Neunter Auftritt.

[128] Von Brink. Madame Welldorf.


VON BRINK im Hereintreten sich umsehend. Wo ist er denn nun? – Ich treibe von Strasse zu Strasse, von Hause zu Hause; und wenn er auch hier nicht ist – hier bei Ihnen – –

MADAME WELLDORF. Wer? Wer?

VON BRINK. Der Oberst. – Ich such' ihn auf der Wache, bei seinen Bekannten, in seiner Wohnung – wo ich nun immer denke, dass ich ihn treffe; und nirgend – –

MADAME WELLDORF. Sie suchen ihn? suchen ihn jetzt; da es aus ist? – Ihn, wie vorher den Arzt, ergreifend und hinführend. Hier! Sehn Sie hier Ihre Hülfe! Sehn Sie hier, wie Sie Ihr Wort erfüllten! – Da! da[128] der Vater! Er ist dahin. – Vor Schrecken über den Sohn stürzt' er nieder; Angstvoll umhergehend. – und dieser – dieser – der Sohn –

VON BRINK. Ich bin ausser mir. – Ha! was ist dies? Was soll ich muthmassen?

MADAME WELLDORF wie vorher. Gott! – Gott! –

VON BRINK ungeduldig. Madame – Was dies ist? Was ich muthmassen soll? Wartend. Werden Sie reden?

MADAME WELLDORF. Mein Sohn – –

VON BRINK da sie athemlos einhält. Ihr Sohn? –

MADAME WELLDORF. Ist fort – in die Wache geschleppt. Der einzige Augenblick, den Sie säumten – den Sie zu spät kamen – wird ihm das Leben kosten.

VON BRINK zurücktretend. Das Leben kosten?[129]

MADAME WELLDORF. O nur nach! Nach, oder – –

VON BRINK. Das Leben kosten? – Warum das? Was wäre gesehehn? Was hätt' er gethan? – Nicht ohne Heftigkeit. Nur erst Licht, dass ich einen Entschluss fasse! Soll ich denn ewig fragen?

MADAME WELLDORF. Ah! der Unmensch, der uns hier martert – –

VON BRINK. Der Oberst?

MADAME WELLDORF. Er selbst! Er selbst!

VON BRINK. Nun? –

MADAME WELLDORF. Er riss den Vater vom Bette. Der Sohn blieb seiner Sinne nicht mächtig, und fiel ihn an. Er hätt' ihn niedergestossen, wenn nicht noch ich – nicht sein hinstürzender Vater – –

VON BRINK. Ich knirsche. – So hätte der Niederträchtige sich erkühnt – Die Uhr herausreissend und nach der Stunde sehend. Er hätte, wider Ehre und Wort – –[130]

MADAME WELLDORF. Er hat ihn wegschleppen lassen; hat's ihm geschworen, ihn zu verderben. – Fort, wenn Sie Möglichkeit sollen, dass Sie reiten! – Nur Sie waren Ursach; Sie allein klag' ich an. Sie haben ihn auf Ihrer Seele, weil Sie ihm Hoffnung gaben; denn hätt' er nicht Hoffnung gehabt – –

VON BRINK den Hut in die Augen drückend, und in sich. Also das – das war dein Plan? Du hast mich in Furcht jagen wollen; und hast mir gezeigt wie ich dir beikomme. Das allein war die Kunst. – Aus Sache des Königs hast du deine eigene gemacht. Wir werden dann fertig werden. – Durch kömmst du mir damit nicht; nein bei Gott nicht!

MADAME WELLDORF. Sie gehen? – Sie haben noch Hoffnung übrig? – Sie wollen –?

VON BRINK. Fort will ich. Fort. –[131] Mich Ihrem Sohne nachstürzen, Madame; und Eins von beiden: ihn retten, oder mit ihm versinken. Ab. Madame Welldorf ins Seitenzimmer.


Ende des vierten Aufzugs.


Quelle:
J[ohann] J[akob] Engel: Eid und Pflicht. Berlin 1803, S. 128-132.
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