Dritter Auftritt.

[52] Vorige. Eduard.


LUISE ihm entgegen eilend. Eduard! – ach! da bist du ja wieder. – Was bringst du?

EDUARD die Hand in die Luft werfend. Das! Hab' ich nur vorkommen können? Alle Mühe, die ich mir gab – – Den Hut ziehend und dann zurücktretend. Aber wen seh ich dort? – Ha!

VON BRINK zur Mutter, die mit einem Kopfneigen antwortet. Ihr Sohn, Madam? – Sie sprachen mir öfter von ihm. Welche Scene wird er hier sehen! – – Auf ihn zugehend. Welldorf! Mein Freund!

EDUARD mit Trotz. Welldorf? – Ja, so heiss' ich. Das ist mein Name.[52]

VON BRINK beleidigt. Nun? Und das Wort, das ich hinzuthat? – – Indem er starr ihn ansieht. Aber, Gott! welche Ähnlichkeit! Ich erstaune.

EDUARD indem er die Hand der Mutter ergreift und mit ihr vortritt. Meine Mutter! Ein einziger Wort, meine Mutter! – Ich fand hier Wagen und Wache haltend; und hätte die Er, eben Er –? – Ha! wer sonst? Ich bin sinnlos.

VON BRINK langsam auf ihn zugehend. Welldorf – Nein, ich zweifle nicht länger. Du bist's! – Und dann mit Feuer. Freund! Retter! – Ah, ich hätte Alles nur für den Namen gegeben; und find' ich jetzt auch den, der ihn trägt? find' ich beide in gleichem Augenblicke? – – Aber, Grausamer, dass du dich mir verbargst! und so lange! Warum? – Bekannt mussten meine Nachforschungen dir doch werden, da sie so öffentlich, da sie so wiederhohlt geschahen.[53]

MADAME WELLDORF. Was heisst dies? – Ich bin außer mir. – Darf ich wissen –?

VON BRINK. Ah Madam! – Dieser Ihr Sohn –

LUISE. Sie hätten ihn schon gekannt? Schon vordem?

VON BRINK. Nie. Nie. Aber auch ohne dass ich ihn kannte, ward ich ihm Alles, meine Erhaltung, mein Leben schuldig.

MADAME WELLDORF UND LUISE zugleich. Sie ihm? – Ihr Leben?

VON BRINK. Er hob mich, nach einem unglücklichen Gefecht, von der Wahlstatt, und trug mich auf seinen Schultern ins Lager. Ich hatte schon aller Hoffnung entsagt. Ich war vor Schmerz und vor Blutverlust schon halb ohnmächtig, und der Untergang der Sonne war nahe. Ich sah der letzten, schrecklichsten meiner Nächte entgegen. – Ihm folgend, indem er wild umhergeht. Welldorf![54]

LUISE. Mein Bruder –

MADAME WELLDORF. Mein Sohn –

VON BRINK. Fasse dich! Höre mich, Freund!

EDUARD. Sie hören? Mein Verderben und meine Verzweiflung hören? – Die Hand gegen die Seitenthüre streckend. Dort, dorthin ruft Sie Ihr Dienst. Dort hinein geht Ihr Weg. – – Gott im Himmel!

VON BRINK ernst, aber mit Güte. Unglücklicher! welchen Ton nimmst du an? Gegen wen? – Gegen den besten, redlichsten Freund deines Vaters! – Wenn du nun mir es verdanken müsstest, ihn noch sehen, noch umarmen zu können? Wenn eben ich es gewesen wäre, der ihn dem Tode im Gefängniss entrissen?

EDUARD erstaunt nach ihm umblickend. Sie? – Sie?

VON BRINK. Frage die Deinigen! Lass sie reden![55]

LUISE. Wer denn sonst? Sie allein –

MADAME WELLDORF. Ihre Güte nur – Ihre Grossmuth –

VON BRINK sie hindernd. Genug! – Aber für keinen Preis auf Erden mögt' ich anders an ihm gehandelt haben. – Ich will mehr; ich will mein Äusserstes für ihn thun. Ich sehe die Wege nicht durch, die zum Ziel führen werden; aber entschlossen vordringen, das bahnt oft Wege. – Fordre! Rathe mir, was ich thun soll!

EDUARD zweifelmüthig. Sie? – Was Sie thun sollen? – Sie könnten –? –

VON BRINK. Fordre, sag 'ich! – Weiss man selbst, was man kann?

EDUARD immer wärmer. Sie könnten wider Pflicht – wider Befehl – Könnten ihm seine Freiheit erhalten? sein Leben retten?

VON BRINK nach augenblicklichem Nachdenken.[56] Und wenn ichs könnte? wenn die Mittel dazu sich finden müssten?

EDUARD mit beiden Händen seinen Arm ergreifend, aber sogleich wieder zurückziehend. O darin – – Grosser Gott! und konnt' ich so wahnsinnig seyn? Konnt' ich, eh' ich noch fragte und hörte, den Wohlthäter, den besten Freund meines Vaters – – Die Faust vor der Stirne. Aber so bin ich einmal! So haben mich meine Schicksale gemacht!

VON BRINK. Lass das! Kein Wort darüber!

EDUARD. Und wenn Sie erst Alles, Alles wüssten! das ganze Schreckliche meiner Lage, meines Verhältnisses – – o Gott!

VON BRINK. Welches Verhältnisses? Mit wem? – Da er schweigt und mit tiefem Schmerz gegen die Seitenthüre sieht. Rede! Fasse Vertrauen zu mir! – Meinst du dein Verhältniss mit deinem Vater?[57]

EDUARD. Mit ihm. Mit ihm.

VON BRINK. Nun? – Und so wehmüthig auf ein mal?

EDUARD. Ah! wenn ich hier fühllos bliebe! – Ich selbst, ich Elender – durch die Wildheiten und Ausschweisungen meiner Jugendjahre – ich hab' ihn auf dieses Krankenlager geworfen; hab' ihm mehr als sein Vermögen, auch seine Gesundheit gekostet; hab' ihn zu diesem hülflosen, frühzeitigen Greise gemacht; der beim Einbruch des Unglücks schon keine Heiterkeit, keine Kraft mehr hatte. Das Elend des Kriegs allein hätt' ihn so nicht niedergedrückt. – Urtheilen Sie jetzt; urtheilen Sie von meiner Sehnsucht nach seiner Rettung; von der ganzen Unermesslichkeit der Wohlthat, wenn noch Sie mir ihn hier erhielten; wenn ich durch Sie ihm den Rest von Leben nur noch auf Monate, auf Wochen verlängern[58] könnte! – Gott, die Aussicht darauf – – Und wenn dann auch mir das traurigste aller Schicksale bestimmt wäre: als Krüppel von fremdem Erbarmen zu leben; – Mit zitternden Lippen. ich wär's zufrieden!

VON BRINK. Welldorf! – Bei der Ehre des rechtschaffnen Mannes! – wenn ich noch Möglichkeit dazu sehe – –

EDUARD betroffen. Wie? – Wie?

VON BRINK. Wenn ich nur irgend eine Spur, einen Schatten davon erblicke – –

EDUARD. Von Möglichkeit? Werfen Sie so mich zurück? – Erst war's schon sicher, und nun – – Ah wenn Sie's lässig betrieben! wenn Sie nicht aus vollen Kräften Ihr Letztes, Ihr Äusserstes thäten!

VON BRINK. Will ich denn nicht? Hab' ich's dir nicht geschworen?

EDUARD. Ich für Sie habe Alles, Alles dahingegeben: Freiheit, Glück, Ruhe des Herzens; vielleicht auf ewig![59]

VON BRINK. Für mich? – Nimmermehr!

EDUARD nach mehrern misstrauischen Blicken. Wer nur Herz fassen dürste – –

VON BRINK dringend. Zu reden? – Du musst nun, du musst nun reden. Wenn du nicht mir kosten willst, was ich dir soll gekostet haben: meine Zufriedenheit, meine Ruhe – –

EDUARD. Nun dann! Mag's doch wirken, wie's will! – Mit ihm vortretend und leiser. Ich, der Sohn dieser Eltern, dieses rechtschaffnen, verfolgten, bis aufs Leben gemisshandelten Vaters – – Indem er mit stiller Wuth auf sich hinsieht. Wer bin ich? wer hab' ich werden müssen? – und wie! wie!

VON BRINK mit Beschämung. Schon genug! Ich errathe. –

EDUARD. Wenn man mich, in der Hitze des Gefechts, zu Boden gestossen,[60] vernichtet hätte; – gut! es wäre Schicksal des Krieges gewesen; ich war Feind und in Waffen: – aber mich gelangen zu nehmen! mich in einen verpesteten Winkel zu werfen, und bis zum Meineid zu martern! –

VON BRINK betreten. Schon genug, sag' ich! Genug!

EDUARD ihn nicht hörend. Mich wider Vaterland, Gott und Natur, wider Alles, was Menschen heilig ist, zu empören! – Auf das Herz deutend. mich hier, hier im Innersten elend zu machen!

VON BRINK. Wen trifft das aber? Du sprachst von mir; und habe denn ich –

EDUARD wie vorher. Mich so heillos, – durch so verräthrische Mittel – durch Entziehung aller Nothwendigkeiten – –

VON BRINK ungeduldig. So rede! Deine Wuth kann gerecht seyn; aber habe denn ich – –[61]

EDUARD. O Gott, wer sagt das? Nicht der Gedanke kam mir in's Herz. – Nein, gefangen und gemisshandell haben mich Andre, ganz Andre; Sie nicht: aber gehalten haben Sie mich, gehalten!

VON BRINK. Ich? –

EDUARD. An jenem Abende auf dem Schlachtfeld. – Ich hätte mich losreissen können; ich sah den Weg ans meinem Elende offen; die ganze Wahlstatt war frei: – aber diese Ihre zitternde, flehende Hand; das Rührende Ihres Tons, Ihrer Blicke; mehr noch das Zutrauen, womit Sie mir den Willen zu helfen in allen Mienen ansahen: – ich war hin! war verloren! Es war, als ob mir eine höhere Summe riefe: Hilf ihm! Er soll dir einst wieder helfen. – Ich hob Sie auf; ich schleppte mir die Schultern wund an der Last, und ging zurück in mein Sclavenleben: und nun – bei dieser[62] äussersten dringenden Noth meines, Vaters; – was sollen nun Sie an mir thun?

VON BRINK. Das fragst du? – Mit Feuer seine Hand ergreifend. Gehen und dir ihn retten. Bei Gott!

EDUARD. Aber wie? wie?

VON BRINK. Wie es sei! Durch sanfte oder dirch rauhe Mittel. – Sieh, ich weiss Dinge von diesem Obersten; Dinge, Welldorf! – er darf sie nicht laut werden lassen, oder er wagt seine Freiheit und seine Ehre. – Und wenn gleich meine Zeugen dahin seyn können; wenn ich gleich Alles dabei aufs Spiel setze – – Doch nein! nein! Die Gefahr würde nicht bloss mich treffen; auch Euch. Erst die sichrern, dann die gewagtern Mittel. – Zu Madame Welldorf. Freundinn! Unser ganzes Verhältniss ist jetzt verändert; jede Bedenklichkeit fällt hinweg. Thun Sie, was Sie mir vorschlugen, und thun Sie's[63] mit Wärme, mit Eifer! Ich geh indess und will Aufschub bewirken. Den soll und den muss er mir zugestehen, oder ich rede mit ihm in einem andern Tone. Ich bin gespannt, bin gefasst. – – Mit Innigkeit. Leb wohl, Welldorf! leb wohl! So voll auch mein Herz für dich ist; – der bessre Dank ist Erwiedrung. Ich eile. Ab.


Quelle:
J[ohann] J[akob] Engel: Eid und Pflicht. Berlin 1803, S. 52-64.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon