Vorwort zur dritten Auflage

»Nicht immer geben die Schriftsteller ihr

Bestes in ihren Werken aus.«

(Julian Schmidt.)


Man möge dieses einem Litterarhistoriker ersten Ranges entnommene Motto, indem es meine Schriften begleitet, nicht so verstehen, als ob ich Besseres noch ausgeben könnte. Manches von uns Erdachte gelangt nie zur Gestaltung. Ohne Verheißungen, ohne selbstgefälligen Kommentar, nur mit meinem wiederholt dargebrachten Danke und mit einigen bestgemeinten Erklärungen will ich den längst in mir regen Wunsch, mich dem Kreise meiner Leser zu nähern, endlich zu verwirklichen suchen.

Berechtigte Stimmen haben tadelnd hervorgehoben, daß meine poetischen Arbeiten einem Torso, einer unvollendeten Säule vergleichbar seien. Zur Entschuldigung dieses Uebelstandes diene nun folgendes:

An einem großen Programm, an Stoffen und Entwürfen hat es mir nicht gefehlt. Leider lag zwischen[15] Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft. Mit jedem neu erwachenden Morgen warfen mich gebieterische Pflichten aus Träumereien zurück in den Kampf um materielle Interessen. Dergestalt ist die vielgepriesene »Seligkeit dichterischen Schaffens« nicht oft über mich gekommen. Von dem »stillen Walten einer Dichterseele« weiß ich so wenig zu erzählen, daß ich mit Freiligrat seufzen könnte: »mein Nero, weh mir! ist die Poesie«; denn, in Wahrheit, anstatt die Inspiration abzuwarten oder meiner Phantasie Gewalt anzuthun, mußte ich die mich umgaukelnden Bilder zu verscheuchen, die mich bestürmenden Gedanken zu besiegen trachten, und wenn solches nicht ganz und nicht immer gelang, so ist es mir doch nur selten vergönnt gewesen, Eindrücke, die sich nicht mehr verwischen ließen, zu sammeln und litterarisch zu verwerten.

Poesie ist »tiefes Schmerzen«, gelinde gesprochen: tiefes Fühlen, und durch dieses Fühlen bin ich in meiner Doppelexistenz doppelt gefährdet worden. Denn nach den vereinzelten Stunden, in welchen die Muse mich mit ihrem berauschenden Zauber unterjochte, hat sie mich auch darüber belehrt, daß die dem Poeten nötige Lucidität nicht gefördert wird durch die täglichen Mahnrufe zu praktischer Thätigkeit.

Gestalten erschaffen, Gedanken-Symphonien, oft unterbrochene, standhaften Mutes, lichten Geistes fortspinnen, ergänzen, vollenden? Gigantische Aufgaben,[16] denen ich meine Kraft widmen wollte – ich gestehe nicht ohne Gram, euch weder gelöst zu haben, noch lösen zu können.

Wenn aber einem fragmentarischen Werke keine öffentliche Schaustellung gebührt, so ist ein Abweichen von der Regel vielleicht da zu dulden, wo der Verfasser, trotz der ihn durchbohrenden Zweifel und Bedenken, die ihn belagernden Larven endlich zurückstößt und nach Menschen, nach Richtern, nach Gesinnungsgenossen oder nach geisteskräftigen Gegnern verlangt, nur weil er das heftige Pochen seines Herzens nicht mehr allein zu bemeistern vermag.

Einem Könige genügt das Ausstrahlen seiner Majestät, die starre Erhabenheit mit der ihr schüchtern gezollten Ehrfurcht; den Sänger erhebt und ermutigt das laut bekundete Verständnis seiner innern Erschütterung.

Ich wollte nichts übereilen. Und so wie mein Buch sich allmählig erweitert hat, von der ersten Nummer »Captain Trelawney« an bis zur letzten »Requiem«, umschließt es ein übervolles und überreifes Menschenleben.

Langsam emporgewachsen, eignet sich der Baum der Erkenntnis, nachdem er seine Früchte getragen, nicht mehr zur Beschneidung. Und ein Requiem ist kein frivoler Gedankentanz und kein Präludium zu einer neuen Tonart.[17]

Daß letzteren Punkt auch die deutsche und schweizerische Presse, in ihren bedeutendsten Organen, nicht übersehen und nicht bestritten, daß sie an meiner Aufrichtigkeit nie gezweifelt, mich, den ihr gänzlich Unbekannten, nie zu den lyrischen Komödianten gezählt hat, das gereicht mir zu hoher Befriedigung, und für diesen Beweis ihrer Achtung, der in meinen Augen mehr gilt als die mir gespendeten Aufmunterungen, sage ich hier meinen litterarischen Brüdern, Gegnern wie Gleichgesinnten, meinen warmen und freudigen Dank.

Nach Lob strebt jeder. Aber das Pseudonym sollte keine Faschingsmaske sein, die man, der bloßen Eitelkeit halber, gelegentlich abstreift. Der Geist ist alles, das Individuum nichts; Stolz und Koketterie sind verschiedene Dinge. Mit seiner Persönlichkeit dränge sich niemand hervor.

Der Dichter ist nicht der ganze Mensch und was frommt die Bekanntschaft mit seiner Person? Eines nur darf der einsame Schwärmer, der diese Blätter nach dem überführten Büchermarkte flattern läßt, hinausrufen in die weite Welt: Wenn er das wäre, wofür er hie und da gehalten wurde und was er – sui cuique mores fingunt fortunam – nicht werden konnte, er würde manches aus den Fugen gesprengt und menschliches Elend nicht mit zärtlichen Worten beklagt, sondern mit ersprießlichen Thaten gemildert haben.[18]

Wer wenig mehr als eine reiche Phantasie besitzt, der schaut machtlos herunter: hier auf die Darbenden und Geknechteten, dort – um meines eminenten Freundes Herrn Dr. J.J. Honegger in Zürich Ausdruck zu gebrauchen – »auf die gemeine Alltagswirtschaft, auf die breit und anspruchsvoll sich hinstreckende Niedertracht und Philisterborniertheit.«


Das Leben wird um so süßer, je mehr es dem Schlummer ähnelt; ein fester Schlaf ist das Beste, was wir haben; Schmerzlosigkeit schätzbarer als Nektar und Ambrosia, Gedankenarmut ein beneidenswerter Vorzug. Keine großen Gedanken ohne ein großes Herz. Und man höre Pascal: »Si j'avais le coeur aussi pauvre que l'esprit, je serais bienheureux.«

Immerhin beruhen die wohlthuendsten Empfindungen auf den schärfsten Kontrasten und die ganze Wonne des Nirwâna ahnt der, welcher mit der Marter seines Gehirns der Natur einen mehr als gewöhnlichen Tribut bezahlt hat.

Per laborem ad torporem!


Was ich, als religiöser Denker, in rhythmischen Formen sagen wollte, es ist gesagt, und ich bin froh, daß ich nichts mehr zu sagen habe. Trost gewähren[19] mir meine selbsterrungenen Ueberzeugungen und die unsterblichen Werke erlauchter Geister, besonders einzelne Offenbarungen Arthur Schopenhauers. Nicht als ob mir die Philosophie des »Bewußten« oder des »Unbewußten« in allen ihren Teilen zugänglich wäre. In dem Labyrinthe der Metaphysik verlieren sich meine Pfade. Der Philosophie der Zukunft dürften kurze Lehrsätze in schlichter Fassung zu empfehlen sein. Das wichtigste der auf uns lastenden Probleme betrifft die Fortdauer jenes »Bewußten« nach dem Verfall des Leibes. Jede in mir zuckende Fiber zwingt mich zu einer verneinenden Antwort. In dem Bereiche meiner Fassungskraft ist jede Individualität mit einer ephemeren Hülle verwachsen, und die Hoffnung, als unsagbar kleines, aber sehendes und fühlendes Wesen in der Unendlichkeit des Raumes, in dem unbegrenzten Revier zahlloser Welten weiterzuleben, eitel Verblendung und Vermessenheit.

Andere Argumente als die der Intuition entstammenden gehören nicht hierher. Ich frage nur dieses:

Warum uns armen Menschenkindern die Regalien eines Gottes?

Und läßt sich für die müde Kreatur etwas Besseres ersinnen als ewige Ruhe?
[20]

Man hat mir vorgeworfen, daß ich, den schönen Christusglauben untergrabend, frohe Zuversicht in nagende Skepsis, stille Resignation in düsteres Hinbrüten verwandle. Mit so dämonischer Macht bin ich nicht ausgestattet. Und ich hätte, wenn ich diese Macht besäße, lieber die Qual geistigen Kerkers auf immer ertragen, als wissentlich ein einziges Menschenherz unglücklich gemacht.

»Frauenherz« wäre hier wohl das richtigere Wort. Denn der aufrichtige, mannhafte Nazarener belächelt die Schonung eines Ungläubigen. Sein Panzer ist ein härenes Priestergewand. Ascese oder kühne Lebensbeteiligung, Liebe zum Himmel oder Liebe zur Erde – die christliche Logik läßt uns keine andere Wahl. Zu schroff und herausfordernd lautet das: »a l'uom salute, e morte a Dio« des römischen Dichters Raspisardi. Selbst das Trappistenkloster hat seine volle Berechtigung.


»Sine Cerere et Baccho friget Venus.«


Genugsam gewaffnet gegen störende Gedanken ist ferner die laue Frömmigkeit und nicht minder ist es die noch bequemere Frivolität. Ich habe mit der einen wie mit der andern nichts zu schaffen.

Jahre hindurch fand ich mein Dichterlos in den Mickiewiczschen Versen ausgesprochen:


»Ich allein

Höre meine Gesänge, schmerzlich seufzend

Und langsam in des Windes Hauch verklingend;[21]

Und höre sie, von Stürmen fortgetragen,

Wie ferne Donner rollen durch die Ruhe

Des Weltalls, in der Unermeßlichkeit

Spurlos und antwortlos verhallend.« –


Doch es sind nach und nach Antworten gekommen, Antworten beruhigender Art. Die Mehrzahl derer, die meine Schriften lesen, ist von meinem Ideengange sympathisch berührt worden, und wo er befremdete oder verletzte, hat er weder Thränen erpreßt, noch Ideale zertrümmert.

Ich würde, wenn solches geschehen wäre, fortan geschwiegen haben, obschon die Verkündigung dessen, was unser Innerstes bewegt, keiner Erlaubnis benötigt. Von dem, was uns als Wahrheit erfüllt, läßt sich nicht alles, aber vieles in eine poetische Sphäre rücken und wer den Pulsschlag der Zeit belauscht, der weiß, daß neue Anschauungen sich Bahn brechen wollen und Bahn brechen müssen. Wir befinden uns in einer von Gewittern erhellten Entwicklungsperiode und eine Litteratur ist im Entstehen, deren gewaltiger Odem alles, was baufällig geworden, umstoßen wird, wohl eine ganz andere als jene Weltlitteratur, die in verschwimmenden Umrissen der greise Goethe herandämmern sah.

Doch weithin erschallen wird Prometheus befreiender Ruf:


»Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?«
[22]

Durch den wahren Pantheismus, und nur durch ihn, dem kein überirdisches Glück vorschwebt, zittert die wahre Menschenliebe. Ein so versöhnliches Dogma ist andern Ursprungs als der moderne Nihilismus. O, daß es Zeiten gab, wo diese Religion der Rache und der Verzweiflung auch mich mit den grauenhaft begehrenden, berückenden Augen einer Sphinx anstarrte: ich will es gerne bekennen. Die Prüfung ist überstanden. In der wiedergewonnenen Klarheit erscheint mir selbst der grollende Pessimismus als Temperamentssache, als das Manifest persönlichen Mißgeschickes. Seitdem wir die körperlichen Leiden kennen, mit denen der unglückliche Leopardi heimgesucht war, glauben wir weniger an seinen Weltschmerz. Die Freuden dieser Welt sind, selbst als Phantasiegebilde, nicht zu verschmähen. Und keine Philosophie kann jene Wunder der Schöpfung, die uns mit Entzücken und Rührung erfüllen, kann das flammende Firmament in bloße Vorstellung auflösen. Mögen die Schmerzen alles überwuchern: das taedium vitae schickt sich nicht für alle. Oft ergreift uns, auf den sonnigsten Höhen des Lebens, wilde Todessehnsucht. Aber, den gewohnten Impulsen gehorchend, klammert sich wer und was da atmet an das Dasein, ungeachtet der Trauer, die ihm von der Natur in den Blick gelegt wurde. Schon ein kurzer Genuß entschädigt uns für eine lange Angst, und »Angst« – so spricht Schelling – »ist die Grundempfindung jedes lebenden Geschöpfes.«

[23] Jedes lebenden Geschöpfes. Die Grundempfindung ist »Angst«, die Grundbedingung »Tötung anderer Wesen«. Doch darf – und diese für die Tierwelt gestellte Frage wird niemand mit der Hypothese eines jenseitigen Wohlbehagens abfertigen – darf das denkende Geschöpf den Uebergang anderer, tiefer stehender, in das absolute Nichts mit der raffiniertesten Selbstsucht ausbeuten? Ach! Was sind die Plagen der Intelligenz, was sind Sorgen, Zweifel, Regungen der Reue, was ist alles, was den Geist krank macht, den Schrecknissen leiblicher Tortur gegenüber? Wahrlich, wir sollten die Faust des Henkers mit geringerem Entsetzen betrachten als die Hand des entmenschten Gelehrten, durch dessen Seciermesser der Arbeitstisch des friedlichen Forschers zur Folter- und Schlachtbank wird.

Das unnatürlichste aller grausigen Verbrechen heißt: »Vivisektion.« Sonderbar, daß des interessanten Stoffes sich unsere Novellistik noch nicht bemächtigt hat! Vielleicht dankt sie mir für dieses Memento. Das brechende Auge einer hingemarterten Kreatur ist beredter als alle Wissenschaft.

Durch die tiefe Erkenntnis der Weisen, »daß Nichtsein das Beste wäre«, wird keine Lebensfreude zerstört. Schwer zu befolgen ist die große Kantsche Lehre: »Man soll sich nichts zu Gemüte ziehn«; aber die Heiterkeit des Gemütes darf nicht getrübt werden durch die Notwendigkeit des ewigen Entsagens. Zusammenschaudern[24] sollte die Menschheit nur vor den Greueln des Grabes und der Verwesung.

Der Erde keine Leichen mehr! Rasch verlodernde Glut umfange die erkalteten Schläfen und sei für gebrochene Herzen der beste Trost und die würdigste Bestattung.


Als Dichter mußte ich mich auf das beschränken, was mir am nächsten lag.

Das »Requiem« möge nach obiger Einleitung sich selbst verteidigen.

Was bis jetzt »Poetische Fragmente« hieß, ist ein auf mancherlei Lebens- und Reisestationen entstandenes »Wanderbuch,« in welchem nur wenige Seiten beschrieben wurden. Es trage von jetzt an diesen Titel, der um so passender ist, als nicht nur ein Teil, sondern das Ganze meines dichterischen Schaffens ein fragmentarisches genannt werden muß.

Das Poem »Der gefallene Engel«, dessen größeren Teil ich seiner vielen Gebrechen halber der Veröffentlichung vorenthalte, möchte ich als mein Schmerzens-und dennoch Lieblingskind bezeichnen. Ich kenne keinen der Begeisterung, der philosophischen Vertiefung eines Dichters würdigeren Stoff, und ich würde ihn heute noch neu zu gestalten suchen, wenn ich mir der dazu nötigen Geisteskraft bewußt wäre.[25]

Die Improvisation »Kaiser Maximilian«, hin und wieder als politisches Credo gedeutet, war der vulkanische Ausbruch innigster Teilnahme an einem tragischen Schicksal. Was zu sehr in das Gebiet subjektiver Auffassungen hinüberstreift, das hat die Zeit in meiner Brust ausgelöscht. Als einfache Nänie auf eine edle Natur hat sich das Gedicht Freunde erworben.

Dem Dichter so wenig als dem Philosophen darf die Moral über die Wahrheit gehen. Und die keck auftretende Sinnlichkeit ist nicht so häßlich wie der lüsterne Platonismus ergrauter Anakreons, wie das hysterische Gebahren berühmter Sibyllen. Dieses in Beziehung auf den »Dämonenwalzer«. In seinen lebhaften Takten wird man den Grundton aller Faustiaden wiederfinden.

Ich habe meiner nun neugedruckt vorliegenden Generalbeichte einige »herbstliche Blätter« eingereiht, in freilich zu kärglicher Anzahl, als daß ich mein dem wohlwollenden Leser zugerufenes »te Caesarem moriturus saluto« zurücknehmen könnte.

Kein Prunken mit Belesenheit (für welche solidere Belege beigebracht werden müßten) veranlaßte mich zu den häufigen Citaten. Es sind Grüße aus der Ferne und aus geistiger Abgeschiedenheit: als Zeichen der Verehrung und Bewunderung an Lebende und Tote gerichtet.

Unsere Muttersprache ist nicht, wie Geibel meinte und wie es schon lange vor ihm zur landläufigen Redensart geworden war, die »reinste aller Zungen«,[26] (selbst Schopenhauer sagte: »die Sprache ist der einzige entschiedene Vorzug, den die Deutschen vor andern Nationen haben«) sondern eine der unreinsten und dabei, leider, eine sehr arme. Am auffallendsten wird, wenn man sich nicht auf dem unabsehbaren Gebiete der Trivialität bewegt, die Dürftigkeit unsers Idioms an Reimen. Es wäre schon deshalb zu wünschen, daß von gereimten poetischen Ergüssen nur der kleinste Teil im Druck erschiene. Selbst dann werden ermüdende Wiederholungen und sonstige Mißlichkeiten nicht ganz zu vermeiden sein.

Für das, was ich mir von unserer Schriftsprache anzueignen vermochte, ist die Tropenwildnis meine Lehrerin gewesen. All mein Wissen und Können ist oberflächlich – vielleicht aber nicht ganz mein Können. Ein wohl nicht unnützer Wink für jene gestrenge Stuben-Pädagogik, die jede Leistung nach akademischen Schablonen beurteilt.

Den Klassikern die schuldige Pietät! Doch nicht in kanonischen Verordnungen suche der Dichter der Gegenwart die Quellen seiner Verjüngung; nicht in toten Gewässern vollziehe sich seine Jordans-Taufe.

Immer weitere Horizonte enthüllen sich dem innern Auge eines Dichters und Propheten. Was liegt an dem Beifall eines kindischen, an der Geringschätzung eines bethörten Publikums? Mit Recht behauptet Charles Baudelaire:

[27] »Tout homme bien portant peut se passer de manger pendant deux jours, de poésie – jamais!«

Dieses ist ein Thema, welchem ich als Kosmopolit feurige Worte verleihen möchte.

Zündende Worte, wie sie mir nicht zu Gebote stehen, und die zu tausend Modulationen begeistern würden, Jene begeistern, deren Bestimmung es ist, unter der Wucht ihrer Gedanken für die Schlummernden wach zu bleiben.

Die Dichtkunst ist eine lange Liebe, und alle Liebe ist Mitleid. Sie freut sich der Erwiderung, aber sie bedarf ihrer nicht.

Das Wesen der Poesie gemahnt an das oft »stumm und regungslos in sich verschlossene«, oft »laut aufjauchzende Meer«. Ich kann dem Gelüste nicht wiederstehen, sie hier mit Lenaus prachtvoller »Sturmesmythe« zu feiern:


»Plötzlich auf am Horizonte tauchen

Dunkle Wolken, die herüberhauchen,

Schwer, in stürmischer Beklommenheit;

Eilig kommen sie heraufgefahren,

Haben sich in angstverworrnen Scharen

Um die stumme Schläferin gereiht.


Und sie neigen sich herab und fragen:

›Lebst du noch?‹ in lauten Donnerklagen,

Und sie weinen aus ihr banges Weh;

Zitternd leuchten sie mit scheuem Grauen

Nieder auf das stille Bett und schauen,

Ob die alte Mutter tot, die See.
[28]

Nein, sie lebt, sie lebt! Der Töchter Kummer

Hat sie aufgestört aus ihrem Schlummer,

Und sie springt vom Lager hoch empor;

Mutter – Kinder – jauchzend sich umschlingen,

Und sie tanzen freudenwild und singen

Ihrer Lieb' ein Lied im Sturmeschor.«


Die Weltlitteratur hat nichts aufzuweisen, was ich lieber geschrieben haben möchte als diese Strophen.


Ich glaube an den Fortschritt der Menschheit. Traditionen und Formeln überwindend treibt die große Führerin Vernunft jeden freien Weltbürger in neue Bahnen. Und willig beugt sich die trotzige Selbstbejahung vor der alles besänftigenden Kunst. Glückliche Tage dürfen wir nicht beanspruchen, nur glückliche Stunden und Bruchteile von Stunden. Harmonisch läßt sich kein Menschenleben gestalten; aber es gibt Melodien, die Enthusiasmus erwecken und süße Thränen in unsere Augen locken oder unsern Trübsinn in holde Träume wiegen. Musik, Malerei und Plastik haben ihr Schönstes schon gebracht; die Poesie, insofern sie als musikalische Sprache nur mit ihrer Innerlichkeit kalte Lettern beleben und Steine bewegen will – diese Poesie hat ihre Kraft noch nicht verzehrt. Und einer so gütigen Freundin sollte niemand sich ganz entfremden. Sicher indessen ist das Eine: Bevor in Deutschland ein neuer Orpheus geboren wird, muß eine frische Seebrise[29] die schwüle Atmosphäre unserer Hör- und Theatersäle gesäubert, die Goethe-, Schiller-, Sheakspearelitteratur entwurzelt, dem Papierschnitzel-Kultus und namentlich dem Gefühlsschwindel läppischer Minne ein Ende gemacht haben. Wie sehr wäre hier das »risum teneatis amici?« am Platze! Doch – vorüber, vorüber!

Komme was da wolle: ich glaube an den Fortschritt der Menschheit.

Es ist keine leere Floskel, dieses »komme was da wolle.«

Denn seht! die Wolken färben sich immer dunkler, und immer höher steigt die Flut. Meine Religion ist die des Erbarmens; aber ihrer Jünger sind nicht viele, und ich fürchte, ich fürchte, daß in jenen nicht mehr fernen Tagen, wo tausendjährige Irrtümer zu beseitigen sein werden, erst nach blutigen Katastrophen, heraufbeschworen durch die seit Jahrtausenden an den Armen, Schwachen und Unwissenden begangenen Verbrechen, erst nach unerhörten Ereignissen die civilisatorische Strömung sich unaufhaltsam über den Erdball ergießen und neue Gefilde befruchten wird.

Ich besiegle mein Dichten und Denken mit dieser trüben Prophezeiung!


Geschrieben im Jahre 1878.


D.


Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 15-30.
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