VII.

[58] Ein andrer Teil des Gartens vor dem Schloß, in der Mitte ein Kirschbaum mit Hecken zu beiden Seiten. Colombine, eine Larve im Gürtel, sitzt auf dem Baume.


COLOMBINE.

Die Kirschen äugeln im Sonnenschein,

Das möcht' so gern gegessen sein.

Da muß ich geschwind noch ein wenig naschen

Und auf die Reise mir füllen die Taschen. –

Wie der Vormund sich streckt und vornehm spricht,

Die Narren denken, ich merk' es nicht:

Zur Hochzeit sie drinnen kochen und braten,

Ich soll den langweiligen König heiraten,

Sitzen mit güldenem Mantel und Krone,

Da lacht' ich halbtot mich auf dem Throne.

Die Untertanen tanzen, die Fiedeln klingen,

Hab' neue Schuh' an, will auch mitspringen!

Die Vögel singen und die Länder blühn,

Die Erde bleibt noch lange, lange grün,

Will in die weite Welt jetzt wandern,

Find' ich den Kasper nicht, find' ich einen andern.

So jetzt die Larve vor's Gesicht,

Nur die Waldvöglein wissen's, die verraten mich nicht.


[58] Indem sie hinabsteigen will, kommt unten Paphnutius an; sie nimmt geschwind wieder die Larve ab und bleibt auf dem Baume.


O weh, da hat mich der Vormund entdeckt! –

Was wollt Ihr? Hab't Ihr mich doch erschreckt!

PAPHNUTIUS ganz, außer Atem.

Der König – du geruhtest ihm zu gefallen –

Er seufzt und ließ sichtbar ein Ach erschallen,

Die Krone wackelt ihm hin und her

Da fliegt er schon selbst über's Aurikelbeet –

COLOMBINE

Der?!


Für sich.


Herrje! der Kasperl mit Stern und Orden!

Wie ist denn der auf einmal König geworden?

NARR noch in der Ferne.

Dort schimmert ihres Röckleins Saum,

Ich wett', das Eichkätzchen sitzt im Baum.

COLOMBINE für sich.

Wie'n Kartenkönig! – wart' den will ich necken.


Laut zu Paphnutius.


Versteckt Euch geschwind dort hinter die Hecken,

So hört Ihr, was wir mitsammen diskutieren,

Könnt's Euch gleich mit Bleistift notieren.

NARR vor dem Baume anlangend.

Verzeih'n Sie, wohnt hier nicht eine gewisse Colombine?

COLOMBINE die Larve vornehmend.

Das bin ich selber, Ew. Majestät zu dienen.

NARR.

Was? – Hast ja eine Nase wie eine Hexe!

COLOMBINE.

Man muß Gott danken für jedes Gewächse.


Sie wendet sich auf die andere Seite und nimmt die Larve ab.


Herr Vormund, er mag mich nicht, wie er spricht,

Denn Eure Nase gefällt ihm nicht!

PAPHNUTIUS.

Ach, das kann ja nicht sein, geh' frag' ihn nur weiter.

COLOMBINE nach der vorigen Seite, mit der Larve.

Ihr könn't wohl nicht klettern? Hab' keine Leiter.

NARR.

Geh', sprichst durch die Nase, mir wird ganz graulich.

COLOMBINE nach der andern Seite, ohne Larve.

Herr Vormund, er sagt, Euere Nase wär' blaulich.[59]

PAPHNUTIUS.

Was er mit meiner Nase hat, möcht' ich nur wissen.

COLOMBINE nach der andern Seite, Larve vor.

Ihr braucht mich ja nicht grade auf die Nase zu küssen.

NARR.

Küssen? Da bin ich gut angekommen,

Am besten hier Reißaus genommen!


Er entflieht.


PAPHNUTIUS plötzlich mit gezücktem Degen hervorbrechend.

Ha, Sire! ihr Herz erst brechen in Stücken

Und dann von den Scherben sich heimlich drücken?

Jetzt müßt Ihr sie nehmen und wechseln die Ringe.

Mein, was macht der für große Sprünge!


Er eilt ihm nach.

Die Dienerschaft des Paphnutius stürzt in voller Flucht aus dem Schlosse hervor.


ERSTER DIENER.

Der Weltweise richtet uns ganz zugrunde!

ZWEITER.

Hängt ihm alleweil ein' Sentenz aus dem Munde!

DRITTER.

Vor Langerweile sterbe ich schon!

VIERTER.

O Gott! Da hält er dir gewiß noch einen Leichensermon.

FÜNFTER.

Da kommt er schon wieder, wohin mich verstecken!

SECHSTER.

Wie er seine Sprüche tut nach uns strecken!

FREIMUND heraustretend.

Nun also wende ich mich zum Schluß –

ERSTER.

Wend't Euch nur dorthin, wenn's durchaus sein muß.

FREIMUND.

Ihr überwacht es nicht – der Morgen bricht herein!

WÄCHTER.

Na, was kann ich dafür! ich nickte ein.

FREIMUND.

Und kreisend aus der Nachtgestalten –

ERSTER DIENER.

Das ist ja gar nicht auszuhalten!

FREIMUND.

Die jungen Mächte sich zum Bund –

ZWEITER DIENER.

Allons, das Maul ihm zugespundt!


Sie umringen alle den Regimentsdichter und binden und knebeln ihn.


FREIMUND.

Der Gedanke – und sein Wort – ist – frei –

WÄCHTER.

Da zieht's noch immer nebenbei,

Den Propfen fester zugeschnürt![60]

ERSTER DIENER.

So, der wär' glücklich quiesziert,

Da setz dich ruhig auf die Banken

Und zerplatz meinetwegen vor Gedanken.

COLOMBINE vom Baume.

Herrje! seht doch und laß't das Raufen,

Da ist ein Schornstein fortgelaufen,

Sie setzen ihm nach in vielen Wagen,

Hie, das ist einmal ein lustig Jagen!

WÄCHTER in die Ferne hinaussehend.

Ein Irrlicht, Feuermann, Hirngespinste

Das sind so metaphysische Dünste.

ERSTER DIENER.

Nein, das ist so eine Art von Drachen,

Es speit ja Feuer aus dem Rachen.

ZWEITER DIENER.

Und wie's ihm gollert im Leibe,

Ja sehe jeder, wo er bleibe!

DRITTER DIENER.

Jetzt hat sich's bis zur Stadt gewunden,

Ich wünscht', ich wär' von hier verschwunden!


Der Wächter tutet Feuerlärm, flüchtiges Landvolk stürzt plötzlich herein.


EINIGE.

Zu Hilfe, Brand!

ANDRE.

Sie haben den Satan vorgespannt!

ANDRE.

Nichts als Sengen und Morden!

STIMMEN draußen.

Weh! die Lokomotive ist toll geworden!

ERSTER DIENER.

Nein, das ist doch impertinent,

Jetzt kommt's grad auf die Stadtmauer losgerennt!


Ungeheures Krachen, darauf steigt eine Staubwolke auf. Als sie sich teilt, erblickt man die umgeworfene Lokomotive und zertrümmerte Waggons, der König, Ralf, Kunz, Nicolai, Biester und die blaue Monatsschrift treten hastig hervor.


KÖNIG.

Nein, ich danke für solche Lebensart,

Das war ja eine Teufelsfahrt!

RALF.

Ha, welcher Effekt in diesem Knall,

Das nenn' ich mir einen Überfall!

KÖNIG.

Und die Stadtmauer umzurennen

Die Nachwelt wird Barbar mich nennen.


Trommelwirbel. Soldaten marschieren auf. Der General tritt vor.[61]


GENERAL.

Hier scheint die Anarchie zu wohnen,

Platz da, sonst setzt es Kontusionen!

Die bewaffnete Macht tut Gehör verlangen:

Der Fürst ist neulich verloren gegangen,

Die hohen Behörden sind sehr erschrocken,

Die Regierungsmaschine kommt ganz ins Stocken,

Da sandte das hochfürstliche Geschwister

Mich aus, ihn aufzusuchen – das ist er!

ALLE.

Was? wie? wo? welcher denn? der, der, der, der?

GENERAL.

Freilich. – Gebt Achtung, präsentiert das Gewehr!

RALF für sich.

Ich dacht' allein hier zu regieren,

Nun fängt mich's an zu ennuyieren.

KUNZ ebenso.

Der Ralf hätt' gern uns all' geknecht't,

Etsch, etsch! jetzt sitzt er, das geschieht ihm recht.

WILLIBALD leise.

So war nur Schnee die üpp'ge Blüte?

Ich nehm's ironisch denn als Mythe.

MATHILDE. für sich.

Da soll mich doch Gott davor behüten,

Alle ihre Konstitutionen auszubrüten.

Will endlich auch unter die Haube kommen.

RALF vor den König tretend.

Wir hatten uns längst schon vorgenommen –

MATHILDE.

Aber konnten vor dem Rumpeln nicht zu Worte kommen –

KUNZ.

Es riß der Taten Strom uns fort –

WILLIBALD.

Auch wollten wir das Incognito nicht brechen –

RALF.

Ja, Sire, wir erkannten Sie gleich

Und führten Sie jubelnd in Ihr Reich!

KÖNIG.

Der Dampf ist ein Allerwelt-Haus worden;

Ich ernenn' Euch zu Rittern des Hans-Dampfen-Orden.

FREIMUND.

Hm, hm –

KUNZ.

Der Freimund!

FREIMUND.

Hum, hum, hum.

KÖNIG.

Er sei Hofdemagog.

RALF.

Er ist ja stumm.[62]

KÖNIG.

Nun eben drum.


Zu Mathilde.


Und Ihr sollt den reichen Paphnutius heiraten.

MATHILDE macht einen Knix.

Ringrazio, o Duka- Duka- Dukaten!

NICOLAI.

Aus dieser retrograden Umnachtung

Laß't, Hochselige, mit Verachtung

Den Rücken uns wenden jenem Schwarm.


Zur blauen Monatsschrift.


Reichen Sie, Zarte, mir den Arm.

Hier schleichen Jesuiten verkappt auf den Zeh'n –

Wir wollen anderwärts spuken gehn.


Mit Biester, Nothanker etc. ab.

Narr kommt eilig, Paphnutius hinter ihm drein.


PAPHNUTIUS.

Der König macht ganz besondre Kapriolen,

Ich kann ihn schlechterdings nicht einholen.

GENERAL.

Verpustet, wir haben ihn schon gefunden.

KÖNIG.

Solch' Treu' ist Balsam für die Wunden,

Die uns die kalten Kronen drücken.

PAPHNUTIUS.

Ich glaube gar – o welch Entzücken!

NARR plötzlich stutzend.

Der König und die Garde? – Das ist doch die Bühne?

Der Platz, der Kirschbaum – da ist Colombine!


Er rennt vergnügt zu dem Kirschbaum, rüttelt und singt.


Es schüttelt der Wind

Vor Freuden die Äste,

Bunt Vöglein geschwind

Zu Neste, zu Neste!


Colombine gleitet vom Baume ihm in den Arm, er küßt sie.


COLOMBINE ihm mit dem Pantoffel eins versetzend.

Aber sei doch nicht so dumm,

Es sieht's ja das ganze Publikum!

NARR tut mit Colombinen einen Fußfall.

So schrei' auch ich allhier zum Throne:

Ha, dem Verdienste seine Krone!

Paphnutius da, bei dem ich wohne,

In patriotischer Sympathie

Für deine veredelten Menschheits-Gedanken,

Gab er mir die Muhme aus Philosophie!

Ich litt's erst nicht und wollte danken,[63]

Ich sagt' ihm, ich war' nur ein Genie,

Das seine Sach' auf nichts gestellt,

'S half alles nichts – er verachtet Geld,

Rang, Gut und solchen Aberglauben

Und tät' ordentlich vor Aufklärung schnauben –

Ja, ein Kuppelpelz ziehmt ihm, wie mir scheint.

PAPHNUTIUS.

Nein, glaubet ihm nicht – es war nur – ich meint' –

KÖNIG.

Nicht doch, deine Bescheidenheit acht' ich sehr –

Einen Ehrenpelz mit Zymbeln her!


Diener bringen den Pelz.


Den häng' ich dir um mit höchsteignem Arm,

Knöpf dir ihn zu, so sitzst du hübsch warm.


Des Narren und Colombinens Hände zusammenfügend.


Da hab't Euch und mehret Euch jedes Jahr,

Daß die Narren im Reich' nicht werden rar.

Musik, zu Ehren dem jungen Paar!


Musik. Narr erwischt den Paphnutius, der General reicht der Colombine den Arm; allgemeiner Tanz; während des Tanzes singen.


COLOMBINE.

Was Königskerzen und Kaiserkronen!

Will mit Kasperl unter Lavendel wohnen.

PAPHNUTIUS.

Ich muß vor Wut entsetzlich springen,

Daß der Pelz fliegt und die Zymbeln klingen!

NARR.

Mein hochverehrtes Pu-

Nun wirst du sicher fra-

Und nimmer doch erra-

Wen wir gemeint im Bu-

Es gibt zu viele Na-

Und klingen ihre Sche-

So meint wohlweislich je-

Es sei des andern Ka-

Derweil geht durch die Ko-

Der Ernst incognito.

Ich bin ganz außer A-

Und muß auch gleich heira-

Drum wünsch' ich wohl zu schla-

Quelle:
Achim von Arnim: Das Loch. Berlin 1968, S. 58-64.
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