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[307] Zum ersten Male seit zehn Jahren brachten die Brüder eine schlaflose Nacht zu. Zum ersten Male unterblieb am folgenden Tage der Morgenritt, zum ersten Male frühstückte jeder von ihnen auf seinem Zimmer und streifte dann allein durch Wälder und Fluren. Sie kamen nicht nach Hause zum Mittagessen, worüber Anton Schmidt beinahe in Verzweiflung und die Köchin in solche Aufregung geriet, daß sie eine spanische Windtorte mit Bratensoße statt mit Schokolade übergoß und dem Küchenmädchen, das ihr Versehen zu belächeln wagte, mit sofortiger Entlassung drohte.

Frau Kurzmichel, von den Vorgängen im Schlosse unterrichtet, brachte den Tag in Angst und Sorge zu und wußte keine Antwort auf die unablässig wiederholte Frage ihres Gatten: »Was tun? Was beginnen?«

Angesichts des Unerhörten steht auch der größte Verstand still.

Abends gegen acht Uhr begab sich der Herr Verwalter gewohntermaßen zum Vortrage in das Schloß. Es war darin so still, als würde es nur von Mäusen bewohnt. Anton hatte sich in höchster Angst aufgemacht, um seinen Gebieter zu suchen. Die übrige Dienerschaft saß wispernd und flüsternd in der hellerleuchteten Küche um den warmen Herd.

Kurzmichel durchwanderte vorsichtshalber zuerst die ganze Enfilade. Alles leer, verödet und unheimlich dunkel. Der alte Mann nahm endlich Platz auf dem schwarzen Ledersofa im Vorgemache und wartete, seine Wirtschaftsbücher unter dem Arme. Durch das breite Fenster ihm gegenüber blinkte der Abendstern freundlich herein, während hellgraue Nebel langsam emporstiegen aus den Wiesen im Tale und sich allmählich mit dem schweren Wolkenkranze verbanden, der unbeweglich über den Bergen lag. Kurzmichel begann über alles nachzusinnen, was den Herren begegnet sein konnte, und schreckliche Möglichkeiten stellten sich ihm dar. Vielleicht waren beide verunglückt – vielleicht nur einer – vielleicht einer durch den anderen... Kurzmichel hat so etwas tausendmal befürchtet bei ihrem Temperament, bei ihrer nie gestillten Kampflust! ... Vielleicht war es zum Äußersten gekommen, vielleicht ist jetzt einer der[307] Brüder... Nein, der Gedanke ist nicht auszudenken... Kurzmichel bemüht sich, die entsetzlichen Vorstellungen, die ihn bedrängen, durch eine friedliche Geistestätigkeit zu beschwören, und beginnt halblaut das große Einmaleins herzusagen. Dabei jedoch lauscht er fieberhaft gespannt gegen die Treppe hin, und endlich ist ihm, als ließen sich Schritte auf derselben vernehmen. Sie steigen langsam herauf, die Türe des Vorsaales öffnet sich, um eine imposante Gestalt einzulassen, und die Stimme des Freiherrn Friedrich spricht: »Wer ist da? Warum zündest du die Lampe nicht an, du Esel?«

Der Verwalter fühlt sich durch den »Esel« nicht getroffen, denn sein Herr hält ihn offenbar für den Hausknecht; doch kann er nicht umhin zu denken, daß die Freiherren diese für jeden Menschen demütigende Bezeichnung doch etwas seltener gebrauchen sollten.

»Ich bin's, Euer Hochwohlgeboren«, spricht er, »ich komme, ich erscheine zum Vortrag.«

Ein unartikulierter Laut – das Wort »Vortrag« nachgemurmelt mit einem Akzente, als bezeichne es etwas Ungeheuerliches, nie Gehörtes. Friedrich fährt Herrn Kurzmichel an: »Sprechen Sie mit meinem Bruder!« und gebt an ihm vorüber in den Saal, dessen Tür er kräftig hinter sich zuschlägt.

Mit meinem Bruder! ... Kurzmichel atmet und lebt wieder auf, und als der Hausknecht mit dem brennenden Wachsstocke hereinstürzt, die Hängelampe anzündet und forteilt, um weiterhin Licht zu verbreiten, schlägt der Verwalter sich vor die Stirn, als wollte er sie strafen für die tollen Vorstellungen, die sie eben gehegt.

Wieder rasselte die schwere Tür in ihren Angeln, und herein trat Freiherr Ludwig. Er trug den Kopf wie immer hoch und stolz, hatte beide Hände in die Taschen seines langen Überrockes versenkt und schritt geradeso zerstreut wie Friedrich an Herrn Kurzmichel vorüber. »Ich komme zum Vortrage«, sprach dieser. »Sprechen Sie mit meinem Bruder!« rief Ludwig, ohne sich aufzuhalten, ohne ihn nur anzusehen, und warf die Salontür noch kräftiger hinter sich zu, als Friedrich getan.

Herr Kurzmichel kannte die barsche Art seiner Herren, wurde aber immer empfindlich durch sie verletzt. Beim Nachhausekommen[308] erklärte er seiner Gattin, man brauche etwas Unangenehmes deshalb noch nicht angenehm zu finden, weil es einem täglich widerfährt. Die treffliche Frau ließ die Richtigkeit dieser Bemerkung gelten und gewährte ihrem Manne den besten Trost, den es gibt: sie bedauerte ihn.

Die Freiherren nahmen das Abendessen schweigend und hastig ein. Nach demselben zündeten sie ihre Zigarren an, rückten beide ihre Stühle vom Tische weg, wandten einander nicht gerade den Rücken, aber doch die Seite zu und starrten hartnäckig in die Luft. Friedrich war der erste, der einen Laut von sich gab, indem er zu murmeln begann: »Sie-bert – Siebert! ... Klara Siebert!«

»Was?« fragte Ludwig.

»Gute Familie«, fuhr Friedrich fort. »Gehört dem ältesten Adel Sachsens an.«

Ludwig entgegnete mit unglaublich sanfter Stimme: »Woher hast du das?«

Sein Bruder sah ihn flüchtig an: »Es ist meine Überzeugung«, antwortete er.

»Ich glaube, daß du irrst«, sagte Ludwig so sanft wie früher. »Die Siebert sind bürgerlich – Papieradel zählt ja in deinen Augen nicht – ganz bürgerlich.«

Friedrich richtete sich auf, schlug heftig mit der Faust auf den Tisch und rief: »Meinetwegen!«

Es trat eine lange Pause ein. Endlich sprach Ludwig, schwer atmend, allein immer noch mit anbetungswürdiger Ruhe: »Du bist verliebt. Ich bin es auch.«

Schmerzlich bejahend, nickte Friedrich mit dem Kopfe. Das Wort überraschte ihn nicht, es war nur die Bestätigung eines ihm bereits bekannten Unglückes.

»Was ist«, fuhr Ludwig fort, »müssen Männer den Mut haben, gelten zu lassen. Nicht wahr?«

»Wahr«, lautete die Antwort.

»Heiraten aber – kann sie nur einer.«

»Auch wahr –«

»Denn – Bruder – –« Ludwig stand auf, drückte die Knöchel der geballten Hände auf den Tisch und schien sich anzuschicken,[309] eine längere Rede zu halten. Aber Friedrich hinderte ihn an der Ausführung dieses Vorhabens, indem er sagte: »Lieber Bruder, was sich von selbst versteht, brauchst du mir doch nicht zu erklären.«

»Das ist also ausgemacht. Höre ferner – höre mich ferner geduldig an. Kannst du mich ferner geduldig anhören?«

»Ich werde sehen. Rede!«

»Heiraten kann sie nur einer. Jetzt aber kommt die Frage: Welcher?«

»Das ist es ja!« Auch Friedrich stand auf, fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und setzte sich wieder nieder.

»Ich habe gefragt: Welcher?« sprach Ludwig – »die Antwort auf diese Frage ist die selbstverständlichste der Welt und lautet: Derjenige, für den sie sich entscheidet... Überlassen wir ihr die Wahl –«

»... Ihr – die Wahl? ... ihr die Wahl? ... Glaubst du nicht, lieber Bruder, daß sie denjenigen wählen wird, der am eifrigsten um sie wirkt? Denjenigen, der ihr zuerst seine Hand anbietet?«

»Ich glaube, lieber Bruder, daß sie denjenigen wählen wird, der ihr besser gefällt. Was werben! ... Wirkt der, der ihr nicht gefällt, so schlägt sie ihn aus... So schlägt sie ihn aus –« wiederholte er nachdenklich.

Als die Brüder gestern von Perkowitz fortgefahren waren, hatte Ludwig die Überzeugung mitgenommen, auf Klara einen sehr günstigen Eindruck hervorgebracht zu haben. In der schlaflos durchwachten Nacht jedoch, während des einsam verträumten Tages waren allerlei Zweifel in ihm aufgestiegen. Daß sie seine geistige Überlegenheit über seinen Bruder erkannt habe, blieb ihm ausgemacht. Aber konnte nicht gerade diese Überlegenheit erkaltend auf sie wirken? Konnte nicht vielleicht Friedrichs naives und harmloses Wesen ihr sympathischer sein als sein strenges, unbeugsames? Hatte sie sich nicht gesagt: Dir könnte ich Gattin, ihm Herrin werden, und wer weiß es, vielleicht gehört sie zu den Frauen – es soll auch solche geben! –, die lieber herrschen als beherrscht werden...

Der Vorschlag also, den er seinem Bruder machte, Fräulein Klara zwischen ihnen entscheiden zu lassen, kam aus vollkommen ehrlichem Herzen und aus dem redlichen Wunsche,[310] der qualvollen Ungewißheit, in welcher sie sich befanden, so oder so! ein Ende zu machen.

Friedrich jedoch zögerte! dazu ja zu sagen. Er wußte die Antwort im voraus, die Klara geben würde, wenn man ihr die Wahl freistellte; es schien ihm falsch, treulos, hinterlistig, den armen Teufel, den Ludwig, einer sicheren Enttäuschung und Demütigung auszusetzen. Anderseits – wenn man ihm noch so oft wiederholt: Dich nimmt sie nicht! – wird er es glauben? ... Ein schwerer Kampf entspann sich in ihm. Er hätte um alles in der Welt ein anderes Auskunftsmittel finden mögen – aber er fand keines, wie sehr er sich auch quälte. So schwieg er, schwieg um so hartnäckiger, je eifriger und beredsamer Ludwig in ihn drang, entweder seinen Vorschlag anzunehmen oder einen besseren zu machen!

Während er so finster, stumm und gepeinigt dasaß, kam sein Jagdhund, legte ihm den Kopf auf das Knie und begann zu winseln. »Marsch!« rief Friedrich, und als das Tier nicht sogleich gehorchte, gab er ihm einen derben Fußtritt. Der Hund stieß einen kurzen heulenden Laut aus und setzte sich in die Fensterecke; frierend, von Zeit zu Zeit leise winselnd, verfolgte er Friedrich fortwährend mit liebevoll flehenden Augen und trommelte vergnügt mit seinem harten Schwanze auf dem Boden, sobald es ihm gelang, einen Blick seines Herrn zu erhaschen. Dieser brummte: »Verwöhntes Vieh!« erhob sich, holte ein Polster vom Kanapee und schleuderte es dem Hunde zu, der es sogleich mit der Schnauze in die Ecke schob und sich darauf niederlegte.

Ludwig aber brauste plötzlich auf: »Herrgott im Himmel! ... Da red ich seit einer halben Stunde in diesen Menschen hinein... Es handelt sich um sein Lebensglück und um meines, und dieser Mensch – spielt mit seinem Hund! ...«

Jetzt flammte auch Friedrich auf: »Hab, was du willst! ... Gut denn, sie mag wählen! Mir ist's recht. Aber wenn die Wahl getroffen sein wird, dann – ein Feigling, wer dann rekriminiert...«

»Ein erbärmlicher Feigling!« überbot ihn Ludwig. »Der eine heiratet, der andere sieht zu, wie er mit sich fertig wird.«

»Seine Sache. Mich kümmert's nicht!«[311]

»Mich noch weniger!«

»Merke dir das!«

Die Freiherren blickten einander erbittert an und stürzten in entgegengesetzten Richtungen aus dem Gemache. So zornig sie auch noch immer waren, empfanden sie es doch als eine Erlösung, endlich wieder ihre Herzen entlastet zu haben von der bedrückenden Qual der Ratlosigkeit.

Quelle:
Marie von Ebner-Eschenbach: [Gesammelte Werke in drei Bänden.] [Bd. 1:] Das Gemeindekind. Novellen, Aphorismen, München 1956–1958, S. 307-312.
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