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[687] Am nächsten Tage erschien er nicht mit seinem Gesuche. Auch am nächstfolgenden erwartete ihn der Rat vergebens.

Es wurde in seine Wohnung geschickt, nachzufragen, ob er erkrankt sei. Seine Hausfrau befand sich in großer Sorge, war einmal um das andere zur Polizei gerannt, das unbegreifliche Ausbleiben ihres Mietsmannes dort anzuzeigen und zu Nachforschungen aufzufordern. Sie hatte auch Ziegler von der Sache in Kenntnis gesetzt, und der irrte schon seit zwei Tagen rastlos umher auf der Suche nach seinem Freunde.

Aber vergeblich; Andreas kam nicht zum Vorschein. Da und dort wollte man einen Menschen gesehen haben, auf den die Beschreibung, die von ihm gemacht wurde, paßte, doch bemühte man sich umsonst, seine Spur zu verfolgen. Kaum entdeckt, verlor sie sich wieder.

An einem kalten Märzabend kehrte Ziegler von einem seiner erfolglosen Streifzüge zurück. Der Vorort, in dem er nach dem Vermißten gesucht hatte, lag schon eine tüchtige Strecke hinter ihm. Er wanderte am Saume der mit Pappeln bepflanzten Landstraße mißmutig heimwärts.

Schon flimmerten Lichter in den Fenstern der Vorstadthäuser,[687] die er zunächst zu erreichen trachtete, schon kämpften in der Ferne lange Reihen matter Gasflammen mit dem Zwielicht. Ziegler war zu einer Stelle gelangt, wo die Straße einen weiten Bogen um kleine Anhöhen bildete, und lenkte querfeldein, den Weg abzuschneiden.

Er ging rasch, mit großen Schritten. Um ihn alles still. Nur von Zeit zu Zeit drang von der Straße herüber das ächzende Knarren eines schwerbeladenen Frachtwagens, ein Peitschenknall und der fluchende Anruf des Fuhrmanns an seine Gäule.

»Hei! Die Märzluft weht scharf über die Wintersaaten. Ein schöner Frühlingsgruß für all die Millionen Triebe, die in der Natur erwacht sind, knospen und keimen«, brummt der Wanderer und eilt immer schneller vorwärts. – Plötzlich stößt sein Fuß an einen auf dem Boden liegenden Körper ... Weiß Gott, da ruht, den Kopf auf einem Erdhügel gebettet, ein Mensch in sanftem Schlafe. Ziegler beugt sich über ihn. Es ist Andreas.

Eine bleierne Blässe bedeckte sein Gesicht, und es hatte die Unbeweglichkeit des Todes.

Ewige Güte, atmet er denn?!

Angstvoll lauschte der Freund ... Lange, lange nichts, kein Hauch, keine Regung ... Endlich hob sich die Brust tief und rasch mehrmals nacheinander. Dann wieder die frühere leblose Ruhe. Ziegler griff nach der Hand des Schläfers, sie glühte, ungleich und hastig rieselten ihre Pulse dahin.

Die Uhr lief ab, das Lämpchen flackerte ungeduldig seinem Erlöschen zu.

»Andreas! Andreas!« rief Ziegler schmerzlich aus. Jener erwachte und richtete sich in den Armen seines Freundes auf. Ein Ausdruck unaussprechlicher Freude glitt über sein Gesicht, als er den Getreuen erkannte.

»Glaubst du einige Schritte machen zu können? Nur bis zur Straße, dort ruhst du wieder, indes ich einen Wagen herbeihole.«

»Warum sollt ich nicht gehen können?«

»Du scheinst mir krank.«

»Oh, mir ist wohl!... Frieden! Frieden hier!« flüsterte Andreas und legte die Hand auf die Brust. »Ich alte Stubenfliege habe mir ihn erwandert ... Möchtest du's glauben?«[688]

Seine Rede wurde unverständlich.

»Komm«, bat Ziegler, »komm, Andreas.«

»Wohin?«

»Nach Hause jetzt, dann fährst du nach den Bergen, wirst in einem schönen Schlosse wohnen, bei edlen Menschen; wirst Stücke schreiben, wie sie uns gefallen, uns beiden, und sie mir vorlesen, wenn ich dich besuche.«

Andreas lächelte, wie ein Weltbesieger lächeln würde, wenn man ihm ein Spielzeug aus der Kinderzeit brächte, damit er sich daran ergötze.

»Nein, nein«, sprach er, »das ist vorbei – selig überwunden! – O diese Rast!«

»Vorbei?« fragte Ziegler vorwurfsvoll, »vorbei die Liebe zur heiligen Poesie? – das edle Ringen des Dichters? Du fliehst aus dem Kampfe?«

»Ich habe ihn beendet. Doch beginnt ein neuer, ein anderer, und in dem werde ich siegen!«

Andreas stand aufrecht und sprach leise, aber eindringlich und klar; sein Gesicht leuchtete im Widerscheine eines überirdischen Glückes.

»Das Kunstwerk aus mir heraus zu bilden, es hinzustellen, den Menschen eine Leuchte – dazu fehlte mir die Kraft. Aber der geheimnisvolle Drang nach Gestaltung des Schönen soll dennoch sein Genüge finden ... In mir vermag ich's auszubilden!... Jeden Mißklang, jede kleinliche Empfindung aus der Seele bannen, alles Wollen und Können zusammenstimmen zu einer mächtigen Harmonie ... Ein Kunstwerk leben – welch eine Wonne, Freund!«

Wehmütig, mit grollendem Mitleid erwiderte der: »Dazu bereitet man sich wohl vor, indem man aufgeregt und fiebernd umherschweift im Wettersturm? Komm, du armer Träumer, komm.«

Und sorgsam knöpfte er ihm über die Brust den Kastor zu. Wie sah der aus, der mürbe Geselle!

Widerstandslos ließ sich Andreas von seinem Führer geleiten, und langsam schritten sie durch die sinkende Nacht der großen Stadt zu, die im Nebel vor ihnen lag.


Wenige Wochen, nachdem sie ihren Knaben nach dem Friedhof[689] geleitet hatten, folgten Ziegler und seine Frau dem Sarge ihres Freundes dahin. Eine kleine Anzahl Beamter schloß sich ihnen an, sogar Rat Seydelmann kam gefahren und warf die erste Scholle Erde in das Grab des harmlosen Menschenkindes, das im Leben nicht viel lauter gewesen war als jetzt in seiner letzten Behausung.

Die Zeremonie war beendet, die Beamten gingen heim, mehr oder weniger gerührt.

Ein ernstes, schönes Paar, das bisher abseits gestanden hatte, näherte sich langsam. Der Mann und die Frau schienen tief ergriffen; er trug einen prächtigen Blumenkranz, den sie ihm nun abnahm und auf das frische Grab legte. Ziegler und seine Gattin traten zu ihnen, und sie grüßten einander wie gute Bekannte.

»In diese Ruhe paßt er besser als in das lärmende Treiben der Welt«, sprach Auwald, und Ziegler erwiderte: »Jawohl. Der paßte in das Menschengewoge wie eine Perle in eine Kugelmühle.«

Sie wechselten noch einige Worte.

»Wir haben uns an einem Sterbebette kennengelernt, aber fürs Leben«, sagte Auwald.

»Auf Wiedersehen in Steiermark«, fügte seine Frau hinzu.

Man drückte einander herzlich die Hände; Auwald und Mathilde verließen den Friedhof.

Ziegler jedoch hielt noch eine Besprechung mit dem Totengräber, indessen die Mutter am Grabe ihres Kindes betete. Endlich traten auch die beiden den Heimweg an. Aber Ziegler hatte noch etwas auf dem Herzen, das nicht einmal seine treue Genossin erfahren sollte. Am Gitter angelangt, hieß er sie warten und kehrte allein nach dem Hügel zurück, unter dem der Freund schlief, den er geliebt, der Dichter, den er bewunderte. Hier, nachdem er sich überzeugt hatte, daß niemand in der Nähe war, der ihn beobachten konnte, warf er sich auf beide Knie nieder und verharrte so einige Augenblicke in stummem Schmerze.

Dann zog er mit zitternder Hand einen frischen Lorbeerzweig aus der Brusttasche seines Rockes und legte ihn zu Häupten des Grabes neben den duftenden Blumenkranz.

Quelle:
Marie von Ebner-Eschenbach: [Gesammelte Werke in drei Bänden.] [Bd. 1:] Das Gemeindekind. Novellen, Aphorismen, München 1956–1958, S. 687-690.
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