Drittes Kapitel

[17] berichtet, wie Oliver Twist beinahe eine Anstellung bekommen hätte, die nichts weniger als eine Sinekure gewesen wäre.


Eine Woche lang blieb Oliver nach seiner Missetat in dem finstern Raum, in den ihn die Herren Vorstände hatten sperren lassen, in Haft. Hätte er den gehörigen Respekt vor der Prophezeiung des Gentlemans mit der weißen Weste gehabt, würde er sich zweifellos vermittels eines Taschentuches an einem Haken in der Mauer aufgehängt haben. Aber[17] dazu fehlte ihm vor allem ein Taschentuch – ein solcher Luxus war strenge verpönt –, und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur Tag und Nacht und bedeckte sich mit seinen kleinen Händen die Augen, um nicht in die Finsternis starren zu müssen, oder er kroch in einen Winkel und versuchte zu schlafen. Aber jedesmal fuhr er wieder vor Angst und Entsetzen aus seinem unruhigen Schlummer auf und drückte sich noch dichter an die Mauer, als böte ihm selbst ihre harte kalte Fläche noch ein wenig Schutz gegen die Finsternis und Einsamkeit, die ihn rings umgab.

Um gerecht zu sein, dürfen wir nicht verschweigen, daß es ihm andererseits an Bewegung und geistlichem Zuspruch nicht fehlte. Was die Leibesübungen betraf, wurde ihm angesichts des kalten Wetters, das gerade herrschte, die Vergünstigung zuteil, sich jeden Morgen unter der Pumpe in einem gepflasterten Hof waschen zu dürfen, und zwar in Gegenwart Mr. Bumbles, der durch wiederholte Anwendung seines Amtstabes eventuellen Erkältungen vorbeugte und bewirkte, daß von Zeit zu Zeit ein prickelndes Gefühl Olivers Körper durchdrang. Was die Anregung anbelangte, wurde er jeden zweiten Tag in den Saal geführt, wo die Zöglinge ihr Mittagessen verzehrten, und vor ihren Augen als warnendes Beispiel öffentlich ausgepeitscht. Hinsichtlich religiösen Zuspruchs wurde er Abend für Abend zur Gebetstunde mit Fußtritten in denselben Raum befördert und durfte dort zuhören, wie die anderen beteten, daß Gott sie bewahren möge, so sündhaft zu werden wie ein gewisser Oliver Twist. So standen die Sachen.

Da begab es sich eines Morgens, daß der Schornsteinfegermeister Mr. Gamfield auf der Landstraße langsam seines Weges zog. Tief in Gedanken, woher er sich seine Hausmiete, derentwegen er bereits wiederholte Male gemahnt worden, sich beschaffen solle. So sehr sich Mr. Gamfield auch den Kopf zerbrach, immer wieder war das Resultat, daß ihm fünf Pfund fehlten, um die dringende Schuld begleichen zu können. In diesem Augenblick bemerkte er den Zettel, der am Tor des Arbeitshauses hing.

»Höhhh – brrr« – rief Mr. Gamfield seinem Esel zu.[18]

Der Esel war jedoch ebenso wie sein Herr tief in Gedanken versunken und wahrscheinlich mit der Berechnung beschäftigt, ob er einen oder zwei Kohlstrünke bekommen würde, wenn er die beiden Säcke Ruß, mit denen der Karren beladen war, an Ort und Stelle gebracht haben würde, und so trottete er daher, den Zuruf seines Herrn mißachtend, weiter.

Mr. Gamfield widmete ihm einen schweren Fluch, rannte hinter ihm her und gab ihm einen Schlag auf den Schädel, wie ihn eben nur ein Eselskopf auszuhalten vermag, führte ihn dann durch einen heftigen Riß am Zügel, der ihm fast den Unterkiefer ausrenkte, zu Gemüt, daß hier niemand andres zu befehlen habe als Mr. Gamfield, und gab ihm schließlich einen zweiten Hieb auf den Kopf zum Zweck, um ihn bis zu seiner Rückkehr in der nötigen Betäubung zu erhalten. Nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, schritt er auf das Tor zu, um den Anschlagzettel zu lesen. Der Gentleman mit der weißen Weste stand gerade, die Hände auf dem Rücken, vor dem Tor. Er hatte das Zerwürfnis und seine Folgen zwischen Mr. Gamfield und dem Esel beobachtet und lächelte höchst vergnügt, als der Mann nähertrat, um den Zettel zu lesen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß Mr. Gamfield der richtige Gebieter für Oliver Twist war. Auch Mr. Gamfield lächelte, als er den Anschlag las, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte. Was den Lehrburschen anbetraf, so war Mr. Gamfield hinsichtlich der Beköstigung im Arbeitshaus zu genau unterrichtet, um nicht sofort einzusehen, daß ein Waisenzögling die entsprechend schmächtige Statur haben müsse, die ein Schornsteinfegerjunge braucht. Er buchstabierte den Zettel noch einmal von A bis Z durch, berührte den Rand seiner Pelzmütze und wandte sich an den Gentleman mit der weißen Weste.

»Ist da der Lehrbub herinnen, den wo das Arbeitshaus abzugeben hat?« begann er.

»Wünschen Sie etwas von ihm?« forschte der Gentleman mit der weißen Weste.

»Wenn's der Gemeinde recht wär, daß er a leichts angenehms Handwerk lernt, dös Schornsteinfegerhandwerk[19] nämlich, so brauchet i' gerad an Lehrling und könnt ihn glei' mitnehmen.«

»Treten Sie näher,« rief der Gentleman mit der weißen Weste.

Mr. Gamfield lief zuvörderst noch einmal zurück, um dem Esel einen dritten Schlag auf den Kopf zu geben und ihn am Zügel zu reißen, auf daß er es sich nicht beifallen ließe, in der Abwesenheit seines Herrn durchzugehen. Dann folgte er dem Gentleman mit der weißen Weste in das Zimmer, das Oliver zum erstenmal betreten hatte.

»Es ist ein etwas schmutziges Handwerk,« sagte Mr. Limbkins, als Mr. Gamfield seinen Wunsch noch einmal wiederholt hatte.

»Es soll schon hie und da ein Junge im Schornstein erstickt sein,« wendete ein anderer Gentleman ein.

»Jetzt dös kummt bloß daderher,« erklärte Mr. Gamfield, »weil 's a so üblich is, nasses Stroh im Kamin anzuzünden, damit die Buabn runterkommen. Dös gibt mehr Rauch als wie a Flamm. Aber i halt nix von der Method; der Rauch macht nur, daß die Buabn alleweil einschlafen. I zünd lieber glei a frischs Feuer an; dös is des beste Mittel, um ihna auf die Bein zu helfen. Da müassens arbeiten aus Leibeskräften, sunst verbrennens iahna die Haxen.«

Dem Gentleman in der weißen Weste schien diese Schilderung großes Vergnügen zu bereiten, aber seine Heiterkeit wurde durch den strafenden Blick, den ihm Mr. Limbkins zuwarf, im Keim erstickt. Ein paar Minuten berieten die Herren Vorstände miteinander, jedoch in so leisem Ton, daß nur hin und wieder ein paar Worte wie: »Ersparnis« oder »guter Eindruck bei der Abrechnung« hörbar wurden. Endlich stockte die im Flüsterton geführte Unterhaltung und Mr. Limbkins begann, nachdem die Herren mit feierlicher Miene ihre Plätze wieder eingenommen hatten:

»Wir haben Ihren Vorschlag in Erwägung gezogen, können aber nicht darauf eingehen.«

»Unter keinen Umständen,« bekräftigte der Herr in der weißen Weste.[20]

»Nein, unter keinen Umständen,« erklärten die übrigen Herren Vorstände.

Mr. Gamfield war sich bewußt, daß er bei Gericht in Verdacht stand, drei oder vier Lehrjungen im Kamin fahrlässigerweise haben ersticken lassen, und kam daher auf die Vermutung, das Vorstandskollegium könne möglicherweise in ganz unbegreiflicher Laune ein Haar in der Suppe gefunden haben. Da er das alberne Gerücht nicht weiter breitgetreten zu sehen wünschte, drehte er nur wortlos seine Mütze in den Händen und ging langsam zur Türe.

»Sie wolln ihn also net bei mir eintreten lassen?« fragte er, die Hand auf der Klinke.

»Nein,« erwiderte Mr. Limbkins fest. »Zum mindesten müßten Sie mit einer geringeren als der ausgesetzten Summe zufrieden sein, da das Schornsteinfegergewerbe denn doch ein bißchen schmutzig ist.«

Mr. Gamfields Gesicht hellte sich auf. Schnell trat er wieder an den Tisch heran und fragte:

»Also, was wollens denn geben, meine Herrn? Seins doch net so hart gegen an armen Gewerbtreibenden.«

»Ich sollte meinen, drei Pfund zehn Schilling wären mehr als genug,« gab Mr. Limbkins zur Antwort.

»Da sind noch zehn Schillinge zu viel,« warf der Gentleman in der weißen Weste hin.

»Na also,« versetzte Mr. Gamfield, »sagen mer also vier Pfund, meine Herren, und Sie sin ihm los und die Sach is in Ordnung.«

»Drei Pfund zehn Schillinge,« wiederholte Mr. Limbkins fest.

»Kommen S', teiln mer die Differenz, meine Herrn,« drängte Mr. Gamfield. »Drei Pfund fünfzehn Schillinge.«

»Nicht einen Penny mehr,« war die Antwort.

»Sie sin verdammt hart zu mir, meine Herrn,« sagte Gamfield niedergeschlagen.

»Ach was, Unsinn,« erwiderte der Herr in der weißen Weste. »Sie machen noch ein gutes Geschäft, auch wenn Sie gar kein Geld für ihn bekämen. Seien Sie nicht dumm und nehmen Sie ihn, er ist gerade der Junge, den Sie brauchen. Geben Sie ihm hie und da[21] den Stock zu kosten, das wird ihm nur gut tun; und die Erhaltung wird sich auch nicht sehr teuer stellen. Er ist hier nicht besonders verwöhnt worden – hahaha!«

Mr. Gamfield warf einen scharfen Blick auf die Herren ringsum, und da er sie alle lächeln sah, hellten sich langsam seine Züge auf. Der Handel wurde geschlossen und Mr. Bumble sogleich angewiesen, noch am selben Nachmittag Oliver Twist behufs amtlicher Bestätigung des Lehrvertrags vorzuführen.

Demgemäß wurde Oliver zu seinem größten Erstaunen plötzlich aus der Haft entlassen und bekam den Befehl, ein frisches Hemd anzuziehen. Kaum hatte er diese seltene gymnastische Übung hinter sich, als Mr. Bumble ihm eigenhändig einen Napf Hafergrütze nebst dem sonntäglichen Stück Brot brachte. Bei diesem fürchterlichen Anblick brach Oliver sofort in ein schreckliches Geheul aus, denn er dachte, die Herren Vorstände hätten den Beschluß gefaßt, ihn zu irgendeinem gemeinnützigen Zweck schlachten zu lassen. Denn weshalb hätten sie sonst plötzlich angefangen, ihm eine Mastkur angedeihen zu lassen.

»Heul dir nicht die Augen rot, Oliver, sondern iß deine Suppe und sei dankbar,« ermahnte Mr. Bumble in würdevollem Ton. »Du kommst jetzt in die Lehre.«

»In die Lehre?« fragte der Kleine zitternd.

»Jawohl, Oliver. Die gütigen Herrn, von denen dir jeder einzelne deine Eltern ersetzt, da du keine hast, wollen dich in die Lehre geben, damit du einst im Leben auf eigenen Füßen stehen kannst; und sie wollen einen Mann aus dir machen, obgleich es der Gemeinde drei Pfund und zehn Schillinge kostet. – Oliver! Drei Pfund und zehn Schillinge! – Siebzig Schillinge hundertvierzig Sixpence! Und das alles für einen nichtsnutzigen Waisenbuben, den kein Mensch leiden kann.«

Mr. Bumble hielt einen Augenblick in seiner Rede inne, um Atem zu holen. Dem armem Oliver rollten die Tränen über die Wangen, und er schluchzte bitterlich.

»Ist schon gut, laß nur,« sagte Mr. Bumble, ein bißchen weniger würdevoll, denn die Wirkung, die seine Rede hervorgebracht, befriedigte ihn. »Komm, Oliver, wisch dir die Träne mit dem Ärmel ab und heul dir[22] nicht in die Suppe; das ist eine große Dummheit.« Und das stimmte, denn Wasser war sowieso genug in der Hafergrütze.

Auf dem Weg zum Friedensrichter schärfte Mr. Bumble Oliver aufs dringlichste ein, er müsse sich vor allen Dingen bemühen, recht glücklich auszusehen, und wenn der alte Herr ihn frage, ob er in die Lehre gehen wolle, habe er zu antworten, er freue sich ungemein darauf. Oliver versprach sein Bestes zu tun, um so mehr, als Bumble ihm androhte, daß es ihm sonst schlecht ergehen würde.

Auf dem Amt angelangt, wurde Oliver in ein kleines Zimmer eingesperrt, und Mr. Bumble sagte ihm, er solle hier bleiben, bis er wiederkäme und ihn abholte. Eine ganze halbe Stunde blieb das arme Waisenkind mit klopfendem Herzen allein. Dann steckte Mr. Bumble seinen Kopf herein und sagte laut: »Nun, Oliver, mein Kind, komm jetzt zu dem Herrn.«

Dabei warf er Oliver einen drohenden Blick zu und fügte leise hinzu: »Vergiß nicht, was ich dir gesagt hab, infamer Lausbub.«

Oliver machte bei dieser widerspruchsvollen Anrede ein ziemlich dummes Gesicht. Aber Mr. Bumble kam jeder Frage zuvor und schleppte ihn ohne weitere Umstände ins Amtszimmer. Es war ein ziemlich geräumiges Zimmer mit einem großen Fenster. Hinter einem Pult saßen zwei alte Herren mit gepuderten Perücken, und der eine von ihnen las in der Zeitung, während der andre mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines Pergamentschriftstück durchstudierte. Mr. Limbkins stand neben dem Pult und Mr. Gamfield, dessen Gesicht stellenweise reingewaschen war, in einiger Entfernung neben ihm, während zwei bis drei roh aussehende Männer in Stulpenstiefeln im Hintergrund warteten.

Der alte Herr mit der Brille nickte langsam über dem Schriftstück ein, und es verstrich eine ziemliche Weile, nachdem Oliver von Mr. Bumble vor das Pult geführt worden war.

»Dies ist der Junge, Euer Gnaden,« sagte Mr. Bumble.

Der alte Herr, der die Zeitung las, hob eine Sekunde[23] den Kopf und zupfte den andern alten Herrn am Rockärmel, worauf dieser erwachte.

»So, so, das ist der Junge,« murmelte der alte Herr.

»Jawohl, zu dienen, Euer Gnaden,« erwiderte Mr. Bumble. »Mach dem Herrn Friedensrichter eine Verbeugung, mein Kind.«

Oliver gehorchte und machte seinen schönsten Kratzfuß, da ihm die Herren mit den gepuderten Perücken mächtig imponierten.

»Der Junge wünscht also Schornsteinfeger zu werden,« fragte der alte Herr.

»Ja, es ist sein Herzenswunsch,« erklärte Mr. Bumble. »Er würde bestimmt morgen wieder davonlaufen, wenn wir ihn heute in ein andres Geschäft gäben.«

Der Friedensrichter wendete sich an den Schornsteinfegermeister: »Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu nähren und zu kleiden usw. usw.«

»Was i amal sag, dös halt i a,« erwiderte Gamfield mürrisch.

»Sie haben eine etwas ungeschliffene Redeweise, lieber Freund, scheinen aber sonst ein ehrlicher gutherziger Mann zu sein,« sagte der alte Herr und richtete seine Brille auf den Schornsteinfegermeister, auf dessen schurkischem Gesicht die Brutalität deutlich zu lesen war. Der alte Herr war halb blind und schon ganz kindisch, und man konnte von ihm daher nicht erwarten, daß er erkenne, was andern auf den ersten Blick auffallen mußte.

»Dös will i hoffen, Herr von Vorstand,« sagte Gamfield grinsend.

»Ich setze nicht den mindesten Zweifel in Ihre Worte, mein Freund,« erwiderte der alte Herr, drückte sich die Brille fester auf die Nase und fahndete nach dem Tintenfaß.

Es war ein kritischer Augenblick in Olivers Schicksal: hätte das Tintenfaß dort gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so würde dieser seine Feder eingetaucht und den Vertrag unterfertigt haben, und Oliver wäre ein für allemal »versorgt« gewesen. Da sich das Tintenfaß jedoch dicht vor der Nase des alten Herrn befand, übersah es dieser natürlich, suchte überall auf dem Pult herum, ohne es zu finden, und dabei fiel sein Blick auf[24] das bleiche verstörte Gesicht Oliver Twist's, der trotz aller Ermahnungen und Püffe Mr. Bumbles das Äußere seines zukünftigen Lehrherren mit einem aus Grauen und Furcht gemischten Ausdruck betrachtete.

Der alte Herr hielt sofort inne, legte die Feder aus der Hand und blickte von Oliver zu Mr. Limbkins, der mit unbefangener heiterer Miene eine Priese Schnupftabak zu nehmen versuchte.

»Liebes Kind!« sagte der alte Herr und lehnte sich über das Pult. Oliver fuhr beim Klang seiner Stimme zusammen, denn die Worte waren in so freundlichem Tone gesprochen, daß sie ihn befremden mußten. Er zitterte heftig und brach in Tränen aus.

»Aber Kind,« rief der alte Herr. »Du siehst ja ganz bleich und verstört aus? Was ist dir denn?«

»Treten Sie ein wenig von ihm weg,« sagte der andre alte Herr, legte sein Schriftstück aus der Hand und beugte sich mit einem Ausdruck tiefer Teilnahme vor.

»Also, mein Kind, sag uns, was dir fehlt. Hab keine Furcht.«

Oliver fiel auf die Knie, erhob seine gefalteten Hände und flehte schluchzend, man möge ihn lieber wieder in das dunkle Zimmer zurückbringen und ihn verhungern lassen, ihn schlagen, ihn totschlagen, alles, nur ihn nicht jenem schrecklichen Mann übergeben.

»Ha,« rief Mr. Bumble, hob feierlich die Hände empor und blickte zur Decke auf. »Von allen verstockten niederträchtigen Waisenjungen, die mir je untergekommen sind, ist dieser der verworfenste von allen.«

»Halten Sie den Mund, Kirchspieldiener,« rief der zweite alte Herr, als Mr. Bumble in seiner Rede innehielt.

»Ich bitte Euer Gnaden um Entschuldigung,« stotterte Bumble, der seinen Ohren nicht traute. »Haben Euer Gnaden zu mir gesprochen?«

»Jawohl! Halten Sie den Mund!«

Mr. Bumble war sprachlos vor Entsetzen. Einem Kirchspieldiener zu befehlen, den Mund zu halten! Das hieß ja aller menschlichen Moral ins Gesicht schlagen!

Der alte Herr mit der Schildpattbrille blickte seinen Kollegen an und nickte bezeichnend.[25]

»Wir verweigern, diesen Kontrakt zu bestätigen,« sagte er dann und schob das Papier zur Seite.

»Ich will doch nicht hoffen,« stammelte Mr. Limbkins, »ich will doch nicht hoffen, daß der hohe Gerichtshof der Meinung ist, der löbliche Arbeitsvorstand könne auf das Zeugnis dieses Kindes hin irgendeiner tadelnswerten Handlung bezichtigt werden?«

»Ich sehe mich als Friedensrichter nicht berufen, darüber irgendeine Meinung abzugeben,« erwiderte der alte Herr. »Nehmen Sie den Knaben wieder mit heim und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es sehr nötig zu haben.«

Am selben Abend noch gab der Gentleman mit der weißen Weste nicht nur die positive Versicherung ab, Oliver würde bestimmt noch einmal an den Galgen kommen, sondern er fügte sogar die Prophezeiung hinzu, man werde ihn vorher noch schinden und vierteilen. Auch Mr. Bumble schüttelte geheimnisvoll den Kopf und äußerte den Wunsch, Oliver werde sich dereinst im Leben noch bessern, während Mr. Gamfield bedauerte, ihn nicht in seine Klauen bekommen zu haben. Am nächsten Morgen wurde abermals durch einen Anschlagzettel kundgegeben, daß Oliver Twist »zu haben sei«, und daß jeder, der ihn nehmen wolle, dafür fünf Pfund bekäme.

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 17-26.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon