Sechster Auftritt

[57] Die Vorigen. Der König und Gefolge.


KÖNIG blickt nach links vorn hinein und scheint dort die getötete Schlange wahrzunehmen.

O seht! die Schlang' erlegt von starker Hand!

CHOR hat inzwischen Euryanthe bemerkt und lenkt des Königs Aufmerksamkeit auf sie.

Und hier in Thränen eine zarte Frau!

KÖNIG ist herabgestiegen und hat sich Euryanthe genähert.

Wer du auch sein magst, holde Unbekannte,

Verbanne jede Scheu, blick' auf zu mir,

Des Unglücks Hort, dein König, spricht zu dir!

Euryanthe wendet ihr Antlitz gegen den König, ohne aufzustehn.


KÖNIG UND CHOR sie erkennend.

Himmel! Euryanthe!

Jäger ziehen sich nach rechts vor die Bauern.


Nr. 19. Duett mit Chor.


EURYANTHE.

Laßt mich hier in Ruh' erblassen,

Gönnt mir diese letzte Huld!

KÖNIG.

Nein, ich will dich nicht verlassen,

Komm', zu sühnen deine Schuld!

EURYANTHE.

Meine Brust ist rein von Schuld.

KÖNIG.

Du nicht schuldig? Dürft ich's hoffen?

CHOR.

Hilf uns auf der Wahrheit Spur!

EURYANTHE.

Eglantines flehend Kosen

Lockt' mir mein Geheimnis ab;

Natter war sie unter Rosen,

Die den Tod mir schmeichelnd gab.

KÖNIG.

Euryanthe, sprichst du Wahrheit,

O so nimm mein Wort zum Pfand,

Höllentrug bring ich zur Klarheit,

Neu knüpf' ich dein schönes Band.

EURYANTHE.

Wiedersehn!


Sich langsam aufrichtend.


Mich ihm versöhnen,

Wär' es möglich?[57]

CHOR.

Hoffe! Lebe!

EURYANTHE.

Stürb' ich hin in diesen Tönen!

CHOR.

Hoffe!

EURYANTHE.

Täuscht mich nicht!

KÖNIG.

Glaube, hoffe, lebe!

CHOR.

Glaube, hoffe, liebe, lebe!

EURYANTHE.

O wie ich bebe! o kann ich's fassen!

Nr. 20. Arie mit Chor.


EURYANTHE in Wonneglut aufspringend.

Zu ihm, zu ihm, zu ihm! o weilet nicht!

Wo bist du meines Daseins Licht?

Wo bist du wo bist du, wo?

Zu ihm, daß ich ihn fest umfasse,

Ihn nimmer, nimmer lasse!

So Herz an Herzen, Aug' in Auge,

Aus seinen Blicken Leben sauge!

Wo bist du meines Daseins Licht,

Daß ich dich fest umfasse,

Nimmer, nimmer lasse!

Wo bist du, wo bist du?

Zu ihm, o weilet nicht!

CHOR.

Fort – o weilet nicht!

EURYANTHE.

Zu ihm, zu ihm, zu ihm!

O weilet nicht!

Wo bist du meines Daseins Licht?

Wo bist du, wo bist du, wo?

Zu ihm, zu ihm, zu ihm!

CHOR.

Fort, fort, fort! o weilet nicht!

Fort, o weilet nicht! fort zu ihm!

EURYANTHE.

Daß ich ihn fest umfasse,

Ihn nimmer, nimmer lasse!

Herz an Herzen, Aug' in Auge

Seiner Blicke Leben sauge!

Daß ich ihn fest umfasse,[58]

Nimmer lasse, nimmer lasse!

Zu ihm! o Hoffnung! Himmelsstrahl!

Ich trag' es nicht!

Ich sterb' in Wonn' und Qual!

Ich trag' es nicht!

Ich sterb' in Wonn' und Qual!

CHOR.

Hoffe, liebe, lebe!

Dir winkt ein Himmelsstrahl!

EURYANTHE.

Ach!


Sie sinkt zusammen.


CHOR.

O Jammer, unerhört!

O lieblichste der Blüten,

Wie hat so früh das Wüten

Des Sturmes dich zerstört!

Alle umstehen Euryanthe mit teilnahmsvollen Gebärden.

Verwandlung.

Freier Platz vor der Burg Nevers, deren Eingangsthor man links hinten hoch oben erblickt; die Zugbrücke führt auf einen im Zickzack nach unten verlaufenden Weg. Im Vordergrunde rechts und links die Hütten der Landleute; rechts vorn diejenige des Brautpaars. Rasenbänke rechts und links ganz vorn. In weiter Ferne sieht man die weinumlaubten Berge der schönen Landschaft.


Quelle:
Carl Maria von Weber: Euryanthe. Leipzig [o.J.], S. 57-59.
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