6.

[128] Aus kleinen Wurzeln sprossen starke Bäume,

Ein mächt'ger Strom entspringt aus dunklem Quell:

Dran mahnen diese unscheinbaren Räume,

Ehmals dein Zelt, erwähltes Israel!


Die Sonne dringt, des Mondes Leuchten nimmer

In jene Hütten voller Rauch und Schmutz,

Und nur der Sabbatslampe seltner Schimmer

Bestrahlt den innen streng versteckten Putz.


Wie dräuend-schwer die Giebel überhängen,

Von Dampf geschwärzt, von Alters Wucht gebeugt!

Wie sie zu Schutz und Trutz zusammendrängen,

Als hätte die Gewalt sie hergescheucht!


Aus niedren Pforten, wie aus Mördergruben,

Gähnt ew'ges Dunkel rätselhaft dich an,

Und schmale Stiegen klimmen auf in Stuben,

Durch deren Fenster nie ein Lichtstrahl rann.


Und stete Nässe in der engen Gasse,

Die krumm und winklicht ihres Weges schleicht,

Und vor den Türen hagre, scharfe, blasse

Gesichter, von der Leidenschaft gebleicht.


Das Judenviertel! – O Barbaren-Zeiten,

Da man ein Volk hier sklavisch eingezwängt,

Und da des Nachts am Tor, zu beiden Seiten,

Ein unerbittlich-ehern Schloß gehängt;
[129]

Da jeder von des Reiches Kammerknechten

Sein Judenzeichen samt der Kalle trug,

Und da der Junkherr mit der kecken Rechten

Straflos in des Ebräers Antlitz schlug!


Sie sind dahin, die vielgeschmälten Tage,

Das Blättlein hat schon leise sich gewandt,

Und Juda ringt uns unter ew'ger Klage

Listig das Heft aus ungeschickter Hand.


Emanzipiert, wie Ihr es einst verrammelt,

Dies zähe Volk, die Mode wechselt ja;

Es hat schon längst zu Haufen sich gesammelt

Und steht als Macht, Euch gegenüber, da.


Den Landmann drängt es hart aus seinem Sitze,

Den Krämer scheucht es von dem Markte fort,

Und halb um Gold, und halb mit Sklavenwitze

Kauft es dem Zeitgeist ab sein Losungswort.


Wißt Ihr, wie tief sein Zauber schon gedrungen?

Schaut um, die ihr von Menschenrechten träumt;

Sie reden drein mit den metallnen Zungen,

Wo scheu der Christ verstummt und zagt und säumt.


Was kann dem Stamm Emanzipieren frommen,

Der nie vom Schacher sich emanzipiert?

Was Ihr ihm schenken wollt hat er genommen,

Dieweil Ihr um Prinzipien disputiert!


Wohin Ihr faßt, Ihr werdet Juden fassen,

Allüberall das Lieblingsvolk des HErrn!

Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen,

Eh' sie Euch in ein Christenviertel sperrn!

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 128-130.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters
Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters (Deutsche Texte)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Bunte Steine. Ein Festgeschenk 1852

Noch in der Berufungsphase zum Schulrat veröffentlicht Stifter 1853 seine Sammlung von sechs Erzählungen »Bunte Steine«. In der berühmten Vorrede bekennt er, Dichtung sei für ihn nach der Religion das Höchste auf Erden. Das sanfte Gesetz des natürlichen Lebens schwebt über der idyllischen Welt seiner Erzählungen, in denen überraschende Gefahren und ausweglose Situationen lauern, denen nur durch das sittlich Notwendige zu entkommen ist.

230 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon