Vierter Auftritt.

[186] Es treten ein: Dr. Censur, Dr. Polisëi, Chirurgus Gensedarm und Diener. Nach ihnen schleicht Aufrecht ins Zimmer.

Censur hat Schriften unter dem Arme; Polisëi's Kleidung ist der Polizei nachgeahmt. Desgl. Gensedarm's der Gensdarmerie.


CENSUR.

Wär's nicht räthlich, Herr College, bei der jetz'gen Untersuchung

Mehr Chirurgen hier zu haben?

POLISËI.

Ohne Sorgen, Doctor Censur!

Nur ein Blick von mir, und er wird zittern. Gensedarm, erweckt ihn.

GENSEDARM rüttelt Volk.

Heda Freund!

HANS.

Was giebt's! zum Teufel, könnt Ihr mich

nicht schlafen lassen?

CENSUR.

Lieber Volk, hier ist die Tafel und der Griffel.

HANS.

O, mich schläfert.

CENSUR.

Alles was Sie sagen wollen, auf die Tafel erst.[186]

HANS.

Mich schläfert;

Kommt ein ander Mal.

POLISËI strenge.

Vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben.

Was? Auf eine Seite kehrt er sich? und ich befahl doch

Daß er sich auf keine Seite legen solle! Auf dem Rücken

Muß er ruh'n. Legt ihn in Ordnung.

GENSEDARM.

Schläft, Herr Doctor Polisëi.

POLISËI.

Habt Ihr eine Dose?

GENSEDARM.

Ja.

POLISËI.

So steckt ihm Taback in die Nase.


Es geschieht; Hans niest sehr stark.


HANS niesend.

Donnerwetter, wer erfrecht sich, aus dem Schlafe mich zu stören!

CENSUR.

Welche Worte! Herr, Sie haben gegen mein Verbot gehandelt,

Als Sie mit dem Fremden sprachen, und nun zeigen sich die Folgen!

Dieser Fremde hat die Pest im Kopf, und Sie mit seiner Krankheit

Angesteckt. Sie wollen sprechen –; nicht Ein Wort! Hier ist die Tafel;

Schreiben Sie, und dann entscheid' ich, ob's gesprochen werden darf.


Hans reißt ihm die Tafel heftig aus der Hand.


POLISËI strenge.

Mehr als einmal hab' ich Ihnen untersagt, mit solchem Grimme[187]

Meines Herrn Collegen Tafel fortzureißen. Ihre Pflicht ist's,

Sie mit Dank und stiller Rührung zu empfangen. Das Bewegen

Ist Schwindsüchtigen gefährlich und verboten.

AUFRECHT leise.

Der versteht es!

CENSUR.

Fertig? – Zeigen Sie


Er liest.


Unmöglich. Nichts davon laß' ich passiren.

Ihre Meinung war gefährlich. – Nur nicht reden! Hier die Tafel,

Schreiben Sie.

AUFRECHT.

O Höllenwirthschaft!

CENSUR.

Sprach da wer? Ich hörte Töne

Denen ich nie das Dicatur geben würde.

KRIECHEL.

'S ist der Fremde!

Durch die Hinterthüre hat er wieder sich hereingeschlichen!

POLISËI zu Aufrecht.

Name?

AUFRECHT.

Was berechtigt Euch zu dieser Frage?

POLISËI.

Die Gesetze

Uns'rer Anstalt, denen Jeder, der hineintritt, unterworfen,

Da zu Herren Volkes Bestem sie besteht, und mancher Name,

Stand, Beschäftigung und Andres, wenn es hier gelitten würde,

Schädlich nur auf die Gesundheit des Patienten wirken müßte.

Name?[188]

AUFRECHT.

Aufrecht.

POLISËI.

Stand?

AUFRECHT.

Auch aufrecht.

POLISËI.

Unverschämt und höchst verdächtig.

Wovon lebt Ihr?

AUFRECHT.

Von der Feder.

POLISËI.

Welche Richtung?

AUFRECHT.

Recht und Freiheit.

POLISËI.

Höchst verdächtig! Wer bestimmt nach Eurer Meinung Recht und Freiheit?

AUFRECHT.

Die Vernunft.

POLISËI.

Immer verdächt'ger!

HANS.

Doctor, schon seit einer Stunde

Wart' ich hier.

CENSUR.

Dagegen hätt' ich nichts, doch mußtet

Ihr dies Warten

Auf die Tafel schreiben, und nicht unerlaubt es vorlaut sagen.


Er liest.


Was Sie schrieben ist als schädlich auszustreichen. – Nur nicht reden!

Schreiben Sie, hier ist die Tafel.

AUFRECHT.

Dieses find' ich unvernünftig.[189]

CENSUR.

Diese Phrase wird gestrichen, und um schnell mit Euch ins Klare

Zu gelangen, gebt mir Antwort: Wer entscheidet, was vernünftig?

AUFRECHT.

Die Vernunft.

POLISËI.

Verdächt'ge Ausflucht! Haltet Ihr mich

für vernünftig?

AUFRECHT.

Nein.

CENSUR.

Ihr seid hiemit gestrichen, und auf ew'ge Zeit verboten,

Ganz und gar, mit Haut und Haaren, mit Vergangenheit und Zukunft.

Was Ihr sprachet, was Ihr sprechet, was Ihr jemals sprechen werdet,

Jedes Wort aus Eurem Munde ist für Herren Volk gefährlich;

So verfault und pestig seid Ihr! Aufgehört zu existiren

Habt Ihr nun für meinen Schützling.

KRIECHEL.

Also ganz unheilbar ist er?

POLISËI.

Bis er seinen Glauben ändert und mich für vernünftig hält!

Denn Herr Theodor hat deutlich auszusprechen jüngst geruht –

AUFRECHT.

Hat geruhet? Der ruht immer!

GENSEDARM.

Schweig' er still, er ist verboten!

HANS.

Doctor, mir beginnt vom Warten in den Kopf das Blut zu steigen.[190]

CENSUR.

Schreiben Sie's auf Ihre Tafel künftig.


Er liest.


Keine Sylbe hievon

Wird erlaubt. Ich –

HANS.

Tod und Teufel! nun ist's nicht mehr auszuhalten.

Ihr verbietet, was mir eben g'rad am Meisten Noth zu sagen,

Streichet immer, was gerade meine klarste Herzensmeinung ...

CENSUR.

Schweigen Sie! Sie sind ein Kind des Todes, wenn Sie weiter sprechen ...

HANS fährt immer fort ohne sich unterbrechen zu lassen.

Haltet das für unvernünftig, was ich für vernünftig halte –

Einmal laß' ich meinem Willen, Euch zum Trotz, den Zügel schießen,

Mag entstehen, was da wolle, mag ich gleich zur Hölle fahren ...

KRIECHEL.

Gott, verzeihe diesem Sünder, der nicht weiß, wie sehr er sündigt!

HANS.

Ich riskir' es! Diesmal sag' ich Alles, was Ihr mir gestrichen.

Ganz zuerst hab' ich geschrieben, daß Ihr mich abscheulich langweilt;

Dann: ich müsse schier befürchten, Ihr und Theodor bedächtet

Euren Vortheil mehr als meinen; und zuletzt, zum Dritten schrieb ich,

Abgeschmackt und widersinnig, ganz absurd und freventlich

Käm's mir vor, daß immer Ihr und Ihr allein bestimmen wollet,

Was vernünftig sei, als ob Ihr die Vernunft von Gott gepachtet.

AUFRECHT.

Bravo Hans![191]

HANS.

Wie nun, Herr Doctor? Fährt kein Blitz

vom Himmel nieder,

Der mich tödtet? Ich bemerke zwischen Jetzt und zwischen Früher

Keinen Wechsel, ich befinde mich nicht schlechter als zuvor –

Das Gefährlichste und Ärgste bracht' ich über meine Lippen

Und ich lebe? Waren wirklich Eure Drohungen Betrug?

Meine Krankheit Eure Lügen, meine Schwachheit Eure Dichtung,

Wie der Aufrecht meint?

CENSUR heimlich zu Polisëi.

Um Gottes Willen, Herr Colleg', ich zittre!

Schickt zu Nicolas um Hülf'!

KRIECHEL.

Der Himmel giebt in seiner Langmuth

Diesesmal dem Übelthäter Zeit zur Besserung und Buße.

POLISËI.

Und die Strafe wird nicht säumen. Ich befürchte, großen Schaden

Hat Herr Volk durch die Bewegung schon genommen. Herr College

Schreiten wir zur Untersuchung.


Er winkt den Dienern, welche den Hans ohne sonderlichen Widerstand auf's Bett legen.


Kriechel, setzet Euch und schreibt

Die Verhandlung wörtlich nieder, wie ich Euch dictiren werde,

Zur Beglaubigung des Vorgangs. Gensedarm, stellt Euch zu Häupten

Des Patienten, leget Eure Faust ihm grade unters Kinn,

Daß er seinen Blick zum Himmel wende, den er tief beleidigt.

AUFRECHT.

Die Philister auf Dich, Simson!

GENSEDARM.

Still da! er ist längst gestrichen.[192]

POLISËI.

Seid Ihr mit dem Formulare fertig, Kriechel?

KRIECHEL.

Zu Befehl!

Actum u.s.w.

POLISËI kneift Hans in die Wade.

Thut das weh?

HANS.

Au furchtbar!

POLISËI.

Schreibet, Kriechel:

»Bei gelindem Streichen seiner linken Wade schrie der Kranke.«

AUFRECHT.

Hans, der Doctor kniff Dich.

POLISËI kneift wieder.

Zuckte konvulsivisch –

HANS.

Au! entsetzlich!

AUFRECHT.

Hans, er kniff.

POLISËI kneift.

Und zeigte deutlich –

HANS.

Au!

AUFRECHT.

Er kniff.

HANS springt auf, die Schlafmütze abwerfend.

Ihr kniff'gen Schurken,

Ihr vermaledeiten Ärzte! Fort mit Euch, hinaus! Zum Teufel![193]

Reden will ich, was mir einfällt, gehen will ich, sitzen, liegen,

Reiten, fahren ohn' Erlaubniß von Quacksalbern und Betrügern,

Euer Hudeln hab' ich satt.

POLISËI.

Ergreift ihn, Gensedarm.

KRIECHEL.

Am Beine

Packet ihn, das wirft am Leicht'sten nieder.

HANS packt Gensedarm und Kriechel.

Unverschämte Narren,

Gensedarm und Kriechel, soll ich Eure Schädel hier zerschmettern?

KRIECHEL.

Gnade! Gnade!

GENSEDARM.

Ihr erwürgt mich!

HANS.

Fort mit Euch, Ihr Lumpenkerle!


Er wirft Kriechel und Gensedarm hinaus.


Nun ein Wort mit Euch, Doctoren: Lasset Ihr Euch jemals wieder

Vor mir seh'n, Ihr gift'gen Pilze, Ihr Duckmäuser und Hallunken,

Gerb' ich Euch, wie rohes Leder, tret' ich Euch, wie Lehm, mit Füßen,

Schüttl' Euch, wie ich jetzt Euch schüttle, so und so, bis Eure Seelen

Taumelnd in die Hölle fahren; habt Ihr mich verstanden, Schufte?

AUFRECHT.

Furcht und Schreck läßt sie verstummen.

HANS.

Schreck und Furcht soll sie zum Reden[194]

Wieder bringen! Bis Ihr redet schüttl' ich Euch, Ihr Lügensäcke,

Habt Ihr mich verstanden? habt Ihr?

CENSUR.

Ganz unendlich!

POLISËI.

Unvergeßlich!

HANS.

Dann hinaus mit Euch!


Wirft sie hinaus.


AUFRECHT.

Vortrefflich, süßer Hans, hast Du gehandelt,

Hast das Schwerste brav geleistet, und zu Deinem Glück erfahren,

Daß Du, noch gesund und kräftig, Deine Angelegenheiten

Selbst besorgen und vollführen kannst. Nun wollen wir zusammen

Ein vernünftig Wörtchen reden.

HANS setzt sich.

Wollen wir? So sprich; ich höre.

AUFRECHT.

Hans, Du bist ein reicher Junge; bist geboren, um in Freuden

Hier des Lebens zu genießen, und man hat Dir's arg verbittert;

Woher kam das? Weil Du niemals um das Deine Dich bekümmert,

Wie doch andre Leute thun.

HANS.

Ja[c]ques Peuple kümmert sich um alle Dinge

Und doch lebt er unerquicklich.

AUFRECHT.

Allerdings; und darum mußt Du's

Anders machen.

HANS.

Wie John People, der verhungert?[195]

AUFRECHT.

Auch wie der nicht.

An den Beiden kannst Du lernen, was zu thun und was zu meiden.

Alles mußt Du Selber ordnen, wie es einem Herrn geziemet,

Alles muß nach Dir sich richten; Deinem Wohlergehn zu dienen,

Müssen Alle sich bequemen.

HANS.

Das gefällt mir; doch mich hungert

Jetzt gewaltig.

AUFRECHT.

Für Dein Essen will ich Sorge tragen, wenn Du

Mir versprichst nach meinem Rathe Deine Wirthschaft anzuordnen.

Zu dem Ersten Deiner Diener, der in Deiner nächsten Nähe

Dein Vergnügen, kurz Dich Selber zu bedienen hat, ernenne

Mich. Vertraue mir die Leitung Deiner Angelegenheiten,

Und nimm Du die Oberaufsicht.

HANS.

Was Du willst; doch essen muß ich.

AUFRECHT.

Gleich erschein' ich mit dem Besten, was ich finden kann.


Ab.


HANS.

So eile! –

Oh, das wird ein Götterleben werden, wenn ich kommandire!

Essen will ich nun und trinken! –

– Wenn ich mich gesättigt habe,

Will ich gleich zu Pferde steigen, und nach Allem Selber sehen,

Will auf meine Felder reiten, will mir Rechnung legen lassen,

Und ein Mann sein unter Männern. –

– Daß ich wohler mich befinde,

Nun ich all die Plackereien los bin, das ist wahr. Mich wundert[196]

Wie ich der Doctoren Kniffe nur so lang ertragen konnte!

Nein, so dumm zu sein! Doch gründlich ist's verbessert – und ich hab' nun

Alle Freiheit – spreche, gehe, schlaf' und esse nach Belieben –

– Was der Aufrecht lange zögert; Kriechel war doch viel geschwinder –

– Wie der Ja[c]ques und John, die Beiden über mich erstaunen werden,

Wenn sie meine kühnen Thaten durch die Zeitungen vernehmen.

Von der Schwindsuchtsfabel hatten sicher sie schon längst die Nachricht,

Und erwarten nun die Meldung, daß ich todt sei! Ich die Schwindsucht!

He! Juchhe! Juchheißa! Lustig! Ha, ha, ha! 'ne schöne Schwindsucht!

Die so musiciren kann! –

– Hm – etwas müde bin ich freilich. –

Von der ungewohnten Arbeit kommt das, und dem leeren Magen –

Wenn nur erst der Aufrecht käme mit dem Essen! Er empfiehlt sich

Herzlich schlecht! – He! Aufrecht! Aufrecht! – Keine Antwort! – hätt' ich früher,

– Höchst verbotner Maaßen – so gerufen, wär'n im Fluge Kriechel,

Censur, Polisëi und zehn Gensedarme gleich erschienen.

Die Bedienung war vortrefflich! Niemals ließ man mich allein;

Nicht die kleinste Handbewegung durft' ich machen, Alles thaten

Andere für mich!

– Es war im Grunde damals doch ein gutes Leben!


Er springt auf.


Will mich der verhungern lassen? Aufrecht! Aufrecht!


Quelle:
Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger. Stuttgart 1971, S. 186-197.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Wände
Die Wände

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Leo Armenius

Leo Armenius

Am Heiligen Abend des Jahres 820 führt eine Verschwörung am Hofe zu Konstantinopel zur Ermordung Kaiser Leos des Armeniers. Gryphius schildert in seinem dramatischen Erstling wie Michael Balbus, einst Vertrauter Leos, sich auf den Kaiserthron erhebt.

98 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon