19

[233] Am nächsten Tage, um zehn Uhr morgens, stand der alte Graf vor dem Spiegel und warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild, das ihm daraus wohlgefällig entgegenlächelte. Die Gräfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und betrachtete ihn mit wehmütiger Freude.

Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwänzen, den er trug, stammte aus den dreißiger Jahren und hätte besser in ein Museum als in eine Garderobe gepaßt. Nicht viel größerer Jugend durften sich das schwarze Beinkleid, die weiße Weste und Krawatte rühmen, die der Greis angetan hatte.

»Etwas gelblich, meine Atours!« sagte er, indem er die Falten seiner Krawatte zurechtstrich, »aber es schadet nicht. Fräulein Heißenstein wird das als eine zarte Rücksicht ansehen – auf ihren Teint, den ich nicht in Schatten stellen will. Nun mein Amtszeichen!« rief er und trat vor seine Gemahlin hin. Die Gräfin steckte ihm ein Sträußchen mit winziger Masche in das Knopfloch des alten Fracks, aus dem ein farblos gewordenes[233] Band des Leopoldordens hervorragte. Ihre Finger zitterten dabei, und fast wäre er ärgerlich geworden über ihre Ungeschicklichkeit. Doch er nahm sich zusammen, zog die Luft durch seine geschlossenen Zähne und sagte nur: »Kommt der Peter noch nicht?«

Er ging wieder an den Spiegel und glättete sein dichtes, wie Silber schimmerndes Haar.

Trotz der abgetragenen, ja ärmlichen Kleider, die seine abgemagerte Gestalt in scharfen Falten umschlotterten, hatte er ein gar adeliges Aussehen.

Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken, wie er so rasch und aufrecht, Ungeduld in jeder Miene, im Zimmer hin und her schritt. Sie dachte an die Zeiten zurück, da ihr dieser Mann als der höchste aller Menschen erschienen war, an das lange Leben, das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten – vertrauert. Sie dachte, wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen, weil er, wenn auch selbst oft lieblos, doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte. In dieser Stunde aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf; ging er doch hin, um die lieblichste Braut für seinen Sohn zu werben! Konnte, wenn er es tat, der Erfolg zweifelhaft sein? Das Glück, nach dem der bescheidene Ronald die Hand nicht auszustrecken wagt, sein Vater wird es ihm erringen. Und dann – dann hilft Gott weiter! denkt die fromme alte Frau.

Peter erschien und meldete, »die Freile« ließe bitten.

Die Gräfin sagte: »Ich warte hier auf dich« – ihr Gemahl nickte beistimmend, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg an.

Regula war, als der Besuch des Grafen ihr angekündigt worden, mit einem Briefe an Bauer beschäftigt gewesen. Derselbe begann also:


»Sie wissen, lieber Freund, wie tief ich Houwald immer bewundert habe:


Und Segen floß auf ihre Tritte,

Wie Himmelstau auf Blumen drauf –


das – so – sollte mein Leben sein! ... Aber –


Begrüßt der Mensch nicht weinend seine Welt? –


Gibt es etwas, das uns bestimmt, Bester – wenn nicht – die Verhältnisse ... Die lieben mich gewiß, die mich verstehen!! Verstehen[234] Sie die Opfer, die man seinem besseren Selbst bringt? ... Achten Sie mich!! ... O Freund! – bleiben Sie es! ...«


Da meldete Peter seinen Herrn, und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit den Worten schließen: Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg. Als sie aber »Ich bin« niedergeschrieben hatte, legte sie die Feder hin. Abergläubische Besorgnisse hielten sie zurück von der Verkündigung einer noch nicht vollzogenen Tatsache.

Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische, nahm Platz auf dem Kanapee und gab sich der angenehmsten Erwartung hin. Ihr Herz hüpfte wie ein junges Lämmlein.

Als angehende Gräfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg, der getreuen Stadt, zurückkehren. Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden, sie wird keine Neider haben; vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fühlen, und ein Fest wird es geben, als ob die gesamte Bevölkerung in den Grafenstand erhoben worden wäre. Sie nimmt sich vor, huldvoll und herablassend zu sein und so leutselig, als ob sich nichts verändert hätte in ihrem Verhältnisse zu ihren Bekannten. Diese werden entzückt und ihre Anbeter verliebter sein als je. Wenn sie in die Stadt gefahren kommt mit vier Pferden, feurig und schnaubend wie Drachen, werden die Hüte der Männer fliegen, und die Frauen werden knicksen, und jeder wird fragen: »Haben Sie unsere Gräfin gesehen?« Einmal kommt es noch zu einer öffentlichen Ovation ...

Da pocht es an der Tür. Sie ruft: »Herein!« Der Graf steht auf der Schwelle.

»Oh – Herr Graf«, stammelt Regula sich erhebend, »in pontificalibus? ... Was bedeutet ...?«

Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Sträußchen in seinem Knopfloch.

»Beinahe wie ein Freiwerber«, spricht das Fräulein leise, erschrickt aber sofort über diese unpassende Äußerung. Wirklich, sie weiß nicht mehr, was sie sagt, sie muß sich zusammennehmen.

Der alte Herr stellte sich in Positur, drückte die Absätze aneinander, hielt mit beiden an die Brust gepreßten Händen seinen Hut vor sich, neigte das Haupt und sprach mit heiterer Feierlichkeit: »Ich komme, Fräulein Heißenstein, im Namen meines Sohnes, um bei Ihnen in aller Form und schuldigen[235] Ehrfurcht anzuhalten um die Hand ihrer Nichte, des Fräuleins Rosa von Fehse.«

Hölle und Tod, was ist das?! – Regula hatte sich lächelnd vorgebeugt, um die lieblichste Botschaft zu vernehmen, und erhielt einen Schlag ins Gesicht. Sie fuhr zusammen und trat, keines Wortes mächtig, einen Schritt zurück.

Der Graf war kein Menschenkenner; er hielt ihr stummes Entsetzen für sprachlose Überraschung und dachte nur: Diese alte Jungfer sieht sogar in der Freude widerwärtig aus. Er gönnte ihr einige Augenblicke, um sich zu erholen von dem unerwarteten Glück, das er ihr verkündigt hatte, und hub dann mit herzlicher Selbstzufriedenheit wieder an: »Nun, mein Fräulein? Wird es mir gestattet sein, meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen?«

In einem Tone, der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang befremdete, erwiderte Regula: »Darf ich fragen, ob Sie als Bevollmächtigter Ihres Sohnes, mit seinem Wissen und Willen, kommen, Herr Graf?«

Ohne sich zu besinnen, mit der größten Unbefangenheit, rief der Greis: »Jawohl, mein Fräulein! Und ich kann nicht glauben, daß es Sie in Erstaunen setzt. Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen, was mein guter Ronald so wenig zu verbergen vermag: seine Liebe zu Fräulein Rosa.«

Regula stieß ein: »Oh!« hervor, das dem Greis trotz all seiner Zuversicht bedenklich erschien. Sollte die »Weinhändlerin« Ronalds Bewerbung um ihre Nichte doch nicht mit unbedingtem Entzücken aufnehmen?

Augenblicklich, beim ersten Zweifel empörte sich sein Stolz.

»Ich hätte nicht gedacht, mein Fräulein, so lange als Bittsteller vor Ihnen stehen zu müssen«, sprach er.

Das Fräulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee. Sie hatte allmählich die Herrschaft über sich wiedererlangt und sagte, so ruhig sie konnte: »Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, daß mich diese Bewerbung um die Hand eines Kindes befremdet ...« Er wollte Einsprache tun, sie ließ ihn nicht zu Worte kommen: » ... und daß ich bisher noch nicht daran gedacht habe, Rosa zu verheiraten.«

»Um so mehr Grund, jetzt daran zu denken!« rief der Graf. »Die Gelegenheit, die sich bietet, ist nicht zu verschmähen. Einen brillanteren Mann als meinen Ronald können Sie für Ihre Nichte finden, aber keinen braveren. – Übrigens kommt es mir nicht zu, meinen Sohn zu loben.«[236]

»Mir gegenüber«, sprach Regula scharf und spöttisch, »hieße das wohl Eulen nach Athen tragen. Ich kenne seinen Wert.«

»Nun, dann zögern Sie nicht länger«, sagte der Greis munter. »Legen Sie die Hände der jungen Leute ineinander, die nur gar zu gern sich in die Arme fallen möchten.«

»So?« hauchte Regula.

Nein! – Daß eine solche Schmach ihr widerfahren könne, hätte sie niemals für möglich gehalten. Man hat sie unter falschen Vorspiegelungen hierhergelockt und überfällt sie nun mit der Zumutung, ihre Ansprüche aufzugeben, zurückzutreten vor einer andern – und vor wem? Vor einem Geschöpf, das von ihrer Gnade lebt, das betteln ginge ohne sie!

Der Graf denkt: Sie schweigt lange. Sie meint vermutlich, es sei anständig, nicht merken zu lassen, wie geehrt sie sich fühlt. Gönnen wir ihr dieses unschuldige Vergnügen! Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an: »Fassen Sie einen für uns günstigen Entschluß, verehrtes Fräulein! Tun Sie's in einer Weise, die Ihrer würdig ist und würdig des Rufes Ihrer Großmut und Freigebigkeit.«

Freilich – auf diese war es abgesehen! sagt Regula zu sich selbst. Mein Geld wollt ihr, nicht mich.

Ihr unruhig umherschweifender Blick fällt auf den Brief, den sie eben geschrieben hat, und wie ein Blitz durchzuckt es sie ... Das ist's – da liegt die Lösung. Geschehe, was wolle, strafe sich's, wie's mag – was liegt an der Zukunft? Der große Augenblick fordert sein Recht!

»Verständigen wir uns, Herr Graf«, spricht Regula; »handelt es sich nur um meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne, oder erwarten Sie, daß meine ›Großmut und Freigebigkeit‹ dieselbe ermögliche?«

»Mein Fräulein!« rief der Greis auffahrend.

Regula setzte mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: »Wenn das letztere der Fall wäre, müßte ich Ihnen zu meinem Bedauern erklären, daß ich nichts für meine Nichte tun kann. Ich habe nähere Verpflichtungen, ich bin – verlobt.«

Er war unfähig, die unangenehme Überraschung, in die diese Nachricht ihn versetzte, zu verbergen, und hätte jedes Wort, mit dem er an die Freigebigkeit des Fräuleins appelliert hatte, mit einem Tropfen seines Herzblutes zurückerkaufen mögen.

»Ich wünsche Ihnen und Ihrem Herrn Bräutigam Glück!« sagte er sarkastisch lächelnd, »wäre Ihnen aber dankbar, wenn[237] Sie mir die Erlaubnis geben wollten, auch meinem Sohne Glück wünschen zu dürfen – zu Ihrer Einwilligung ...«

Regula unterbrach ihn: »Ich versage sie nicht, Herr Graf. Es kann mir nur lieb sein, meine Nichte in eine Familie treten zu sehen, in welcher auf irdische Güter ein so geringer Wert gelegt wird, denn diese – sind ihr nicht zuteil geworden.«

»Verlieren Sie darüber kein Wort, mein Fräulein!« rief der Graf. »Geldheiraten zu schließen war in unserm Hause niemals Brauch, und heute noch darf, trotz der Ungunst der Zeiten, der Eigentümer von Rondsperg eine Braut nach seinem Herzen wählen.«

Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle. Der Gegner selbst hatte ihr den vergifteten Pfeil in die Hand gedrückt, den sie nur abschnellen brauchte, um tödlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache, der in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte. Eine Sekunde lang zögerte sie ... Ihr Wort war verpfändet, aber ein Narr, der Betrügern Wort hält, Regula ist nicht gewillt, das Unrecht zu beschützen, sondern – es zu entlarven!

»Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentümer von Rondsperg«, sagte sie gepreßt und stammelnd, »er hat es mir verkauft.«

Der alte Mann sprang auf, starrte sie an – stumm, verständnislos.

Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter, mit fester Stimme: »Er hat es mir verkauft. Rondsperg ist mein – seit gestern.«

Er taumelte zurück unter diesem Schlage – er war totenbleich, der Atem stockte in seiner Brust.

Erschrocken, aber nicht gerührt betrachtete ihn Regula. »Fassung, Herr Graf«, sprach sie kalt.

»So bin ich Ihr Gast? ... In Rondsperg Ihr Gast?!« schrie der Greis, und schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes, der Entrüstung, der Beschämung, die in ihm rangen, mit dem Bewußtsein seiner Hilflosigkeit. Plötzlich raffte er alle Kraft zusammen, richtete sich auf und stürzte aus dem Zimmer.

Regula war von einem nervösen Zittern ergriffen worden, das ihre Glieder kläglich schüttelte. Es dauerte lange, bis sie vermochte, an den Tisch im Fenster zu treten und den begonnenen Satz: »Ich bin ...« zu Ende zu schreiben. Er schloß jetzt anders, als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt, und zwar: »Ich bin die Ihre. Regula Heißenstein.«[238]

Sie rief Božena und trug ihr auf, den Brief sofort durch einen Boten nach der Bahnhofstation zu befördern. Er konnte um fünf Uhr nachmittags in Bauers Händen sein.

Frau Professor also? ... Dies das Ende ... Frau Professor Bauer! Regula brach in unaufhaltsames Weinen aus.


Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula. Als der Greis jetzt erschien, verriet ihr ein Blick auf sein verstörtes Gesicht, was geschehen war.

»Oh, die Schlange, sie hat uns verraten!« rief Thilde.

Diese Worte brachten den Grafen noch mehr außer sich.

»Sie euch – Ihr mich!« keuchte er; die Stimme versagte ihm, er stampfte heftig mit dem Fuße und brachte mühsam die Worte hervor: »Ronald – her – hierher.«

»Ich will um ihn schicken«, sprach die Baronin in beruhigendem Tone. »Regen Sie sich nicht so auf, Papa. Was geschehen ist, ist geschehen, weil es mußte, weil es anders nicht möglich war.«

Zu ihrer Mutter sagte sie leise: »Verlieren Sie nicht den Mut, Mama, ich komme gleich wieder«, und eilte, einen besorgten Blick auf die Eltern werfend, hinweg.

Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen, die Gräfin trat zu ihm.

»Karl«, sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter. Er bäumte sich auf, als ob der Verrat ihn berührt hätte, und schleuderte ihre Hand von sich.

»Du hast alles gewußt! Warst einverstanden mit dieser – Brut ... Still!« fuhr er sie an, als sie antworten wollte, und die arme Frau wankte eingeschüchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurück.

Wuchtige Schritte erdröhnten im Gange; der Burggraf erschien.

»Ah!« rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelächter entgegen, »wissen Sie schon? Rondsperg ist – verkauft, verkauft!«

Der Alte schlug schallend die Hände zusammen: »Hatt ich mir's doch gedacht!«

»Ja«, fuhr der Graf fort, »jawohl! Meine Kinder verkaufen mir das Dach über dem Kopf, zum Dank dafür, daß ich es ihnen geschenkt habe. Ich lebe hier, in meinem Rondsperg, von einer Krämerin Gnaden – mache vor ihr die lächerliche Figur eines alten Narren, der in fremdem Hause den Herrn spielt.[239] Aber was liegt daran? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern – bezahlt. Für Geld ist ja alles feil, das Vätererbe, das uns den Namen gegeben hat, die Gräber der Ahnen – alles zu haben für Geld... Auf die Trommel damit! Die Millionärin kauft, und mein Sohn macht ein brillantes Geschäft.«

Die Baronin, die inzwischen zurückgekehrt war, trat unerschrocken auf ihren Vater zu. Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen, das sie vor ihn auf den Schreibtisch hinlegte.

»Es ist jetzt nicht mehr Zeit, zu verhehlen und zu schonen, Papa. Die ganze Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe«, sagte sie und schlug das Buch auf. »Öffnen Sie die Augen, seien Sie gerecht gegen den besten Sohn. Hier steht, in Zahlen ausgedrückt, die Geschichte seines langen, fruchtlosen Kampfes. Sie können auch leicht sehen, was ihm bleibt bei dem brillanten Geschäfte, das er mit Fräulein Heißenstein abgeschlossen hat.«

Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein Raubvogel über das Buch her.

Es war sein größter Verdruß, daß ihm konsequent der Einblick in Ronalds Buchführung verweigert worden war. Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner Neugier vor ihm, jetzt konnte er sich und andere überzeugen, daß die Leitung der Rondspergschen Güter in einer Reihe von Mißgriffen bestanden hatte, seitdem sie ihm und seinem Freunde, dem Direktor, entzogen worden war. Er nahm auf einen Wink des Grafen Platz neben ihm, und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und zu lesen. Der Graf, der seit Jahren nur noch in den Träumen seiner sanguinischen Einbildungen gelebt hatte, mutete plötzlich seinem Verstande eine gewaltige Anstrengung zu. Er rang seine Gemütsbewegung nieder und rief die schlummernden Kräfte seines Urteilsvermögens wach, um mit kaltem Blute beweisen zu können: Soviel habe ich gegeben – und so wird's mir gedankt!

Blatt um Blatt wurde umgeschlagen. Von Zeit zu Zeit sprach der Graf: »Wie? – Der Acker nicht mit einbezogen? – Wie? Der Wald kommt gar nicht vor?« Und jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und raschem Überblick: »An Zahlungs Statt angenommen von dem und dem. – Versetzt für soundsoviel.«

Wohl glühten ihr die Augen wie im Fieber, wohl war sie rot wie eine Mohnblume, doch blieb die innere Ruhe, die trotz[240] aller äußeren Lebhaftigkeit sie niemals verließ, ihr auch jetzt treu.

Fast zwei Stunden vergingen, die Züge des Grafen wurden immer gespannter, ihr Ausdruck immer düsterer, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der Wirtschaftsrechnungen allmählich zu erlöschen. Er richtete sich unter verschiedenen »Ahs« und »Ohs« aus seiner gebückten Stellung auf, rieb seine lange Nase mit dem ringgeschmückten Zeigefinger und erhob sich endlich. Seine farblosen borstigen Haare, durch die er fortwährend wider den Strich gefahren war, standen jedes einzeln in die Höhe; er wandte sich zu der Baronin und sagte mit einer Mischung von Frechheit, Bosheit und Beschämung: »Das Papier ist geduldig.«

Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle über. »Sie wissen recht gut –« begann sie mit zorniger Stimme, aber sie mäßigte sich sogleich, senkte den Blick auf die Häkelei, an der sie unermüdlich arbeitete, und murmelte: »Wer mit Ihnen streiten wollte, Tropf!«

Als sie nach einer Weile wieder emporsah, war der Platz, an dem der Burggraf gestanden hatte, leer. Der ländliche Intrigant hatte sich leise davongeschlichen.

Der Graf aber saß steif und stumm in seinen Sessel zurückgelehnt. Seine rechte Hand lag auf dem offenen Buche, die linke hing schlaff herab. Weder seine Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen. Dumpfe Stille herrschte im Gemache.

Da schlug es zwölf Uhr vom Kirchturm, und das Mittagsglöcklein sandte seine hellen Töne durch das geöffnete Fenster herein, sie schienen zu sprechen: Ruh aus, gequältes Menschenvolk! Ein Augenblick der kühlen Rast am heißen Tage ist dir gegönnt. – Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn, die Gräfin betete leise. Jetzt: »O Himmel sei uns gnädig!« – sachte war die Tür geöffnet worden, Ronald trat ein. Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an, bestürzt über den Ausdruck von Todesangst in ihren Zügen.

»Sie haben mich rufen lassen, Vater«, sprach er.

Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor, schwankte, als hätte Schwindel ihn ergriffen. Seine Augen schlossen, seine Lippen bewegten sich. »Ronald«, sagte er mit bebender, gebrochener Stimme. Er breitete die Arme nach seinem Sohne aus: »Ronald – verzeihe mir!«[241]

Es war der Wunsch des Grafen, Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach Haluschka zu begeben, wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen sollte. Mit Mühe brachte man ihn dahin, die Abreise auf den morgigen Tag zu verschieben, damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner Schwiegereltern verständigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen könne. Ronald schickte sich an, sofort nach Haluschka zu fahren, um seinem Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen. Am folgenden Morgen wollte er wieder zurück sein. Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte ihr mit, daß Ronald am nächsten Tage, um zwölf Uhr mittags, zur förmlichen Übergabe von Rondsperg bereit sein werde.

Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt; dem alten Herrn schien der Boden unter den Füßen zu brennen, die Gräfin beschäftigte sich mit dem Packen ihrer Habseligkeiten. Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfügens in das Unvermeidliche. Ihre Kammerjungfer saß in einem Lehnsessel, seufzend unter der Last ihrer Gicht und ihres Fettes, und jammerte, daß sie sich der Gebieterin nicht nützlich machen konnte. Neben dem Koffer kniete Röschen, legte Stück für Stück hinein und benetzte die Hand der Gräfin, die es ihr reichte, mit ihren Tränen. Die alte Frau versuchte nicht, sie zu trösten, aber wenn das Kind gar zu bitterlich weinte, strich sie ihr sanft über Haare und Wangen und sagte mit ihrer ängstlichen und hilflosen Stimme: »Nur Mut, nur Mut!«

Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten nach der Eisenbahnstation expediert. Er war der Träger eines Telegrammes, das an Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und Schimmelreiter nach Rondsperg beschied. Die Anwesenheit des Advokaten hätte bei der Übernahme des Gutes vollkommen genügt, aber Regula empfand in diesem schwierigen Augenblick das Bedürfnis, sich mit ihren Getreuen zu umgeben. Sie wurde etwas ruhiger, als diese Vorkehrung getroffen war, doch nagte eine Empfindung an ihr, die sie bisher nicht gekannt hatte, die ihr immer als das größte aller Schrecknisse erschienen war, die Empfindung: Es gibt Menschen, die mich nicht bewundern, die mich anklagen, mich vielleicht geringschätzen!

Sie überlegte die Motive ihrer Handlungsweise, rechtfertigte jedes, erschöpfte sich in Beweisen, daß sie das Notwendige, das[242] Richtige getan – und dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnürt und dennoch wollte der Druck nicht weichen, der beklemmend und schwer auf ihr lastete.

Eine gedämpfte Stimme, die sie leise ansprach, weckte sie aus ihrem Sinnen. Sie erhob den Kopf.

Neben ihr stand Božena.

Ihre Lippen bebten, sie war totenblaß, leidenschaftliche, aber unterdrückte Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen. »Die Herrschaften lassen packen«, sagte sie. »Es heißt, sie wollen Rondsperg für immer verlassen.«

»Mögen sie«, erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgültigkeit. »Ich habe Rondsperg gekauft, bin hier die Herrin und kann niemanden, der nicht gern mein Gast ist, zwingen, es zu sein. Sie wollen fort, ich werde sie nicht bitten zu bleiben.«

»Tun Sie es doch, Fräulein«, sprach Božena. »Die plötzliche Abreise der alten Herrschaften würde gegen Sie, Fräulein, böses Blut machen.«

Regel stieß ein kleines höhnisches Gekicher hervor, das Božena nicht irrezumachen vermochte; sie fuhr fort: »Niemand weiß, wie sehr Sie beleidigt worden sind –«

»Wissen Sie's?«

»Ja, Fräulein, ich lebe in Ihrer Nähe und hab offene Augen. Die andern – die Menschen, die Sie nicht kennen, werden sagen: Sie hat sich eingebildet, der junge Graf werde sie heiraten, und weil er ihr das Röschen vorzieht, jagt sie aus Rache seine Eltern aus dem Hause.«

Wahr – wahr! denkt Regula; ihre schlimmsten, geheimsten Befürchtungen, eben erst mühsam zum Schweigen gebracht, gewinnen eine Stimme, die aus fremdem Munde doppelt schrecklich klingt. »Božena«, ruft sie zugleich entrüstet und unsicher, »wie dürfen Sie es wagen ...«

»'s ist meine Schuldigkeit, daß ich Sie warne«, spricht die Magd. »Was wissen Sie von der Bosheit der Menschen? ... Die größte Freude der Menschen ist lästern, die Besten zu lästern, denn bei den Schlechten, da zahlt sich's nicht aus. Sie, Fräulein, sind – nach Gebühr –« Božena neigte ihr Haupt bei diesen letzten Worten, »bisher nur geachtet und geehrt worden. Geben Sie acht, was geschieht, wenn es einmal heißt: Sie hat's nicht verdient – sie hat uns um unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen!«

»Niemand wird das sagen«, rief Regel und streckte die kalten Hände zitternd aus.[243]

»Das und noch viel Schlimmeres, verlassen Sie sich drauf«, fuhr Božena hart und unerbittlich fort. »Plötzlich wird jeder etwas wissen. Der eine: Die ältere Schwester hat im Elend sterben müssen, damit ihr alles zukomme, der Erbschleicherin ...«

»Still!« kreischte das Fräulein.

Božena jedoch, ruhiger und ruhiger werdend, je furchtbarer Regels Aufregung wuchs, sprach weiter, langsam und nachdrücklich: »Ein andrer steht auf und sagt: Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen: ›Deine heiligste Pflicht!‹ ... Sie hat sie nicht erfüllt, hat dem Kind nicht gegeben, was ihm gebührt.«

Regula machte einen verzweifelten Versuch, sich aufzuraffen: »Gebührt?« wiederholte sie, »ihm gebührt nichts. Was ich für das Kind getan habe, geschah aus Gnade und gutem Willen, Jeder billig Denkende sieht das ein. An dem Urteil der bösen Zungen, der Verleumder – braucht mir nichts zu liegen.«

In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck, in dem sie gesprochen wurden!

»Fräulein«, sagte Božena warnend und eindringlich. »Sie wissen es nicht, Ihr Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut. Das ist ein Grund, so schmal – er trägt Sie nur, solange Sie geradeaus gehen ... Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab – um die Breite eines Haares, so stürzt unter Ihnen alles zusammen! ... Sie brauchen den Schutz Gottes ... geben Sie dem Kind, nicht was ihm vor den Menschen, sondern was ihm vor Gott gebührt. Tun Sie's, weil Sie großmütig sind und brav! Tun Sie's von selbst, Fräulein, sonst müßt ich Sie dazu zwingen – – zu Ihrem Besten, gutes Fräulein!«

Ihre Augen funkeln – sie schlägt sie nieder; ihre ganze Gestalt strebt empor – aber Božena beugt sich. Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen mißtrauischen Blick zu, sie weiß nicht, ob ihre Magd schmeichelt oder droht. Diese fährt fort, Nachdruck legend auf jede Silbe: »Um Ihretwillen ist Ihre Schwester verstoßen worden ...«

»Weil sie's verdient hat, nicht um meinetwillen!« ruft das Fräulein.

»Doch – um Ihretwillen! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen worden. Das weiß ich, Fräulein, denn, gefoltert von Gewissensqualen, hat es mir Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut. Der Brief ...«[244]

»Schweigen Sie!« schreit Regula, »ich weiß nichts; ich will nichts wissen von einem Briefe – ich kann's beschwören: ich habe keinen Brief gesehen ... und – wer hat ihn gesehen?«

»Niemand«, antwortet Božena mit kalter Ruhe, »denn er ist unterschlagen worden und – verbrannt.«

»Ha!« Regula atmete auf, befreit von einer Zentnerlast. »So gibt es auch keinen unterschlagenen Brief! ... Wer kann beweisen, daß es einen gab? Wer wird es glauben?«

Die Magd stand da, umflossen von einer wunderbaren, stillen stolzen Majestät; ihre große Gestalt schien noch zu wachsen, ihr ganzes Wesen atmete Macht, und wie Erz klang ihre Stimme, als sie sprach: »Beweisen kann ich es nicht, aber ich werde es sagen und – mir wird man glauben!«

Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas. Ja, der wird man glauben!

Deutlich und lebendig in jedem Zuge erhob sich vor ihr ein längst vergessenes Bild. Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jäger treten und hörte sie sprechen: »Es ist wahr! ...« Božena hätte damals nicht lügen, sie hätte nur schweigen brauchen, und der Jäger wäre als Verleumder gebrandmarkt gewesen; an ihr – hätte keiner gezweifelt. Aber sie sprach, sie gab der Wahrheit die Ehre. Ja, der wird man glauben! ... Und ein zweites Bild tauchte auf vor Regula. Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade, von dem Božena gesprochen, hoch über allen Menschen und von allen vergöttert. Und nun ein unseliger Schritt, aus Rache getan, im Zorn beleidigter Eitelkeit, und der Glanz, der sie umgab, erlischt, und sie sinkt, sinkt immer tiefer in einen Abgrund – gräßlich, schauerhaft: Die Verachtung der Menschen! ... Alles verläßt sie – der zuerst, der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehaßt hat ... Schon gehaßt, bevor er wußte, daß sie ihn einem Verbrechen dankte.

»Božena«, stöhnt Regel, ihre Zähne schlagen zu sammen, ihre Hände greifen stützesuchend umher, »Božena, was soll ich tun? Was verlangen Sie?« Sie denkt nur noch an Rettung, an Rettung um jeden Preis.

Mühsam ihre Fassung bewahrend, pochenden Herzens, antwortet Božena demütig und zögernd: »Ich habe meinem Fräulein nichts vorzuschreiben, aber wäre ich Sie, ich würde zu den alten Leuten sagen: Bleibt, Rondsperg gehört eurem Sohn, dem es Röschen zur Morgengabe bringt.«

Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes[245] Schluchzen aus. Plötzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten.

»Božena«, sprach sie – oh, mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie Espenlaub: »Wenn ich – Sie – bäte – zu schweigen?«

Die Magd erwiderte kein einziges Wort, aber sie bäumte sich mit einer Gebärde auf, so wild, so stolz, so voll grimmigen Hohnes, daß Regula, keinen Ausweg vor sich sehend, wimmerte: »Nein, nein, ich bitte Sie nicht – – ich will tun – was Sie verlangen ...«

Da stieg ein Schrei maßlosen Jubels aus Boženas Brust. »Engel«, rief sie jauchzend, »Erlöserin! ... meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen zeitlichen Frieden!« Sie warf sich vor der Herrin nieder und berührte den Boden mit ihrer Stirn; ihr ganzer Körper bebte, mit Anstrengung rang sich der Atem aus ihrer Brust. »Erlöserin! Erlöserin!« wiederholte sie weinend und frohlockend, im Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzückens.

Regula meinte einen Augenblick, daß ihre immer so ruhige und zurückhaltende Dienerin wahnsinnig geworden sei.

Božena richtete sich auf die Knie empor, sie erhob den Kopf und die Arme, als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar, und rief: »Das Glück des Kindes für das Glück der Mutter ... Herr! Herr! Sie hätte getauscht! Nimm du es an und nimm damit die Sünde von mir!«

Quelle:
Marie von Ebner-Eschenbach: [Gesammelte Werke in drei Bänden.] [Bd. 2:] Kleine Romane, München 1956–1958, S. 233-246.
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