II.

[38] Platz am Tore einer kleinen Stadt, viel Volk durcheinander, Paphnutius und der Bürgermeister.


BÜRGERMEISTER.

Platz da! Der Herr Kommerzienrat!

PAPHNUTIUS.

Nun wie ich euch sage, der Potentat

Kommen incognito in die Stadt

Gleichwie ein Hirt unter seinen Rindern

Zu den geliebten Landeskindern.

BÜRGERMEISTER.

Da wird man ja ganz im Kopfe verwirrt,

Rinder, Hirt, König und Hirt und nicht Hirt,

Als wär' ich selber meine eigne Frau Schwester!

PAPHNUTIUS.

Das nennt man so diplomatisch, mein Bester:

Der König nennt Graf sich und lächelt ein wenig,

Wir aber verneigen uns untertänig

Und lächeln und tun, als ob wir's glauben,

Er tut, als glaubt' er, daß wir's glauben

Und so aus Lächeln und solchem Glauben

Und Gegenglauben, an den niemand glaubt,

Bestehen die Staaten überhaupt. –

ERSTER BÜRGER.

Der König muß gleich kommen, man

Hört schon in der Ferne den Wagen rumpeln.[38]

ZWEITER.

Frisch die Rosen und Vergißmeinnichts auf den Weg gestreut!

DRITTER.

Haltet den Galgen fest.

VIERTER.

Galgen! 's ist ja das Triumphtor –

SECHSTER.

Platz da! Hurrah, vivat hoch!

ANDRER.

Kommt er geritten, gefahren oder gegangen?

DRITTER.

Nichts von allem, incognito kommt er.

VIERTER.

Die Hirten sagten's, so reist er prompter.

FÜNFTER.

Wo ist die Lampe, der Opferaltar?

SECHSTER.

Und die Jungfern mit den Kränzen im Haar?

SIEBENTER.

Sie haben ihn im Gedränge umgestoßen –

ACHTER.

Und sich die weißen Kleider mit Öl begossen.

GYMNASIAST.

Phoebus, mit rosenwangigen Rossen

NEUNTER.

Macht dem Platz! Der memoriert!

ZEHNTER.

Aha, der Schüler, der den König salutiert.

BÜRGERMEISTER.

Man kann ja hier vor Menschheit nicht treten. –

Kurz, und wenn sie mir die Kehle vernähten,

Incognito oder nicht,

Ein Patriot doch in Vivat ausbricht,

Ihr wißt schon, ich bin immer so grade aus.


Man hört draußen ein Posthorn.


BÜRGERMEISTER.

Da kommt er. Jetzt schmettert, ihr Flöten,

Blaset die Baßgeigen, streicht die Trompeten!


Tusch. Währenddeß tritt der Narr in einfacher Reisetracht durch das Tor herein.


GYMNASIAST den Paphnutius anredend.

Phoebus mit den rosen-

PAPHNUTIUS ihn zum Narren wendend.

Hier herum, Narr!

NARR.

Narr? Narr? – ja so – ich dachte schon gar.

GYMNASIAST.

Greif' dir im Fluge die Adler, sie reißen –

NARR.

Ha, den schwarzen, den roten, den weißen![39]

GYMNASIAST.

Auf zu den Sternen dich aus dem Engen!

NARR.

Es bleibt dir einer im Knopfloche hängen!

GYMNASIAST.

Ja, nicht vergebens –

NARR.

Freut euch des Lebens!

GYMNASIAST.

Manneskraft blüht!

NARR.

Wenn noch das Lämpchen glüht!


Er faßt den Gymnasiasten begeistert bei der Hand.


Und für alle diese Tugend

Will die edelmüt'ge Jugend

Rührend nichts, als Brot, Brot, Brot!

Aber ich sage: wer auf Leben und Tod

Nur befolgt jene ewigen Lehren,

Dem wird man auch Butter aufs Brot bescheren,

Ja, schmiere nur, junges Blut,

Im Alter schmeckt es gut!


Unauslöschliches Hurra.


PAPHNUTIUS.

Woll't Ihr mit hohem Fuß mein niedres Haus beglücken?

NARR.

Ja wohl, Paphnutius, ich möchte gern frühstücken.


Alle ab.


Quelle:
Achim von Arnim: Das Loch. Berlin 1968, S. 38-40.
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