CLXIII. Brief

An Fanny

[242] Theuerste, liebste Fanny! –


Ich habe Dir mit Vorbedacht den Geschlechts-Namen meines Wilhelms nicht früher entdekt, um dein Urtheil desto unpartheiischer zu vernehmen. – Von der Freundschaft zwischen Karl und Wilhelm, deren Erneuerung meinem Gatten die unaussprechlichste Freude machen wird, wußte ich nicht das geringste; blos der glükliche Zufall hat es entdekt. – Ich halte mich überhaupt bei der Schilderung eines Freundes nicht gerne lange bei Nebensachen auf, am allerwenigsten bei körperlichen Reizen, an denen nur sinnlose, eitle, undenkende Frauenzimmer kleben bleiben. – Glüklicher Weise gehört meine Wahl auch in diesem für mich so unbedeutenden Stükke nicht unter die geschmaklosen, wie Du von deinem Karl hören wirst. – In der glüklichen Liebe müßen die körperlichen Reize immer den moralischen nachstehen, sonst wird dieselbe zur niedrigen Alltags-Waare. – Es würde meinem Kopf ewig Schande machen, wenn ich mich je bei der Wahl eines Gatten (vorausgesezt, daß er von der Natur nicht ganz verwahrlost worden ist) bei meinen philosophischen Grundsäzzen so weit hätte verirren können. –

Ja, meine Theuerste, Wilhelm B.... ist es, der meine zeitliche und ewige Glükseligkeit ausmacht! – Er ist jezt mein Führer, mein Freund, mein Gatte, mein Alles in Allem! – Wie ich an ihn gerieth, würde zum erzählen zu weitläufig werden; also nur in Kurzem: Er lernte meine Denkungsart, so wie ich die seinige, durch die Schilderung einiger Freunde[242] kennen. – Aus Ahndungen entstunden Wünsche, und diese Wünsche führten uns durch einen glüklichen Zufall zur Bekanntschaft, der wir beide mit Sehnsucht entgegen sahen. –

Du weist, wie ich gerade zu derselbigen Zeit im Begriff war, aus mürrischem Menschenhaß zum Leichtsinn überzugehen, – als plözlich Wilhelm kam und mich zurükrief. – So weit, wie ich es trieb, treibt es der schwache Mensch, wenn ihn das Schiksal verwirrt macht, wenn sein gutes Herz von allen Seiten zerrissen und seine Vernunft beinahe irre geführt wird. – Gott Lob, sie sind vorüber diese Zeiten! – ich erhielt einen Begleiter auf diesem gefährlichen Pfade, wo man so leicht strauchelt! –

Aber, liebe Fanny, sey doch kein Kind, wie könnte Dir denn Wilhelm gram werden, wenn Du unbekannter Weise für mein Wohl sorgtest? – Habe ich deinem antheilnehmenden Herzen nicht schon bei der ersten Wahl eines Gatten den unüberlegtesten, leichtsinnigsten Streich gespielt? – war ich nicht taub gegen deine Ermahnungen? – hörte ich nicht blos auf meine gutherzige Hizze, um mir unbeschreibliches Elend einzutauschen? – Du hattest ganz Recht mich zu warnen: ein junges Frauenzimmer hat nie zu viel Welt, nie zu viel Kopf, um in der Liebe vorsichtig genug zu handeln. Möchten sich meine Leserinnen mein ausgestandenes Elend tief in ihr Herz schreiben, wenn ein Spieler, ein Wollüstling oder sonst ein niedriger Schurke ihre Leichtgläubigkeit, ihre Sinnen durch heuchlerische Schmeicheleien, durch zudringliche Kunstgriffe zu übertäuben sucht! –

Doch endlich, meine Beßte, sind sie zu Ende meine Leiden, und die Verfolgungen, die wir wegen unserer Liebe dulden mußten, durch die Standhaftigkeit meines Wilhelms überwunden! – Mein Schauspieler-Stand beleidigte seine hochnasigte Familie, die sich doch der meinigen nicht zu schämen hat. – Aber Wilhem trozte diesen Schimären und[243] hörte blos auf die Stimme der Vernunft, der Redlichkeit und der Liebe! – Seine feurige Einbildungskraft giebt der Liebe einen Schwung, den vielleicht wenig Jünglinge in unserm flatterhaften Jahrhunderte erreichen werden, wenigstens gewis nicht mit solchen durchdachten Grundsäzzen, mit so vieler Ueberzeugung einer zukünftigen Glükseligkeit, mit dem warmen Ausguß des beßten Herzens, wie meines Wilhelms Liebe ist. –

Gott ist mein Zeuge, daß aus diesem braven Jüngling nicht überspannte Romanen-Sprache spricht; seine Liebe ist auf Ueberlegung gegründet; sie entstand allmählig; er lernte mich durch Umgang kennen, fand seine Wünsche in Wirklichkeit gebracht, und Seelen-Harmonie vereinigte uns auf ewig. – Alle Nebenabsichten, denen der schwachköpfige Jüngling anhängt, mußten bei seiner beispiellosen Liebe weichen – Nicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte seine Sinnen, sondern tiefe Ueberzeugung, daß ich das Glük seines Lebens ausmachen würde, entschied seine Wahl. – – Glänzendere Aussichten, die Gunst seiner Familie, Verschiedenheit unseres Standes, Unterschied der Religion, (dein Karl wird Dir vermuthlich schon gesagt haben, daß er ein Protestant ist) und noch mehr dergleichen tirannische Vorurtheile unterjochte er mit einem philosophischen Muth, der mich staunen machte! –

Unnennbar ist meine jezzige Glükseligkeit! Entzükken, Wonne, Gatten-Liebe und die süßeste Schadloshaltung für meine ehemalige Schiksale strömen nun mit unaussprechlicher Freude in mein Herz! – Oft läßt mich diese Himmelswonne kaum zu Athem kommen! – Oft muß mein Wilhelm die Thränen der Freude stromweis von meinen Wangen wegküßen, um das süße melankolische Gefühl zu zerstreuen, das mich auf Kosten meiner Gesundheit zur träumenden Schwärmerin macht. – In diesem Zustande würde ich blos taumeln und nicht wachen. –[244]

Alle meine Wünsche sind jezt erfüllt! Mein gutes Herz hat noch ein besseres gefunden; meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergießen; mein Geist findet durch Wilhelms Vernunft Nahrung; meine kleinen Schwachheiten stehen izt unter der Obsicht eines gütigen, liebevollen Gatten; meine Grundsäzze werden durch seine herrliche Philosophie fester, und mein Herz findet Anlaß sich mehr zu veredeln, um es der Glükseligkeit empfänglich zu machen, zu der wir von der ewig weisen Vorsicht bestimmt sind. –

O, du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung, Gefälligkeit und Sanftmuth seyn, die mit der feurigsten, zärtlichsten Leidenschaft verknüpft sind und unsere Tage zum Elysium schaffen. – Unsere Religion ist Liebe für den Allmächtigen und Liebe für unsere Brüder; unsere Lebensart, stille von der großen Welt entfernte Weisheit; unsere Unterhaltung, gegenseitiges gutes Herz, in heitern Augenblikken mit unschuldigen Schäkkereien gewürzt, und der Endzwek unserer Handlungen, willige Ausübung der allgemeinen Pflichten für das Wohl der Menschheit und für unser eigenes. –

Dies, meine Fanny, ist nur obenhin das Bild meiner glüklichen Ehe, die Du in ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblikken sollst. – Ja, ja, meine Freundin, Du und dein Karl, ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glükseligkeit werden! – Mein Gatte gab mir sein Wort – wir besuchen euch auf unserer Reise nach der Schweiz – und mein Wilhelm hält sein gegebenes Wort gewis! – Gewis hält er es; ich kenne meinen Wilhelm! – Also nur Acht gegeben, wenn Du einen Wagen rollen hörst, so denke nur, es kömmt Niemand anders, als

Deine glükliche Amalie.[245]

Quelle:
Marianne Ehrmann: Amalie. Band 1–2, [Bern] 1788, S. 242-246.
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