterlesen, Leser, zwing' ich nicht,

's ist dein Geschäft, nicht meins; ein ächter Mut

Sucht nicht Verachtung, aber trägt sie gut.
[167]

88.

Und wenn mein Donnerkeil nicht immer kracht,

Bedenk', mein Freund, ich machte schon vorher

Den schlimmsten Sturm und auch die beste Schlacht,

Die je aus Blut gebraut sind oder Meer,

Und höchste – – Gott weiß, was ich noch gemacht,

Kein Wucherer erwartet, glaub' ich, mehr.

Mein Hauptgesang wird aber astronomisch,

Und noch ein schönrer wird staatsökonomisch.


89.

Das ist ein Thema, das jetzt populär ist!

Der Zaun des Staates steht sehr schräg geneigt

Daher ein guter Christ und Bürger der ist,

Wer zum Bankrott den besten Weg uns zeigt.

Mein Plan ist gut, obwohl (was singulär ist)

Des Planes Autor ihn vorerst verschweigt.

Der Tilgungsfond hat ja so viele Lenker, –

Sagt mir, wie denkt ihr über unsre Denker?

Quelle:
Lord Byrons Werke. Berlin 1877, Band 6, S. 139-140,146-168.
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