Dritter Auftritt.

[7] Madame Welldorf. Luise.


LUISE schleicht aus dem Seitenzimmer gegen die Thüre, und erblickt ihre Mutter. Sieh, da sind Sie ja, liebe Mutter. So eben[7] wollt' ich hinaus, Sie zu suchen. – Näher kommend und sie ansehend. Sie haben geweint?

MADAME WELLDORF mit erzwungener Ruhe. Wenn man allein ist, mein Kind; – das Herz – –

LUISE. Freilich wird's da eher voll, und tritt über. Einsamkeit führt zum Nachdenken, und das taugt nicht für uns. – Doch für itzt seyn Sie nur wieder recht heiter! Ich bringe gar gute Nachricht. – Mein Vater ist diesen Morgen in einen Schlaf gefallen, wie er ihn seit Wochen nicht mehr gehabt hat; in einen so erquickenden Schlaf! Ich bemerke keine Bänglichkeit mehr, kein schreckhaftes Zusammenfahren, keinen ungleichen Odem, nichts von dem, was der Arzt immer so ungerne hörte. – Indem sie gegen das Fenster geht. Ich weiss nicht, ob ich mich irre; aber – –[8]

MADAME WELLDORF. Was hast du?

LUISE. Es ist nicht mehr frühe, däucht mir. Er könnte da seyn.

MADAME WELLDORF. Der Arzt? Bist du ungeduldig nach ihm?

LUISE. Das wohl nicht; aber ich mögte den doch sein Urtheil hören. – Gestern machte er mir ganz bange mit seiner Zurückhaltung; er war so trocken, einsylbig, finster: heute, denk' ich, soll er schon wieder offner werden, soll uns schon eine freundliche Miene gönnen. Denn anders als Gutes wird er uns doch nicht sagen können. Nicht wahr?

MADAME WELLDORF kaum sich zwingend. Gütiger Gott!

LUISE. Ich meine nur: weil er doch auf Schlaf immer die beste Hoffnung baut; weil er ihn die Arzenei der Natur nennt, wovon er mehr Wirkung als von jeder andern, erwartet.[9]

MADAME WELLDORF. Er hat Recht, denk' ich, sehr Recht; aber darum – –

LUISE. Nun?

MADAME WELLDORF. Und wenn auch von dieser Seite schon Alles besser stände, unendlich besser; – sind wir darum geborgen? sind der Zufälle, die unsre ganze Aussicht wieder verfinstern können, nicht noch so viele, so viele möglich? – Ihre Hand ergreifend. Ich beschwöre dich: lerne ruhiger seyn! Lerne auch bei dem besten Anscheine das Schlimmste fürchten! – Du weisst, wir sind in dem Fall, dass wir's müssen.

LUISE niedergeschlagen. Sonst sorgt' ich Ihnen immer zu viel – war Ihnen zu traurig –

MADAME WELLDORF gerührt. Luise! –

LUISE. Und nun ich einst einen Augenblick froh bin; nun wollen Sie mir auch mein Bestes, mein Einziges nehmen: die Hoffnung?[10]

MADAME WELLDORF lebhaft. Ich dir sie nehmen? – Und wieder herabgestimmt. Aber für uns leider! für uns – –

LUISE. Da sei Gott vor, dass sie für uns verloren wäre! Das war's doch nicht, was Sie meinten?

MADAME WELLDORF. Nein! Nein; aber –

LUISE nach einer Pause. Ich begreife Sie nicht. Ich sehe nur so viel, dass Sie etwas auf Ihrem Herzen haben, und etwas sehr Schweres. Warum verbergen Sie mir's? – Auf sie zu. O sagen Sie's ohne Rückhalt heraus! Das blosse Zweifeln und Umherrathen ist mir so schrecklich.

MADAME WELLDORF sich zwingend. Hab' ich denn etwas?

LUISE. Gewiss. Gewiss. – Sagen Sie mir's heraus, eh ich noch auf das Schlimmste falle. Ich will mich dann auch fassen, und will ganz ruhig bleiben;[11] ich verspreche es Ihnen – Ihr näher tretend und leiser. Es ist doch nicht etwa Nachricht gekommen?

MADAME WELLDORF. Was träumst du? – Woher?

LUISE. Aus dem Felde, mein' ich. Von meinem unglücklichen Bruder. – Dass er vielleicht bei irgend einem Vorfall – seine Gesundheit – vielleicht wohl gar – – Beide Hände auf ihrem Arm. Liebe Mutter!

MADAME WELLDORF. Nun, da sieh nur! Sieh, wie schnell wieder, wie rasch! – Müsst' ich nicht bei deiner so hinfälligen Gesundheit zittern, wenn ich dir in der That etwas zu sagen hätte?

LUISE. Also nein? Sie haben mir nichts – –

MADAME WELLDORF. Ich bin noch ganz ohne Nachricht. Ich darf ja auch meine Sorgen und meinen Kummer nicht erst[12] von Eduard holen. Denn leider! hier selbst – –

LUISE da sie inne hält. Hier selbst? –

MADAME WELLDORF. Sind wir denn schon sicher, dass du erst fragst? Ist dein Vater nicht der Erste im Rath, und so auch der Erste in der Gefahr? Kömmt die Weigerung, den Feind in seiner Forderung zu befriedigen, nicht hauptsächlich von ihm? – Das, das, mein Kind, macht mir Sorge! Denn, wenn die alle Drohung endlich erfüllt würde; wenn Befehl wegen der Geissel käme – –

LUISE schnell. Befehl? Sie über die Gränze zu schaffen? – Er wäre da?

MADAME WELLDORF zögernd. Sagt' ich denn das? – Aber wenn er käme, und man hart genug wäre, auch deinen Vater – –

LUISE. Sie machen mich zittern. Das wäre schrecklich für uns. – Nein, den[13] weiten Weg bis zur ersten feindlichen Festung – den überlebte er nicht; nimmermehr!

MADAME WELLDORF. Und wenn dann nur ein Fürsprecher da wäre! irgend ein Mann von Gewicht, der auf so einen Fall – –

LUISE. Aber der wäre doch, liebe Mutter.

MADAME WELLDORF. Wer? – wo?

LUISE. Sie fragen? Sie haben unsern Retter, unsern Wohlthäter doch nicht vergessen?

MADAME WELLDORF. von Brink? – der uns schon seit Wochen nicht mehr besucht?

LUISE. Weil er das ja nicht konnte; weil der Dienst ihn von hier rief. – Indess wollt' er doch wiederkommen, und seiner Rechnung nach könnt' er schon da seyn. Was ihn auch nur abhalten[14] mag! – Nach mehrern Augenblicken. Sollten wir denn aber wirklich etwas zu Fürchten haben? Sollte man grausam genug seyn können, meinen Vater vom Todbett zu reissen? – Ich kann das nimmermehr danken. Sein Elend ist viel zu sichtbar an ihm. Menschen werden ihn uns lassen, wenn nur Gott ihm uns lässt.

MADAME WELLDORF. Wären sie – wären sie Menschen!

LUISE. O, sie sind's. In der That. – Schon unser rechtschaffner Hauptmann –

MADAME WELLDORF. Der Eine! –

LUISE. Mit wie viel Grossmuth nahm er sich unser an! Wie willig war er auf meine ersten Bitten, uns zu helfen, uns beim Obersten zu vertreten! – Liess et nicht Thränen fallen, da wir ihm dankten? War er nicht so innig bewegt? –[15] Und darum denk' ich; wenn noch die weinen, von denen wir unser Unglück fürchten, da dürfen wir aufhören zu weinen. Nicht wahr? Indem die Mutter erschrocken in den Hintergrund tritt. Aber Was ist Ihnen?

MADAME WELLDORF. Hörtest du etwas?

LUISE einen Augenblick lauschend. Nichts. Keinen Laut. – Doch wenn Sie's für sichrer halten – – Ab.


Quelle:
J[ohann] J[akob] Engel: Eid und Pflicht. Berlin 1803, S. 7-16.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis ist eine freigelassene Sklavin, die von den Attentatsplänen auf Kaiser Nero wusste. Sie wird gefasst und soll unter der Folter die Namen der Täter nennen. Sie widersteht und tötet sich selbst. Nach Agrippina das zweite Nero-Drama des Autors.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon