5. Szene

[270] Faust – dann Wagner.


FAUST kommt zurück.

So, werter Freund – – – – – –


Sieht sich erstaunt um.


Wo ist er hin?

He! Wagner!


Wagner kommt.


Ging der Schüler fort?

WAGNER.

Ich sah ihn nicht.

FAUST.

Wie das?

WAGNER.

Und bin

doch immer da am rechten Ort.

FAUST.

's ist seltsam.

WAGNER.

Merkt Ihr's nicht: Es stinkt

nach Schwefel. Und er hat gehinkt,

ganz wenig zwar, doch sah ich's gut.

Auch hört' ich lachen just und dachte,

daß er mit Euch wohl Spässe machte,

obwohl es schaurig klang. Das Blut

wollt' mir beinahe drum erstarren.[270]

FAUST.

Dich hat nur deine Angst zum Narren.

Riecht ihr wo Schwefel, macht im Nu

den ganzen Teufel ihr dazu.

WAGNER.

Mögt Ihr nur übereilt nicht schelten!

FAUST.

Am Ende kann es gleich mir gelten,

ob dieser fragliche Scholar

ein Engel oder Teufel war.

Er gab mir aller Bücher Buch.

Ich blätterte noch kaum darinnen,

schon glüht es mir in allen Sinnen!

Was ich gewesen, trifft mein Fluch!

Die Stunde bringt mir neues Leben,

für dessen kleinsten Atemzug

ich alles Frühere möchte geben.

WAGNER.

O Herr! Gedenkt des großen Gottes,

der Hoffart straft mit ewigem Tod!

FAUST.

Ist er ein Gott des trägen Trottes,

zerreiß' ich heute sein Gebot!


WAGNER.

Denkt Eurer Mutter! Eures Vaters!

An Kinderglaubens sanfte Macht!

FAUST.

Ich denk' als einzigen Beraters

des Buch's und dessen, der's gebracht!

WAGNER.

So wollt Ihr Euch dem Teufel geben –?

O tut es nicht! Erhört mein Fleh'n!

FAUST.

Ich muß als Geist mit Geistern leben!

Mag alles sonst zugrunde geh'n!

WAGNER.

Dann bleibt mir nur, für Euch zu beten

als einen trugverfall'nen Mann.

FAUST.

In's Beten mag sich immer retten,

wer sich mit Kraft nicht helfen kann.

WAGNER.

Kann sein, Ihr ruft mich noch einmal:

Kurz ist die Sünde, lang die Qual.[271]

FAUST.

Wenn dir der Wahn die Zeit verkürzt,

ich will ihn dir gewiß nicht stören.

Doch wirst du nie mich beten hören

zu Göttern, die ich selbst gestürzt.

Ist dir mein Sinn so schlecht bekannt?

Mit gleichem Rechte kannst du sagen,

daß ich mit dieser meiner Hand

den eig'nen Vater sollt' erschlagen!

WAGNER.

Ich will in mein Museum flüchten,

durch Arbeit täuben meinen Schmerz

und mir von allen eitlen Süchten

bewahren ein zufrieden Herz.

Nur eine Bitte noch, o Herr:

Ihr wißt: Ich widme alle Kräfte

der Wissenschaft. Doch die Geschäfte

in Haus und Küche stocken sehr.

Hier wär' ein zweiter Diener not,

dies alles sauber zu verrichten.

Darf ich um mäßig Lohn und Brot

mir den Geeigneten verpflichten?

FAUST.

Tu', was du magst. Verlaß mich nun!

WAGNER.

Ich dank' Euch! Wünsche wohl zu ruh'n.


Mit Verbeugung ab.


Quelle:
Bruno Ertler: Dramatische Werke. Wien 1957, S. 270-272.
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