Das Vorspiel

[131] Im herzoglichen Palais zu Mitau. Hinterbühne um drei Stufen erhöht.

Eingänge rechts und links. In der Mitte ein breites Fenster, durch das man eine verschneite Parklandschaft sieht.

Vorderbühne mit Möbeln im Stile Louis XIV. Tischchen und Sitzmöbel. – Eingang links vorn. – Farben hellbraun und silbern. – Die ganze Bühne ist mit Rosen übersät – überall stehen höhere und niedere Rosensträucher, die rote und rosenfarbene Blüten tragen. – Wintervormittag.

Johann Biron, ein Mensch von etwa dreißig Jahren, hoch und kräftig, mit unruhigen, bald servilen, bald anmaßenden Gesten und flinken, lauernden Augen, ein Emporkömmling, der jetzt noch geschmeidig lächelt, um später brutal seinen bösen Trieben zu frönen, ein Lakai mit der Gestalt und den Anlagen eines Gewaltherrschers, der jetzt noch das Gewand des ersten Kammerdieners trägt, kommt schnell und lautlos von links vorn, sieht sich mit einem raschen Gewohnheitsblick nach allen Seiten um und winkt hinter sich.

Fürst Kurakin, ein großer, massiger Kavalier von vierzig bis fünfzig Jahren, dem der Alkohol bereits

Zeichen beginnenden Verfalls aufprägte, folgt ihm nach. – Er trägt das Kostüm eines französischen Schauspielers, eine Verkleidung, in der er sich nicht recht heimisch fühlt. Jeden Augenblick kommt denn auch in seiner Art, zu sprechen und sich zu geben, der russische Gewaltkerl durch, der mit der Peitsche in der Hand zu verhandeln gewohnt ist.


KURAKIN. Ich werde es Ihnen nie vergessen, daß Sie mich hieher führten – – Sieht die Rosen; lachend. Hehe! Wo sind wir denn da –? Tappt nach einer Rose.

BIRON. Geben Sie acht, Monsieur! Wenn Sie einer den Hals brechen, kann das auch Ihrem Hals passieren!

KURAKIN. Hehe! Sollte das so gefährlich sein –?

BIRON. Sehr gefährlich! Sie ahnen nicht, was ich gewagt habe, Sie überhaupt hier einzulassen. Näher. Noch einmal, Monsieur: Sie haben nichts von Politik im Sinn?

KURAKIN der ihm am liebsten eine Ohrfeige geben möchte. Wa –?! Faßt sich. Ich sagte Ihnen doch schon alles. Aber nun möchte ich des weiteren Ihre Zeit nicht stehlen. Ich glaube, daß ich die Herzogin nun selbst für meine Sache gewinnen kann.

BIRON trocken. Das glaube ich nicht.

KURAKIN. He –?

BIRON. Ich glaube nicht, daß die Fürstin im gegen wärtigen Augenblick für das französische Theater zu begeistern ist.[131]

KURAKIN. Man sagt mir aber, gerade hier am Hofe zu Mitau hätten jederzeit die Musen das erste Wort.

BIRON lauernd. Wer sagte Ihnen das?

KURAKIN glatt. Es ging davon die Rede in den Künstlergarderoben zu Versailles.

BIRON wie oben. Zu Versailles –? Ist's möglich –? Kleine Pause. Es kann sein, daß die Musen einmal hier das erste Wort hatten – solange andere Götter nicht mit lauter Stimme sprachen.

KURAKIN. Ich weiß nicht Bescheid in Eurem Himmel – was für Götter, möchten das wohl sein?

BIRON seufzt. Ein anderer!! Nur einer.

KURAKIN. Doch nicht gar der Kriegsgott?

BIRON. Ich wollt', er wär es!

KURAKIN tastend. Ein feinerer –? Ein zarterer Gott? Biron schweigt. Ein Göttchen – mit Flügeln – he –? Mit Pfeil und Silberbogen –? He –?

BIRON plötzlich. Hab ich ein Wort gesagt –?!

KURAKIN lächelt. Nein, mein Freundchen. Kein Wort! Kein Wort. Gewiß nicht. Sie haben das Geheimnis der Herzogin Anna nicht verraten.

BIRON platzt heraus. Weil es kein Geheimnis gibt! Weil jedermann sehen muß, wie dieser ganze Hof schon seit Wochen und Monaten in rosenrotem Lichte schimmert! Die ganze Welt wird einfach vor die Tür gesperrt und mitten im Winter muß ein Rosengarten blühen – denn die Herzogin liebt! Setzt den Kriegsgott wie die Musen auf Ruhesold und lebt überhaupt nur noch in französischen Romanen – –

KURAKIN. Nun also –

BIRON. – nicht in Tragödien! In Romanen, sagte ich. Und zwar auch nur dann, wenn sie durch die Stimme des Fürsten Galizyn lebendig werden!

KURAKIN. Romane –? Fürst Galizyn?

BIRON. Machen Sie sich keine Hoffnung, Herr! Hier kommen Sie nicht auf, und wären Sie der selige Monsieur Molière selbst mit allen seinen Komödien. – Durchbrechend. Hier gilt nur dieser Schmeichler, dieser Süßholzraspler! Nur er! Nur seine Stimme! Ich glaube, er könnte ebenso gut eine Litanei beten oder von eins bis tausend zählen, die Herzogin würde es gar nicht bemerken und am Ende ganz begeistert »Bravo!« rufen.

KURAKIN lächelt. Nun – nun – vielleicht doch nicht – –

WOLINSKI in Hoftracht, das bewegliche, kluge, hinterhältige Gesicht immer mit diplomatischem Lächeln maskiert, ein Mann von etwa 45 Jahren, von vollendetem Auftreten, undurchdringlich,[132] nie außer Form, aber auch nie frei. Man sieht es ihm an, daß er Palastgemächer so gut wie Gefängnisse kennt, mit dem Zaren an einem Tisch gesessen, aber auch schon unter seiner Knute geblutet hat. Er ist mehr Opfer als Herr seines maßlosen Machttriebes, was er in seltenen Augenblicken schaudernd fühlt. – Er tritt von der Galerie links auf und bemerkt die beiden Anwesenden. Ein Lächeln legt sich über sein glattes Gesicht. Er wendet sich an Biron. Ah – hier ist Er ja –

BIRON verschreckt abwehrend. Exzellenz –

WOLINSKI. Keine Angst. Ich weiß schon. Ich wollte Ihm nur sagen – – doch Er ist hier nicht allein.

BIRON auf Kurakin weisend. Ein Mime vom Hof Seiner französischen Majestät. Monsieur – de – daß ich den Namen nicht behalten kann – –

KURAKIN verneigt sich vor Wolinski. Der bescheidene Name de Caille wird Eurer Exzellenz nicht viel sagen.

WOLINSKI kommt näher. Doch, den Namen hört ich schon. Man spricht von Ihnen, Monsieur, am Hofe von Moskau. Sie haben die Absicht, vor der Herzogin von Kurland aufzutreten? Ist Madame de Mappier mit von Ihrer Truppe –?

KURAKIN leicht verwirrt. In der Tat. Exzellenz verblüffen mich –

WOLINSKI lächelt, dann plötzlich zu Biron. Seh' Er doch nach, ob die Luft noch rein ist. Ich möchte Ihrer Hoheit nicht unvorbereitet in den Weg treten – –

BIRON mit Verbeugung ab Galerie rechts.

WOLINSKI nimmt Kurakin am Arm und führt ihn rasch nach links vorn, indem er Biron vorsichtig nachblickt; dann schnell und gedämpft. Wie war Dein Weg?

KURAKIN. Ich sah keinen.

WOLINSKI. Wir sind ihnen zuvorgekommen. Sieht ihn an. Doch lass' dich betrachten! Wahrhaftig! Niemand würde in diesem Komödiantenrock den tapferen Fürsten Kurakin vermuten! Er kleidet dich vortrefflich. – Ich reiste als jüdischer Kaufmann bis vor die Tore von Mitau. – Wie weit bist du?

KURAKIN. Auf dem besten Weg zur Herzogin.

WOLINSKI deutet nach rechts. Durch den da?

KURAKIN. Durch keinen anderen.

WOLINSKI. Nimm dich in acht! Die Delgerucki haben hinter jeder Tür einen stehen.

KURAKIN. Der denkt nicht an sie – nicht an uns – an nichts denkt er. – Er hat einen wehen Punkt im Herzen. Drückt man darauf, so geht sein Mund wie eine Plappermühle. Nun kenne ich die Bande, mit denen Anna Iwanowna gefesselt ist.

WOLINSKI. Also doch![133]

KURAKIN. Diesmal hast du aber falsch geraten, Väterchen. Nicht Sachsen, nicht Preußen, weder König noch Kurfürst, nichts von Politik! – Liebesbande machen sie für alles taub und blind!

WOLINSKI lacht kurz. Ich sehe: Ich bin kein Frauenkenner. Nur immer eines und immer dasselbe. – Und wer?

KURAKIN. Gleich ihrer zwei.

WOLINSKI. Der Kämmerling da – und –?

KURAKIN. Und ein junger Kammerherr, der Romane vorliest.

WOLINSKI. Ein richtiges Schäferidyll also!

KURAKIN. Ein Idyll? – Eine Eifersuchtsaffaire! Merkst du, was das für uns bedeutet? Brennende Sinne – blinde Wächter! – Ich glaube, es hätte unserer Vorsicht gar nicht bedurft! Warum treten wir nicht vor die Herzogin hin und sagen ihr: Wir bringen dir den Willen des heiligen Rußland. Es bittet dich, seine Zarin zu sein! – Und dann mag sie uns sagen, was sie denkt.

WOLINSKI lächelt. Ein Land will nie – und eine Herzogin denkt nicht. – Das Denken und das Wollen Gedämpft und scharf. ist an uns – und wer nicht wollen kann, der wird gewollt! Wir haben einen Vorsprung, den müssen wir nützen. Wer weiß, wie schnell uns die Gegner folgen?!

KURAKIN widerstrebend. Du magst recht haben – – Aber trotzdem: Ich ging lieber geradeaus.

WOLINSKI. Gerad'aus siegt nur Meister oder Kind. Bei Frauen aber greift auch Gott zur List. Sie haben einen Hohlspiegel im Kopf und sehen Krummes gerade und Gerades schief.

KURAKIN. An dergleichen habe ich nie gedacht. Ich wollte nur, die Spiegelfechterei wäre schon zu Ende.

WOLINSKI. Du wirst nicht lange warten müssen. Die Ereignisse treiben uns. Peter ist tot.

KURAKIN mit Schreck. Der Zar –? Tot –?!

WOLINSKI. Er lag im Sterben, als ich abreiste.

KURAKIN. Gott nehme sich in Gnaden seiner Seele an.

WOLINSKI. Ich hoffe, Gott hat bessere Dinge zu tun. Diesen Lasterbuben wird er wohl dem Teufel abtreten müssen.

KURAKIN ernst, den Hut abnehmend. Es war der Zar –.

WOLINSKI. Ein schnapstrinkender Bengel war er, der mit seinen vierzehn Jahren im Laster erstickte: Der richtige Sohn einer Bauerndirne und – –

KURAKIN drohend. – des großen Zaren Peter!

WOLINSKI. Auch in meinen Adern kreist das Heldenblut der Narischkyus und Romanows – –!

KURAKIN schroff. Und –? Was weiter –!?

WOLINSKI schweigt betroffen.[134]

KURAKIN heftig. Was weiter? Heraus damit!!

WOLINSKI. Still. Keinen Lärm!

KURAKIN ganz nahe, sehr eindringlich. Ich diene mit jedem Atemzug dem Thron des großen Zaren Peter, der nun der Herzogin Anna gebührt. – Deshalb kam ich her. Um sonst nichts!

WOLINSKI peinlich berührt. Was du gleich kollerst, alter Bär! Du kennst mich doch. Du weißt: Mein jähes Blut reißt mich oft in einen Wirbel von Bildern. Welcher ehrliche Mann in Rußland dächte heute anders als wir beide? Pause, da Kurakin verdüstert schweigt, sieht er ihn von der Seite an und ist im folgenden bemüht, den Eindruck der Szene zu verwischen. Sagtest du Liebesbande? – Eifersucht –? Ich will mir das merken, darauf läßt sich bauen. – Wer ist der zweite?

KURAKIN. Ein Fürst Galizyn –

WOLINSKI überrascht. Ein Galizyn? – Laß sehen – Nach kurzem Nachdenken. Jung –?

KURAKIN. Offenbar noch jung.

WOLINSKI. Das könnte nur einer der Söhne des Marschalls sein. Etwa – Anatol – – Freilich Anatol Galizyn – deine Mission bekommt eine Aufgabe mehr: Wir müssen den jungen Charmeur zunächst auf gutem Wege fortzubringen suchen. Also halte die Augen offen! Sollte er widerstreben, dann ist er der erste, der – – Geste: weg muß. Doch, du wirst ja sehen.

KURAKIN fest, etwas abweisend. Ich werde diesen Weg zu Ende gehen, weil ich ihn begonnen habe. Du sollst nicht klagen dürfen.

WOLINSKI. Nun, nun, noch immer grämlich? Daß dich ein schnelles Wort so schrecken konnte! Verzeih' mir! Hält ihm die Hand hin.

KURAKIN nimmt die Hand. Ich bin Soldat Vergeben mag ein Priester. Hätt' ich dir etwas zu verzeihen – so tät ich's nicht.

WOLINSKI sieht zuerst in die gerade und regungslos auf ihn gerichteten Blicke Kurakins, versucht zu lächeln, erschrickt vor der steinernen Ruhe des andern, wendet sich, ohne die Hand loszulassen, wie unter einem Zwang ab und sagt bettelnd und gequält. Bleib du mir –! Bleib du mir –!

BIRON kommt von der Galerie rechts.

WOLINSKI sofort gefaßt, lächelnd wie früher. Was ist –? Zu Kurakin. Pardon, Monsieur! Wendet sich Biron zu.

BIRON vertraulich. Ich sah die Herzogin – – sie wandte sich hieher.

WOLINSKI. Ich danke Ihm. Melde Er mich später, wenn ich Ihm ein Zeichen gebe –. Zu Kurakin. Sie bleiben, Monsieur?

KURAKIN. Ich gedachte, mein Anliegen selbst vorzubringen, doch sollten Exzellenz früher – – – Geste: Bitte![135]

WOLINSKI lächelnd. Die Kunst voran – besonders bei den Damen. Die Staatsgeschäfte kommen immer noch zu früh. Neigt sich. Monsieur Caille, ich hätte gerne mich weiter mit einem so vortrefflichen Manne unterhalten – –

KURAKIN sich neigend. Exzellenz –!

WOLINSKI ab in die Galerie links.

KURAKIN nach kurzer Pause. Die Fürstin ist allein –?

BIRON. Ach Herr, – Allein –? So wie Sie schon seit Monaten »allein« ist. Deutet nach rechts. Da – sehen Sie –!

KURAKIN. Das ist – Fürst Galizyn –?

BIRON. Ich wollt', er wär es nicht.

KURAKIN lächelt. Du bist noch sehr jung, mein Freundchen.

BIRON. Ich möchte ein Greis sein, daß mein Blut langsamer ginge!


Von der Galerie rechts kommen, ganz langsam promenierend, die Herzogin Anna Iwanowna und Fürst Anatol Galizyn. – Sie ist eine Frau von etwa 25 Jahren, in ihren Bewegungen etwas lässig, im Tonfall der Sprache gewöhnlich ein wenig verschleiert, wie vom Mitschwingen enttäuschter Lebensbereitschaft. Manchmal aber kann alle Weichheit plötzlich verschwinden und dann ahnt man etwas von gefährlicher Leidenschaft in ihr. – Ihr Aussehen entspricht dieser Mischung. Das

Gesicht ist mehr sinnlich als schön, die Jochbögen stark betont und die kleinen, schwarzen Augen von leise mongolischem Schnitt. Auch hat die Haut einen leicht gelblichen Grundton. – Die Herzogin ist in einfacher Tracht und trägt keine Perücke, sondern ihr eigenes tiefschwarzes Haar.

Fürst Anatol Galizyn ist ein ganz junger Kavalier von etwas über zwanzig, ohne mehr, als seiner Jugend entspricht, scheinen zu wollen. Er ist sich seiner Kräfte in keiner Weise bewußt und trägt seine auffallende Schönheit und natürliche Anmut wie ein Kleid, dessen Wirkung er nicht kennt. Manchmal hat er eine zuckende Kopfbewegung, wie etwa ein rassiges Pferd, das in die Stränge beißt, und seine lebhaften blauen Augen sehen über alles hinweg. Er spricht, ohne zu überlegen. Im ganzen ein schönes Tier, das gegenwärtig noch nichts ist als jung, und von dem man noch nicht vorhersagen kann, ob die Bestie oder der Mann in Zukunft herrschen wird. – Er trägt Hoftracht und braune gebundene Perücke. In einer Hand hat er ein kleines Buch, das er zugeklappt hat, wobei ein Finger als Lesezeichen eingeklemmt ist.

Die beiden sehen die zwei Herren, die links vorne stehen, zunächst nicht und bleiben eben ein wenig stehen.


ANNA. Wie war das mit der Rose –?

ANATOL. Er meint hier: Niemals welkt die Rose, welche Liebe pflückte. Nur wer die Blumen achtlos bricht, raubt ihre Seele.

ANNA lacht. Haha – was für drollige Gedanken!

ANATOL. Es ist mir unbegreiflich, wie ein Mann dergleichen ersinnen mag.

ANNA. Es war wohl ein Liebender –

ANATOL. Ein verliebter Gärtner – aber kein Mann![136]

ANNA. Ein Dichter vielleicht – oder ein Narr – –

ANATOL. Aber kein Mann – kein Mann!

ANNA äfft ihm nach. Kein Mann – kein Mann! – Weshalb nicht? Als ob Männer nie dichteten, liebten oder sonst wie närrisch wären –!

ANATOL. Mag sein. Aber dann sollen sie's für sich behalten.

ANNA. Du hast noch nie etwas gedichtet – He –?

ANATOL lachend. Nein – wirklich nicht!

ANNA. Vielleicht bist du der größte Narr.

BIRON der eifersüchtig dem Getändel folgte, seufzt hier wie ein unterdrücktes Raubtier plötzlich auf. Ah!

ANNA bemerkt die beiden, die sich tief verneigen. Ah –? Unwillig. Was stöhnt da schon wieder? Ich will nicht, daß man hier herumschleicht und Ah! und Oh! seufzt!

BIRON. Hoheit – – Monsieur de Caille. –

ANNA sieht Kurakin aufmerksam an. Was ist das für ein Monsieur? Kommt näher. Ach ja – Sein Mime –?

BIRON. Wie ich sagte: Monsieur de Caille.

ANNA zu Anatol. Da hast du gleich einen, den du nicht verstehst. – Zu Kurakin. Er ist ein Künstler – wie?

KURAKIN. – der um die Gnade eines Augenblickes bittet – um die Gunst eines Wortes – –

ANNA. Aus Versailles – wie ich hörte –?

KURAKIN. Vom Hofe Seiner Majestät des Königs von Frankreich, ja.

ANATOL lebhaft. Vom Sonnenhofe – wirklich?

KURAKIN. Wenn Durchlaucht ihn so kennen –

ANATOL. Ach, kennen –? Leider nicht! Auf ihn zu. Doch Sie müssen mir erzählen, Monsieur, viel erzählen! Sie haben doch starke Worte und helle Bilder – ja? Ich habe Hunger nach jedem Atemzug der Welt da draußen! Oh, sagen Sie – sagen Sie mir, was ich hier höchstens träumen oder in süßlichen Dichterbüchern lesen kann –!

ANNA nimmt ihm das Buch aus der Hand, zu Kurakin. Schreibt man bei euch diese drolligen Geschichten von den liebenden Damen und Gärtnern – und dem andern Gesindl – –?

KURAKIN. Ich weiß nicht, was Hoheit meinen könnten – –

ANNA. Ihr müßt sonderbare Menschen sein da drüben, daß ihr alles in Büchern erzählt, was ihr treibt und denkt. Warum tut ihr so etwas?

KURAKIN. Um andern zur Lust zu dienen.

ANNA. Mit Büchern? Was für eine Dummheit!

KURAKIN. – oder zu helfen – –

ANNA. Wer schwatzt, hilft nicht. – Dichten Sie am Ende auch solche Affairen?

KURAKIN. Ich nicht, Hoheit. Ich habe es nie versucht.[137]

ANNA. Was treiben Sie dann für Künste?

KURAKIN. Ich führe mit meiner Truppe Tragödien vor.

ANNA. Warum spielt ihr das? –

KURAKIN. Indem wir spielen, leben wir ein größeres Dasein.

ANNA. Ihr tauscht also fremdes Leben um das eigene ein. Ist euch das eigene so gering?

KURAKIN. Wir tauschen nicht – wir erweitern das eigene bloß durch fremdes. Denn zuletzt ist Spiel und Leben von gleicher Seele.

ANNA. Leben bleibt Leben – und Spiel ist Spiel. Wer eines ganz hat, braucht das andere nicht.

ANATOL. Doch, Herzogin! Das Spiel der großen Kräfte macht uns selber groß und reißt die Tat aus unseren Gliedern!

ANNA. Was du Tat nennst, ist Unruhe. Weiter nichts.

ANATOL. Ja – Unruhe! Ziehende Unrast – –!

ANNA. Dir steigen die Lügenbücher zu Kopf!

ANATOL. Die hasse ich! Aber die große Welt, die hinter ihnen steht –

KURAKIN. Ich finde hier einen unverhofften Fürsprecher –

ANNA heftig. Nichts finden Sie! Hält ihm eine Rose hin. Da – sehen Sie das?

KURAKIN. Eine Rose – wohl –

ANNA. Eine blühende Rose – ja. Wer hat sie blühen gemacht?

KURAKIN. Wer? – Die Priester sagen: Gott. Die Philosophen meinen: Die Natur. Man kann auch behaupten, sie blüht von selbst.

ANNA. Nun also! Gott, Natur, von selbst – das ist alles eins. Einen Komödianten brauchte sie ganz sicher nicht, um aufzublühen. Sie ist erfüllt, sie lebt, sie duftet – und mit allen eueren Dichterbüchern und Tragödien könnt ihr sie nicht schöner und reicher machen, ihr nichts von ihrem Duft nehmen oder dazugeben. – Was erfüllt ist, braucht kein Gleichnis. Nur die Sehnsucht ruft nach Bildern.

ANATOL. Die Sehnsucht – – ja, die Sehnsucht! Die Welt – die wunderbare – die tausendfältig verborgene – immer neu erlebte. –

ANNA. Schweig – du! Es abenteuert in dir! Der Teufel hält dir einen Zerrspiegel vor und lacht über deine Narrheit!

ANATOL. Das Leben selbst –

ANNA zornig. Leben –? Was willst du? Nur, was du in der Hand hältst, ist dein Leben! Das andere lügt und blendet. Ich will davon nichts hören! Zu Kurakin. Vielleicht, Monsieur, kommt eine Stunde, da man Ihrer Kunst bedarf. Wer kann das wissen – –? Jetzt ist sie noch nicht da. – Doch eines ist sicher: Wenn sie kommt, so ist mein Spiel im Sinken. Und niemand weiß, wann er auf seinen Grund gelangt. Man soll es vielleicht lieber nicht versuchen. – Für jeden Fall aber: Ehrlich Feind! Sie oder ich![138]

KURAKIN überrascht. So war es nicht gemeint – das habe ich nicht wollen –

ANNA. Die Dinge fragen nach unserem Wollen nicht. Sie werden.


Die Herzogin nickt; Kurakin und Biron ab links vorne.

Anna – Anatol.

Es tritt eine Stille ein. Anatol ist die Stufen hinaufgegangen und sieht in den Garten hinaus. – Anna sieht erst nach ihm hin, geht dann gegen links und streift mit der Hand über die Rosen.


ANNA. Wie süß die Rosen atmen.

ANATOL. Ja.

ANNA. Sie sind schon im Verblühen; deshalb duften sie so schwer.

ANATOL noch immer ohne hinzusehen; gepreßt. Mir liegt der warme, müde Hauch erdrückend auf der Brust. Mit heftiger Geste. Ach wer ihn löste! – Plötzlich näher kommend. Weshalb nur sandtest du ihn fort?

ANNA. Den Mimen?

ANATOL. Den Fremden – ja.

ANNA. Was soll der alte Narr in unseren Rosen?

ANATOL. Alt? Wer ist alt? Wer ist jung? Ich könnte sein Sohn sein – und doch ist er jünger – ach, um so viel jünger als ich! – In diesem alten Manne lebt die Tat – das Abenteuer – fernes Land und kühn erfaßter Augenblick! Wer weiß, wie oft in seinem Leben er Sieger werden durfte?

ANNA. Du nicht –? Mein Kakadu –

ANATOL. Nein, ich nicht! Höchstens im Pfänderspiel!

ANNA. Du hast nicht gut geschlafen, mein junges Walroß. – Näher. Du! Mach' keine solchen Augen! Was ist das? He? – Nimmt ihn an den Ohren. Wirst du gleich lachen! Nachäffend. Bääääh! So siehst du aus! Genau so! Du gefällst mir gar nicht!

ANATOL. Laß los – laß mich!

ANNA. Nein! Niederknien! Zieht ihn an den Ohren nieder. So! Schön niederknien, mein Hündchen! Und jetzt schön bitten –!

ANATOL reißt sich los und springt auf. Ich mag nicht! Ich will nicht mehr! Ich bin kein Hündchen – kein Kakadu – nichts will ich sein –!

ANNA erbost, mit gefährlichem Unterton. Was weißt du, was du bist!? Du bist das, wozu ich dich mache, sonst nichts –!

ANATOL. Ich will draußen im Wilden wachsen – im harten Wind!

ANNA. Der Sturm zerbricht die Bäume.

ANATOL. Er macht sie fester!

ANNA. Alle?

ANATOL. Alle, die was taugen. Um die andern ist's nicht schade –

ANNA kalt. Und woher willst du wissen, zu welchen du gehörst?[139]

ANATOL sieht sie sprachlos an; Pause.

ANNA weich. Ich habe dir nicht weh tun wollen Nimmt seinen Kopf in beide Hände; mütterlich. Was ist in dich gefahren, mein Antja? Hast du bös geträumt? Von Fernen, die du nicht kennst –? Leicht seufzend. Wer weiß, wie sie sind –

ANATOL. Das eben treibt mich, läßt mir keine Ruh', das Unbekannte – dieses Feindliche – das zum Bekennen reißt und zum Bezwingen! Hier les' ich Bücher – bin in deiner Hand ein Liebesspielzeug –

ANNA. Hab' ich dich gekränkt, daß du mir die heitere Stunde verdirbst mit spitzen Worten?

ANATOL. Soll ich sie verschweigen?

ANNA. Du magst sie denken – aber sprechen nicht.

ANATOL. Ich muß es sagen. Siehst du nicht, daß ich wie ein verleg'ner Knabe dich umschleiche, der nach Gefallen lächelt, glatte Worte im Munde hat, doch allem fremd ist, was er sieht und sagt. Daß eine andere Welt, – ach nur die Ahnung, – nur der Traum von ihr, – mich fester hält als diese ganze, taube, feindselig schöne Wirklichkeit.

ANNA nachfühlend. Feindselig –? Und schön –? Und taub – Wie lange ist es schon, daß du so – lügst –?

ANATOL hart. Ich weiß nicht Tag und Stunde. Es fing nie an – und war doch immer da – und wuchs mit mir.

ANNA. Und dieser alte Mann hat dir mit seinen eit'len Schwätzerworten so viel gebracht –?

ANATOL. Nicht der und jener und nicht er. – Es war ein Wort, das fernher rief, ein Wink vielleicht – –

ANNA fern. So hab auch ich gedacht, als einst die Welt von draußen zu mir sprach durch einen, der mein Gatte wurde.

ANATOL. Wie –?

ANNA. Ich hab auch das ferne Irgendwann zum Gott des nahen Jetzt gemacht durch ihn.

ANATOL. Du sprichst von ihm so selten –

ANNA. Nur zwei Tage – du weißt – ward meine Ehe alt. Dann starb der Prinz.

ANATOL. Es war ein Unglück.

ANNA ruhig. Nein, ein Mord.

ANATOL sieht sie überrascht an.

ANNA wie oben. Ich phantasiere nicht. Wer kann es auch erweisen, ob der schwere Hochzeitsrausch nicht Zufall war? Der Herzog starb daran – und Kurland war des Zaren.

ANATOL. Es war dein.

ANNA. – und ich des Zaren – wenn's dir so gefällt. – Näher. Ich habs gesehen, Antja, wie die Welt, die große, wunderbare, grinsen[140] kann mit feindlich kalten Augen, daß man's nie vergißt. – Im Qualm – bei umgeworf'nen Tischen – im Branntweindunst, da wälzte sich der Zar – der große Zar – mit seinen Kavalieren! Und als der eine nur noch röchelte und zuletzt auch nicht zu gröhlen mehr vermochte, da packten sie ihn an mit »Johoho!« – und warfen ihn langlängs auf sein Gesicht in eine Lache Schnaps. – »Ein süßer Tod!!«, schrie Peter noch – und alle andern lachten und ließen ihn, so wie er lag. Pause. Ich war die Gattin dieses Toten – – Da lernt' ich schaudern – und ich lernte weinen – und lernte sehen – und zuletzt auch lächeln, wenn wieder dann und wann der kleine Gott der Herzensnöte, einer Staatskarosse vorausgeschickt, an meinem Hof erschien –. Ich hört' ihn freundlich an – und dankte freundlich und wartete. – Näher. Weißt du, wie warten ist? Auf einen Tag, der kommen muß und doch von Jahr zu Jahr nicht kommt? – Hast du erfahren, wie welke Blätter grausam flüstern können, wie Blüten sprechen, wenn man einsam geht –? Du kennst die Stimmen nicht, die zwischen Traum und Wachen uns beschleichen, wenn wir müde und wehrlos sind, und die uns alles, dran wir unsern Glauben hängen, so verhöhnen, daß uns der Schmerz darum die Kehle preßt und alles, alles hassen läßt, was glaubt und wartet. –

ANATOL. Herzogin! In mir auch glaubt und wartet es auf einen Tag, der kommt!

ANNA stark. Mir kam der Tag! und kam so groß und licht und überfiel mich, daß in mir nur Staunen und Klingen war. Ich war nur Widerhall und nur Geschehen. Weder Tat noch Wollen, nur stetes Horchen, frohes Innewerden, ein zitterndes, ein glückliches, fragendes: Bist du es denn – bist du es, die der Hauch der übervollen Stunde traf? – Des Nachts – ich weiß es nicht, warum ich's tat – des Nachts ging ich ins Rosenhaus, wenn alles schlief, und stand dort in den Blüten. Weiter nichts. Ich streifte kaum zuweilen drüber hin aus Angst, ich könnte von dem stillen, starken, geheimnisvollen Leben etwas stören. – Doch ich verstand dies Leben – o, wie tief verstand ich es – und alles, was erblühte und offen war. –

ANATOL. Dann bist du glücklich – –!

ANNA mit verhaltenem Jubel. Ja –! Weher. Ich war es – – Härter. Und ich will es wieder sein und bleiben. – Aufschreiend. Wer es mir zu zerstören wagt, der seh' sich vor! – Erwachend. War alles denn ein Traum? Sind das nicht Rosen? Unser Garten? Du und ich? – Wer hat von Fernen hier gelogen? Wer hat den Frieden hier gestört? Ich will es nicht –! Ich – –

BIRON eilig von der Galerie links. Hoheit –[141]

ANNA zornig. Rief man dich?!

BIRON. Zu Gnaden, Hoheit! Exzellenz Wolinski –!

WOLINSKI tritt hastig ein und stößt dabei an eine Rosenstaude.

ANNA. Brecht meine Rosen nicht –!

WOLINSKI neigt sich. Vergebung, Hoheit, wenn das Ereignis mich zum ungestümen Zerstörer macht. Doch hoff' ich mein Willkommen noch zu verdienen.

ANNA. Es müßt viel sein, was Sie bringen.

WOLINSKI. Es ist nicht wenig.

ANNA. Muß es heute sein –?

WOLINSKI. In dieser Stunde, Hoheit.

ANNA macht eine unwillige Geste.

WOLINSKI. O, ich weiß: Ich lade Haß auf mich, weil ich hier eindrang. Aber mag es sein. Ich hab schon viel Haß auf mich genommen, ich hab's gelernt, mich selber zu vergessen, wenn es das Wohl des Reiches gilt.

ANNA. Des Reiches –! Ja. So fängt es immer an, wenn irgendeine Mörderei in Aussicht steht – im Kleinen oder Großen. – Ich hasse diese kalten Worte, die edel tun und niedrig sind.

WOLINSKI. In tiefer Sorge ließ ich den Hof. Des jungen Zaren Leben verglüht im Fieber. Jede Stunde kann die Todesbotschaft bringen.

ANNA förmlich. Ich will um des Zaren Leben beten und opfern lassen. Meldet es den Priestern.

WOLINSKI. Gott wird sie hören. Aber wenn sein Rat beschlossen, den Zaren uns zu nehmen, mag Gebet und Messe fruchtlos sein.

ANNA. Gott ist euch auch nicht sicher – wie?

WOLINSKI. An uns ist jedenfalls die Pflicht, der nächsten Stunden bereit und wach zu warten. – Tun wir es nicht, so wachen andere und nehmen uns die Mühe.

ANNA. Was heißt das, was Sie da mit Worten verdecken – He?

WOLINSKI glatt. Daß der große Rat in Moskau zur Erwägung kam, im Falle des Todes Seiner Majestät des Zaren des Reiches Krone Eurer Hoheit – –

BIRON plötzlich. Hoch die Zarin Anna –!

ANNA lacht plötzlich hell auf. Hahaha! Noch lebt der Zar – und ihr hausiert bereits mit seiner Krone! Das ist ein gefährlicher Faschingsscherz! –

WOLINSKI. Hoheit – kein Scherz – –

ANNA. Doch – ja – ich freue mich daran – – Laßt mir die Freude!

WOLINSKI. Ihre Freude traut sich selber nicht – ich warte.

ANNA sieht ihn an, kleine Pause. Ich werde mich wehren – gegen Sie – und gegen jeden von euch.

WOLINSKI kalt. Sie werden mich rufen lassen, Hoheit.[142]

ANNA. Meinen Sie –?

WOLINSKI fest. Gewiß.

ANNA. Wir wollen sehen. Winkt und nickt leicht.

WOLINSKI UND BIRON ab Galerie links.

ANNA. Ach! Was für ein lächerlicher, böser Affe!

ANATOL. Herzogin – es war vielleicht nicht gut – –

ANNA. Bring mir die Rosen wieder in Ordnung, die der Schwätzer niedertrat. Er sieht nach. Ist eine abgerissen?

ANATOL. Nein.

ANNA. Sein falscher Kopf ist weniger wert als eine dieser Blüten.

ANATOL kommt näher. Dennoch, – du hättest nicht so schnell –

ANNA überhört absichtlich. Und jetzt lies die Geschichte weiter, die wir viel zu lang schon unterbrochen – – doch zuvor – Läutet.

BIRON kommt von der Galerie links, neigt sich tief.

ANNA. Noch tiefer –! So! Bis auf die Nase! Vielleicht legst du dich auf den Bauch und wedelst mit den Beinen, wie ein Tatar! Hundeseele! Aber ein echter Hund ist ein besserer Diener als du!

BIRON. Ach – Hoheit –

ANNA. Ach – und Oh! Und nichts als Gestöhn und Kummerblicke! Was verdrehst du deine Augen? Ich glaube, du hast große Dummheiten im Kopf. Man sollte dich ein wenig peitschen lassen, mein Hündchen! Hart. Ich muß einen Diener haben, der für mein Wort sterben kann – keinen schmachtenden Schwätzer!

BIRON in plötzlicher Ekstase. Herrin! Ich will für dich sterben! Jede Stunde magst du die Probe haben – jeden Augenblick bin ich bereit! – O, es muß süß sein, für dich zu leiden.

ANNA sieht ihn neugierig an. Das brauche ich jetzt noch nicht. Aber es tut gut, wenn man es weiß. – Die beiden fremden Herren sind wohl beraten?

BIRON. Wie es ziemt.

ANNA lacht. Sie werden sich gut verstehen – denk' ich; ein Minister in Funktion und ein Komödienspieler! Vielleicht wird heute noch ein toller Abend. – Doch bis dahin: Kein Mensch! Sonst büßt du mir dafür!

BIRON mit Verbeugung links Galerie ab.

ANNA ihm nachsehend. Ein Mann – vielleicht – – ein Tier – wer weiß –. Plötzlich zu Anatol, der ganz in Gedanken dasteht. Was dünkt er dich?

ANATOL aufgeschreckt. Wie –? Wer –?

ANNA launig. Verschlafener Bär! Näher. Unser Buch –?

ANATOL. Hier – Sie setzen sich an den Tisch.

ANNA scheinbar ganz sachlich. Wie war es doch: Die Fürstin spazierte[143] durch den Garten – und sie sah den jungen Gärtner Rosen schneiden – nicht?

ANATOL unruhig. Du hättest doch Wolinski hören sollen.

ANNA. Und der Gärtner gab ihr seine Rosen und sagte: »Nie stirbt eine Blume, welche Liebe brach.« Da fragte sie: »Willst du mein König sein?« Sie legt den Arm um seine Schultern.

ANATOL sucht im Buche. Ach ja – hier ist es – –

ANNA schlägt ihm das Buch aus der Hand. Laß doch das dumme Buch! Er sieht sie überrascht an; sie schaut ihm lächelnd ins Gesicht. Du sollst mir sagen, wie meine Augen sind –!

ANATOL. Sie glänzen.

ANNA. So – Und meine Lippen?

ANATOL. Leuchten rot.

ANNA heiß. Wie deine. So rot wie zwei Korallenstäbe. Nüchtern. Und die Stirne?

ANATOL ausweichend. Was fragst du mich?

ANNA. Sie ist nicht schön. Ich weiß: Sie ist niedrig.

ANATOL. Sagt' ich – –?

ANNA. Ich weiß es ja: Ich bin nicht schön! Ihr alle seid weiß und hell – in mir ist dunkles Blut; das gilbt die Haut – und meine Stirn ist boshaft – – das wißt ihr ja ihr sagt es alle! Da er abwehrt. Ja!! Auch du!

ANATOL fest. Ich nicht.

ANNA. Doch hast du es gehört! Wer hat davon gesprochen?

ANATOL. Fürstin – –

ANNA trotzig. Wer? Ich will es wissen!

ANATOL. Niemand.

ANNA schreit. Lügner!! Da er zusammenzuckt, plötzlich weich. Nein! – Du nicht – – Der einzige, der nichts vom Lügen weiß. Und deshalb sollst du mir jetzt sagen, wie ich bin.

ANATOL widerstrebend. Wer einer Frau von ihren Reizen spricht, der tut nicht recht. – Vom Schönen sprechen heißt: Es unschön machen.

ANNA. Vom Schönen – –? Warum hast du nie gesagt – –?

ANATOL. Es kam die Rede nie darauf – Wie hätte ich die Kühnheit haben sollen, von selbst – –

ANNA. Ich will es – ja – ich will es so! Sie sollen dich und mich in Ruhe lassen mit den Komödien und Ränkespielen und ihre Kronen mit den kalten Steinen unter sich auswürfeln! Ich will nichts wissen von dem Feilschen und Betrügen – –


Geräusch und Rufe draußen, fern.


ANATOL reißt sich los. Hörtest du nicht rufen? Am Fenster. Ein Kurier ist eingeritten. Ich will ihn hören – –[144]

ANNA hält ihn fest. Bleib! Ich will es! Ich befehle dir zu bleiben –!

ANATOL. Du kannst dich hier nicht länger verbergen! Was sollen Rosen und Bücher, wenn alles nach dir ruft – Stimmen näher. Hörst du? Will gegen die Tür.

ANNA in höchster Erregung. Ich will nicht! Ich will nicht hören! Hält sich die Ohren zu. Ich will nicht –! Du –!

ANATOL kehrt zurück und stützt sie, die umzusinken droht. Komm zu dir – – Es ist kein Feind bei dir – niemand – –

ANNA schlingt die Arme wild um seinen Nacken. Ich will nicht! Nichts will ich sehen – nichts hören – nichts wissen –! Antja! Antja Galizyn – nur du – du – mein König mein König – –!


Stimmen ganz nahe; er macht sich los.


BIRON von links vorn herein. Hoheit – –

ANNA schnell gefaßt. Schaff Ruhe draußen! Schaff Ruhe! Ich will jetzt nichts hören – –

BIRON. Hoheit, das Schreckliche ist geschehen – –

ANNA. Ich will nichts wissen –

BIRON. Zar Peter ist tot!

ANATOL. Der Zar ist – –?


Pause.


ANNA starr. Ich empfange die Botschaft später. Melde es den Herren. – Doch zuvor was anderes: Die Wachen vor dem Schloß werden verdoppelt! Auch die Gartenpforten – alle – mit Posten versehen. Auf Hörweite an die Mauer sind Garden zu stellen – Kurländer! – Du suchst sie selbst aus und bürgst mir für jeden!

BIRON. Zu Abend –?

ANNA. Sofort. Er will ab. Noch eines: Wo ist der französische Hofnarr?

BIRON. Monsieur de Caille – der Mime?

ANNA. Wer sonst!

BIRON. Ich sah ihn drüben im Saal.

ANNA. Er soll kommen.


Biron ab nach links vorn.


ANNA nach kleiner Pause zu Anatol, der sie fragend ansieht. Du kannst von hier nicht fort, mein Hühnchen. Wie gefällt dir das?

ANATOL. Ein sonderbarer Scherz.

ANNA. Er sieht beinahe einem Ereignis ähnlich – einem Abenteuer, wie sie draußen in der schönen, großen Welt vorkommen – nicht wahr?

ANATOL. Laß es genug sein. Mir ist nicht nach Spiel zumute.

ANNA. Aber mir. Ich will spielen mit dir – spielen, wie mit einer großen Katze – mit einer großen, gefährlichen Katze – wie mit einem[145] gefangenen Vogel – –! Sei nur hübsch artig und zahm, sonst sperre ich dich noch enger ein –

BIRON UND KURAKIN kommen von links vorn.

KURAKIN verneigt sich. Hoheit ließen mich rufen –

ANNA. Nicht wahr, das wundert Sie? Sie sehen, Monsieur, schneller, als wir beide dachten, hat sich die Stunde zu Ihren Gunsten gewendet. Momentan sinnend. Vielleicht sinkt mein Spiel! – Strafft sich. Ich habe eine ganz besondere Aufgabe für Sie. Sie können gleich ein Meisterstück Ihrer Kunst liefern. Hier: Fürst Galizyn nimmt viel Anteil an Ihrer Fähigkeit und Art – Unterhalten Sie ihn – erzählen Sie ihm viel vom Hofe zu Versailles – von der großen Welt – – – Sparen Sie keine Farbe – seien Sie lockend – verführerisch – hinreißend. Er muß glühen – in allen Feuern glühen! – Nickt. Monsieur! Meine Herren! Zu Biron. Er kommt mit mir!


Anna und Biron ab nach rechts.


KURAKIN – ANATOL alles drängend schnell.

ANATOL. Ich muß vor allem um Pardon bitten, Monsieur! Ich selbst verstehe ganz und gar nicht – –

KURAKIN gedämpft, dringend. Sie müssen vor allem fort! Das ist das Erste und Letzte!

ANATOL. Wie –?

KURAKIN. Fort von hier – aus der Stadt – aus dem Lande – für immer oder wenigstens für lange Zeit!

ANATOL. Wie kommen Sie dazu, Monsieur? Erklären Sie mir –!

KURAKIN. Ein Kurier aus Moskau ist eingeritten –

ANATOL. Der Zar ist tot – ja –

KURAKIN. Und die Herzogin Anna –

ANATOL. – soll Zarin werden. Ich weiß es. Doch woher wissen Sie das alles, Monsieur?

KURAKIN. Das werden Sie bald erfahren. Für jetzt nur eines: Die Herzogin – wie soll ich es nur schnell sagen – – Es darf ihr kein Mann mehr sein als ein Lakai – –

ANATOL. Wie –?

KURAKIN. Sie muß allein nach Moskau kommen – – ohne Anhang – ohne Band – – Es ist der Beschluß des großen Rates. – Ein dringlich. Und deshalb rette dich! Rette deine Freiheit – dein Leben! Wolinski hat unbegrenzte Vollmacht. Du bist der einzige Grund für das Sträuben der Herzogin. – Du mußt fort!

ANATOL stampft auf. Was heißt das? Wer muß? Was kümmert mich eure Schachpartie!?

KURAKIN. Sei vernünftig, Freundchen! Was ist ein Weib? Gib den[146] kindischen Trotz auf! Ich weiß es ja – ich hab es gesehen, wie es dich in die Ferne reißt – –

ANATOL. Was kümmert Sie das? Es soll mich keiner aushorchen und belauschen! Das leide ich nicht! Ich will meinen Weg allein gehen – ohne euch – ohne sie – ohne jeden –!

WOLINSKI rasch von links, Galerie. Was bedeutet das? Schloß und Garten werden mit Wachen umstellt!

KURAKIN. Nun ja – wohl die Ablösung, wie immer –

WOLINSKI. Doppelt – vierfach – Tor und Mauern sind dicht besetzt!

KURAKIN. Das ist – Sollte eine Lumperei im Spiele sein!? Wer konnte den Befehl geben?

ANATOL. Die Herzogin selbst.

KURAKIN. Woher weiß die Herzogin von unserem Plan?

ANATOL. Sie weiß nichts davon.

KURAKIN. Doch – – die Wachen –

ANATOL. Sie gelten mir – mir allein!

KURAKIN. Wie –? Ach –! Sie will dich halten?

ANATOL. Schaffen Sie mir einen Weg! Jetzt zeigen Sie Ihre Künste!

KNRAKIN. Du wolltest also?

ANATOL. Hier ist vom Können die Frage, Monsieur!

BIRON von rechts.

WOLINSKI ihm hastig entgegen. Was sollen die Wachen draußen?

BIRON tut überrascht. Wachen –? Wo –?

WOLINSKI am Fenster. Da – sehen Sie – und dort – und überall – –

BIRON ausweichend. Das ist nichts Außergewöhnliches – –

WOLINSKI sieht ihn scharf an. Die Maske ab! Es lebe die Zarin Anna!

KURAKIN UND BIRON. Es lebe die Zarin Anna!

WOLINSKI. Für uns gibt es von jetzt an nur eine Sache! Alles muß ihr dienen! Zu Anatol. Ihre Reise, Chevalier, geht westwärts. Hier die Pässe. Gibt ihm Papiere. Fürst Kurakin bringt Sie über die Grenze bis Breslau. Sie finden alles bei ihm. Für die Weiterfahrt nach Frankreich wird vorgesehen. Es wird gut sein, zunächst eine kleine Veränderung Ihres Aussehens vorzunehmen – für alle Fälle. Auch dafür ist gesorgt.

KURAKIN begütigend zu Anatol. Ich weiß dein Opfer zu schätzen, Freundchen. Nicht ich verlange es – nicht Wolinski – nicht der große Rat. Es handelt sich um das heilige Rußland – um seine Zarin!

ANATOL. Ach – keine Worte! Keine Worte! Wie wollen Sie durch die Wachen kommen? Eilt ans Fenster hinauf.

WOLINSKI. Wenn man ahnte – Sieht Biron rasch an. Sie wissen mehr!

BIRON langsam. Die Herzogin trug es mir auf – –

WOLINSKI. Weshalb plötzlich?[147]

BIRON. Das weiß der Himmel. Ich mußte die besten Leute aussuchen – die verläßlichsten –

WOLINSKI. Sie kennen alle –?

BIRON. Freilich. Ich muß für jeden bürgen.

WOLINSKI. Ist keiner darunter, der – – Geste: zahlen.

BIRON. Es sind Kurländer.

WOLINSKI. Wie ist das Losungswort?

BIRON schweigt.

WOLINSKI. Sie haben doch selbst die Leute ausgesucht – die Parole ausgegeben –

BIRON hart. Meine Herzogin hat befohlen – ich muß schweigen. –

WOLINSKI bestimmt. Die Zarin befiehlt Ihnen zu sprechen!

BIRON sieht ihn mißtrauisch an. Die Zarin –?

KURAKIN. Wer sonst? Hier befiehlt sonst niemand als die Zarin Anna!

BIRON kämpfend. Meine Herzogin band mirs auf die Seele – Es muß um Großes gehen – –

KURAKIN eindringlich. Ich weiß, worum es geht: Sie will den Galizyn festhalten.

BIRON zuckt zusammen. Wer sagt das?

KURAKIN. Er selbst. Merkst du, was in deiner Hand liegt!? Mit einem Wort kannst du seiner los werden und der Zarin dienen! Nun laß dein Herz reden, Freundchen!

WOLINSKI. Es drängt! Die Parole –?!

BIRON stark. »Morgenrot!«

KURAKIN zu Anatol. »Morgenrot!« Das soll unser Zauberwort sein! Komm, Antja Galizyn!

WOLINSKI den Davoneilenden nachrufend. Glück auf die Fahrt, Chevalier! Die Zarin lebe!


Kurakin und Anatol rasch ab nach links, Galerie!

Pause.


WOLINSKI. Für uns ist er entflohen!

BIRON. Für die Zarin Anna – ja.

WOLINSKI nach kurzer Pause; näher. Weshalb haben Sie das Losungswort preisgegeben?

BIRON. Sie sagten es doch selbst: Es ging um die Zarin.

WOLINSKI freundlich. Keine Ausflüchte. Ihnen war's nicht um die Zarin zu tun. Erst, als Sie hörten, wem die Wachen galten – –

BIRON wendet sich ab.

WOLINSKI. Nun – nun – Reicht ihm plötzlich die Hand. Es gefällt mir, daß Sie kühn sind.

BIRON etwas verwirrt. Exzellenz – –

WOLINSKI. Sei glücklich, daß du weder Fürst noch Herzog bist. Die beiden ziehen sich gegen links vorn zurück, da die Herzogin, –[148] im Trauerschleier – rechts, Galerie auftritt. Garden mit Offizieren fassen Posten. Haushofmeister und Popen im Hintergrund.

ANNA. Der russische Kurier!

BIRON öffnet links und ruft. Der Kurier aus Moskau!

EIN RUSSISCHER OFFIZIER tritt ein und salutiert, den Hut über den Kopf haltend und nach rechts schwingend.

WOLINSKI nimmt ein Schriftstück aus seiner Hand und überreicht es der Herzogin. Der Zar ist tot!


Die Herren nehmen die Hüte ab, die Priester knien nieder; Pause.


ANNA. Man soll die Edlen des Landes zur Trauerfeier laden. Die Garnison tritt morgen an. Die Priester sollen ihres Amtes walten. Spiel und Tanz sollen schweigen. In den Kirchen soll für das Seelenheil des Zaren gebetet werden. Ich will, daß man in Würde trauert. Alles Geschrei ist zu vermeiden. Ich will keine Klageweiber hören. Der Tod ist kein Kirmeßgeiger. Sorgen Sie, daß alles nach meinem Willen geschehe.


Auf ihren Wink gehen Garden, Haushofmeister und Priester nach rechts ab; Biron und der russische Kurier nach links.


WOLINSKI. – Anna.

ANNA. Ihr Scherz ist Ernst geworden, Exzellenz.

WOLINSKI. Es war vom Anbeginn kein Scherz. Der große Rat in Moskau bietet Eurer Hoheit des Reiches Krone an.

ANNA unsicher. Das sieht nach Abenteuer aus –!

WOLINSKI. Ich müßte freilich früher wissen, ob Euere Hoheit gänzlich abgeneigt – –

ANNA. Weshalb –?

WOLINSKI. Es handelt sich um ganz gewisse Punkte –

ANNA. Bedingungen?

WOLINSKI. Herrin – der Form zu dienen – – Vorbehalte etwa – Selbstverständlich ganz im Sinne von Euerer Hoheit eigenem Vorteil – Eine Urkunde vorweisend. Kurz, hier dies Schriftstück zählt sie alle auf und harrt der Unterschrift von ihrer Hand.

ANNA ohne das Blatt anzusehen, läutet die Tischglocke.

WOLINSKI sieht sie fragend an.

BIRON erscheint links.

ANNA. Der Kammerherr Fürst Galizyn!

BIRON verneigt sich, ab links.

WOLINSKI leicht beunruhigt, fortfahrend. Vor allem wichtig scheint den Räten eines – das erste: Die Zarin müßte jeder Fessel ledig sein. – Sieht sie an. In unserem Falle wohl nur eine Formel.

ANNA. Nur eine Formel – ganz gewiß. Sieht lächelnd in die Urkunde. Wie schön geschrieben – wie klug gedacht – – Wirft den Vertrag lässig auf den Boden. Schad um die Mühe.[149]

WOLINSKI will den Vertrag aufheben.

ANNA. Ach, lassen Sie doch. Wer sollte sich um so etwas bücken. Diese Spiele locken mich nicht mehr.

WOLINSKI sieht sie überrascht an. Spiele –?

ANNA. Vielleicht ist es ein Glück für euch und euren großen Rat, daß mir ein anderes Königreich in meinen Schoß gefallen ist. Sie können es den Herren dort in ihren Pelzen sagen, daß so viel Wunder hier in Kurland leben, daß die Herzogin gar keine Zeit hat, noch anderes zu denken! Daß alle Kronen, Szepter, Diamanten – und was ihr sonst noch habt, gerade gut genug ihr wären, um damit in gut gela unten Mußestunden ein bißchen Weltkomödie zu spielen!

WOLINSKI. Das werden Hoheit nicht. Es wird kein Spiel sein.

ANNA. Nicht euer Spiel – gewiß. Doch meines. Was sollt ich Ihnen mehr davon erzählen? Die Sprache kennen Sie doch nicht. Wir sind nicht Feind – nicht Freund – nur fremd. So fremd, daß wir uns nicht einmal erreichen können durch Haß und Liebe. – Ahnen Sie das nicht?

WOLINSKI gequält. O, wenn ich es nicht ahnte, wäre ich befreit –!

ANNA. Befreit –? Warm. Nun sprechen Sie zum ersten Male in meiner Sprache!

WOLINSKI faßt sich. Vergebung, Hoheit, ich vergaß.

ANNA lebhaft. Das sollen Sie! Nur wer vergißt, kann werden. Denken Sie daran, wo Sie einst waren, ehe Sie die Lüge von den großen Dingen kennen lernten. Werden Sie das wieder!

WOLINSKI wieder glatt lächelnd. Gott Vater können Sie nicht sein, Prinzessin. Drum wollen wir auch nicht vom Wunderwirken sprechen. Weist auf den Vertrag. Es bleibt auch so genug zu tun.

ANNA fast traurig. Sie haben nicht verstanden. –

WOLINSKI. Was soll ich verstehen? Lehren Sie mich glauben!

ANNA. Sie werden glauben lernen, Exzellenz, und nicht mehr zweifeln.

BIRON von links.

ANNA unruhig. Fürst Galizyn?

BIRON. Ich fand den Fürsten nicht.

ANNA. Du hast ihn nicht gefunden – wie?

BIRON. Ich suchte überall. In seinen Räumen war alles leer – die Türen offen – keine Seele – –

ANNA heftig. Du lügst!

BIRON. Sein Rock und Degen, den er heute trug, lag oben abgelegt auf einem Tisch –

ANNA schreiend. Verraten –!!

WOLINSKI rasch näher. Herzogin – –

ANNA. Hol mir den Offizier der Wache –![150]

BIRON. Ich traf ihn. Den Fürsten – sagt er – hab' er nicht gesehen. Doch sei ein Kavalier mit seinem Diener passiert –

ANNA. Das Losungswort?

BIRON. Das hatten jene gewußt.

ANNA. Ein Kavalier –? Sein Diener –? – Plötzlich. Wo ist der Alte? Der Mime aus Versailles?

BIRON. Auch er ist fort.

ANNA tonlos. Auch er – – Immer starrer. Es sinkt etwas – – es sinkt tief – – – immer tiefer sinkt es.

BIRON. Noch eines, Herrin; jener Offizier – –

ANNA aufschreiend. Er büßt mit seinem Kopf –!

BIRON. Er sprach mit ihnen – und der Alte habe ihn gefragt um Weg und Zeit nach Petersburg – –

WOLINSKI mit Betonung. Nach Petersburg? Nach Rußland? In den Arm der Zarin –?

ANNA plötzlich. Der Zarin –? Ja. – Nach Rußland, sagst Du? Wohl. Auch ich will hin. Und schneller sein als er. Zu Wolinski. Wo ist der Wisch?

WOLINSKI. Hier, Hoheit. Der Vertrag Legt ihn ihr vor.

ANNA. Feder! So – Unterschreibt. Da hast du – –!

BIRON. Hoch die Zarin!

WOLINSKI kniet nieder und küßt ihr Kleid. Mütterchen – –

ANNA steht wie erstarrt; dann sieht sie zuerst auf Wolinski herab und zuckt von seiner Berührung zurück. Du –? Nein – Du nicht! Zu Biron. Doch du –! Packt ihn an den Schultern. Komm du! Flackernd. Du schleichst mir lange schon herum, wie ein getroff'nes Wild – und seufzest viel – und siehst so hungrig aus – –! Es hungert dich, mein Täubchen! Ich errate wohl, wonach – – – du! Fang mir ihn! Dann sollst du satt sein –! Hörst du –?!

BIRON stammelnd. Herrin – Zarin – Anna!


Rascher Vorhang.
[151]

Quelle:
Bruno Ertler: Dramatische Werke. Wien 1957, S. 131-152.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon