Dreiundvierzigstes Kapitel

[320] Der Baldowerer in der Patsche.


»Sie sind also selbst der Freund, von dem Sie gesprochen haben, was?« fragte Mr. Claypole, alias Bolter, als er am nächsten Tag in Fagins Haus übersiedelte. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich mir gestern abend nicht schon so etwas gedacht habe.«

»Jeder ist sein eigner bester Freind, mei Lieber,« versetzte Fagin grinsend. »Oder glauben Sie, daß jemand en bessern Freind haben kann als sich selber?«

»Es gibt Ausnahmen,« antwortete Mr. Bolter, die Miene eines Weltmannes annehmend. »Zuweilen wenigstens – es gibt nämlich auch Menschen, die sich selbst die schlimmsten Feinde sind.«

»Gott, glauben Sie doch so eppes nicht,« rief Fagin. »Wenn e Mensch sei eigner Feind is, so is er's doch bloß, weil er bissele gar zu viel sei eigner Freind is, und nicht, weil er is bekimmert und besorgt um irgendjemand andres mehr als um sich selber. Pühh! so etwas gibt's doch gar nicht auf der Welt.«

»Es sollte es wenigstens nicht geben, wenn es auch immerhin vorkommen mag,« versetzte Mr. Bolter.[320]

»Haßt e Vernunftsgrund!« grunzte der Jude. »Es gibt gewisse Hexenmeister, die sagen, die Drei is e Wunderziffer, andre wieder sagen: die Sieben is e Wunderziffer. Ich sag' Ihnen, lieber Freind, weder die Drei is e Wunderziffer, noch is die Sieben e Wunderziffer. Die Eins is e Wunderziffer.«

»Oho,« schrie Mr. Bolter lachend, »die Eins soll leben, die Eins, hoch, hurra!«

»In einer kleinen Freimaurerloge, wie wir hier sind in der unsrigen, lieber Freind,« fuhr Fagin fort, »haben wir keine gemeinsame Nummer eins, das heißt, genau gesagt: Sie selber können sich nicht für eine Eins halten, außer, daß Sie mich auch für eine Eins ansehen. Und ebenso ist es mit die andern jungen Leinte, verstehen Sie mich?«

»Donnerwetter ja,« rief Mr. Bolter.

»Sehen Sie,« fuhr Fagin fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »wir sind so miteinander verschmolzen und unsre Interessen sind so gemeinsam, daß es gar nicht anders sein kann. Ich frag' Sie: wollen Sie sorgen in erster Linie für Nummer Eins, das heißt also für sich selbst?«

»Bestimmt, ja.«

»Sehn Se, und so können Se doch nicht sorgen für Nummer Eins, das heißt für sich selbst, ohne zugleich zu tragen Sorge für mich, ebenfalls Nummer Eins.«

»Nummer Zwei, meinen Sie wohl,« verbesserte Mr. Bolter, der genau, von Geburt an, unterscheiden konnte zwischen mein und dein.

»Sie verstehen mich nicht,« versetzte Fagin. »Ich bin für Ihnen genau ebenso wichtig, wie Sie es für sich selber sind.«

»Das heißt,« fiel ihm Mr. Bolter ins Wort, »Sie sind ja ein recht netter Mensch, und ich habe Sie recht gern, aber so dicke Freunde sind wir doch nicht, wie Sie glauben.«

Fagin zuckte die Achseln: »Ich geb' Ihnen nur das eine zu bedenken: Sie haben eine sehr schene Sache angefangen, e Sach', die Ihnen meine Freindschaft zugebracht hat. Es is aber gleichzeitig e Sache, die wo Ihnen –« er machte die Geste des Gehängtwerdens.[321]

Mr. Bolter fuhr sich sofort an die Krawatte, als habe er das Gefühl, sie sei ihm zu eng, dann murmelte er leise ein paar anscheinend zustimmende Worte.

»Der Galgen,« fuhr Fagin fort, »jawohl, der Galgen. Der Galgen, mei Lieber, is so e Art Wegweiser, der einem, der den Weg verfehlt hat, anzeigt, wohin die eingeschlagene Straß führt; und sich da auskennen bei dem Wegweiser, das ist, sag ich' Ihnen, der ganze Zweck des gemeinsamen Zusammenhaltens.«

»Natürlich,« stimmte Mr. Bolter bei. »Aber wozu reden Sie von derlei?«

»Damit Sie auch wissen, was ich mein' und wie ich denke,« sagte der Jude und zog die Augenbrauen hoch. »Kurz gesagt: mei Interesse ist, daß mei kleines Geschäft von oben bis unten blitzsauber und in Ehren dasteht. Das ist Eire Nummer eins. Das zweite ist meine Nummer eins. Je mehr Sie auf Ihre Nummer eins halten, desto mehr missen Sie auch um meine Nummer eins besorgt sein. Hab' ich nicht gleich am Anfang so etwas gesagt?«

»Schon richtig,« erwiderte Mr. Bolter bedächtig, »Sie sind ein alter Schlaufuchs.«

»Sehen Sie, dieses gegenseitige Vertrauen, das wir alle zueinander haben,« fuhr Fagin fort, »und gerade das Gefihl, daß so ä Vertrauen existiert, trestet mich über einen schweren Verlust. Gott über die Welt! Meine Hauptstitze hat mer gestern das Schicksal weggerissen.«

»Sie wollen doch mit diesen Worten nicht sagen, daß der Betreffende gestorben ist?« fragte Mr. Bolter.

»I wo,« sagte Fagin, »so schlimm ist es schon wieder nicht.«

»Also was denn? Hat man nach ihm –«

»Sehnsucht gehabt?« ergänzte Fagin. »Sehr richtig! Sehnsucht hat man nach ihm gehabt.«

»Inwiefern?«

»Na, so ä besondre Sehnsucht grad nicht. Man hat jemand beschuldigt wegen Taschendiebstahl und hat bei ihm gefunden e silberne Schnupftabaksdose, und die ist zufällig seine eigene gewesen. Hat er doch selber Tabak geschnupft und zwar sehr passioniert. Sie haben[322] ihn ä zeitlang festgehalten, denn sie haben gehofft, sie könnten den Eigentümer von der Dose eruieren. Unter uns gesagt, wert gewesen ist der Bursch an die fufzig Dosen. Aber selbst die fufzig Dosen möcht' ich hergeben, wenn ich ihn wieder hätt'. Wissen Sie wen? Den Baldowerer haben sie ihn geheißen. Den hätten Sie kennen lernen sollen!«

»Hoffentlich geschieht das noch.«

»Ich hab' so gewisse Zweifel,« seufzte Fagin. »Wenn sie nicht en Beweis erbringen können, wird mer summarisch verfahren, aber sechs Monat wird's schon dauern, bis ich ihn wiederhab. Ich sag Ihnen was: schaffen Sie Beweise zur Stelle.«

Das Zwiegespräch erlitt eine jähe Unterbrechung. Master Bates trat ein, die Hände in den Hosentaschen und mit einem Gesicht, in dem gelinde gesagt, eine Jammermiene zu sehen war.

»Aus ist's, Fagin,« berichtete Charley, als er Mr. Bolter vorgestellt worden war.

»Was willst du sagen mit deiner Rede?« fuhr Fagin auf.

»Sie haben den Herrn gefunden, dem die Dose gehört. Es handelt sich nur noch um ein paar Zeugen, um seine Glaubwürdigkeit und Persönlichkeit festzustellen, – und dann kann der Baldowerer eine größere Seereise antreten,« versetzte Master Bates. »Fagin, ich sag' Ihnen, ich muß einen kompletten Traueranzug haben und ein Band um den Hut, damit ich meinen Kondolenzbesuch machen kann, bevor der Dampfer in See sticht. O Gott, wenn ich an den feschen Dawkins denke, und daß der übers Wasser muß und wegen einer hundsgemeinen Schnupftabaksdose für ein paar Groschen. Wenn's schon so kommen mußte, warum hat er nicht irgendeinem alten reichen Herrn seine ganzen Gold- und Wertsachen geraubt und ist aus dem Land gegangen als Gentleman. Jetzt ist er ein hundsgemeiner Dieb, ehr- und ruhmlos.«

Verzweifelt und bekümmert setzte sich Master Bates in den nächsten Sessel.

»Wie heißt: ehr- und ruhmlos?« rief Fagin mit einem ärgerlichen Blick auf seinen Zögling. »Ist er[323] vielleicht nicht immer gewesen e großer Herr unter eich allen? Kann einer von eich auch nur tippen an ihm, was?«

»Nein, kein Einziger,« gab Master Bates mit schmerzlicher Stimme zu. »Kein Einziger.«

»Na also, was schmust de denn,« versetzte Fagin grimmig.

»Es wird ja doch nicht im Protokoll stehen,« erläuterte Charley, »und niemand wird je auch nur erfahren, wie groß er einst gewesen ist. Oder glauben Sie, er kommt in den Verbrecheralmanach? Ein Schlag ist es, sag' ich Ihnen.«

»Hihi,« jubelte der Jude und gestikulierte. »Sehen Sie, Mr. Bolter, wie stolz meine Leute sind auf ihren Beruf! Ist das nicht erhaben?«

Mr. Bolter nickte zustimmend. Dann schritt Mr. Fagin zu dem jungen Herrn hin und klopfte ihm freundlich auf die Schulter.

»Sorg dich nicht, Charley, sorg dich nicht,« sagte er besänftigend, »jach werd schon en Ausweg finden. Wir wissen doch alle, was er is gewesen für ein gerissener Bursch. Er wird seinem alten Lehrmeister nicht Unehre antun. Er wird sich schon herausreden. Und dann denk nach, Charley, was für eine hohe Ehre, in seinem jungen Alter schon in eine Deportationsgeschichte verwickelt zu sein.«

»Ein Ehre ist's freilich,« murmelte Charley, ein wenig getröstet.

»Und es soll ihm nix abgehn,« fuhr der Jude fort. »Er soll leben im Gefängnis wie e seiner Herr, Charley. Er soll bekommen täglich sei Bier und sei Taschengeld, damit er kann spielen Kopf oder Wappen, und en Verteidiger wird er kriegen und so weinter und so weinter.«

»Nein, wirklich?« rief Charley Bates.

»Ich soll ä so leben,« versetzte Fagin. »Und wenn ihm ä Rechtsanwalt nicht paßt, kann er sich selber e Rede halten, und die werden wir dann abgedruckt lesen in allen Zeitungen. ›Der gerissene Baldowerer‹ wird drüber stehen. Der Gerichtshof kriegt die Krämpf, steht in Klammern dabei. Was, Charley?«[324]

»Hoho,« lachte Master Bates, »das wär ein Jux! Was, Fagin? Und wie's ihnen der Baldowerer geben möcht', was?«

»Geben möcht!« rief Fagin. »Geben wird, geben wird!«

»Natürlich, freilich, natürlich,« wiederholte Charles, sich die Hände reibend.

»Ich seh ihn schon im Geinste,« rief der Jude, »wie er e so dosteht.«

»Ich auch, ich auch,« stimmte Charley Bates mit ein. »Ich seh ihn auch schon im Geiste; meiner Seel', Fagin, ich seh ihn. Und wie sich die Pudelperücken dabei bemühen, ernst und heilig dreinzuschauen, und wie Dawkins von oben herunter mit ihnen spricht. Hahaha!«

»Wir müssen erfahren, wie es heinte steht mit ihm auf irgendeine Art, so oder so,« sagte Fagin. »Laß mich emol nachdenken.«

»Soll ich hingehn?« fragte Charley.

»Gott über die Welt,« wendete Fagin ein, »bist du meschugge geworden, ganz meschugge geworden?«

»Also wollen Sie vielleicht selbst gehen?« spöttelte Charley.

»Es würde sich nicht recht schicken,« versetzte Fagin kopfschüttelnd.

»Dann schicken Sie vielleicht das junge Beindel hin,« riet Mr. Bates und deutete auf Noah. »Den kennt doch keiner.«

»Hm, wenn er nicht abgeneigt ist –« bemerkte Fagin.

»Abgeneigt!« fiel ihm Charley in die Rede. »Hat er vielleicht irgendwelche Ursache abgeneigt zu sein?«

»Genau genommen, nein, mei Schatz. Mei Lieber,« sagte Fagin, sich an Mr. Bolter wendend, »nicht wahr, wir haben keine?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Noah, schüttelte entsetzt den Kopf und wollte sich zur Türe drücken. »Das gibt's bei mir nicht. Das schlägt nicht in meine Branche.«

»Was für eine Branche hat er sich denn ausgewählt, Fagin?« sondierte Master Bates und betrachtete Noahs[325] klapperdürre Gestalt mit Mißbehagen. »Geld einstecken und nichts hergeben, nichts dafür leisten, das ist vielleicht seine Branche?«

»Stecken Sie Ihre Nase da nicht hinein,« verwies ihn Mr. Bolter. »Nehmen Sie sich solche Frechheiten nicht heraus gegen Ihren Vorgesetzten, Sie Dreikäsehoch, sonst kommen Sie an den Unrechten.«

Master Bates brüllte heraus vor Lachen, so daß es einige Zeit dauerte, ehe sich Mr. Fagin einmischen und Mr. Bolter auseinandersetzen konnte, er würde keinerlei Gefahr laufen, wenn er aufs Polizeikommissariat ginge, denn wegen der kleinen Geschichte, in die er verwickelt sei, könne unmöglich schon ein Steckbrief nach London gelangt sein. Übrigens würde man ihn entsprechend verkleiden und er würde auf der Polizei sicherer sein als irgendwo anders.

Schließlich willigte Mr. Bolter, teils überzeugt, teils überrumpelt ein, den Gang anzutreten. Er wurde sogleich in einen Fuhrmannskittel, in Drillichhosen und Ledergamaschen gesteckt, – eine Garderobe, die der Jude stets in größter Auswahl zur Hand hatte, – dann gab man ihm einen Filzhut, der mit Chausseetickets reichlich gespickt war, und schließlich eine Fuhrmannspeitsche. So ausgerüstet sollte Mr. Bolter auf das Kommissariat schlendern wie ein Bauer, der auf den Markt gefahren ist und sich in seiner Neugierde alles ansieht. Pünktlich folgte Noah allen Weisungen, die der Jude ihm gab, und da Master Bates in der Örtlichkeit ziemlich vertraut war, so gelangten sie ohne weitere Störung in die Nähe des Polizeigebäudes. Ein Pöbelhausen, meistens aus Weibern bestehend, drängte sich dort dicht in einem schmutzigen übelriechenden Raum, an dessen oberem Ende ein hohes Geländer den Raum abschloß. Links an der Wand war die Bank für die Angeklagten, in der Mitte ein Raum für die Zeugen und rechts ein Pult für die Obrigkeit. Diese ehrfurchtgebietende Stätte war durch eine Zwischenwand abgetrennt, die die Richterbank dem allgemeinen Anblick verhüllte und dem Pöbel gestattete, sich das Majestätische der Justizobrigkeit entsprechend auszumalen. Vor den Schranken standen ein paar Weiber, ihren Angehörigen oder Bekannten zunickend,[326] und der Gerichtschreiber verlas Zeugenaussagen. Hie und da kreischte ein Säugling auf, und der Gefängniswärter rief dann jedesmal streng: »Das Kind hinausschaffen.«

Noah blickte sich nach dem Baldowerer um, konnte aber niemand sehen, auf den die Beschreibung paßte, die ihm gegeben worden war. Endlich hatte man die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer abgeurteilt und entfernt. Es erschien ein neuer Angeklagter, offenbar der Baldowerer.

Und es war wirklich Mr. John Dawkins, der da, den Hut in der Hand, die Linke in der Hosentasche, hereinschritt und sogleich mit lauter Stimme fragte, kaum, daß er auf der Anklagebank angekommen war, warum man ihn an diesen schmachvollen Ort geführt habe.

»Halt den Mund, verstanden!« rief ihm der Gefängniswärter zu.

»Bin ich ein Engländer oder nicht?« antwortete der Baldowerer. »Wo bleiben meine Privilegien?«

»Wirst schon welche kriegen, und gepfefferte noch dazu,« antwortete der Gefängniswärter.

»Werden ja sehen, was der Herr Staatssekretär fürs Innere den Pudelperücken zu sagen haben wird, wenn i's scho nöt tu,« versetzte der Baldowerer. »Was ist das übrigens für a' G'schäftsführung? Die Herren von der Justiz werden mich sehr verbinden, wenn s' den kleinen Vorfall hier rasch erledigen, statt dazusitzen und die Zeitung z' lesen. I' bin zu an Schentlemän in die City bestellt und i' bin a Mann von Wort, und wenn i' nöt zur rechten Stunde da bin, geht er fort. Das setzt dann eine Klage auf Schadenersatz, haben Sie mich verstanden? Heda, Sie, Kopierstift, wie heißen da die beiden Burschen auf der Zeugenbank?«

»Ruhe!« rief der Gefängniswärter.

»Was liegt vor?« fragte einer der Richter.

»Ein Fall von Taschendiebstahl, Ehrwürden Herr Richter.«

»Ist der Junge schon einmal vor Gericht gewesen?«

»Hätt's schon manchmal sein sollen, Euer Ehrwürden. Ich kenn' ihn recht gut.«

»So so, Sie kennen mich, oho,« rief der Baldowerer[327] und tat, als mache er sich eine Notiz. »Sehr gut. Das gibt wieder eine Klage wegen Ehrenbeleidigung.«

Es wurde abermals gelacht und abermals Ruhe geboten.

»Weiter,« sagte der Schreiber; »wo sind die Zeugen?«

»Ja, das möcht' ich auch gern wissen,« setzte der Baldowerer hinzu. »Die G'frieser hätt' ich auch ganz gern g'sehen.«

Sein Wunsch wurde ihm bald gewährt, denn ein Polizeidiener trat vor und meldete, er habe gesehen, wie der Angeklagte einem unbekannten Herrn im Gedränge die Tasche untersucht und ein Schnupftuch herausgezogen habe. Da es aber sehr schadhaft gewesen, habe es der Junge behutsam wieder in die Tasche hineingeschoben, nachdem er es vorher an der eigenen Nase probiert. Aus diesem Grund habe er den Angeklagten verhaftet und bei ihm sodann eine silberne Schnupftabaksdose gefunden, auf deren Deckel der Name des rechtmäßigen Eigentümers eingraviert sei.

Der betreffende Herr war inzwischen ermittelt worden und bei der Verhandlung anwesend. Er beschwor, daß die Dose sein eigen sei und ihm tagszuvor gestohlen worden wäre. Ferner beeidete er, daß er in dem vor ihm stehenden Jungen mit Sicherheit den Taschendieb wieder erkenne.

»Hast du an den Herrn Zeugen eine Frage zu richten, Bursche?« fragte der Richter.

»Ich red' nicht mit einem Jeden; soweit erniedrige ich mich nicht,« erwiderte der Baldowerer stolz.

»Hast du überhaupt etwas zu sagen?«

»Du! Ob du verstanden hast? Der Herr Richter stellt eine Frage an dich,« schrie der Gefangenenwärter und versetzte dem schweigenden Baldowerer einen Puff mit dem Ellbogen.

»Bitte um Entschuldigung,« murmelte Mr. Dawkins und tat zerstreut. »Haben Sie mit mir gesprochen?«

»Mein Lebtag lang hab ich einen solchen Mistbuben noch nicht gesehen,« brummte der Gefängniswärter. »Ob du was sagen willst, Lausebengel?«

»Nein,« entgegnete der Baldowerer hochmütig. »Hier nicht. Es ist nicht der rechte Ort für mich.[328] Übrigens frühstückt mein Anwalt heute bei dem Vizepräsidenten des Unterhauses. Aber an andrer Stelle werd' ich das Maul schon aufreißen und die Herrn Pudelperücken auch, wenn sie erst sehen werden, mit wem sie's zu tun haben. Sie werden noch wünschen, sie wären niemals geboren oder von ihren Bedienten aufgehängt worden zur rechten Zeit, statt heute ihre Frechheiten an mir auszulassen.«

»Er ist überführt. Ins Gefängnis mit ihm. Bringen Sie ihn hinaus,« rief der Schreiber.

»Komm' her, Bursche,« befahl der Gefängniswärter.

»Komme schon,« sagte der Baldowerer, seinen Hut mit der flachen Hand glättend, und wandte sich nochmals an die Richterbank: »Ja ja, macht nur dumme Gesichter und werdet blaß. Das hilft euch nichts. Ich möcht' nicht in eurer Haut stecken, das weiß ich, und wenn ihr mich jetzt freilasset und ihr fallet auf die Knie vor mir und betteltet, ich soll gehen: ich ging doch nicht. Die Sache wird ein Nachspiel haben. Verstanden?«

Der Gefängniswärter zerrte ihn am Kragen hinaus. Master Dawkins drohte noch ein paarmal, die Sache vors Parlament zu bringen, und lächelte ihn dann selbstzufrieden an.

Noah Claypole sah noch, wie man ihn in eine kleine Zelle führte, dann eilte er, so schnell er konnte, zurück nach dem Ort, wo er Master Bates verlassen hatte.

Dann liefen sie zu zweit zu Mr. Fagin, um ihm die herzerfreuliche Nachricht zu bringen, der Baldowerer habe sich seines Lehrmeisters würdig erwiesen und sich mit Ruhm bedeckt.[329]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 320-330.
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